Ich habe neulich über das Internet, Sex und Redewendungen nachgedacht.
"Eine gewischt bekommen" hat früher nichts anderes gehießen, als dass von irgendwoher, meist aus der Syntetikfaser eines billigen Teppichs, ein vorwitziger Stromschlag unter die Haut fuhr.
Heute bedeutet es außerdem ein Tinderdate erwischt zu haben.
Ich finde das toll:
Alles können wir uns im Internet bestellen. Die Liebe für's Leben oder einen Kühlschrank, der technisch dazu befähigt ist, selbständig zu erkennen, wann die Mandelmilch für den ChaiLatte versiegt und vorauseilend gehorsam eine ganze Stiege ordert.
Ich stelle mir vor der Kühlschrank geht einkaufen wie Papa ante Portas:
Mein Name ist Kühlschrank. Ich kaufe hier ein.
Bald besitzen wir alle Geräte, die unser Zuhause in eine Art riesiges Gehirn oder etwas Vergleichbares verwandeln; Geräte, die die eigenen vier Wände noch schlauer machen als es unsere Telefone und eine Brockhaus-Enzyklopädie gemeinsam je seien könnten.
Die Vorstellung von Technik, die uns das letzte bisschen Eigenverantwortung abnimmt, macht uns derart an, dass wir ohne Nachzudenken Vibratoren erfinden und kaufen, deren Spitzen mit Licht und Kamera ausgestattet sind und die eine WLAN-Schnittstelle haben.
Über Sicherheitslücken machen wir uns keine Gedanken.
Dass jeder in Funkreichweite die Bilder abgreifen kann, spart uns bei strategischer Nähe zu einer gynäkologischen Praxis den Arztbesuch.
Das ist effizient und wir sind faul und haben nichts zu verbergen.
Unsere Lebensmittel wollen wir nicht eigenhändig einholen, wenn es der Kühlschrank nicht für uns tut, ordern wir vom Bett aus die nächstbeste Frischebox und liefern den Unternehmen unsere Gewohnheiten frei Datenkabel gleich mit.
Licht wird nicht mehr gedimmt, sondern von Echo-Alexa abgeschaltet.
Dass die Geräte manchmal ohne unsere Aufforderung handeln, stört uns nicht. Der Heizungsregler, der Mozart abspielt oder die Sparcherkennung in Partylaune treffen unser Komikzentrum.
Empört haben wir uns, darunter macht es der Social-Media-trainierte Mensch ja nicht mehr, als die Zwangsfotografien für Krankenkassenkarten eingeführt wurden. Gläsern haben wir und genannt und gefühlt, als biometrische Fotografien auf Personalausweise geklebt wurden, aber unsere Telefone mit einem Lächeln und dem eigenen Fingerabdruck entsperrt.
Neuerdings erlauben wir den vor uns auf dem Tisch liegenden Apparaten, unser Gesicht zu scannen. Der Sicherheit wegen.
Wir tindern und verbinden uns quer über den Globus, fragen Suchmaschinen um Rat - nur beim Stuhlgang, da sind wir eigen und ziehen die Tür hinter uns zu.
Das Handy darf mit, weil wir auf dem Lokus nicht wie die 1980er-Generation altbacken in einem Uli Stein Buch schmökern möchten lieber tacken.
Ja, ich musste googlen und fand heraus: tacken ist die unheilige Allianz zwischen texten und kacken.
Seit diesem Erkenntnisgewinn denke ich über eine Wortverbindung von "Pinkeln" und "Selfie" nach.
Während wir unser Innerstes nach Außen kehren, tatsächlich wie virtuell, belächeln wir Merkels Neulandgedanken.
Dabei und in vibrierendem Licht betrachtet genau das: Neuland.
Wenig Regeln, viel Information und noch mehr Macht - denn Wissen ist Macht.
Das Internet ist sich nicht einig, wer diesen Satz geprägt haben soll: Liebknecht oder Bacon.
Wer die Namen nicht kennt, fragt am Ende dieses Textes die Suchmaschine seines Vertrauens, denn nichts wissen macht nichts.
Zusammen ergibt das eine Kneipenweisheit, aus einer Zeit, in der Zapfhähne ausschließlich den Zweck erfüllten, Schaumkronen auf ein Hopfen-Gerste-Malz-Gemisch zu applizieren. Gott erhalt's.
Versteht mich richtig:
Ich mag das Internet. Dort verbringe ich durchschnittlich viel Zeit, überdurchschnittlich viel davon in sozialen Netzwerken oder in der bisweilen verstörenden Welt des Internets der Dinge, wo ein Buttplug (musste ich auch googlen) mit Bluetooth so normal ist wie das morgendliche Zähne putzen.
Kissen, die in pronösem Schmuserot leuchten, wenn eine stabile Internet- und Appverbindung besteht, der / die Liebste das Haupt zur Ruhe bettet, muten auf eine seltsame Art neuzeitlich romantisch an.
Aber ein Vibrator mit Licht, Kamera und WLAN? Warum? Und wie darf ich mir das Tischgespräch zwischen Wein und Käseplatte dazu vorstellen?
"Wir waren im Urlaub an der Ostsee."
"Ach, wie schön. Habt ihr denn auch Bilder mitgebracht?"
"Schlechtes Wetter, du weißt ja wie das ist. Aber bei der Übertragung der Bilder vom Vibrator auf den Laptop, stellten Wir fest, dass Marianne einen nach hinten geneigten Uterus hat."
"Nein?"
"Doch."
"Oh!"
Die Moderne in allen Ehren, aber was - abgesehen von Elefanten - war das noch, das nichts vergisst?
Ach ja, das Internet.
Ich weiß, haben ist immer besser als brauchen. Ich habe beispielsweise zwei Katzen. Deshalb brauche ich aber noch lange keinen Apparat, der die Tiere in meiner Abwesenheit unter Trockenfutter begräbt, weil die zur Steuerung der Fütterungsvorrichtung vorgesehene App Amok läuft.
Ich habe auch ein Smartphone und einen Faible für Anglizismen. Deshalb brauche ich aber keine unsichere Messenger- oder andere App, welche die mit meiner Mutter geführten Gespräche aufzeichnet.
Schließlich ist das ein Privatanschluss und keine Servicehotline.
Und wo ich schon bei "privat" bin:
Es gibt etwas, das ich nur noch eingeschränkt habe, aber unbedingt und dringend brauche. Nicht nur beim tacken. Sondern immer.
Privatsphäre nämlich.
Die Vorstellung, dass ein Konzern den Schlüssel zu meinen Phantasien, Ängsten und Träumen und meiner Wohnung hat, gruselt mich mehr als Pennywise es je können wird - und ich weiß, niemand mag Clowns.
Der DHL-Mann, der erst nie und dann zu spät kommt, betritt ausgerechnet dann die Wohnung als die Spracherkennung meiner Wahl das Badewasser wohl temperiert hat oder meine Vibratorkamera Bilder für die Nachwelt schafft?
So ein Bild sagt schließlich mehr als tausend Worte.
Klingt nach Zukunftsdystophie? Von wegen.
Das Tool heißt Amazon Key und erlaubt sehr praktisch, dass der Paketbote die Schwelle zum Privaten übertritt.
Wir verkaufen uns aus Bequemlichkeit aus. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Während wir fluchen, dass uns die Konzerne maßgeschneiderte Werbung in die Postfächer und Briefkästen spülen, ziehen wir die Paybackkarte durch den dafür vorgesehenen Schlitz, storen unserer Erinnerungen in Clouds und lassen uns bei jedem Schritt zählen, vermessen, evaluieren.
Und die Moral? Wird sich jetzt vielleicht manch einer fragen.
Es gibt keine.
Nur ein Bewusstsein. Das sollten wir haben.
Samstag, 18. November 2017
Donnerstag, 3. August 2017
Der Rahmen
"Mal mir ein Bild." sagt Marianne, gerade noch bevor der Wind den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Oswald kennt Marianne schon sein ganzes Leben. Deshalb sagt er nicht, sie wisse doch, er sei kein Maler. Sie widerspräche ihm ohnehin, dessen ist sich Oswald gewiss.
Als Marianne ihr Augenlicht verliert, sind sie noch Kinder.
Oswald flicht aus den Schilffhalmen, die sich über den schmalen Bachlauf neigen, als seien sie nicht sicher, ob sie den richtigen Platz zum wachsen erwählt hätten, einen Rahmen.
Die Form ist nicht kompliziert. Der Rahmen eines Bildes, so denkt Oswald, hat unverschnörkelt zu sein. Andernfalls lenkte er den Betrachter zu sehr vom Wesentlichen ab, dem Bild nämlich.
Oswald ist ohnehin der Ansicht, dass zu viele Ablenkungen vom Wesentlichen den Lauf der Welt bestimmen.
Während er also ein einfaches, aber keinesfalls schmuckloses Quadrat flicht, schweigt Marianne.
Marianne schweigt in regelmäßigen Abständen. Oswald ist das Schweigen gewöhnt. Obgleich er es anfangs als irritierend empfand, ist es ihm mit der Zeit angenehm geworden.
In Mariannes Schweigen ertrinken die Geräusche der Welt. Was dann übrig bleibt ist der Wind, der über die Haut streicht und den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Oswald mag die Stille. Er füllt sie mit Gedanken, die er manchmal für sich behält und manchmal bei einer passenden Gelegenheit mit Marianne teilt.
"Weißt du noch, neulich als wir am Bachlauf saßen, da hast du so schön geschwiegen und ich habe mir gedacht..." sagt er dann, während er den Käse, dessen Namen er sich nicht merken kann, aber den Marianne am liebsten ganz ohne die Zugabe von Brot isst, in eine Schale hobelt und Marianne hebt den Kopf, der ein leichtes Nicken andeutet.
Bei manchen solcher Gelegenheiten stellt sich heraus, dass Oswald versehentlich eine Geschichte erfunden oder zumindest gedacht hat. Von Fröschen, die sich ein Wettspringen über die Seerosenblätter auf einem Teich liefern. Sie heißen Fridolin und Ferdinand. Wobei Ferdinand stets den Kürzeren zieht, weil er einst knapp dem Storch entrann und ihm ob dieser glücklichen Fügung im Unglück eine Verletzung im rechten Schenkel geblieben ist, die seine Sprungweite in erheblichem Maße beeinträchtigt.
Oder von Clara und Motte, was selbstverständlich ein Spitzname ist, den sich Detlef, denn so lautet Mottes tatsächlicher Name, den ihm seine einfalts- aber nicht lieblose Mutter gegeben hat, ausgesucht hat, die sich unter den Brücken einer Großstadt herumtreiben und ihrem Leben den Anstrich des rebellischen zu geben versuchen, so lange sie jung und noch keine Bänker sind. Motte ist sich übrigens sicher, dass er seinen Spitznamen, den er deshalb als passend empfand, weil er die freie Wahl hatte und weil er den Lichtschein des Feuers an Oktobertagen so sehr liebt, dass er sich hin und wieder vorstellte, hineinzufliegen, würde abgeben müssen, machte er die Ausbildung in einem großen Bankhaus, wie sein Vater es sich für sich selbst wünschte.
Marianne stellte vor einigen Jahren die Frage, woher diese Geschichten kämen. Oswald, der keine Antwort darauf zu geben gewusst hatte und sich selbst niemals als phantasievoll bezeichnen würde, hatte mit den Schultern gezuckt. Sie seien einfach plötzlich da, wenn die Stille so unüberhörbar laut klänge.
Oswald legt den geflochtenen Rahmen auf das an wenigen Stellen durcheinander geratene Gras. Mit vorsichtigen Bewegungen richtet er die platt gedrückten Halme auf, streicht hin und her, bis die Ordnung in dem kleinen von Schilffhalmen umrandeten Raum wieder hergestellt ist.
"Siehst du", sagt er und nimmt Mariannes Hand, führt ihren Finger sachte über den Rahmen, "das sind die Grenzen eines Königreiches. Dort leben vor allem Fischer, die sich selbst keinen Herrscher gegeben haben und den Frieden untereinander für ein wertvolles Gut halten. Sie streiten nicht, sondern flicken ihre Netze im Schatten der Bäume. Viele von ihnen leben schon seit dem Tag ihrer Geburt in den kleinen Dörfern, die nicht mehr Einwohner zählen, als du Finger an beiden Händen hast."
