"Stell dir mal vor, du sitzt auf einer Parkbank und plötzlich kommt ein Mann oder eine Frau, das ist im Grunde nicht wichtig, mit einer Waffe in der Tasche auf dich zu. Und stell dir vor, dieser Mensch - ich sag jetzt einfach mal Mensch, weil das Geschlecht ja egal ist - setzt sich neben dich, zieht die Mütze noch ein bisschen tiefer in die Stirn und bevor du dich fragen kannst, warum dieser Mensch eine Waffe in der Tasche hat, die würdest du nämlich zumindest erahnen, weil die Tasche eben waffenförmig ausgebeult wäre, und dann auch noch eine Mütze trägt, obwohl es mitten im Sommer ist und es überhaupt keinen vernünftigen Grund gibt, bei Temperaturen um 25 Grad eine Mütze zu tragen und sie dann auch noch ein bisschen tiefer in die Stirn zu ziehen. Stell dir das mal vor", sagt Alfred, den sie früher in der Schule "das Ekel" nannten, weil es diese Fernsehserie aus den siebziger Jahren in das kollektive Bewusstsein geschafft hatte.
Dabei ist Alfred gar kein Ekel, sondern einer dieser Menschen, die eine gewisse Gewöhnungszeit bei ihrem Gegenüber voraussetzen und sich als durchaus liebenswert herausstellen.
So ein Mensch ist Alfred, der jetzt mit seinem linken Zeh, dem großen, ein Loch in den Sand bohrt und ich hoffe, dass er nicht auf eine Glasscherbe stößt.
Denn dann würde Alfred zu bluten anfangen und Alfred kann kein Blut sehen, am allerwenigsten sein eigenes.
Er bohrt weiter im Sand und sagt: "Und dann stell dir vor, dieser Mensch mit der Waffe würde sagen, er will sterben, aber nicht alleine und deshalb sitzt er hier neben dir auf der Bank im Park und du stirbst jetzt eben mit ihm, weil Dinge zu zweit leichter gehen, selbst wenn man sich völlig fremd ist, auch das Sterben. Was machst du dann?"
Alfred stellt das im Sand bohren ein. Gerade noch rechtzeitig, denn zwischen den feinen Körnchen blitzt es gefährlich grün und wenig abgeschliffen.
Alfred sieht mich an.
"Du hast schon wieder diesen Blick." stellt er fest. "Diesen Blick, der sagt, du würdest mich am liebsten einweisen lassen."
Ich schüttle den Kopf.
Bestimmt käme ich nicht auf die Idee, Alfred einweisen zu lassen, nur weil ich mir nicht vorstellen will, wie mir ein Fremder mit zu tief ins Gesicht gezogener Mütze den eindringlichen Vorschlag macht, gemeinsam zu sterben.
Alfred formt mit der rechten Hand ein "L", stützt das Kinn auf, den Zeigefinger ordnet er parallel zu seinem Ohr an.
Das tut er stets, wenn es ihm schwer fällt, etwas zu glauben.
"Doch." sagt er.
Warum Alfred mein Freund wurde, weiß ich nicht mehr. Plötzlich war er da. Mit seinem rot-braun karierten Flanellhemd, über das er Hosenträger gespannt hatte. Mit seiner Art auf die Welt zu sehen und sich durch sie hindurch zu bewegen. Alfred war nie laut. Er wurde herum geschubst, unsere Klassenkameraden nahmen ihm seine Federtasche weg, rissen Seiten aus seinen Schulheften und stopften seine altbackene Jacke in den Mülleimer, in dem immer der Rest einer Bananenschale klebte. Aber Alfred hakte seine Daumen unter den Hosenträgern, die seinem Großvater - väterlicherseits, darauf bestand er - gehörten, ein und sagte sehr leise: "Ihr Wichte."
Ohne Ausrufezeichen, jedoch mit Nachdruck.
Er schrie nie und weinte auch nicht.
Irgendwann gaben die Anderen, die sich nicht zu schade waren, einen vermeintlich Schwächeren zu piesacken, auf.
"Also? Was würdest du dann machen?" fragt Alfred, als wäre der Gesprächsfaden nicht vor einer Viertelstunde abgerissen.
Das rot-braune Flanellhemd trägt er heute noch, allerdings nur zu besonderen Gelegenheiten. So wie jetzt.
Zwischen einem Glas Gewürzgurken, dreilagigem Toilettenpapier und dem seltsam angestrengten Blick des Kassieres, sagte Alfred gestern:
"Lass uns morgen ans Meer fahren. Mein großer Zeh möchte sich in den Sand bohren."
Alfred sagte nicht einfach "Lass uns dieses oder jenes tun." Nicht einmal, wenn wir alleine waren. Alfred hatte Gründe, dieses oder jenes zu tun und verstand es als selbstverständliches Gebot der Fairness, sein Gegenüber über eben diese Gründe aufzuklären.
Ich nickte. Als wir Hand in Hand den Supermarkt verließen, hörte ich den Kassierer in Gelächter ausbrechen.
"Du Wicht." dachte ich.
Alfred sah sich weder um, noch verstärkte sich der Druck seiner Hand. Das dreilagige Toilettenpapier schwang im Rhythmus seiner Schritte mit.
Nun saßen wir außerhalb der Saison an einem leer gefegten Nordseestrand und im Grunde war es viel zu kalt, als dass dort zu sitzen, mit den nackten Füßen im Sand zu bohren als eine gute Idee erscheinen wollte.
Wir machten Abitur, Alfred schnitt besser ab als ich, und gingen zum studieren nach Göttingen.
"Warum heißt es "man geht zum studieren in eine Stadt"? fragte Alfred, als wir den letzten Umzugskarton, der zur Hälfte mit den gesammelten Werken von Erich Kästner und zur Hälfte mit Superhelden-Bettwäsche gefüllt war, in den Sprinter stopften.
Ich zuckte die Schultern, weil ich keine plausible Antwort parat hatte und mich nach einem Moment der Ruhe sehnte.
Wir zogen in eine zweieinhalb Zimmer Wohnung, vor der Tür Kopfsteinpflaster und kauften einen Kanarienvogel.
Etwa ein halbes Jahr nach unserem Einzug, war der Vogel verschwunden.
"Eingesperrt sein ist nicht lebenswert." begründete Alfred die offene Käfigtür und ich lächelte.
"Beantwortest du mir jetzt meine Frage?" will Alfred am Strand sitzend wissen.
"Weißt du noch, der Kanarienvogel?" frage ich zurück.
Alfred streckt die Arme mit einer für ihn untypisch ausladenden Geste in Richtung Meer.
"Ja. Göttingen. Das Kopfsteinpflaster. Und natürlich erinnere ich mich an den Balduin."
Er sieht mich an.
"Du weichst mir aus." sagt er. Es klingt sachlich. Alfred ist nicht emotionslos. Nur Bekümmert sein hat er sich abgewöhnt.
Wir schlossen die Universität ab, Alfred hielt eine Rede im Büro des Dekans.