Oswald lässt Mariannes Finger durch die Grashalme streifen. Als sie mit der Kuppe des Zeigefingers einen Löwenzahn berührt, sagt Oswald:
"Vorsicht, unter eben diesem Baum hat sich der alte Pappadello niedergelassen, um seinem Enkel das Flicken der Netze beizubringen. Pappadello fehlen die Eck- und verschiedene Backenzähne im Oberkiefer. Er findet das praktisch, denn so hält die Pfeife, trotzdem er spricht. Seinem Enkel, den er nur "Enkel" nennt, zum einen weil der Junge der einzige Enkel ist, den Pappadello hat und zum anderen, weil er sich den Namen des Jungen nicht oder überhaupt einen Namen merken kann, gefällt nicht, dass Pappadello Pfeife raucht, aber er mag den Geruch des Tabaks. Also bittet er seinen Großvater fast nie darum, aufzuhören. Wollen wir sie nicht weiter stören."
Mariannes Hand wandert behutsam das Quadrat ab.
"Einmal im Jahr treffen sie sich und begehen ein ausgelassenes Fest. Drei Tage und drei Nächte versiegt das Bier in ihren Krügen nicht und selbst den Kleinsten ist es gestattet, bis zum Morgen um die Feuer zu tanzen."
Oswald beschreibt mit Mariannes Fingern einen Kreis in der Mitte des Rahmens.
"Sie feiern in diesen drei Tagen und Nächten nicht weniger als ihre Freiheit und ihr Glück. Die Feuer halten sie warm und an langen Tischen tauschen sie Geschichten wie Neuigkeiten aus. Manches Mal kommt es sogar vor, dass sie Pläne schmieden. So sind im vergangenen Jahr die Schwestern Berta und Elvira aus dem Dorf im obersten Winkel des Königreiches auf die Idee gekommen, sie könnten umziehen. Berta ist von jeher pragmatischer Natur und setzt gemachte Pläne flugs in die Tat um. Am Abend des dritten Tages war es beschlossene Sache. Sie und Elvira würden ihr Dorf gegen ein anderes eintauschen. Da aber so ein Dorf zwei Einwohner zu viel und eines zwei zu wenig haben, wodurch das Gleichgewicht empfindlich gestört würde, entschieden sich zwei Freunde aus dem am südlichsten gelegenen Dorf, die Plätze mit den beiden Schwestern zu tauschen. Von ihren Reisen werden sie in diesem Jahr beim großen Fest berichten. Und wer weiß, vielleicht sind wir beide ja dabei, um zu erfahren wie es ihnen ergangen ist" sagt Oswald und Marianne lächelt, als der Wind den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Oswald kennt Marianne schon sein ganzes Leben. Deshalb sagt er nicht, sie wisse doch, er sei kein Maler. Sie widerspräche ihm ohnehin, dessen ist sich Oswald gewiss.
Als Marianne ihr Augenlicht verliert, sind sie noch Kinder.
Oswald flicht aus den Schilffhalmen, die sich über den schmalen Bachlauf neigen, als seien sie nicht sicher, ob sie den richtigen Platz zum wachsen erwählt hätten, einen Rahmen.
Die Form ist nicht kompliziert. Der Rahmen eines Bildes, so denkt Oswald, hat unverschnörkelt zu sein. Andernfalls lenkte er den Betrachter zu sehr vom Wesentlichen ab, dem Bild nämlich.
Oswald ist ohnehin der Ansicht, dass zu viele Ablenkungen vom Wesentlichen den Lauf der Welt bestimmen.
Während er also ein einfaches, aber keinesfalls schmuckloses Quadrat flicht, schweigt Marianne.
Marianne schweigt in regelmäßigen Abständen. Oswald ist das Schweigen gewöhnt. Obgleich er es anfangs als irritierend empfand, ist es ihm mit der Zeit angenehm geworden.
In Mariannes Schweigen ertrinken die Geräusche der Welt. Was dann übrig bleibt ist der Wind, der über die Haut streicht und den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Oswald mag die Stille. Er füllt sie mit Gedanken, die er manchmal für sich behält und manchmal bei einer passenden Gelegenheit mit Marianne teilt.
"Weißt du noch, neulich als wir am Bachlauf saßen, da hast du so schön geschwiegen und ich habe mir gedacht..." sagt er dann, während er den Käse, dessen Namen er sich nicht merken kann, aber den Marianne am liebsten ganz ohne die Zugabe von Brot isst, in eine Schale hobelt und Marianne hebt den Kopf, der ein leichtes Nicken andeutet.
Bei manchen solcher Gelegenheiten stellt sich heraus, dass Oswald versehentlich eine Geschichte erfunden oder zumindest gedacht hat. Von Fröschen, die sich ein Wettspringen über die Seerosenblätter auf einem Teich liefern. Sie heißen Fridolin und Ferdinand. Wobei Ferdinand stets den Kürzeren zieht, weil er einst knapp dem Storch entrann und ihm ob dieser glücklichen Fügung im Unglück eine Verletzung im rechten Schenkel geblieben ist, die seine Sprungweite in erheblichem Maße beeinträchtigt.
Oder von Clara und Motte, was selbstverständlich ein Spitzname ist, den sich Detlef, denn so lautet Mottes tatsächlicher Name, den ihm seine einfalts- aber nicht lieblose Mutter gegeben hat, ausgesucht hat, die sich unter den Brücken einer Großstadt herumtreiben und ihrem Leben den Anstrich des rebellischen zu geben versuchen, so lange sie jung und noch keine Bänker sind. Motte ist sich übrigens sicher, dass er seinen Spitznamen, den er deshalb als passend empfand, weil er die freie Wahl hatte und weil er den Lichtschein des Feuers an Oktobertagen so sehr liebt, dass er sich hin und wieder vorstellte, hineinzufliegen, würde abgeben müssen, machte er die Ausbildung in einem großen Bankhaus, wie sein Vater es sich für sich selbst wünschte.
Marianne stellte vor einigen Jahren die Frage, woher diese Geschichten kämen. Oswald, der keine Antwort darauf zu geben gewusst hatte und sich selbst niemals als phantasievoll bezeichnen würde, hatte mit den Schultern gezuckt. Sie seien einfach plötzlich da, wenn die Stille so unüberhörbar laut klänge.
Oswald legt den geflochtenen Rahmen auf das an wenigen Stellen durcheinander geratene Gras. Mit vorsichtigen Bewegungen richtet er die platt gedrückten Halme auf, streicht hin und her, bis die Ordnung in dem kleinen von Schilffhalmen umrandeten Raum wieder hergestellt ist.
"Siehst du", sagt er und nimmt Mariannes Hand, führt ihren Finger sachte über den Rahmen, "das sind die Grenzen eines Königreiches. Dort leben vor allem Fischer, die sich selbst keinen Herrscher gegeben haben und den Frieden untereinander für ein wertvolles Gut halten. Sie streiten nicht, sondern flicken ihre Netze im Schatten der Bäume. Viele von ihnen leben schon seit dem Tag ihrer Geburt in den kleinen Dörfern, die nicht mehr Einwohner zählen, als du Finger an beiden Händen hast."
Oswald lässt Mariannes Finger durch die Grashalme streifen. Als sie mit der Kuppe des Zeigefingers einen Löwenzahn berührt, sagt Oswald:
"Vorsicht, unter eben diesem Baum hat sich der alte Pappadello niedergelassen, um seinem Enkel das Flicken der Netze beizubringen. Pappadello fehlen die Eck- und verschiedene Backenzähne im Oberkiefer. Er findet das praktisch, denn so hält die Pfeife, trotzdem er spricht. Seinem Enkel, den er nur "Enkel" nennt, zum einen weil der Junge der einzige Enkel ist, den Pappadello hat und zum anderen, weil er sich den Namen des Jungen nicht oder überhaupt einen Namen merken kann, gefällt nicht, dass Pappadello Pfeife raucht, aber er mag den Geruch des Tabaks. Also bittet er seinen Großvater fast nie darum, aufzuhören. Wollen wir sie nicht weiter stören."
Mariannes Hand wandert behutsam das Quadrat ab.
"Einmal im Jahr treffen sie sich und begehen ein ausgelassenes Fest. Drei Tage und drei Nächte versiegt das Bier in ihren Krügen nicht und selbst den Kleinsten ist es gestattet, bis zum Morgen um die Feuer zu tanzen."
Oswald beschreibt mit Mariannes Fingern einen Kreis in der Mitte des Rahmens.
"Sie feiern in diesen drei Tagen und Nächten nicht weniger als ihre Freiheit und ihr Glück. Die Feuer halten sie warm und an langen Tischen tauschen sie Geschichten wie Neuigkeiten aus. Manches Mal kommt es sogar vor, dass sie Pläne schmieden. So sind im vergangenen Jahr die Schwestern Berta und Elvira aus dem Dorf im obersten Winkel des Königreiches auf die Idee gekommen, sie könnten umziehen. Berta ist von jeher pragmatischer Natur und setzt gemachte Pläne flugs in die Tat um. Am Abend des dritten Tages war es beschlossene Sache. Sie und Elvira würden ihr Dorf gegen ein anderes eintauschen. Da aber so ein Dorf zwei Einwohner zu viel und eines zwei zu wenig haben, wodurch das Gleichgewicht empfindlich gestört würde, entschieden sich zwei Freunde aus dem am südlichsten gelegenen Dorf, die Plätze mit den beiden Schwestern zu tauschen. Von ihren Reisen werden sie in diesem Jahr beim großen Fest berichten. Und wer weiß, vielleicht sind wir beide ja dabei, um zu erfahren wie es ihnen ergangen ist" sagt Oswald und Marianne lächelt, als der Wind den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Dienstag, 23. Mai 2017
Das Glück sitzt im Einkaufswagen
Leopold sieht aus grünen Augen auf die Welt. Ihr Farbe wechselt je nach Richtung des Windes. Heute schimmern sie in diesem Ton, welchen eingelegte Oliven annehmen.
"Da ist Pfand drauf!" sagt Leopold und schiebt den Einkaufswagen an dem behäbigen Parkplatzwächter vorbei.
Niemand hält ihn auf. Nicht einmal Anstalten machen sie.
"Das liegt daran, dass in meinem Namen das Wort "Löwe" steckt", hat Leopold Hannah einmal erklärt, als sie auf einer Wiese Gänseblümchen mit den Zehen ausreißen.
Hannahs linke Augenbraue hebt sich damals bis unter den Pony, aber Leopold wischt ihr den Zweifel aus dem Gesicht, wie er den Tau von einem Blatt streifen würde.
Der Einkaufswagen knattert über den warmen Asphalt.
"Und jetzt?" fragt Hannah. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie den ganzen Tag den Einkaufswagen durch die Straßen schieben.
"Wir gehen ins Museum." sagt Leopold und klingt dabei, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es keine andere Möglichkeit, als verstünde er die Frage nicht.
Er hat immer einen Plan. Hannah kennt ihn seit fünf Jahren; sie sollte wissen, dass er immer einen Plan hat.
Das sonore Grundrauschen der Welt sei über ihrem Kopf zusammengeschlagen und es habe ihr Lachen verschluckt, hatte Hannah vor wenigen Stunden gesagt.
Also nimmt Leopold seinen olivegrünen Blick auf die Welt, einen Euro in die linke und Hannah an die rechte Hand, um einen Einkaufswagen zu leihen. Er wird ihn zurück bringen, wenn der Tag vorüber ist.
"Steig ein." sagt er.
Hannah schüttelt ihr kurzes Haar. "Kommt ja gar nicht in die Tüte!"
Leopold ist heute nicht in der Stimmung zu verhandeln.
"Steig ein." sagt er.
Hannah verzieht das Gesicht. Sie kennt diesen Nachdruck. "In deinem Namen steckt das Wort "Löwe", ich weiß schon." murmelt sie und steigt in den Einkaufswagen.
Durch ihr Gewicht bewegt sich der Wagen weniger geräuschvoll über die Gehwege und Kreuzungen.
"Wir haben die Stille verlernt." sagt Hannah und durchsucht ihre Tasche, als erwarte sie dort Schweigen zu finden.
"Stille ist das letzte, was du jetzt brauchst."
Leopold schiebt den Wagen mit gleichmäßigen Schritten durch die Stadt, an den Sirenen und Gesprächen, den tickenden Ampeln und bellenden Hunden vorbei.
Er stört sich nicht an den Gesichtern der Menschen. Er bemerkt nicht, dass sie ihre Telefone zücken, ihn und Hannah unter die Schutzfolien der Displays bannen.
Leopold schiebt den Einkaufswagen über den warmen Asphalt und summt.
"Jetzt fang nicht auch noch an zu singen." quengelt Hannah, ohne sich umzudrehen.
"Ich summe." stellt Leopold fest, ohne sich nachhaltig stören zu lassen.
Zum Eingang des Museums führt eine imposante Treppe, die zu besonderen Gelegenheiten ein Teppich von schlichtem Grau ziert. Die Stadtväter legen Wert auf elegante Bescheidenheit.
"Wir nehmen die Rampe." sagt Leopold, um Hannahs nicht gestellte Frage zu beantworten.
"Die lassen uns doch da nie rein." Hannah fehlt es an grundsätzlichem Vertrauen.
Leopold stemmt seinen schmalen Körper gegen den Einkaufswagen. Langsam nähern sie sich dem Ende der Rampe.
"Ehrlich, du willst doch da jetzt nicht wirklich rein?!" Die Nervosität sitzt auf Hannahs Schultern und gackert.
"Doch." Mehr sagt er nicht. Stattdessen atmet er tief ein. Er nimmt Anlauf. Die Schiebetüren des Museums gleiten auseinander. Der Einkaufswagen rauscht an dem Pförtner und seinem tonlos geöffneten Mund vorbei.
Leopold schließt seine Hände fester um den Griff, als Hannah die Arme in den Sog der aufgewirbelten Museumsluft wirft.
Er steuert den Wagen um die Säulen herum, an der aufdringlichen Kunst des venzianischen Barock vorbei.
Das Lachen jagt durch Hannahs Herzkreislaufsystem.
Der Pförtner schlittert über den glatten Boden und Leopold weiß, er muss an dem Versuch scheitern, ihn am Kragen zu packen.
Hannahs Lachen füllt die Halle, als sie die letzte scharfe Kurve nehmen.
Fast fliegt der Einkaufswagen durch die auseinander gleitenden Schiebetüren, die Rampe hinunter. Der Pförtner bleibt schnaufend auf der obersten Stufe der Treppe stehen, unwillkürlich lächelt er.
"Noch mal!" schreit Hannah in den Vorabend, die Arme in die Luft gereckt, als wollte sie sich daran festhalten.
Das sonore Grundrauschen weicht, als Leopold den Einkaufswagen zurück über die Gehwege und Kreuzungen und den warmen Asphalt schiebt.
Und in seinem olivgrünen Blick auf die Welt schimmert Hannahs Gesicht glücklich.
"Da ist Pfand drauf!" sagt Leopold und schiebt den Einkaufswagen an dem behäbigen Parkplatzwächter vorbei.
Niemand hält ihn auf. Nicht einmal Anstalten machen sie.
"Das liegt daran, dass in meinem Namen das Wort "Löwe" steckt", hat Leopold Hannah einmal erklärt, als sie auf einer Wiese Gänseblümchen mit den Zehen ausreißen.
Hannahs linke Augenbraue hebt sich damals bis unter den Pony, aber Leopold wischt ihr den Zweifel aus dem Gesicht, wie er den Tau von einem Blatt streifen würde.
Der Einkaufswagen knattert über den warmen Asphalt.
"Und jetzt?" fragt Hannah. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie den ganzen Tag den Einkaufswagen durch die Straßen schieben.
"Wir gehen ins Museum." sagt Leopold und klingt dabei, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es keine andere Möglichkeit, als verstünde er die Frage nicht.
Er hat immer einen Plan. Hannah kennt ihn seit fünf Jahren; sie sollte wissen, dass er immer einen Plan hat.
Das sonore Grundrauschen der Welt sei über ihrem Kopf zusammengeschlagen und es habe ihr Lachen verschluckt, hatte Hannah vor wenigen Stunden gesagt.
Also nimmt Leopold seinen olivegrünen Blick auf die Welt, einen Euro in die linke und Hannah an die rechte Hand, um einen Einkaufswagen zu leihen. Er wird ihn zurück bringen, wenn der Tag vorüber ist.
"Steig ein." sagt er.
Hannah schüttelt ihr kurzes Haar. "Kommt ja gar nicht in die Tüte!"
Leopold ist heute nicht in der Stimmung zu verhandeln.
"Steig ein." sagt er.
Hannah verzieht das Gesicht. Sie kennt diesen Nachdruck. "In deinem Namen steckt das Wort "Löwe", ich weiß schon." murmelt sie und steigt in den Einkaufswagen.
Durch ihr Gewicht bewegt sich der Wagen weniger geräuschvoll über die Gehwege und Kreuzungen.
"Wir haben die Stille verlernt." sagt Hannah und durchsucht ihre Tasche, als erwarte sie dort Schweigen zu finden.
"Stille ist das letzte, was du jetzt brauchst."
Leopold schiebt den Wagen mit gleichmäßigen Schritten durch die Stadt, an den Sirenen und Gesprächen, den tickenden Ampeln und bellenden Hunden vorbei.
Er stört sich nicht an den Gesichtern der Menschen. Er bemerkt nicht, dass sie ihre Telefone zücken, ihn und Hannah unter die Schutzfolien der Displays bannen.
Leopold schiebt den Einkaufswagen über den warmen Asphalt und summt.
"Jetzt fang nicht auch noch an zu singen." quengelt Hannah, ohne sich umzudrehen.
"Ich summe." stellt Leopold fest, ohne sich nachhaltig stören zu lassen.
Zum Eingang des Museums führt eine imposante Treppe, die zu besonderen Gelegenheiten ein Teppich von schlichtem Grau ziert. Die Stadtväter legen Wert auf elegante Bescheidenheit.
"Wir nehmen die Rampe." sagt Leopold, um Hannahs nicht gestellte Frage zu beantworten.
"Die lassen uns doch da nie rein." Hannah fehlt es an grundsätzlichem Vertrauen.
Leopold stemmt seinen schmalen Körper gegen den Einkaufswagen. Langsam nähern sie sich dem Ende der Rampe.
"Ehrlich, du willst doch da jetzt nicht wirklich rein?!" Die Nervosität sitzt auf Hannahs Schultern und gackert.
"Doch." Mehr sagt er nicht. Stattdessen atmet er tief ein. Er nimmt Anlauf. Die Schiebetüren des Museums gleiten auseinander. Der Einkaufswagen rauscht an dem Pförtner und seinem tonlos geöffneten Mund vorbei.
Leopold schließt seine Hände fester um den Griff, als Hannah die Arme in den Sog der aufgewirbelten Museumsluft wirft.
Er steuert den Wagen um die Säulen herum, an der aufdringlichen Kunst des venzianischen Barock vorbei.
Das Lachen jagt durch Hannahs Herzkreislaufsystem.
Der Pförtner schlittert über den glatten Boden und Leopold weiß, er muss an dem Versuch scheitern, ihn am Kragen zu packen.
Hannahs Lachen füllt die Halle, als sie die letzte scharfe Kurve nehmen.
Fast fliegt der Einkaufswagen durch die auseinander gleitenden Schiebetüren, die Rampe hinunter. Der Pförtner bleibt schnaufend auf der obersten Stufe der Treppe stehen, unwillkürlich lächelt er.
"Noch mal!" schreit Hannah in den Vorabend, die Arme in die Luft gereckt, als wollte sie sich daran festhalten.
Das sonore Grundrauschen weicht, als Leopold den Einkaufswagen zurück über die Gehwege und Kreuzungen und den warmen Asphalt schiebt.
Und in seinem olivgrünen Blick auf die Welt schimmert Hannahs Gesicht glücklich.
Mittwoch, 23. November 2016
Ihr Kinderlein kommet - mir nicht zu nah
Halten Sie mich nicht für einen Menschenfeind. Ich buche meinen Urlaub wirklich nicht in den Misantropen.
Ich bin Stadtmensch. Das luftige Leben auf dem Lande, in einem Holzhäuschen mit Reetdach hat so viel Schöner-Wohnen-Romantik, dass ich kaum zu atmen wage, geschweige denn mich auch nur in Gedanken traue, ohne farblich abgestimmten Untersetzer, ein Glas auf dem Wohnzimmertisch abzustellen.
Jedoch und das gebe ich ungern, aber unumwunden zu, gibt es eine Zeit im Jahr zu der ich mich aus dem Jahrmarkt-heiteren Trubel der kapitalistischen Großstädte fort sehne.
Gerade reckt sich mein vorwitziger Zeigefinger in den Himmel, nach Hause telefonieren, und zeitgleich suchen meine Augen denselben nach fremden Galaxien, links hinter der Milchstraße oder am Ende des Universums ab, wo es bestimmt ein tolles Restaurant gibt, ein ruhiges vielleicht ebenfalls.
Stattdessen aber sehe ich nichts weiter als ein in orange-rosé getünchtes Himmelszelt, was angeblich ein Zeichen dafür sein soll, dass irgendwo Engel Kekse backen.
Haben Sie mal versucht dem großstädtischen Weihnachtswahnsinn zu entkommen? Mission Impossible, glauben Sie mir.
Es ist November und ich bin auf der Flucht. Call me Dr. Kimble.
Ich fliehe vor Wham und vor "All I want for Christmas is you".
Vor lauter Angst, die Carey könnte mir eine rote Schleife, aus Satin womöglich, um den Hals binden, hetze ich durch die Vorweihnachtszeit.
Die schönste des Jahres, soll es sein. Um die Straßenlaternen, von denen bevorzugt in besonders dunklen Gegenden nur jede fünfte funktionsfähig ist, winden sich lebensechte Plastiknadeln. Oh, Straßenlaterne, oh Tannenbaum. Es grünt so grün - halt, stop! Falsche Jahreszeit.
Zwischen den golden schimmernden Leuchtmitteln, die inzwischen ganze Hausfassaden bedecken, fast als wären sie Efeu, klettert ein lustiger Weihnachtsmann - hohoho - vom vierten in den fünften Stock.
Vor meinem inneren Auge sehe ich automatisch Bruce Willis bei dem Versuch auf dem Rücken des Weihnachtsmannes einen weltvernichtenden Schurken zur Strecke zu bringen, langsam sterben und Danny Glover rappt dazu "Ich bin zu alt für diesen Scheiß."
Mein inneres Auge ist per se nicht sehr weihnachtlich gestimmt.
Das mag daran liegen, that I'm not driving home for Christmas either, obwohl es damals, als die Kinderaugen noch leuchteten und ich jedes Jahr aufs Neue hätte schwören können, Santa Clause - bevor ein politisch nicht korrekter Getränke-Magnat eine absurdere Kunstfigur aus dem Mann vom Nordpol machte, als Tim Allen es je gekonnt haben würde - sei an unserem Haus vorbeigerauscht, ein schöne Bescherung war.
Die Aussicht allerdings zwischen Weihnachtshektikern und Weihnachtsphobikern, deren jährliches Zusammentreffen etwas von flirting with disaster hat, deren Jagd nach dem letzten und überteuerten Tannenbaum von Erfolg gekrönt war, aber nur um das Prachtstück nicht fest genug auf das Autodach zu binden, so dass die A7 spätestens um 12 Uhr 30 am 23. Dezember für mehrere Stunden voll gesperrt werden muss, auch nur in derselben Zeitzone zu verweilen, beschert mir schlimmere Alpträume als sie sich Rosemaries Baby ausdenken könnte.
Während die Stadt sich also schmückt, Außentemperaturen zwischen 10 und 15 Grad mehr von Herbst und Erntedank künden als von Schneemännern und Glühwein, eröffnen unerschrocken allerorten Weihnachtsmärkte. Zwischen den den Buden und der Glühwein-geschwängerten Luft sammeln sich Menschentrauben, diesen verzückt-entrückt-glasierten Ausdruck im Gesicht, als wären sie kandierte Äpfel.
Derweil ducke ich mich im Supermarkt gerade noch rechtzeitig hinter eine Wand aus Spekulatius, um kampflustigen Zimtsternen zu entgehen. Zimtsterne sind die wahren Namensgeber für George Lukas Todesstern.