"Ich habe mich zu bedanken." hatte er sein Vorhaben begründet. Die Universität reagierte auf sein Ansinnen, eine Rede halten zu wollen, mit dem Hinweis, man sei in Deutschland und in Deutschland gelten andere Regeln als in den U.S.A. oder andernorts, wo nach dem Abschluss der Universität eben Reden gehalten würden.
"Zum Glück gelten in Deutschland andere Regeln, denn sonst müsste ich jeden Morgen die Nationalhymne pfeifen, obwohl ich Haydns Werk nicht ertrage." hatte Alfred geantwortet und sich einen Termin beim Dekan geben lassen.
Ein paar Jahre blieben wir in Göttingen, aber schließlich verluden wir die Umzugskartons erneut in einen Sprinter, verkauften den leeren Vogelkäfig und fuhren über ein Netz aus Asphalt nach Otterndorf.
"Diesmal kaufst du aber nicht wieder einen Vogel." sagte Alfred, als sei der Kanarienvogel allein meine Idee gewesen und als hätte ich das Tier 'Balduin' getauft.
Unser Haus steht ein wenig windschief und die Laterne auf der gegenüberliegenden Seite wirft einen warmen Schein in das Wohnzimmer, wenn es im Herbst früher dunkel zu werden beginnt.
"Lass die Vorhänge doch offen. Ich mag das Licht." sagte Alfred als ich die gerade angebrachten Gardinen hatte zuziehen wollen. Vor dreißig Jahren waren Vorhänge noch weiß und Alfreds Haar schwarz.
Am Strand wird es kalt.
"Mats?" fragt Alfred.
Er nennt mich selten beim Namen.
"Ich weiß nicht, was ich dann täte." sage ich.
"Und wenn ich das wäre, der dich fragt, weil zu zweit alles leichter geht?"
Alfred sieht aufs Meer, das da im Halbdunkel vor uns liegt und ich verstärke den Druck meiner Hand, die seine umschlossen hält.
Montag, 15. August 2016
Dienstag, 26. Juli 2016
Und Abends ein Pfannkuchen mit Hegel
"Noch ein Glas Wein?" frage ich Hegel, als ich die Erdnussbutter über den Tisch reiche. Hegel isst seine Pfannkuchen lieber süß als salzig und am liebsten mit Erdnussbutter bestrichen. Zimt und Zucker dagegen mag er gar nicht.
Einmal wöchentlich, Donnerstags nämlich, essen Hegel und ich Pfannkuchen und trinken Rotwein; die Flasche hat stets ein ansehnliches Etikett. Ansehnlich zu sagen habe ich mir angewöhnt, weil Hegel bei dem Gebrauch des Wortes "hübsch" kleine rote Punkte auf der Nasenspitze bekommt, drei nebeneinander liegende, die sich zwar nicht berühren, aber fürchterlich jucken.
Hegel, den ich heimlich Fridel nenne, weil sein dritter Vorname Friedich lautet, nickt, während er gleichmäßig Erdnussbutter auf seinem Pfannkuchen und dem Rand des Tellers verteilt. Hegel sieht nicht mehr besonders gut und so kann es schon einmal vorkommen, dass er den Rand des Tellers versehentlich für Pfannkuchen hält.
Im Laufe der Wochen ist unser gemeinsames Nachtmahl zu Pfannkuchen und Wein geschrumpft.
Zu Beginn der Zusammenkünfte war die Tafel reich gedeckt. Neben gerührten Eiern fanden sich Croissants sowie verschieden Käsesorten. Ausschließlich der Orangensaft, welcher bei einem guten Frühstück in einer gesetzten Pension, stets in einer Karaffe zwischen Kaffee und Tee seinen Platz findet, fehlte.
Hegel und ich waren übereingekommen, dass Orangensaft bei einem am Abend eingenommenen Frühstück überhaupt nichts zu suchen habe.
"Der Säure wegen." hatte Hegel gesagt und sich den Bauch gerieben.
Es ist der dritte Donnerstag im Juli, über der Stadt färbt der Sommer die Luft in stickige Wolken. Hegel trinkt Wein, dreht aber nicht wie gewöhnlich die Flasche, um sich des ansehnlichen Etiketts zu versichern, sondern wischt über den Bildschirm seines Tablets. In der Bewegung liegt keine Hektik, wohl aber Unzufriedenheit.
"Stimmt etwas nicht?" frage ich. Hegel legt die Stirn in Falten, kneift die Augen derart zusammen, dass sich seine Tränensäckchen protestierend anheben.
"Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen." sagt Hegel und schüttelt den Kopf.
Hegel verzweifelt regelmäßig an der virtuellen Welt.
"Leg das Internet weg, Hegel." sage ich und zerteile meinen Pfannkuchen in drei verschieden große Dreiecke.
Hegel hört nicht auf mich. Das tut er nie.
Unwirsch wischt sein Finger über das Tablet, während die Erdnussbutter auf dem abkühlenden Pfannkuchen zu schwitzen beginnt.
Hegel schnaubt. Schwitzende Erdnussbutter mag er fast genauso wenig wie Zimt und Zucker.
"Leg das Internet weg." wiederhole ich.
Die Dämmerung setzt ein, als sich Hegel entschließt, einen Kreis in die Mitte seines Pfannkuchens zu schneiden. Er folgt einem Muster. Sorgfältig arbeitet er sich vom Innersten der Dinge zu ihrem Rand vor.
Hegels Vorgehen hat Methode. Obwohl er ein Romantiker hätte sein müssen, bestimmt ihn die Vernunft.
"Die Zusammenhänge zu betrachten, ist unabdingbar." sagt Hegel, schüttelt erneut den verzweifelten Kopf.
"Und nur was vernünftig ist, ist lebensfähig." fährt er fort. Die trüben Augen streifen das Tablet.
"Das," sagt er und nickt dem Gerät zu, "ist nicht vernünftig."
"Es ist das Internet." sage ich schulterzuckend.
Oft habe ich den Versuch unternommen, Hegel zu erklären, dass die virtuelle Welt nichts mit Vernunft zu tun haben kann. Hegel hält regelmäßig dagegen, zumeist zwischen dem vierten Pfannkuchen und dem dritten Glas Wein, dass die Vernunft sich nicht aus einer Welt heraushalten könne, geschweige denn dürfe.
Schließlich, stellt er dann fest, seien Virtualität und Realität symbiotisch miteinander verbunden. Mehr noch trete das Virtuelle über seine Grenzen in das Reale.
"Es muss dir aber doch einleuchten", sage ich, "dass die Vernunft in nahezu absolutem Widerspruch zu dem emotionalen Gefüge der Menschen steht."
"Emotionalität," schnaubt Hegel verächtlich, "hat keinen Platz in einer Auseinandersetzung."
"Nun, dann ist ein verächtliches Schnauben nicht sehr diskussionswürdig, nicht wahr?" gebe ich zurück.
Hegel legt die Stirn in Falten und seufzt.