Ich widerstehe der Versuchung, einen Panic Room aus Adventskalendern zu bauen und weiche in letzter Sekunde den lockenden Christbaumkugeln aus. Wie schön sich alles darin spiegel -lein, Spieglein an der Wand - sieh da nicht hin!
Ein Spießrutenlauf um rotnasige Rentiere und Mistelzweige herum - hohoho, catch me if you can.
So unauffällig wie möglich schlängele ich mich durch Lametta-Tentakel, an der Armee der Finsternis aus Geschenkpapierrollen vorbei.
Aus den hell erleuchteten Geschäften strömen Menschen, bepackt mit Tüten und Tand.
Gerade erst hat mir eine aufdringliche Werbung einreden wollen, ein Wassersprudler sei das (!) perfekte Weihnachtsgeschenk. Natürlich. Für Mutti ein Sprudelgerät und Vati bekommt dieses Jahr etwas Ausgefallens statt der üblichen Socken: Weihnachtsbier. Gleich einen ganzen Kasten.
Kling, Glöckchen, Klinge-linge-beutel. Für die Bedürftigen ist in der beginnenden schönsten Zeit des Jahres nichts übrig; wir haben längst vergessen oder nie wirklich gewusst, worum es in der Weihnachtszeit geht.
Besinnlich und langsam zerbröselt mein zartbitteres Lebkuchenherz in der Vorweihnachtszeit.
Ich bin Stadtmensch. Das luftige Leben auf dem Lande, in einem Holzhäuschen mit Reetdach hat so viel Schöner-Wohnen-Romantik, dass ich kaum zu atmen wage, geschweige denn mich auch nur in Gedanken traue, ohne farblich abgestimmten Untersetzer, ein Glas auf dem Wohnzimmertisch abzustellen.
Jedoch und das gebe ich ungern, aber unumwunden zu, gibt es eine Zeit im Jahr zu der ich mich aus dem Jahrmarkt-heiteren Trubel der kapitalistischen Großstädte fort sehne.
Gerade reckt sich mein vorwitziger Zeigefinger in den Himmel, nach Hause telefonieren, und zeitgleich suchen meine Augen denselben nach fremden Galaxien, links hinter der Milchstraße oder am Ende des Universums ab, wo es bestimmt ein tolles Restaurant gibt, ein ruhiges vielleicht ebenfalls.
Stattdessen aber sehe ich nichts weiter als ein in orange-rosé getünchtes Himmelszelt, was angeblich ein Zeichen dafür sein soll, dass irgendwo Engel Kekse backen.
Haben Sie mal versucht dem großstädtischen Weihnachtswahnsinn zu entkommen? Mission Impossible, glauben Sie mir.
Es ist November und ich bin auf der Flucht. Call me Dr. Kimble.
Ich fliehe vor Wham und vor "All I want for Christmas is you".
Vor lauter Angst, die Carey könnte mir eine rote Schleife, aus Satin womöglich, um den Hals binden, hetze ich durch die Vorweihnachtszeit.
Die schönste des Jahres, soll es sein. Um die Straßenlaternen, von denen bevorzugt in besonders dunklen Gegenden nur jede fünfte funktionsfähig ist, winden sich lebensechte Plastiknadeln. Oh, Straßenlaterne, oh Tannenbaum. Es grünt so grün - halt, stop! Falsche Jahreszeit.
Zwischen den golden schimmernden Leuchtmitteln, die inzwischen ganze Hausfassaden bedecken, fast als wären sie Efeu, klettert ein lustiger Weihnachtsmann - hohoho - vom vierten in den fünften Stock.
Vor meinem inneren Auge sehe ich automatisch Bruce Willis bei dem Versuch auf dem Rücken des Weihnachtsmannes einen weltvernichtenden Schurken zur Strecke zu bringen, langsam sterben und Danny Glover rappt dazu "Ich bin zu alt für diesen Scheiß."
Mein inneres Auge ist per se nicht sehr weihnachtlich gestimmt.
Das mag daran liegen, that I'm not driving home for Christmas either, obwohl es damals, als die Kinderaugen noch leuchteten und ich jedes Jahr aufs Neue hätte schwören können, Santa Clause - bevor ein politisch nicht korrekter Getränke-Magnat eine absurdere Kunstfigur aus dem Mann vom Nordpol machte, als Tim Allen es je gekonnt haben würde - sei an unserem Haus vorbeigerauscht, ein schöne Bescherung war.
Die Aussicht allerdings zwischen Weihnachtshektikern und Weihnachtsphobikern, deren jährliches Zusammentreffen etwas von flirting with disaster hat, deren Jagd nach dem letzten und überteuerten Tannenbaum von Erfolg gekrönt war, aber nur um das Prachtstück nicht fest genug auf das Autodach zu binden, so dass die A7 spätestens um 12 Uhr 30 am 23. Dezember für mehrere Stunden voll gesperrt werden muss, auch nur in derselben Zeitzone zu verweilen, beschert mir schlimmere Alpträume als sie sich Rosemaries Baby ausdenken könnte.
Während die Stadt sich also schmückt, Außentemperaturen zwischen 10 und 15 Grad mehr von Herbst und Erntedank künden als von Schneemännern und Glühwein, eröffnen unerschrocken allerorten Weihnachtsmärkte. Zwischen den den Buden und der Glühwein-geschwängerten Luft sammeln sich Menschentrauben, diesen verzückt-entrückt-glasierten Ausdruck im Gesicht, als wären sie kandierte Äpfel.
Derweil ducke ich mich im Supermarkt gerade noch rechtzeitig hinter eine Wand aus Spekulatius, um kampflustigen Zimtsternen zu entgehen. Zimtsterne sind die wahren Namensgeber für George Lukas Todesstern.
Ich widerstehe der Versuchung, einen Panic Room aus Adventskalendern zu bauen und weiche in letzter Sekunde den lockenden Christbaumkugeln aus. Wie schön sich alles darin spiegel -lein, Spieglein an der Wand - sieh da nicht hin!
Ein Spießrutenlauf um rotnasige Rentiere und Mistelzweige herum - hohoho, catch me if you can.
So unauffällig wie möglich schlängele ich mich durch Lametta-Tentakel, an der Armee der Finsternis aus Geschenkpapierrollen vorbei.
Aus den hell erleuchteten Geschäften strömen Menschen, bepackt mit Tüten und Tand.
Gerade erst hat mir eine aufdringliche Werbung einreden wollen, ein Wassersprudler sei das (!) perfekte Weihnachtsgeschenk. Natürlich. Für Mutti ein Sprudelgerät und Vati bekommt dieses Jahr etwas Ausgefallens statt der üblichen Socken: Weihnachtsbier. Gleich einen ganzen Kasten.
Kling, Glöckchen, Klinge-linge-beutel. Für die Bedürftigen ist in der beginnenden schönsten Zeit des Jahres nichts übrig; wir haben längst vergessen oder nie wirklich gewusst, worum es in der Weihnachtszeit geht.
Besinnlich und langsam zerbröselt mein zartbitteres Lebkuchenherz in der Vorweihnachtszeit.
Montag, 21. November 2016
Paulas Protokoll
Donnerstag
Zwei Uhr sechsunddreißig
Dein Schnarchen klingt fremd. Es gehört nicht zu mir. Gedankenstriche malen ein Bild an die Wand. Schmatzend ziehst du die Luft ein. Meine Finger werden ein Ballungsgebiet.
Acht Uhr einundzwanzig
Paula, sagst du und versuchst sanft zu klingen. Du bist so unendlich bemüht. Manchmal. Deine Stimme ist wie Schleifpapier Stärke vier. Bearbeitet mich wie ein rohes Stück Holz.
Aufstehen. Du rüttelst an meiner Schulter. Seegang in mir.
Ja, sage ich durch geschlossene Lippen.
Neun Uhr fünfundvierzig
Was für ein Tag ist heute, frage ich.
Donnerstag, antwortest du. Die Buchstaben der Morgenzeitung kleben zwischen deinen Zähnen.
Gedruckte Schwärze.
Fühlt sich an wie Freitag. Es ist eine Feststellung.
Heute ist Donnerstag.
Du bist so randvoll mit besser gewusstem. Milchkaffee läuft über den Tisch.
Zehn Uhr siebzehn
Ich gehe dann jetzt, sagst du.
Die Morgenzeitung nimmt deinen Platz ein. Du küsst meine Stirn.
Zement in mir.
Zehn Uhr neunzehn
Du stehst an der Tür.
Paula, sagst du.
Ich höre nichts. Gedruckte Schwärze verschließt meine Ohren.
Schmatzend ziehst du die Luft ein. Gewitter in mir.
Das Türschloss fällt.
Dreizehn Uhr drei
Das Telefon klingelt.
Ich versuche zu denken, schreie ich den Apparat an und hebe nicht ab.
Dreizehn Uhr vier
Die rote Lampe brennt ein Loch in die Mittagsruhe. Ich stehe auf einem Bein und bin müde.
Ich bin's, schnarrst du mir entgegen. Wo bist du denn?
Die Frage ist unverschämt und geht ins Leere.
Ich springe auf dem linken Bein auf und ab. Gleichgewichtsstörung in mir.
Ich bringe was vom Chinesen mit, sagst du und legst auf.
Siebzehn Uhr elf
In ca. siebenundvierzig Minuten wirst du zurück sein. In deiner Hand eine Tüte mit lauwarmen Frühlingsrollen, die ich nicht will.
Draußen ist Winter. Brennnesseln in mir.
Samstag
Zwölf Uhr
Ich habe einen Tag verloren. Unter dem Bett ist er nicht. Ich habe nachgesehen. Außer einer Burg aus Staub ist da Nichts.
Kommst du, willst du rhetorisch wissen.
Ich brauche ein zweites Leben, ein anderes Ich, denke ich schweigend und folge dir zum Auto.
Zwölf Uhr einundfünfzig
Du stehst im Vorgarten. Hinter einem knochigen Buchsbaum lugt ein Gartenzwerg hervor. Er raucht Pfeife, du eine Zigarette.
Das Haus ist inbegriffene Spießigkeit. Der Zaun ist weiß. Deine Eltern wohnen hier.
Würgereiz in mir.
Dreizehn Uhr neun
Wollt ihr nicht endlich reinkommen, ruft deine Mutter durch den Türspalt.
Du nimmst meine Hand. Der Braten liegt in einer schweren Soße auf dem Tisch.
Den Kartoffeln fallen verkochte Augen zu.
Vorsichtig platziere ich die mintgrüne Serviette auf meinem Teller.
Stell dich nicht so an, sagst du und legst das mintgrüne Stück Stoff auf meinen Schoss.
Sturm in mir.
Dreizehn Uhr zweiunddreißig
Schmeckt dir der Braten nicht, Kind, fragt deine Mutter. Der Blick dringt durch die goldumrandete Brille.
Deine Mutter kennt meinen Namen nicht. Nach fünf Jahren nennt sie mich immer noch Kind, schreie ich dich stumm an.
Ich bin Vegetarierin, Hilde, sage ich laut.
Bist du nicht. Stell dich nicht so an, schnaubst du und ziehst schmatzend fasriges Fleisch durch deinen Kiefer.
Steinschläge in mir.
Vierundzwanzig Uhr fünf
Deine Hand liegt abstrakt auf meiner Hüfte. Ich atme nicht.
Schläfst du, flüstert dein Mund. Ich denke an die Burg aus Staub unter dem Bett.
Die abstrakte Hand bewegt sich. Ich friere ein.
Ich verstehe dich nicht, seufzt du schmatzend.
Ja, denke ich.
Schwere Bratensoße in mir.
Mittwoch
Sieben Uhr
Das Geschirr vom Vortag ist ein Berg. Wasser spült meine Unterarme.
Paula, fragst du. Angst zuckt in deinen Hausschuhen.
Drahtseilakt in mir.
Vierzehn Uhr acht
Auf dem Bildschirm tanzt ein Muster.
Du stehst in der Tür. Die Krawatte hast du zu eng gebunden.
Mein Kopf lehnt am Fenster. Draußen verweht Schnee.
Wo bist du, fragst du.
Ich ziehe am Vorhang.
Weg, sage ich.
Zwei Uhr sechsunddreißig
Dein Schnarchen klingt fremd. Es gehört nicht zu mir. Gedankenstriche malen ein Bild an die Wand. Schmatzend ziehst du die Luft ein. Meine Finger werden ein Ballungsgebiet.