"Gehen wir davon aus", nimmt er erneut Anlauf, "dass jeder vorgebrachte Gedanke, Widerspruch hervor ruft. Nehmen wir weiter an, dass je heftiger eine These vertreten wird, desto größer wird der Widerstand sein."
"Das", unterbreche ich, "ist gemessen an der heutigen Zeit ein wenig tröstlicher Gedanke."
"Nur insofern, als dass die Menschen verlernen den Austausch zu pflegen, denn entstehen zwei diametral entgegengesetzte Gedanken, was unweigerlich geschieht, braucht es einen dritten Gedanken, der aus beiden Standpunkten das Beste zu bewahren vermag und die Spannung so auflöst."
Hegel lehnt sich zufrieden zurück, nippt an seinem Weinglas, nickt sich selbst zu.
"Was aber", wende ich ein, "wenn einer der beiden Gedanken nichts, wirklich nichts, Gutes an sich hat? Oder was aber, wenn wir nicht zu erkennen vermögen, was vernünftig ist?"
"Dann muss die Geschichte zeigen, was das Vernünftige ist." sagt Hegel, überzeugt die Fragestellung zufriedenstellend beantwortet zu haben.
"In der Geschichte finden sich mannigfaltig Beispiele für die Unvernunft der Menschen, meinst du nicht?"
Hegel kratzt mit dem Messer die Erdnussbutter vom Rand seines Tellers.
"Durchaus." gibt er zu. "Und doch hat das Unvernünftige keinen Bestand."
"Es sind also Phasen, die wir ertragen müssen?" vergewissere ich mich.
Hegel schüttelt den Kopf.
"Es ist simpel." sagt er.
Hegel zerlegt die Welt gern in simple Theorie.
"So?" wundere ich mich.
"Ist eine Situation dem Anschein nach verfahren, so muss sich eine Veränderung einstellen. Mir den Kopf an der Frage zu zerbrechen, ob eine solche Veränderung positiv oder negativ zu beurteilen ist, ist meine Sache nicht."
Hegel leert sein Glas in einem Zug, erhebt sich schwerfällig.
"Packst du mir noch einen Pfannkuchen für die Busfahrt ein?" fragt er und lässt mich verwundert unter der gedimmten Deckenlampe stehen.
Einmal wöchentlich, Donnerstags nämlich, essen Hegel und ich Pfannkuchen und trinken Rotwein; die Flasche hat stets ein ansehnliches Etikett. Ansehnlich zu sagen habe ich mir angewöhnt, weil Hegel bei dem Gebrauch des Wortes "hübsch" kleine rote Punkte auf der Nasenspitze bekommt, drei nebeneinander liegende, die sich zwar nicht berühren, aber fürchterlich jucken.
Hegel, den ich heimlich Fridel nenne, weil sein dritter Vorname Friedich lautet, nickt, während er gleichmäßig Erdnussbutter auf seinem Pfannkuchen und dem Rand des Tellers verteilt. Hegel sieht nicht mehr besonders gut und so kann es schon einmal vorkommen, dass er den Rand des Tellers versehentlich für Pfannkuchen hält.
Im Laufe der Wochen ist unser gemeinsames Nachtmahl zu Pfannkuchen und Wein geschrumpft.
Zu Beginn der Zusammenkünfte war die Tafel reich gedeckt. Neben gerührten Eiern fanden sich Croissants sowie verschieden Käsesorten. Ausschließlich der Orangensaft, welcher bei einem guten Frühstück in einer gesetzten Pension, stets in einer Karaffe zwischen Kaffee und Tee seinen Platz findet, fehlte.
Hegel und ich waren übereingekommen, dass Orangensaft bei einem am Abend eingenommenen Frühstück überhaupt nichts zu suchen habe.
"Der Säure wegen." hatte Hegel gesagt und sich den Bauch gerieben.
Es ist der dritte Donnerstag im Juli, über der Stadt färbt der Sommer die Luft in stickige Wolken. Hegel trinkt Wein, dreht aber nicht wie gewöhnlich die Flasche, um sich des ansehnlichen Etiketts zu versichern, sondern wischt über den Bildschirm seines Tablets. In der Bewegung liegt keine Hektik, wohl aber Unzufriedenheit.
"Stimmt etwas nicht?" frage ich. Hegel legt die Stirn in Falten, kneift die Augen derart zusammen, dass sich seine Tränensäckchen protestierend anheben.
"Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen." sagt Hegel und schüttelt den Kopf.
Hegel verzweifelt regelmäßig an der virtuellen Welt.
"Leg das Internet weg, Hegel." sage ich und zerteile meinen Pfannkuchen in drei verschieden große Dreiecke.
Hegel hört nicht auf mich. Das tut er nie.
Unwirsch wischt sein Finger über das Tablet, während die Erdnussbutter auf dem abkühlenden Pfannkuchen zu schwitzen beginnt.
Hegel schnaubt. Schwitzende Erdnussbutter mag er fast genauso wenig wie Zimt und Zucker.
"Leg das Internet weg." wiederhole ich.
Die Dämmerung setzt ein, als sich Hegel entschließt, einen Kreis in die Mitte seines Pfannkuchens zu schneiden. Er folgt einem Muster. Sorgfältig arbeitet er sich vom Innersten der Dinge zu ihrem Rand vor.
Hegels Vorgehen hat Methode. Obwohl er ein Romantiker hätte sein müssen, bestimmt ihn die Vernunft.
"Die Zusammenhänge zu betrachten, ist unabdingbar." sagt Hegel, schüttelt erneut den verzweifelten Kopf.
"Und nur was vernünftig ist, ist lebensfähig." fährt er fort. Die trüben Augen streifen das Tablet.
"Das," sagt er und nickt dem Gerät zu, "ist nicht vernünftig."
"Es ist das Internet." sage ich schulterzuckend.
Oft habe ich den Versuch unternommen, Hegel zu erklären, dass die virtuelle Welt nichts mit Vernunft zu tun haben kann. Hegel hält regelmäßig dagegen, zumeist zwischen dem vierten Pfannkuchen und dem dritten Glas Wein, dass die Vernunft sich nicht aus einer Welt heraushalten könne, geschweige denn dürfe.
Schließlich, stellt er dann fest, seien Virtualität und Realität symbiotisch miteinander verbunden. Mehr noch trete das Virtuelle über seine Grenzen in das Reale.
"Es muss dir aber doch einleuchten", sage ich, "dass die Vernunft in nahezu absolutem Widerspruch zu dem emotionalen Gefüge der Menschen steht."
"Emotionalität," schnaubt Hegel verächtlich, "hat keinen Platz in einer Auseinandersetzung."
"Nun, dann ist ein verächtliches Schnauben nicht sehr diskussionswürdig, nicht wahr?" gebe ich zurück.
Hegel legt die Stirn in Falten und seufzt.
"Gehen wir davon aus", nimmt er erneut Anlauf, "dass jeder vorgebrachte Gedanke, Widerspruch hervor ruft. Nehmen wir weiter an, dass je heftiger eine These vertreten wird, desto größer wird der Widerstand sein."
"Das", unterbreche ich, "ist gemessen an der heutigen Zeit ein wenig tröstlicher Gedanke."
"Nur insofern, als dass die Menschen verlernen den Austausch zu pflegen, denn entstehen zwei diametral entgegengesetzte Gedanken, was unweigerlich geschieht, braucht es einen dritten Gedanken, der aus beiden Standpunkten das Beste zu bewahren vermag und die Spannung so auflöst."
Hegel lehnt sich zufrieden zurück, nippt an seinem Weinglas, nickt sich selbst zu.
"Was aber", wende ich ein, "wenn einer der beiden Gedanken nichts, wirklich nichts, Gutes an sich hat? Oder was aber, wenn wir nicht zu erkennen vermögen, was vernünftig ist?"
"Dann muss die Geschichte zeigen, was das Vernünftige ist." sagt Hegel, überzeugt die Fragestellung zufriedenstellend beantwortet zu haben.
"In der Geschichte finden sich mannigfaltig Beispiele für die Unvernunft der Menschen, meinst du nicht?"
Hegel kratzt mit dem Messer die Erdnussbutter vom Rand seines Tellers.
"Durchaus." gibt er zu. "Und doch hat das Unvernünftige keinen Bestand."
"Es sind also Phasen, die wir ertragen müssen?" vergewissere ich mich.
Hegel schüttelt den Kopf.
"Es ist simpel." sagt er.
Hegel zerlegt die Welt gern in simple Theorie.
"So?" wundere ich mich.
"Ist eine Situation dem Anschein nach verfahren, so muss sich eine Veränderung einstellen. Mir den Kopf an der Frage zu zerbrechen, ob eine solche Veränderung positiv oder negativ zu beurteilen ist, ist meine Sache nicht."
Hegel leert sein Glas in einem Zug, erhebt sich schwerfällig.
"Packst du mir noch einen Pfannkuchen für die Busfahrt ein?" fragt er und lässt mich verwundert unter der gedimmten Deckenlampe stehen.
Dienstag, 12. Juli 2016
Der Holztisch
Albert sitzt an einem Tisch, der ihm ebenso wenig gefällt wie sein Name.
Seit 53 Jahren und 11 Monaten leidet Albert. Nicht an dem Tisch, welcher nicht länger als 2 Jahre und 4 Wochen in der viel zu kleinen Küche Platz gefunden hat. Die Küche ist schlauchförmig. Daher passt ein runder Tisch, selbst ein hölzerner, nicht hinein. Sondern unter seinem Namen. Albert. Als sei er albern. Er ist ein äußerst ernsthafter Mensch.
Da seinen Eltern darauf bestanden, dass er den Familienbetrieb übernähme, eine Metzgerei, die Metzgerei Altmann, musste er zwar auf das Universitätsstudium verzichten, bildet sich jedoch fleißig fort. Zumindest liest er regelmäßig, nämlich wöchentlich, eine Zeitung. Albert Altmann findet es unnötig, die Tageszeitungen zu bemühen, wenn es doch Wochenzeitungen gibt. Information überlebt sich nicht und die Gesellschaft wandelt sich derart langsam, dass es auf das Tagesgeschehen wahrlich nicht ankommt.
So sieht Albert Altmann die Welt von seinem ungeliebten Tisch aus.
An diesem Morgen, da er in der Küche sitzt, die Wochenzeitung noch unberührt neben seinem Teller liegt, köpft Albert Altmann sein Frühstücksei.
Er köpft seine Frühstückseier stets. Es seien schließlich Eier und keine Trommeln, weswegen nicht einzusehen sei, die Schale mit dem Löffel anzuschlagen, pflegt er zu sagen und fügt beiläufig hinzu, außerdem sei es nur recht und billig, was ein Tier hätte werden können auch zu köpfen, wollte man es verzehren.
Albert Altmann fügt gerne beiläufig Nachsätze hinzu, die seine Zuhörerschaft angemessen schockiert zurücklassen. Das liegt daran, dass er sich mit aller Macht gegen die Albernheit seines Namens zu wehren versucht. Dass sein Name im Gegenteil die Bedeutung "vornehm" oder auch "glänzend" hat, ist ihm, dem ernsthaften Herrn Altmann, bisher entgangen. Zu beschäftigt ist er, die Wochenzeitung zu lesen. Und schließlich wurde ihm das höhere Studium verwehrt.
An diesem Morgen, den seine Frau als warm beschreibt, köpft Albert Altmann sein Frühstücksei und verdreht die Augen.
"Isabelle", sagt er, während er mitleidig den Kopf schüttelt, "wie sollte ein Morgen im August denn auch nicht warm sein? Der August ist ein Sommermonat. Da sind die Morgende und Abende warm. Am Nachmittag wird es sogar heiß werden. Es ist eben August."
Albert seufzt tief, rückt das schmale Brillengestell, welches nicht zu seinem grobschlächtigen Gesicht passen möchte, zurecht und greift nach der Wochenzeitung.
Auf dem Tischtuch versammeln sich Brotkrümel.
Alberts Gesichtszüge waren früher genauso wenig grobschlächtig wie sein Wesen.
Der junge Albert Altmann trug Fliege und lud Isabelle zu Tanzveranstaltungen ein. Blickt sie auf die Fotografien, erfasst sie für gewöhnlich eine durchdringende Wehmut. Das Gewöhnliche steht ihr und so lässt sie es bei einem kurzen Moment bewenden. Heute, an diesem warmen Morgen im August, einem Sommermonat, liegen nicht nur ihre sonst sorgsam zu einem Knoten geschlungen Haare glatt über den Schultern, sondern die Dinge anders.
Isabelle ist bereit einen Versuch, von dem sie weiß, es wird der letzte sein, zu unternehmen.
"Albert", sagt sie fast ein wenig zu leise, als hoffe sie doch, er möge sie nicht hören, "ich unternehme eine Reise."
Die Wochenzeitung in den inzwischen druckergeschwärzten Metzgershänden knistert.
Albert Altmann hebt langsam den Kopf, betrachtet seine Frau ausführlich über den Rand seiner Brille.
Seine Antwort ist kurz, ein Widerspruch undenkbar. Isabelle widerspricht ihm seit 34 Jahren und 1 Woche nicht.
"Nein."
Durch das Küchenfenster weht ein vorwitziger Sommerwind herein. Die versammelten Krümel tanzen auf dem Tischtuch.
Albert verabscheut den hölzernen Tisch so sehr, dass er auf einem Tischtuch besteht.
Das Tuch hat weiß und gebügelt zu sein.
Firlefanz wie einen Spitzenbesatz verbittet er sich.
Seine Frau wankt nicht. Lange hat sie über diesen Schritt, der ihr als einziger möglich scheint, nachgedacht.
"Ich unternehme eine Reise." sagt Isabelle und fügt, ganz nach Alberts Manier beiläufig hinzu "wie lange ich fort sein werde, weiß ich nicht."
Albert Altmanns Gesicht wechselt die Farbe. Feine Adern auf den Wangen röten die Haut zwischen den großen Poren. Die Wochenzeitung fällt zu Boden.