Acht Uhr einundzwanzig
Paula, sagst du und versuchst sanft zu klingen. Du bist so unendlich bemüht. Manchmal. Deine Stimme ist wie Schleifpapier Stärke vier. Bearbeitet mich wie ein rohes Stück Holz.
Aufstehen. Du rüttelst an meiner Schulter. Seegang in mir.
Ja, sage ich durch geschlossene Lippen.
Neun Uhr fünfundvierzig
Was für ein Tag ist heute, frage ich.
Donnerstag, antwortest du. Die Buchstaben der Morgenzeitung kleben zwischen deinen Zähnen.
Gedruckte Schwärze.
Fühlt sich an wie Freitag. Es ist eine Feststellung.
Heute ist Donnerstag.
Du bist so randvoll mit besser gewusstem. Milchkaffee läuft über den Tisch.
Zehn Uhr siebzehn
Ich gehe dann jetzt, sagst du.
Die Morgenzeitung nimmt deinen Platz ein. Du küsst meine Stirn.
Zement in mir.
Zehn Uhr neunzehn
Du stehst an der Tür.
Paula, sagst du.
Ich höre nichts. Gedruckte Schwärze verschließt meine Ohren.
Schmatzend ziehst du die Luft ein. Gewitter in mir.
Das Türschloss fällt.
Dreizehn Uhr drei
Das Telefon klingelt.
Ich versuche zu denken, schreie ich den Apparat an und hebe nicht ab.
Dreizehn Uhr vier
Die rote Lampe brennt ein Loch in die Mittagsruhe. Ich stehe auf einem Bein und bin müde.
Ich bin's, schnarrst du mir entgegen. Wo bist du denn?
Die Frage ist unverschämt und geht ins Leere.
Ich springe auf dem linken Bein auf und ab. Gleichgewichtsstörung in mir.
Ich bringe was vom Chinesen mit, sagst du und legst auf.
Siebzehn Uhr elf
In ca. siebenundvierzig Minuten wirst du zurück sein. In deiner Hand eine Tüte mit lauwarmen Frühlingsrollen, die ich nicht will.
Draußen ist Winter. Brennnesseln in mir.
Samstag
Zwölf Uhr
Ich habe einen Tag verloren. Unter dem Bett ist er nicht. Ich habe nachgesehen. Außer einer Burg aus Staub ist da Nichts.
Kommst du, willst du rhetorisch wissen.
Ich brauche ein zweites Leben, ein anderes Ich, denke ich schweigend und folge dir zum Auto.
Zwölf Uhr einundfünfzig
Du stehst im Vorgarten. Hinter einem knochigen Buchsbaum lugt ein Gartenzwerg hervor. Er raucht Pfeife, du eine Zigarette.
Das Haus ist inbegriffene Spießigkeit. Der Zaun ist weiß. Deine Eltern wohnen hier.
Würgereiz in mir.
Dreizehn Uhr neun
Wollt ihr nicht endlich reinkommen, ruft deine Mutter durch den Türspalt.
Du nimmst meine Hand. Der Braten liegt in einer schweren Soße auf dem Tisch.
Den Kartoffeln fallen verkochte Augen zu.
Vorsichtig platziere ich die mintgrüne Serviette auf meinem Teller.
Stell dich nicht so an, sagst du und legst das mintgrüne Stück Stoff auf meinen Schoss.
Sturm in mir.
Dreizehn Uhr zweiunddreißig
Schmeckt dir der Braten nicht, Kind, fragt deine Mutter. Der Blick dringt durch die goldumrandete Brille.
Deine Mutter kennt meinen Namen nicht. Nach fünf Jahren nennt sie mich immer noch Kind, schreie ich dich stumm an.
Ich bin Vegetarierin, Hilde, sage ich laut.
Bist du nicht. Stell dich nicht so an, schnaubst du und ziehst schmatzend fasriges Fleisch durch deinen Kiefer.
Steinschläge in mir.
Vierundzwanzig Uhr fünf
Deine Hand liegt abstrakt auf meiner Hüfte. Ich atme nicht.
Schläfst du, flüstert dein Mund. Ich denke an die Burg aus Staub unter dem Bett.
Die abstrakte Hand bewegt sich. Ich friere ein.
Ich verstehe dich nicht, seufzt du schmatzend.
Ja, denke ich.
Schwere Bratensoße in mir.
Mittwoch
Sieben Uhr
Das Geschirr vom Vortag ist ein Berg. Wasser spült meine Unterarme.
Paula, fragst du. Angst zuckt in deinen Hausschuhen.
Drahtseilakt in mir.
Vierzehn Uhr acht
Auf dem Bildschirm tanzt ein Muster.
Du stehst in der Tür. Die Krawatte hast du zu eng gebunden.
Mein Kopf lehnt am Fenster. Draußen verweht Schnee.
Wo bist du, fragst du.
Ich ziehe am Vorhang.
Weg, sage ich.
Der Tag an dem Fred Astaire starb
Einleitung
“Wenn alles jetzt ist, ist jetzt für immer."
Baltasar kehrt den Satz über den Küchentisch, lässt ihn wie einen Seitenwinder zwischen den schweren Rotweingläsern und über stagniertes Kerzenwachs zucken.
Der Abend verhält sich gewöhnlich, vor der geöffneten Balkontür ist kalter Sommer.
Das plötzliche Schweigen legt einen Teppich für die Erwartung auf eine kluge Antwort aus.
“Pseudo-intellektuelle Scheiße.”
Rabea lässt ihren Ausbruch auf den Tisch fallen. Messerscharf trennt er den Seitenwinder in unregelmäßige Teile.
“Wie sind wir so geworden?” Baltasar hebt das schwere Rotweinglas nicht ohne Bitterkeit.
Am selben Abend, auf der anderen Seite der Stadt schließt Uta, alle Sorgfalt vorausgesetzt, den kleinen Kiosk zu. Zweimal dreht sich der alte Bart des Schlüssels knirschend in das passende Schloss. Die Müdigkeit liegt wie eine Stola um Utas elegant geschwungenen Hals. Aus der Ferne, im diffusen Licht einer Straßenlaterne, muss es einem zufälligen Passanten erscheinen, als wollte Uta zu einem Opernbesuch aufbrechen. Das bodenlange Cape, welches sie statt eines Mantels und zu jeder Jahreszeit zu tragen pflegt, hebt sich in nüchternem Grau von schräg liegendem Kopfsteinpflaster ab. Einen verstreichenden Moment steht Uta vor der verschlossenen Tür. Die geraden Schultern trotzig gestrafft, wendet sie sich dann beinahe plötzlich, so dass der zufällige Passant auf der gegenüberliegenden Straßenseite unversehens zusammen zuckt, seitwärts. Die flachen Absätze ausgetretener Schuhe hinterlassen eine geräuschlose Spur unter dem Laternenlicht. Uta sehnt sich unbestimmt.
“Widerlich hat er mich genannt.” murmelt Hanno in die Leere eines kahlen Lofts. Außer dem Sieb, das eine kleinteilige Kräutermischung in kochendem Wasser gefangen hält, hört ihn niemand. Abwesend streicht Hanno die hemdsärmligen Karos glatt. Die Kräutermischung dampft.
“Widerlich.” Er will über das Gespräch mit August nicht nachdenken. Der Versuchsaufbau war von vorneherein fehlerhaft, will sich seine gekränkte Eitelkeit einreden. Ein strategisch geplanter Rückzug hatte vor ihm gelegen. Und war ihm doch verwehrt geblieben.
Ein wütender Sturm war über ihn herein gebrochen, vor nicht ganz einer Stunde, zwischen zwei Parkbänken und einem Abendspaziergang. Hanno gießt sich das von Kräutern durchzogene Wasser in eine mit Ankern bemalte Tasse. Der Henkel fehlt.
“August ist auch nur einer von vielen, die zu sehr auf ihr Äußeres achten.” sagt er sich.
Hauptteil
Das Leben vor dem Baulärm scheint Baltasar zu weit entfernt, als dass er sich erinnern könnte. Der Abriss sanierungsbedürftiger Altbauten findet nur eine Staubwolke entfernt statt. Sechs Uhr neunundzwanzig setzt ihn eine rote Digitalanzeige, lieblos von einem flimmernden Doppelpunkt getrennte Ziffern, ungerührt in Kenntnis. Baltasar drückt sich das daunengefüllte Kissen auf die linke Gesichtshälfte. Seine zugekniffenen Augen mustern Rabeas Silhouette. Unscheinbare Speichelfäden weben ein Muster über ihr Kissen. Die Gummibänder der Schlafmaske ziehen an Rabeas Ohren.
Unwirsch schlägt er die Decke zurück.
"Wie kannst du nur bei diesem Krach schlafen?" zischt er über die Schulter. Rabeas REM-Phase verweigert jede Reaktion.
Baltasar schüttelt das Pochen in seinem Kopf, erdrückt den Hass in sich für den Augenblick.
Auf der Suche nach seiner Anzughose stolpert er über sorglos abgestreifte Stiefel. Acht Zentimeter hohe Absätze, die ihn am Boden liegend verhöhnen. Der Presslufthammer unterbricht seine Arbeit bei sechs Uhr zweiundvierzig.
Eine Erinnerung durchzuckt das Pochen oberhalb der Augenbrauen. An staubfreie, wolkenlose Tage, an denen acht Zentimeter nichts und sicher nicht die Welt bedeuteten.
Er schubst einen der Stiefel unter das Bett. Sie wird mindestens eine halbe Stunde darauf verwenden, danach zu suchen.
Die kleinen Hässlichkeiten gehören in den Alltag. Lautlos unter Türschwellen hindurch gekrochen, haben sie sich ausgebreitet und täglich an Deutlichkeit gewonnen.
Baltasar streift den Gedanken an die morgendliche Boshaftigkeit mit den Boxershorts ab.
Wässrige Nadelköpfe treffen seine Schultern und den Rücken, der längst keine leidenschaftlichen Kratzspuren mehr trägt.
Über die gemeinsamen Jahre ist aus Gewohnheit Gewöhnlichkeit geworden. Rabeas verschlafene Ohren hören das Wasser in den Siphon rinnen. Auf die Ellenbogen gestützt taxiert sie die Tür und sucht in dem dahinter liegenden Flur nach einem Streitgrund. Sie ist nicht wählerisch; der kleinste Anlass wäre ihr genug.
Baltasar entzieht sich dem ritualisierten Tobsuchtsanfall. Er verlässt die Wohnung grußlos, bewegt sich mit ausfallenden Schritten auf den Baulärm zu. Der Presslufthammer nimmt seine Arbeit gewissenhaft bei acht Uhr siebzehn wieder auf.
Verlassen schüttelt Rabea das kurzgeschnittene Haar. In der gähnenden Stille der Räume setzt sich die Einsamkeit wütend neben sie. Mit den Jahren wurden sie zu untrennbaren Verbündeten. Um daran etwas zu ändern, hätte sie weit vor diesem Morgen aufwachen müssen. Rabeas Blick fällt auf das eingerahmte Bild einer Hochzeit, die sie nur vage als ihre eigene erinnert.
“Bist du noch da?“ ruft ihre raue Stimme in den Flur. Auf der anderen Seite der angelehnten Tür antwortet ihr Stille. Digitale Ziffern zeigen, von einem nervösen Doppelpunkt getrennt, acht Uhr neunundfünfzig an. Rabea verschließt ihre Ohren vor dem Baulärm. Ihr staubiges Herz trägt sie vor den Badezimmerspiegel. Einstudierte Bewegungen sichern ihr Überleben in der trostlosen Monotonie zwischen handgefertigter Lavendelseife und einer Küche im Landhausstil.
Rabea stürzt einen Kaffee, wenig Zucker, viel Milch, hinunter und verwendet einunddreißig Minuten drauf, ihren zweiten Stiefel zu suchen. Während Baltasar am anderen Ende der Stadt markige Werbesprüche zu einem Produkt von kapitaler Belanglosigkeit auf ein Storyboard fließen lässt. Er sieht auf den Stift in seiner Hand und stellt sich die drängende Frage, was geschehen könnte, würde er den Mut besitzen, zum Telefon zu greifen, sie anzurufen. Brächte ein einziger Anruf das Lot zurück und könnte er morgen oder am Tag danach, darauf verzichten, ihren Schuh unter das Bett zu schubsen. Die schreckhafte Sekunde vergeht. Der Stift ist nichts weiter als ein Stift und das nächste Telefon steht außerhalb des Raumes unerreichbar weit entfernt.
Die nächstgelegene Turmuhr weist auf die beginnende Mittagszeit hin. Aufgesetzten Prioritäten folgt Baltasar hinunter in den Park, ausfallenden Schritte führen ihn an dem kleinen Kiosk vorbei, hinter dessen Scheiben die stets gleiche Frau sitzt.
“Wie üblich?“ Uta greift hinter sich, zieht mit blinder Sicherheit ein Paket Tabak aus dem Regal, noch bevor Baltasar sich zu einem Nicken entschließt.
Uta sieht ihm nach, wie ihn seine ausfallenden Schritte zurück zu dem Bürogebäude tragen, das eine sich entwickelnde Stadt wenige Jahre zuvor aus dem Boden in die freiflächige Aussicht stampfte. Er erinnert sie.
Der Mittag lässt Uta Zeit.
Der junge Mann ist mit seinen Kaugummis und den bubenhaften Zügen längst außer Sichtweite geschritten. Uta will der Erinnerung nicht erlauben, sich auszubreiten. Sie rückt Zeitschriften gerade, zählt Sekunden. Ihre vorgeschobene Gelassenheit ist ein Täuschungsmanöver der Umwelt zu liebe. Ihre größte Schwäche, die sie aufrecht hält, die Rücksichtnahme. Die Erinnerung schert sich nicht um Rücksicht, übernimmt stattdessen Utas Bewusstsein. Aus dem schattigen Damals tritt die Begebenheit zurück auf die sommerliche Bühne des Heute.
Hector lehnt an einem Laternenmast, den linken Fuß vor den rechten gestellt. In ausgebeulten Manteltaschen graben seine Fäuste nach Wärme. Das Frühjahr hält sich für Herbst. Uta sieht ihn dort lehnen, den jungen Mann mit den bubenhaften Zügen. Die Szene mutet in ihrer tatsächlichen Unwirklichkeit schwarz-weiß an.
Ihre Schritte verlangsamen sich in der Betrachtung.
Hector sieht auf, als sie längst vor ihm steht.
Die Begrüßung passt sich den regenabweisenden Jacken vorbeihastender Passanten an.
„Komm.“ sagt Hector mühsam beherrscht und greift nicht nach ihrer Hand, wie in den verflogenen Monaten. Die Klarheit darüber, dass sie nicht erfahren will, sich nicht das Geringste verändern soll, erschlägt ihre Gegenwehr. Sie folgt.
Hectors Schritte lenken sie in eine mögliche Richtung. Trockene Worte stolpern in den zwischen ihnen gehaltenen Abstand.
„In einer anderen Zeit. Oder vielleicht nur unter anderen Umständen. Du weißt, ich bin ungeschickt mit Worten. Es war schön. Aber.“
Utas Hand will sich auf Hectors Arm legen. Ihr Verständnis möchte sie ausbreiten, ihn darin einhüllen, würde er dann nur aufhören zu sprechen. Ihr Wollen erstickt.
„Zu einer anderen Zeit. Du wärst die Liebe meines Lebens gewesen. Ich bin sicher. Es ist nur. Wie soll ich. Meine Einfälle werden dir nicht gerecht. Ich stehe am Spielfeldrand und sehe dir zu.“
Seine Schritte halten ein. Uta zieht das Cape, welches sie stets, zu jeder Jahreszeit und anstatt einer Jacke zu tragen pflegt, enger um den schmalen Körper. Ihre Hände wissen sonst nichts mit sich anzufangen.
„Es ist vorbei.“ murmelt Hectors trockene Stimme. Uta nickt und ist dankbar, als der junge Mann seine bubenhaften Züge abwendet.
Zwischen der Erinnerung und den überbelegten Regalen ist der Nachmittag leise fortgeschritten. Uta scheucht den Klang des Damals zurück in den Schatten, fährt mit einem Microfasertuch den Verkaufstresen entlang. Schrill macht sich die geöffnete Tür bemerkbar. Als Utas Schultern sichtbar zusammenzucken, lassen ihre Hände das Microfasertuch verschwinden.
Auf der anderen Seite der Stadt entscheidet Rabea sich für einen weinverhangenen Abend. Zu der Kühle des Sommers will Weißwein ebenso wenig passend erscheinen wie zu der Kälte der Küche im Landhausstil. Baltasar bevorzugt Weißwein. In seiner Abwesenheit stellt Rabea demonstrative Rotweingläser auf den Tisch vor der Balkontür. Für einen unscheinbaren Moment schleicht sich die Vermutung an sie heran, es könnte ein schöner Abend werden, würde sie Weißweingläser auf den Küchentisch stellen, dazu ein leichtes Essen. Die Vermutung verscheucht Rabea mit einem rauen Lachen, als sie die Straße betritt.
Das Kostüm der liebenden Ehefrau will ihr nicht stehen. Ungeduldig bahnen sich ihre Stiefel den Weg zwischen den heimkehrenden Büroangestellten hindurch. So sehr ist sie auf den eigenen Vorteil bedacht, dass ihr nicht einfällt, dem Kompromiss Platz zu schaffen. Der Abend klopft an die Pforten der Stadt. Wolkenbänder färben sich orange-rosa.
Hanno bemerkt die schnellen Schritte der blonden Frau zu spät. Schulter an Schulter stoßen sie auf dem belebten Bordstein zusammen. Rotwein kriecht in den Rinnstein. Die raue Stimme bricht fassungslos über Hanno herein.
„Hast du keine Augen im Kopf?“
Eisern halten Rabeas Hände an zwei unversehrten Weinflaschen fest. Die Wut über den zerflossenen Wein verzerrt ihre Gesichtszüge. Hanno sammelt neben dem Inhalt seiner Tasche seine Gedanken vom Boden auf.
„Es – entschuldigen - “
„Vergiss es!“ Rabea steigt fauchend über einen Taschenkalender hinweg.
Einen Augenblick sieht Hanno ihr nach, wehrt die helfende Hand eines Fremden dankend ab. Eilig setzt er seine Schritte fort. Ein unbemerkter Fleck spannt sich über die hemdsärmligen Karos.
Im Verborgenen ficht die Unsicherheit einen längst verlorenen Kampf. Eine Ahnung krallt sich in den Hemdkragen, nicht bereit ihren Griff zu lockern.
Wenige Wochen liegt der Tag zurück, an dem Hanno der verzweifelten Versuchung nachgibt. In einem vor unsichtbarem Schmutz starrenden Raum greift er nach der nächsten Hand. Einen letzten Versuch, sich aus dem eingemauerten Leben, das er sich unabsichtlich geschaffen hat, zu befreien, will er an diesem Tag unternehmen. Die Hand begegnet seiner Berührung freundlich, hält sich an ihm fest. Ein warmes Gefühl der Hoffnung durchflutet seinen kleinen Finger, breitet sich gänzlich über den Körper aus. Einige Stunden später, unter dem diffusen Licht einer Straßenlaterne, hält sich die Hand noch immer an Hanno fest. Er sieht in Augusts Gesicht und die Ahnung, die jetzt feste Krallen in seinen Hemdkragen schlägt, kriecht leise an seinem Bein empor. Die wenigen Wochen füllen sich mit sprachlosen Verabredungen. Auf ungezwungene Kinobesuche folgen Spaziergänge, die sich in Abende ausdehnen. Eine menschgewordene Phantasie, die Glück verheißt und Hoffnungen auslöscht.
August steht abweisend an verabredeter Stelle. Heute werden sich die Hände nicht halten. Der kalte Sommer legt unausweichliche Stille auf den vergehenden Tag. Hanno sucht nach einem Zeichen, das den Rest von Vertrauen rechtfertigt und findet nichts. Die Ahnung packt ihn fester. Ungleich setzen sie sich nebeneinander in Bewegung. Vor ihnen liegt die schweigende Wahrheit zwischen Kieselsteinen und Zigarettenkippen.
„Ich empfinde. Du bist widerlich.“ Die Tonlage duldet keinerlei Widerspruch und setzt den vergangenen Wochen ein unausgewogenes Ende. Die Gründe lässt August neben Hanno in der Dunkelheit stehen.
Schluss
Die Zeit verläuft sich, während die Erde sich behäbig dreht. Es ist der 22. Juni 1987. Der Tag, an dem Fred Astaire starb.
“Wenn alles jetzt ist, ist jetzt für immer."
Baltasar kehrt den Satz über den Küchentisch, lässt ihn wie einen Seitenwinder zwischen den schweren Rotweingläsern und über stagniertes Kerzenwachs zucken.
Der Abend verhält sich gewöhnlich, vor der geöffneten Balkontür ist kalter Sommer.
Das plötzliche Schweigen legt einen Teppich für die Erwartung auf eine kluge Antwort aus.
“Pseudo-intellektuelle Scheiße.”
Rabea lässt ihren Ausbruch auf den Tisch fallen. Messerscharf trennt er den Seitenwinder in unregelmäßige Teile.
“Wie sind wir so geworden?” Baltasar hebt das schwere Rotweinglas nicht ohne Bitterkeit.
Am selben Abend, auf der anderen Seite der Stadt schließt Uta, alle Sorgfalt vorausgesetzt, den kleinen Kiosk zu. Zweimal dreht sich der alte Bart des Schlüssels knirschend in das passende Schloss. Die Müdigkeit liegt wie eine Stola um Utas elegant geschwungenen Hals. Aus der Ferne, im diffusen Licht einer Straßenlaterne, muss es einem zufälligen Passanten erscheinen, als wollte Uta zu einem Opernbesuch aufbrechen. Das bodenlange Cape, welches sie statt eines Mantels und zu jeder Jahreszeit zu tragen pflegt, hebt sich in nüchternem Grau von schräg liegendem Kopfsteinpflaster ab. Einen verstreichenden Moment steht Uta vor der verschlossenen Tür. Die geraden Schultern trotzig gestrafft, wendet sie sich dann beinahe plötzlich, so dass der zufällige Passant auf der gegenüberliegenden Straßenseite unversehens zusammen zuckt, seitwärts. Die flachen Absätze ausgetretener Schuhe hinterlassen eine geräuschlose Spur unter dem Laternenlicht. Uta sehnt sich unbestimmt.
“Widerlich hat er mich genannt.” murmelt Hanno in die Leere eines kahlen Lofts. Außer dem Sieb, das eine kleinteilige Kräutermischung in kochendem Wasser gefangen hält, hört ihn niemand. Abwesend streicht Hanno die hemdsärmligen Karos glatt. Die Kräutermischung dampft.
“Widerlich.” Er will über das Gespräch mit August nicht nachdenken. Der Versuchsaufbau war von vorneherein fehlerhaft, will sich seine gekränkte Eitelkeit einreden. Ein strategisch geplanter Rückzug hatte vor ihm gelegen. Und war ihm doch verwehrt geblieben.
Ein wütender Sturm war über ihn herein gebrochen, vor nicht ganz einer Stunde, zwischen zwei Parkbänken und einem Abendspaziergang. Hanno gießt sich das von Kräutern durchzogene Wasser in eine mit Ankern bemalte Tasse. Der Henkel fehlt.
“August ist auch nur einer von vielen, die zu sehr auf ihr Äußeres achten.” sagt er sich.
Hauptteil
Das Leben vor dem Baulärm scheint Baltasar zu weit entfernt, als dass er sich erinnern könnte. Der Abriss sanierungsbedürftiger Altbauten findet nur eine Staubwolke entfernt statt. Sechs Uhr neunundzwanzig setzt ihn eine rote Digitalanzeige, lieblos von einem flimmernden Doppelpunkt getrennte Ziffern, ungerührt in Kenntnis. Baltasar drückt sich das daunengefüllte Kissen auf die linke Gesichtshälfte. Seine zugekniffenen Augen mustern Rabeas Silhouette. Unscheinbare Speichelfäden weben ein Muster über ihr Kissen. Die Gummibänder der Schlafmaske ziehen an Rabeas Ohren.
Unwirsch schlägt er die Decke zurück.