Ungläubig blickt er seine Frau an, wie sie dort steht, die Arme vor der Brust verschränkt, als wäre ihr kühl.
"Du kannst keine Reise unternehmen. Wo willst du denn auch hin?" stößt Albert durch gefletschte Zähne hervor.
Die Küchenuhr schlägt einen ungewohnten Rhythmus, während Isabelle das Geschirr zur Spüle trägt.
In ihrem Rücken spürt sie die massige Gestalt ihres Mannes.
"Zunächst fahre ich aus der Stadt. Das halte ich für einen guten Anfang. Jede Reise beginnt mit einem Anfang. Das Ziel dagegen steht noch nicht fest."
Die Worte fallen langsam in den Siphon. Auf Albert Altmanns rechter Wange, knapp unter dem Auge, platzt unauffällig eine Ader.
"Ausgeschlossen." sagt er, lehnt den Oberkörper an der Rundung des Tisches vorbei nach vorne und hebt die Wochenzeitung vom Boden auf.
"Absolut ausgeschlossen."
Im Takt der Küchenuhr vollführt Isabelle eine bedächtige Drehung, der es unter anderen Umständen nicht an Eleganz gefehlt hätte.
Ihren Blick heftet sie auf die Schlagzeilen des Feuilleton.
"Ich unternehme eine Reise. Auf unbestimmte Zeit. Denn, Albert, du bist mir, was dieser hölzerne Tisch dir ist. Nur kann ich dich nicht mit einem weißen und gebügelten Tuch verdecken." sagt Isabelle mit einer für sie ungewöhnlichen Gelassenheit.
Dann geht sie und lässt einen angemessen schockierten Albert Altmann an seinem ungeliebten Tisch zurück.
Seit 53 Jahren und 11 Monaten leidet Albert. Nicht an dem Tisch, welcher nicht länger als 2 Jahre und 4 Wochen in der viel zu kleinen Küche Platz gefunden hat. Die Küche ist schlauchförmig. Daher passt ein runder Tisch, selbst ein hölzerner, nicht hinein. Sondern unter seinem Namen. Albert. Als sei er albern. Er ist ein äußerst ernsthafter Mensch.
Da seinen Eltern darauf bestanden, dass er den Familienbetrieb übernähme, eine Metzgerei, die Metzgerei Altmann, musste er zwar auf das Universitätsstudium verzichten, bildet sich jedoch fleißig fort. Zumindest liest er regelmäßig, nämlich wöchentlich, eine Zeitung. Albert Altmann findet es unnötig, die Tageszeitungen zu bemühen, wenn es doch Wochenzeitungen gibt. Information überlebt sich nicht und die Gesellschaft wandelt sich derart langsam, dass es auf das Tagesgeschehen wahrlich nicht ankommt.
So sieht Albert Altmann die Welt von seinem ungeliebten Tisch aus.
An diesem Morgen, da er in der Küche sitzt, die Wochenzeitung noch unberührt neben seinem Teller liegt, köpft Albert Altmann sein Frühstücksei.
Er köpft seine Frühstückseier stets. Es seien schließlich Eier und keine Trommeln, weswegen nicht einzusehen sei, die Schale mit dem Löffel anzuschlagen, pflegt er zu sagen und fügt beiläufig hinzu, außerdem sei es nur recht und billig, was ein Tier hätte werden können auch zu köpfen, wollte man es verzehren.
Albert Altmann fügt gerne beiläufig Nachsätze hinzu, die seine Zuhörerschaft angemessen schockiert zurücklassen. Das liegt daran, dass er sich mit aller Macht gegen die Albernheit seines Namens zu wehren versucht. Dass sein Name im Gegenteil die Bedeutung "vornehm" oder auch "glänzend" hat, ist ihm, dem ernsthaften Herrn Altmann, bisher entgangen. Zu beschäftigt ist er, die Wochenzeitung zu lesen. Und schließlich wurde ihm das höhere Studium verwehrt.
An diesem Morgen, den seine Frau als warm beschreibt, köpft Albert Altmann sein Frühstücksei und verdreht die Augen.
"Isabelle", sagt er, während er mitleidig den Kopf schüttelt, "wie sollte ein Morgen im August denn auch nicht warm sein? Der August ist ein Sommermonat. Da sind die Morgende und Abende warm. Am Nachmittag wird es sogar heiß werden. Es ist eben August."
Albert seufzt tief, rückt das schmale Brillengestell, welches nicht zu seinem grobschlächtigen Gesicht passen möchte, zurecht und greift nach der Wochenzeitung.
Auf dem Tischtuch versammeln sich Brotkrümel.
Alberts Gesichtszüge waren früher genauso wenig grobschlächtig wie sein Wesen.
Der junge Albert Altmann trug Fliege und lud Isabelle zu Tanzveranstaltungen ein. Blickt sie auf die Fotografien, erfasst sie für gewöhnlich eine durchdringende Wehmut. Das Gewöhnliche steht ihr und so lässt sie es bei einem kurzen Moment bewenden. Heute, an diesem warmen Morgen im August, einem Sommermonat, liegen nicht nur ihre sonst sorgsam zu einem Knoten geschlungen Haare glatt über den Schultern, sondern die Dinge anders.
Isabelle ist bereit einen Versuch, von dem sie weiß, es wird der letzte sein, zu unternehmen.
"Albert", sagt sie fast ein wenig zu leise, als hoffe sie doch, er möge sie nicht hören, "ich unternehme eine Reise."
Die Wochenzeitung in den inzwischen druckergeschwärzten Metzgershänden knistert.
Albert Altmann hebt langsam den Kopf, betrachtet seine Frau ausführlich über den Rand seiner Brille.
Seine Antwort ist kurz, ein Widerspruch undenkbar. Isabelle widerspricht ihm seit 34 Jahren und 1 Woche nicht.
"Nein."
Durch das Küchenfenster weht ein vorwitziger Sommerwind herein. Die versammelten Krümel tanzen auf dem Tischtuch.
Albert verabscheut den hölzernen Tisch so sehr, dass er auf einem Tischtuch besteht.
Das Tuch hat weiß und gebügelt zu sein.
Firlefanz wie einen Spitzenbesatz verbittet er sich.
Seine Frau wankt nicht. Lange hat sie über diesen Schritt, der ihr als einziger möglich scheint, nachgedacht.
"Ich unternehme eine Reise." sagt Isabelle und fügt, ganz nach Alberts Manier beiläufig hinzu "wie lange ich fort sein werde, weiß ich nicht."
Albert Altmanns Gesicht wechselt die Farbe. Feine Adern auf den Wangen röten die Haut zwischen den großen Poren. Die Wochenzeitung fällt zu Boden.
Ungläubig blickt er seine Frau an, wie sie dort steht, die Arme vor der Brust verschränkt, als wäre ihr kühl.
"Du kannst keine Reise unternehmen. Wo willst du denn auch hin?" stößt Albert durch gefletschte Zähne hervor.