"Wie kannst du nur bei diesem Krach schlafen?" zischt er über die Schulter. Rabeas REM-Phase verweigert jede Reaktion.
Baltasar schüttelt das Pochen in seinem Kopf, erdrückt den Hass in sich für den Augenblick.
Auf der Suche nach seiner Anzughose stolpert er über sorglos abgestreifte Stiefel. Acht Zentimeter hohe Absätze, die ihn am Boden liegend verhöhnen. Der Presslufthammer unterbricht seine Arbeit bei sechs Uhr zweiundvierzig.
Eine Erinnerung durchzuckt das Pochen oberhalb der Augenbrauen. An staubfreie, wolkenlose Tage, an denen acht Zentimeter nichts und sicher nicht die Welt bedeuteten.
Er schubst einen der Stiefel unter das Bett. Sie wird mindestens eine halbe Stunde darauf verwenden, danach zu suchen.
Die kleinen Hässlichkeiten gehören in den Alltag. Lautlos unter Türschwellen hindurch gekrochen, haben sie sich ausgebreitet und täglich an Deutlichkeit gewonnen.
Baltasar streift den Gedanken an die morgendliche Boshaftigkeit mit den Boxershorts ab.
Wässrige Nadelköpfe treffen seine Schultern und den Rücken, der längst keine leidenschaftlichen Kratzspuren mehr trägt.
Über die gemeinsamen Jahre ist aus Gewohnheit Gewöhnlichkeit geworden. Rabeas verschlafene Ohren hören das Wasser in den Siphon rinnen. Auf die Ellenbogen gestützt taxiert sie die Tür und sucht in dem dahinter liegenden Flur nach einem Streitgrund. Sie ist nicht wählerisch; der kleinste Anlass wäre ihr genug.
Baltasar entzieht sich dem ritualisierten Tobsuchtsanfall. Er verlässt die Wohnung grußlos, bewegt sich mit ausfallenden Schritten auf den Baulärm zu. Der Presslufthammer nimmt seine Arbeit gewissenhaft bei acht Uhr siebzehn wieder auf.
Verlassen schüttelt Rabea das kurzgeschnittene Haar. In der gähnenden Stille der Räume setzt sich die Einsamkeit wütend neben sie. Mit den Jahren wurden sie zu untrennbaren Verbündeten. Um daran etwas zu ändern, hätte sie weit vor diesem Morgen aufwachen müssen. Rabeas Blick fällt auf das eingerahmte Bild einer Hochzeit, die sie nur vage als ihre eigene erinnert.
“Bist du noch da?“ ruft ihre raue Stimme in den Flur. Auf der anderen Seite der angelehnten Tür antwortet ihr Stille. Digitale Ziffern zeigen, von einem nervösen Doppelpunkt getrennt, acht Uhr neunundfünfzig an. Rabea verschließt ihre Ohren vor dem Baulärm. Ihr staubiges Herz trägt sie vor den Badezimmerspiegel. Einstudierte Bewegungen sichern ihr Überleben in der trostlosen Monotonie zwischen handgefertigter Lavendelseife und einer Küche im Landhausstil.
Rabea stürzt einen Kaffee, wenig Zucker, viel Milch, hinunter und verwendet einunddreißig Minuten drauf, ihren zweiten Stiefel zu suchen. Während Baltasar am anderen Ende der Stadt markige Werbesprüche zu einem Produkt von kapitaler Belanglosigkeit auf ein Storyboard fließen lässt. Er sieht auf den Stift in seiner Hand und stellt sich die drängende Frage, was geschehen könnte, würde er den Mut besitzen, zum Telefon zu greifen, sie anzurufen. Brächte ein einziger Anruf das Lot zurück und könnte er morgen oder am Tag danach, darauf verzichten, ihren Schuh unter das Bett zu schubsen. Die schreckhafte Sekunde vergeht. Der Stift ist nichts weiter als ein Stift und das nächste Telefon steht außerhalb des Raumes unerreichbar weit entfernt.
Die nächstgelegene Turmuhr weist auf die beginnende Mittagszeit hin. Aufgesetzten Prioritäten folgt Baltasar hinunter in den Park, ausfallenden Schritte führen ihn an dem kleinen Kiosk vorbei, hinter dessen Scheiben die stets gleiche Frau sitzt.
“Wie üblich?“ Uta greift hinter sich, zieht mit blinder Sicherheit ein Paket Tabak aus dem Regal, noch bevor Baltasar sich zu einem Nicken entschließt.
Uta sieht ihm nach, wie ihn seine ausfallenden Schritte zurück zu dem Bürogebäude tragen, das eine sich entwickelnde Stadt wenige Jahre zuvor aus dem Boden in die freiflächige Aussicht stampfte. Er erinnert sie.
Der Mittag lässt Uta Zeit.
Der junge Mann ist mit seinen Kaugummis und den bubenhaften Zügen längst außer Sichtweite geschritten. Uta will der Erinnerung nicht erlauben, sich auszubreiten. Sie rückt Zeitschriften gerade, zählt Sekunden. Ihre vorgeschobene Gelassenheit ist ein Täuschungsmanöver der Umwelt zu liebe. Ihre größte Schwäche, die sie aufrecht hält, die Rücksichtnahme. Die Erinnerung schert sich nicht um Rücksicht, übernimmt stattdessen Utas Bewusstsein. Aus dem schattigen Damals tritt die Begebenheit zurück auf die sommerliche Bühne des Heute.
Hector lehnt an einem Laternenmast, den linken Fuß vor den rechten gestellt. In ausgebeulten Manteltaschen graben seine Fäuste nach Wärme. Das Frühjahr hält sich für Herbst. Uta sieht ihn dort lehnen, den jungen Mann mit den bubenhaften Zügen. Die Szene mutet in ihrer tatsächlichen Unwirklichkeit schwarz-weiß an.
Ihre Schritte verlangsamen sich in der Betrachtung.
Hector sieht auf, als sie längst vor ihm steht.
Die Begrüßung passt sich den regenabweisenden Jacken vorbeihastender Passanten an.
„Komm.“ sagt Hector mühsam beherrscht und greift nicht nach ihrer Hand, wie in den verflogenen Monaten. Die Klarheit darüber, dass sie nicht erfahren will, sich nicht das Geringste verändern soll, erschlägt ihre Gegenwehr. Sie folgt.
Hectors Schritte lenken sie in eine mögliche Richtung. Trockene Worte stolpern in den zwischen ihnen gehaltenen Abstand.
„In einer anderen Zeit. Oder vielleicht nur unter anderen Umständen. Du weißt, ich bin ungeschickt mit Worten. Es war schön. Aber.“
Utas Hand will sich auf Hectors Arm legen. Ihr Verständnis möchte sie ausbreiten, ihn darin einhüllen, würde er dann nur aufhören zu sprechen. Ihr Wollen erstickt.
„Zu einer anderen Zeit. Du wärst die Liebe meines Lebens gewesen. Ich bin sicher. Es ist nur. Wie soll ich. Meine Einfälle werden dir nicht gerecht. Ich stehe am Spielfeldrand und sehe dir zu.“
Seine Schritte halten ein. Uta zieht das Cape, welches sie stets, zu jeder Jahreszeit und anstatt einer Jacke zu tragen pflegt, enger um den schmalen Körper. Ihre Hände wissen sonst nichts mit sich anzufangen.
„Es ist vorbei.“ murmelt Hectors trockene Stimme. Uta nickt und ist dankbar, als der junge Mann seine bubenhaften Züge abwendet.
Zwischen der Erinnerung und den überbelegten Regalen ist der Nachmittag leise fortgeschritten. Uta scheucht den Klang des Damals zurück in den Schatten, fährt mit einem Microfasertuch den Verkaufstresen entlang. Schrill macht sich die geöffnete Tür bemerkbar. Als Utas Schultern sichtbar zusammenzucken, lassen ihre Hände das Microfasertuch verschwinden.
Auf der anderen Seite der Stadt entscheidet Rabea sich für einen weinverhangenen Abend. Zu der Kühle des Sommers will Weißwein ebenso wenig passend erscheinen wie zu der Kälte der Küche im Landhausstil. Baltasar bevorzugt Weißwein. In seiner Abwesenheit stellt Rabea demonstrative Rotweingläser auf den Tisch vor der Balkontür. Für einen unscheinbaren Moment schleicht sich die Vermutung an sie heran, es könnte ein schöner Abend werden, würde sie Weißweingläser auf den Küchentisch stellen, dazu ein leichtes Essen. Die Vermutung verscheucht Rabea mit einem rauen Lachen, als sie die Straße betritt.
Das Kostüm der liebenden Ehefrau will ihr nicht stehen. Ungeduldig bahnen sich ihre Stiefel den Weg zwischen den heimkehrenden Büroangestellten hindurch. So sehr ist sie auf den eigenen Vorteil bedacht, dass ihr nicht einfällt, dem Kompromiss Platz zu schaffen. Der Abend klopft an die Pforten der Stadt. Wolkenbänder färben sich orange-rosa.
Hanno bemerkt die schnellen Schritte der blonden Frau zu spät. Schulter an Schulter stoßen sie auf dem belebten Bordstein zusammen. Rotwein kriecht in den Rinnstein. Die raue Stimme bricht fassungslos über Hanno herein.
„Hast du keine Augen im Kopf?“
Eisern halten Rabeas Hände an zwei unversehrten Weinflaschen fest. Die Wut über den zerflossenen Wein verzerrt ihre Gesichtszüge. Hanno sammelt neben dem Inhalt seiner Tasche seine Gedanken vom Boden auf.
„Es – entschuldigen - “
„Vergiss es!“ Rabea steigt fauchend über einen Taschenkalender hinweg.
Einen Augenblick sieht Hanno ihr nach, wehrt die helfende Hand eines Fremden dankend ab. Eilig setzt er seine Schritte fort. Ein unbemerkter Fleck spannt sich über die hemdsärmligen Karos.
Im Verborgenen ficht die Unsicherheit einen längst verlorenen Kampf. Eine Ahnung krallt sich in den Hemdkragen, nicht bereit ihren Griff zu lockern.
Wenige Wochen liegt der Tag zurück, an dem Hanno der verzweifelten Versuchung nachgibt. In einem vor unsichtbarem Schmutz starrenden Raum greift er nach der nächsten Hand. Einen letzten Versuch, sich aus dem eingemauerten Leben, das er sich unabsichtlich geschaffen hat, zu befreien, will er an diesem Tag unternehmen. Die Hand begegnet seiner Berührung freundlich, hält sich an ihm fest. Ein warmes Gefühl der Hoffnung durchflutet seinen kleinen Finger, breitet sich gänzlich über den Körper aus. Einige Stunden später, unter dem diffusen Licht einer Straßenlaterne, hält sich die Hand noch immer an Hanno fest. Er sieht in Augusts Gesicht und die Ahnung, die jetzt feste Krallen in seinen Hemdkragen schlägt, kriecht leise an seinem Bein empor. Die wenigen Wochen füllen sich mit sprachlosen Verabredungen. Auf ungezwungene Kinobesuche folgen Spaziergänge, die sich in Abende ausdehnen. Eine menschgewordene Phantasie, die Glück verheißt und Hoffnungen auslöscht.
August steht abweisend an verabredeter Stelle. Heute werden sich die Hände nicht halten. Der kalte Sommer legt unausweichliche Stille auf den vergehenden Tag. Hanno sucht nach einem Zeichen, das den Rest von Vertrauen rechtfertigt und findet nichts. Die Ahnung packt ihn fester. Ungleich setzen sie sich nebeneinander in Bewegung. Vor ihnen liegt die schweigende Wahrheit zwischen Kieselsteinen und Zigarettenkippen.
„Ich empfinde. Du bist widerlich.“ Die Tonlage duldet keinerlei Widerspruch und setzt den vergangenen Wochen ein unausgewogenes Ende. Die Gründe lässt August neben Hanno in der Dunkelheit stehen.
Schluss
Die Zeit verläuft sich, während die Erde sich behäbig dreht. Es ist der 22. Juni 1987. Der Tag, an dem Fred Astaire starb.
Davids Dachboden
Als ich das erste Mal neben deinem Bett stehe, kenne ich dich gemessen an einem Leben dreieinhalb Sekunden. Der Stapel Bücher auf der Heizung sticht mir die Augen aus.