Die Küchenuhr schlägt einen ungewohnten Rhythmus, während Isabelle das Geschirr zur Spüle trägt.
In ihrem Rücken spürt sie die massige Gestalt ihres Mannes.
"Zunächst fahre ich aus der Stadt. Das halte ich für einen guten Anfang. Jede Reise beginnt mit einem Anfang. Das Ziel dagegen steht noch nicht fest."
Die Worte fallen langsam in den Siphon. Auf Albert Altmanns rechter Wange, knapp unter dem Auge, platzt unauffällig eine Ader.
"Ausgeschlossen." sagt er, lehnt den Oberkörper an der Rundung des Tisches vorbei nach vorne und hebt die Wochenzeitung vom Boden auf.
"Absolut ausgeschlossen."
Im Takt der Küchenuhr vollführt Isabelle eine bedächtige Drehung, der es unter anderen Umständen nicht an Eleganz gefehlt hätte.
Ihren Blick heftet sie auf die Schlagzeilen des Feuilleton.
"Ich unternehme eine Reise. Auf unbestimmte Zeit. Denn, Albert, du bist mir, was dieser hölzerne Tisch dir ist. Nur kann ich dich nicht mit einem weißen und gebügelten Tuch verdecken." sagt Isabelle mit einer für sie ungewöhnlichen Gelassenheit.
Dann geht sie und lässt einen angemessen schockierten Albert Altmann an seinem ungeliebten Tisch zurück.
Montag, 4. Juli 2016
Herr Habel schreit
Als am 14. März 1969 Josef Bachmann zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wird, ist Frank Habel gerade ein paar Stunden alt und brüllt ungehindert die Säuglingsstation des St. Anna Hospitals in Herne nieder, während seine Mutter mit unerkannten, wie schweren postnatalen Depressionen kämpft.
Frank wächst in dem Bewusstsein auf, dass Schreien ihm nichts weiter einbringt als eine "Auszeit" im Keller oder einen hochroten Kopf oder beides. Also lässt Frank das Schreien und sich empören schon sehr früh.
Als er im Alter von elf oder zwölf Jahren ist, zuckt er nicht einmal mehr resigniert mit den Schultern, wenn sein Großvater, den jeder, selbst der Postbote, "Oppa" nennt sagt: "Dein Geburtstag, Frank das ist der Tag, an dem sie den Dutschke-Attentäter weggesperrt haben." Oppa, weshalb Frank sich daran stört, dass der alte Mann mit der Pfeife im rechten Mundwinkel eben so genannt wird und nicht Großvater, Herr Habel oder Gustav, spricht reines Hochdeutsch, wie es sonst nur in Hannover zu hören ist.
Aber weil Herne im Pott liegt, sagen die Menschen hier Oppa zu Gustav Habel.
Frank schreit deswegen nicht auf. Er würde ja höchstens einen roten Kopf bekommen.
Stattdessen spielt er Fangen und Verstecken, wie normale Jungs in seinem Alter das eben so tun.
Er starrt verstohlen durch das Loch in der dünnen Wand der Turnhallenumkleidekabine, das Torsten dort hinein gebohrt hat, hinüber zu den Mädchen.
Auf den Anblick eines Busenansatzes wartet Frank vergeblich und als ihn in einem Spätsommer, gleich nach den großen Ferien, die Rektorin und Sportlehrerin der Gesamtschule an den Ohren aus der Umkleidekabine der Turnhalle zerrt, schreit Frank zwar nicht, beschließt aber den Kopf von nun an besser gesenkt und sich von Torsten fern zu halten.
Frank bedauert das ein wenig, weil Torsten sein einziger und damit zwangsläufig bester Freund ist, abgesehen von dem altersschwachen Pudel der Familie Habel, den Frank heimlich in seinem Bett schlafen lässt.
Als am 8. Juni 1986 die Polizei den Hamburger Kessel schließt, sitzt Frank am Rhein-Herne-Kanal und hört Sabine, die von allen Sapse gerufen wird, obwohl sie das nicht ausstehen kann, zu, wie sie davon spricht, dass sie eben nicht Sapse gerufen werden will und dass nichts auf der Welt mehr Bedeutung hat als der Respekt für einander.
Frank kann sich nicht daran erinnern, wie er Sabine, die er still und wenn er für sich ist Biene nennt, davon überzeugt hat, mit ihm am Kanal zu sitzen.
Er mag, wie ihre Stimme klingt und dass sie ihn nicht auf sein ungewaschenes Haar oder sein pusteliges Gesicht anspricht. Und während Sabine von Respekt spricht, fängt es zu regnen an. Frank zieht aus seiner Umhängetasche, für die ihn alle anderen stets verlachen, die er aber praktisch findet, einen Regenschirm und sagt: "Hast du gewusst, dass unsere Vornamen 1969 auf Platz fünf der beliebtesten Vornamen in Deutschland waren?"
Im selben Moment kommt er sich ganz besonders dumm vor und das bisschen aknefreie Haut gleicht sich dem Rotton der Pusteln an, aber Sabine drückt seine Hand und sagt ganz leise in Richtung des Kanals: "Du bist komisch. Aber süß."
Da weiß Frank, 17-jährig am Kanal sitzend, dass er verliebt ist und Sabine heiraten wird.
Seine Haut bessert sich je älter er wird und an einem lauwarmen Tag im Frühling, steckt Frank einen Ring in eine Kugel Vanilleeis, weil das Sabines, die er jetzt auch laut Biene nennt, liebstes Eis ist, bevor er sie von Zuhause abholt.
Das Eis ist fast geschmolzen, Sabine steht schon ungeduldig im Vorgarten ihres Elternhauses.
Frank streckt ihr das Eis entgegen, in dem der schmale Ring schwimmt und sagt: "Verschluck dich nicht."
Dann kramt er allen Mut aus der Hemdtasche und fragt: "Willst du mich heiraten?"
Sabine, die sich einen Heiratsantrag vielleicht etwas romantischer oder geplanter vorgestellt hätte, findet ein Picknick am Kanal wäre nett gewesen, gefällt der Ring, der in dem fast geschmolzenen Eis schwimmt. Deshalb sagt sie: "Du bist komisch. Aber süß. Ja."
Frank wirbelt sie durch den Vorgarten, zertritt aus Versehen und Freude einige gelbe Stiefmütterchen und schreit mit hochrotem Kopf: "Sie hat 'Ja' gesagt." obwohl ihn außer Sabine niemand hören kann.
An diesem Tag, als Sabine "Ja" sagt, ist Frank 21 Jahre alt, bestimmt ihn das Gefühl, er habe sein ganzes Leben noch vor sich und erklärt Estland sich zur Republik.
Frank denkt nicht viel über politische Zusammenhänge oder die Hochzeitsplanung nach.
Als Sabine ihm die Kosten vorrechnet, mit dem Vermerk, sie habe versucht, es günstig zu halten, schreit Frank nicht, sondern nimmt einen Kredit auf.
Franks Mutter, die sich nie von ihren unbemerkten wie schweren postnatalen Depressionen erholt hat, zieht sich ihr bestes weißes Kleid an und obwohl weder der alte Pudel der Familie Habel noch Oppa das Fest erleben, wird sich Frank in den kommenden Monaten, wenn er die Raten für den Kredit begleicht gerne an seine Hochzeit erinnern.
Die jungen Eheleute Habel-Tal, denn Sabine besteht entschieden auf einen Doppelnamen, der Gleichberechtigung und des Respekts wegen, ziehen in ein schmuckes Reihenhaus, das genug Platz für ein Kinderzimmer hat.
Während der Osten und der Westen Deutschlands versuchen zueinander zu finden, beginnt Frank seinen Beruf zu hassen, der ihm zwar gutes Geld einbringt und die Raten zahlt, bei dem ihm aber jede Anerkennung verwehrt bleibt.
Als im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen Asylbewerberheime brennen, klatscht Frank innerlich Beifall.
Er ist seit zwei Jahren verheiratet, trägt das Haar noch immer ungewaschen und Sabine weigert sich hartnäckig schwanger zu werden.
Anstatt abends in das gepflegte Reihenhaus zurückzukehren macht Frank häufiger Umwege über die nächstgelegene Kneipe. Ein Bier und ein Schnaps schaden nicht, denkt er sich.
Betritt er mit auf Stunden ausgedehnte Verspätung die Diele des dunklen Hauses, schaltet Sabine im Schlafzimmer das Licht an und sagt durch eine geschlossene Tür: "Wenn du wieder saufen warst, kannst du gleich draußen bleiben."
Frank verstaut die Wut über die Ungerechtigkeit in der Hemdtasche, legt sich auf die unbequeme Ledercouch, deckt sich mit einer kratzigen Wolldecke zu und verflucht den Tag am Kanal, als Sabine seine Hand drückte.
Sie findet ihn, das weiß er genau, inzwischen längst nicht mehr süß.
Als am 9. September 2001 Flugzeuge in das World Trade Center fliegen, sagt der dicke Geschäftsführer:
"Herr Habel, Sie sind zwar schon lange ein Teil unseres Unternehmens und es tut mir wirklich leid, glauben Sie mir, aber Sie sind nicht mehr tragbar."
Vor Anstrengung das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, gerät Frank heftig ins Schwitzen.
Er steht auf der Straße mit seinen 32 Lebensjahren, deren Bilanz eine Kündigung und eine zerrüttet Ehe nebst Säuferleber sind.
Die Schuld daran, das weiß Frank ganz genau, trägt irgendjemand, nur nicht er.
Er hat stets den Kopf gesenkt, seine Steuern stets pünktlich bezahlt und dennoch will ihm das Leben nichts gönnen.
Ein paar Stunden trottet er durch die Straßen, bis er nach Hause geht.
Sabine sitzt in der Küche und raucht. Vor Jahren hat er sie gebeten, das Rauchen aufzugeben oder wenigstens nicht im Haus eine Zigarette nach der anderen anzustecken. Sabine, die Respekt so viel Bedeutung beimisst, hat ihn jedoch schlicht überhört.
Er betritt die Diele, seine Nase saugt den unangenehm beißenden Qualm ein.
"Mir wurde gekündigt." sagt Frank tonlos, in der Erwartung, sie käme aus der Küche gelaufen, nähme ihn in die Arme oder drückte wenigstens seine Hand.
Stattdessen raucht Sabine und sagt: "Ich verlasse dich."
Die Koffer stehen bereits gepackt im hinteren Teil der Diele, das sieht Frank jetzt.
Sabine lässt nichts weiter zurück als einige abgenutzte Möbel und einen Scherbenhaufen Erinnerungen, die Frank gerne genauso abstreifen würde wie den Doppelnamen.
Da sich Erinnerungen nicht abstreifen lassen, ertränkt Frank sie in weniger Bier und mehr Schnaps.
Die Tage kriechen dahin und werden zu Jahren. Frank bezieht staatliche Hilfen, die ihm kaum ausreichen, um den gewohnten Lebensstandard zu halten.
Sein ungewaschenes Haar beginnt grau zu werden, als am 20. Oktober 2014 zum ersten Mal Pegida durch Dresden marschiert.
So wie schon Jahre zuvor als in Rostock-Lichtenhagen Häuser brannten, applaudiert Frank diesem Bachmann innerlich.
Er entdeckt das Internet für sich und hebt den müden Blick. Endlich hat er einen Schuldigen gefunden.
Sabine ist inzwischen glückliche Mutter zweier Kinder, deren Vater aus Ghana stammt.
Frank schleicht manchmal um das Haus, in dem sie leben, späht durch die halb geöffneten Vorhänge und stellt sich vor, wie Sabine die Hand des Mannes drückt, während sie sagt: "Du bist komisch. Aber süß."
Und obwohl im das Brüllen nichts eingebracht hat als eine "Auszeit" im Keller oder einen roten Kopf, beginnt Frank zu schreien. Er schreit ungehemmt in die Welt.
Jeden Tag steht er pünktlich um 8 Uhr 45 auf, schaltet seinen Computer an und kommentiert, teilt, bloggt noch vor dem ersten Kaffee hasserfüllt und hingebungsvoll.
Frank hat neun verschiedene Online-Profile, unterhält zwei eigene Blogs und weiß sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen.
Sein Arbeitstag dauert bis 16 Uhr 30, inklusive einer Mittagspause von einer halben Stunde.
Als am 14. März 2016 Pegida der AFD zu ihrem Wahlsieg gratuliert, marschiert Frank selig in der Mitte der Patrioten. Er ist 47 Jahre alt und hat endlich das Gefühl, angekommen zu sein.
Als er im Alter von elf oder zwölf Jahren ist, zuckt er nicht einmal mehr resigniert mit den Schultern, wenn sein Großvater, den jeder, selbst der Postbote, "Oppa" nennt sagt: "Dein Geburtstag, Frank das ist der Tag, an dem sie den Dutschke-Attentäter weggesperrt haben." Oppa, weshalb Frank sich daran stört, dass der alte Mann mit der Pfeife im rechten Mundwinkel eben so genannt wird und nicht Großvater, Herr Habel oder Gustav, spricht reines Hochdeutsch, wie es sonst nur in Hannover zu hören ist.
Aber weil Herne im Pott liegt, sagen die Menschen hier Oppa zu Gustav Habel.
Frank schreit deswegen nicht auf. Er würde ja höchstens einen roten Kopf bekommen.
Stattdessen spielt er Fangen und Verstecken, wie normale Jungs in seinem Alter das eben so tun.
Er starrt verstohlen durch das Loch in der dünnen Wand der Turnhallenumkleidekabine, das Torsten dort hinein gebohrt hat, hinüber zu den Mädchen.
Auf den Anblick eines Busenansatzes wartet Frank vergeblich und als ihn in einem Spätsommer, gleich nach den großen Ferien, die Rektorin und Sportlehrerin der Gesamtschule an den Ohren aus der Umkleidekabine der Turnhalle zerrt, schreit Frank zwar nicht, beschließt aber den Kopf von nun an besser gesenkt und sich von Torsten fern zu halten.