Ich mag Menschen, die lesen. Denke ich. Und setze ein schiefes Lächeln auf.
Das mache ich immer so, wenn mir etwas gefällt. Ich habe das Lächeln studiert, könnte eine Akademie leiten.
Du liest gerne. Frage ich.
Dein Kopf schüttelt sich selbst.
In den Büchern liegen eingestaubte Lesezeichen. Das sehe ich jetzt. Wenigstens knickst du die Seiten nicht um.
Ich kaufe gern Bücher. Sagst du. Ein stiller Moment hängt zwischen Dielen und Decke. Du erklärst dich.
Im folgenden Jahr wirst du mir erzählen, dass du musstest, weil sich mein Lächeln gerade gerückt hat. Du mochtest es schief lieber.
Im Jetzt, als ich neben deinem Bett stehe, sagst du:
Buchhandlungen beruhigen mich. Nicht die großen, die zu einer Kette gehören. Die Kleinen, wo die Regale bis unter die Decke reichen. Einmal im Monat, durchschnittlich, suche ich nach einer kleinen Buchhandlung und verbringe den Tag dort. Am Ende des Tages kaufe ich ein Buch, manchmal zwei. Auf dem Weg nach Hause beginne ich zu lesen. Wenn die Geschichte mir gefällt, lege ich ein Lesezeichen hinein und das Buch auf den Stapel da drüben. Sobald das Jahr zu Ende ist, am 31. Dezember also, packe ich die Bücher in eine Kiste, schreibe die Jahreszahl darauf und bringe sie auf den Dachboden. Am 2. Januar kaufe ich neue Lesezeichen.
Meine Augen halten eng zusammen, als sie dich nach dem Warum fragen.
Ich ertrage das Ende einer Geschichte nicht. Sagst du.
In deiner Wohnung, das sehe ich am nächsten Morgen, stehen keine Regale. Im Flur hängt ein Schlüsselbord aus dem Baumarkt, an dem nur ein einziger Schlüssel baumelt. Dachboden steht über dem Haken.
Zeigst du ihn mir. Frage ich, als du Kaffee kochst.
Du sagst nicht Ja, nicht nein. Warum bist du geblieben. Fragst du stattdessen.
Darauf weiß ich nichts zu sagen als, weil ich es wollte.
Ich bin nicht daran gewöhnt, dass jemand bei mir bleibt und koche Kaffee stets nur für eine Person. Sagst du.
Dann nimmst du den Schlüssel vom Haken und winkst mir, dir zu folgen. Das Haus, indem du im zweiten Stock, Südseite, wohnst, ist alt. Die Treppenstufen erzählen knarrend Geschichten, als wir auf Zehenspitzen durch den Mietshausgeruch zum Dachboden schleichen und mit unseren Schritten Holzwürmer wecken.
Es ist Sonntag und es ist früh. Wir wollen die Nachbarn nicht stören und haben die Rücksichtnahme erfunden.
Auf der obersten Stufe drehst du dich zu mir um, als wolltest du dich vergewissern, dass meine Schritte Wirklichkeit und nicht das einsame Echo deiner eigenen waren. Du legst den Finger an die Lippen. Ich nicke und mache ein selbstverständliches Gesicht, obwohl ich dich laut küssen möchte.
Zwischen deinen Augenbrauen steht eine Falte, als du die Tür aufschließt, so als müsstest du dich überwinden.
Ich stehe zwischen zwanzig Kisten, 1989 lese ich auf derjenigen direkt zu meinen Füßen.
Das Jahr, in dem die Mauer fiel und mein Leben einstürzte. Sage ich zu den Wänden deines Dachbodens.
Du machst einen Schritt und die Kiste auf.
Welches Buch gleich oben auf lag, erinnere ich nicht mehr. Du nimmst meine Hand, als gäbe es nichts anderes zu tun, fest gehalten hast du mich. Du wüsstest, welches Buch uns an diesem Morgen aus 1989 angestarrt hat. Aber du bist nicht hier.
Stunden verbringen wir auf deinem Dachboden. Im Staub der Vormieter sitzen wir mit einer Gartenlaterne zwischen deinen Kisten. Ich lese dir vor. Solange bis die Wörter meine Stimme brechen und du schlafen kannst.
Wir leben Selbstverständlichkeiten in einem Rhythmus, den nur wir kennen. Die Zeit fließt, weil es das ist, wofür Zeit bestimmt ist.
Wann weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, es war ein Tag im Frühling, weil ich dein Niesen noch hören kann. Du hast Heuschnupfen und auf einer Wiese blüht ein Meer aus Löwenzahn. Wir bauen Regale in einer größeren Wohnung auf, jagen uns Holzsplitter in die linken Hände. Deine Bücher befreien wir aus ihren Kisten und kleben auf Folie gedruckte Jahreszahlen auf die Böden der Regale.
Die Gartenlaterne stellen wir auf den Balkon.
Ich lese dir vor, bis die Wörter in zur Hälfte gefüllten Weingläsern schwimmen und du schlafen kannst.
Der Dachboden bleibt staubig und unbesessen.
Die Küchenwand streichen wir eisblau und streiten über den Pinselstrich bis die Farbe trocknet.
An der Wand neben der Tür hängst du konserviert mit deinem Winterlächeln und erinnerst mich an Liebe.
Ich besuche dich nicht mehr oft.
Deine Bücher sind zurück in die Kisten verpackt. Unsere Freunde tragen sie schwitzend auf den Dachboden und mich fragen, ob ich sicher bin.
Ja. Lüge ich mit roten Wangen.
Die Regale baue ich ab und liege auf dem Küchenboden, während das eisblau schmilzt und du den Winter hinter Glas einfach davon lächelst.
Ich werfe Bücherweise Wörter nach dir und ertränke meine Stimme in Wein, lange bevor sie bricht. Erst mit schreiender Zurückhaltung, bald schon mit leiser Wut.
Dein Lächeln bleibt starr. Das Eisblau tropft und es wird Sommer.
Ich mag den Sommer nicht. Höre ich dich sagen. Er ist mir zu leicht.
Als ich dich finde, reitet die Hitze durch die Stadt.
2009 ist das Jahr, in dem ich einstürze und du das Ende der Geschichte nicht erträgst.
Ich mag Menschen, die lesen. Denke ich. Und setze ein schiefes Lächeln auf.
Das mache ich immer so, wenn mir etwas gefällt. Ich habe das Lächeln studiert, könnte eine Akademie leiten.
Du liest gerne. Frage ich.
Dein Kopf schüttelt sich selbst.
In den Büchern liegen eingestaubte Lesezeichen. Das sehe ich jetzt. Wenigstens knickst du die Seiten nicht um.
Ich kaufe gern Bücher. Sagst du. Ein stiller Moment hängt zwischen Dielen und Decke. Du erklärst dich.
Im folgenden Jahr wirst du mir erzählen, dass du musstest, weil sich mein Lächeln gerade gerückt hat. Du mochtest es schief lieber.
Im Jetzt, als ich neben deinem Bett stehe, sagst du:
Buchhandlungen beruhigen mich. Nicht die großen, die zu einer Kette gehören. Die Kleinen, wo die Regale bis unter die Decke reichen. Einmal im Monat, durchschnittlich, suche ich nach einer kleinen Buchhandlung und verbringe den Tag dort. Am Ende des Tages kaufe ich ein Buch, manchmal zwei. Auf dem Weg nach Hause beginne ich zu lesen. Wenn die Geschichte mir gefällt, lege ich ein Lesezeichen hinein und das Buch auf den Stapel da drüben. Sobald das Jahr zu Ende ist, am 31. Dezember also, packe ich die Bücher in eine Kiste, schreibe die Jahreszahl darauf und bringe sie auf den Dachboden. Am 2. Januar kaufe ich neue Lesezeichen.
Meine Augen halten eng zusammen, als sie dich nach dem Warum fragen.
Ich ertrage das Ende einer Geschichte nicht. Sagst du.
In deiner Wohnung, das sehe ich am nächsten Morgen, stehen keine Regale. Im Flur hängt ein Schlüsselbord aus dem Baumarkt, an dem nur ein einziger Schlüssel baumelt. Dachboden steht über dem Haken.
Zeigst du ihn mir. Frage ich, als du Kaffee kochst.
Du sagst nicht Ja, nicht nein. Warum bist du geblieben. Fragst du stattdessen.
Darauf weiß ich nichts zu sagen als, weil ich es wollte.
Ich bin nicht daran gewöhnt, dass jemand bei mir bleibt und koche Kaffee stets nur für eine Person. Sagst du.
Dann nimmst du den Schlüssel vom Haken und winkst mir, dir zu folgen. Das Haus, indem du im zweiten Stock, Südseite, wohnst, ist alt. Die Treppenstufen erzählen knarrend Geschichten, als wir auf Zehenspitzen durch den Mietshausgeruch zum Dachboden schleichen und mit unseren Schritten Holzwürmer wecken.
Es ist Sonntag und es ist früh. Wir wollen die Nachbarn nicht stören und haben die Rücksichtnahme erfunden.
Auf der obersten Stufe drehst du dich zu mir um, als wolltest du dich vergewissern, dass meine Schritte Wirklichkeit und nicht das einsame Echo deiner eigenen waren. Du legst den Finger an die Lippen. Ich nicke und mache ein selbstverständliches Gesicht, obwohl ich dich laut küssen möchte.
Zwischen deinen Augenbrauen steht eine Falte, als du die Tür aufschließt, so als müsstest du dich überwinden.
Ich stehe zwischen zwanzig Kisten, 1989 lese ich auf derjenigen direkt zu meinen Füßen.
Das Jahr, in dem die Mauer fiel und mein Leben einstürzte. Sage ich zu den Wänden deines Dachbodens.
Du machst einen Schritt und die Kiste auf.
Welches Buch gleich oben auf lag, erinnere ich nicht mehr. Du nimmst meine Hand, als gäbe es nichts anderes zu tun, fest gehalten hast du mich. Du wüsstest, welches Buch uns an diesem Morgen aus 1989 angestarrt hat. Aber du bist nicht hier.
Stunden verbringen wir auf deinem Dachboden. Im Staub der Vormieter sitzen wir mit einer Gartenlaterne zwischen deinen Kisten. Ich lese dir vor. Solange bis die Wörter meine Stimme brechen und du schlafen kannst.
Wir leben Selbstverständlichkeiten in einem Rhythmus, den nur wir kennen. Die Zeit fließt, weil es das ist, wofür Zeit bestimmt ist.
Wann weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, es war ein Tag im Frühling, weil ich dein Niesen noch hören kann. Du hast Heuschnupfen und auf einer Wiese blüht ein Meer aus Löwenzahn. Wir bauen Regale in einer größeren Wohnung auf, jagen uns Holzsplitter in die linken Hände. Deine Bücher befreien wir aus ihren Kisten und kleben auf Folie gedruckte Jahreszahlen auf die Böden der Regale.
Die Gartenlaterne stellen wir auf den Balkon.
Ich lese dir vor, bis die Wörter in zur Hälfte gefüllten Weingläsern schwimmen und du schlafen kannst.
Der Dachboden bleibt staubig und unbesessen.
Die Küchenwand streichen wir eisblau und streiten über den Pinselstrich bis die Farbe trocknet.
An der Wand neben der Tür hängst du konserviert mit deinem Winterlächeln und erinnerst mich an Liebe.
Ich besuche dich nicht mehr oft.
Deine Bücher sind zurück in die Kisten verpackt. Unsere Freunde tragen sie schwitzend auf den Dachboden und mich fragen, ob ich sicher bin.
Ja. Lüge ich mit roten Wangen.
Die Regale baue ich ab und liege auf dem Küchenboden, während das eisblau schmilzt und du den Winter hinter Glas einfach davon lächelst.
Ich werfe Bücherweise Wörter nach dir und ertränke meine Stimme in Wein, lange bevor sie bricht. Erst mit schreiender Zurückhaltung, bald schon mit leiser Wut.
Dein Lächeln bleibt starr. Das Eisblau tropft und es wird Sommer.
Ich mag den Sommer nicht. Höre ich dich sagen. Er ist mir zu leicht.
Als ich dich finde, reitet die Hitze durch die Stadt.
2009 ist das Jahr, in dem ich einstürze und du das Ende der Geschichte nicht erträgst.
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