Frank bedauert das ein wenig, weil Torsten sein einziger und damit zwangsläufig bester Freund ist, abgesehen von dem altersschwachen Pudel der Familie Habel, den Frank heimlich in seinem Bett schlafen lässt.
Als am 8. Juni 1986 die Polizei den Hamburger Kessel schließt, sitzt Frank am Rhein-Herne-Kanal und hört Sabine, die von allen Sapse gerufen wird, obwohl sie das nicht ausstehen kann, zu, wie sie davon spricht, dass sie eben nicht Sapse gerufen werden will und dass nichts auf der Welt mehr Bedeutung hat als der Respekt für einander.
Frank kann sich nicht daran erinnern, wie er Sabine, die er still und wenn er für sich ist Biene nennt, davon überzeugt hat, mit ihm am Kanal zu sitzen.
Er mag, wie ihre Stimme klingt und dass sie ihn nicht auf sein ungewaschenes Haar oder sein pusteliges Gesicht anspricht. Und während Sabine von Respekt spricht, fängt es zu regnen an. Frank zieht aus seiner Umhängetasche, für die ihn alle anderen stets verlachen, die er aber praktisch findet, einen Regenschirm und sagt: "Hast du gewusst, dass unsere Vornamen 1969 auf Platz fünf der beliebtesten Vornamen in Deutschland waren?"
Im selben Moment kommt er sich ganz besonders dumm vor und das bisschen aknefreie Haut gleicht sich dem Rotton der Pusteln an, aber Sabine drückt seine Hand und sagt ganz leise in Richtung des Kanals: "Du bist komisch. Aber süß."
Da weiß Frank, 17-jährig am Kanal sitzend, dass er verliebt ist und Sabine heiraten wird.
Seine Haut bessert sich je älter er wird und an einem lauwarmen Tag im Frühling, steckt Frank einen Ring in eine Kugel Vanilleeis, weil das Sabines, die er jetzt auch laut Biene nennt, liebstes Eis ist, bevor er sie von Zuhause abholt.
Das Eis ist fast geschmolzen, Sabine steht schon ungeduldig im Vorgarten ihres Elternhauses.
Frank streckt ihr das Eis entgegen, in dem der schmale Ring schwimmt und sagt: "Verschluck dich nicht."
Dann kramt er allen Mut aus der Hemdtasche und fragt: "Willst du mich heiraten?"
Sabine, die sich einen Heiratsantrag vielleicht etwas romantischer oder geplanter vorgestellt hätte, findet ein Picknick am Kanal wäre nett gewesen, gefällt der Ring, der in dem fast geschmolzenen Eis schwimmt. Deshalb sagt sie: "Du bist komisch. Aber süß. Ja."
Frank wirbelt sie durch den Vorgarten, zertritt aus Versehen und Freude einige gelbe Stiefmütterchen und schreit mit hochrotem Kopf: "Sie hat 'Ja' gesagt." obwohl ihn außer Sabine niemand hören kann.
An diesem Tag, als Sabine "Ja" sagt, ist Frank 21 Jahre alt, bestimmt ihn das Gefühl, er habe sein ganzes Leben noch vor sich und erklärt Estland sich zur Republik.
Frank denkt nicht viel über politische Zusammenhänge oder die Hochzeitsplanung nach.
Als Sabine ihm die Kosten vorrechnet, mit dem Vermerk, sie habe versucht, es günstig zu halten, schreit Frank nicht, sondern nimmt einen Kredit auf.
Franks Mutter, die sich nie von ihren unbemerkten wie schweren postnatalen Depressionen erholt hat, zieht sich ihr bestes weißes Kleid an und obwohl weder der alte Pudel der Familie Habel noch Oppa das Fest erleben, wird sich Frank in den kommenden Monaten, wenn er die Raten für den Kredit begleicht gerne an seine Hochzeit erinnern.
Die jungen Eheleute Habel-Tal, denn Sabine besteht entschieden auf einen Doppelnamen, der Gleichberechtigung und des Respekts wegen, ziehen in ein schmuckes Reihenhaus, das genug Platz für ein Kinderzimmer hat.
Während der Osten und der Westen Deutschlands versuchen zueinander zu finden, beginnt Frank seinen Beruf zu hassen, der ihm zwar gutes Geld einbringt und die Raten zahlt, bei dem ihm aber jede Anerkennung verwehrt bleibt.
Als im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen Asylbewerberheime brennen, klatscht Frank innerlich Beifall.
Er ist seit zwei Jahren verheiratet, trägt das Haar noch immer ungewaschen und Sabine weigert sich hartnäckig schwanger zu werden.
Anstatt abends in das gepflegte Reihenhaus zurückzukehren macht Frank häufiger Umwege über die nächstgelegene Kneipe. Ein Bier und ein Schnaps schaden nicht, denkt er sich.
Betritt er mit auf Stunden ausgedehnte Verspätung die Diele des dunklen Hauses, schaltet Sabine im Schlafzimmer das Licht an und sagt durch eine geschlossene Tür: "Wenn du wieder saufen warst, kannst du gleich draußen bleiben."
Frank verstaut die Wut über die Ungerechtigkeit in der Hemdtasche, legt sich auf die unbequeme Ledercouch, deckt sich mit einer kratzigen Wolldecke zu und verflucht den Tag am Kanal, als Sabine seine Hand drückte.
Sie findet ihn, das weiß er genau, inzwischen längst nicht mehr süß.
Als am 9. September 2001 Flugzeuge in das World Trade Center fliegen, sagt der dicke Geschäftsführer:
"Herr Habel, Sie sind zwar schon lange ein Teil unseres Unternehmens und es tut mir wirklich leid, glauben Sie mir, aber Sie sind nicht mehr tragbar."
Vor Anstrengung das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, gerät Frank heftig ins Schwitzen.
Er steht auf der Straße mit seinen 32 Lebensjahren, deren Bilanz eine Kündigung und eine zerrüttet Ehe nebst Säuferleber sind.
Die Schuld daran, das weiß Frank ganz genau, trägt irgendjemand, nur nicht er.
Er hat stets den Kopf gesenkt, seine Steuern stets pünktlich bezahlt und dennoch will ihm das Leben nichts gönnen.
Ein paar Stunden trottet er durch die Straßen, bis er nach Hause geht.
Sabine sitzt in der Küche und raucht. Vor Jahren hat er sie gebeten, das Rauchen aufzugeben oder wenigstens nicht im Haus eine Zigarette nach der anderen anzustecken. Sabine, die Respekt so viel Bedeutung beimisst, hat ihn jedoch schlicht überhört.
Er betritt die Diele, seine Nase saugt den unangenehm beißenden Qualm ein.
"Mir wurde gekündigt." sagt Frank tonlos, in der Erwartung, sie käme aus der Küche gelaufen, nähme ihn in die Arme oder drückte wenigstens seine Hand.
Stattdessen raucht Sabine und sagt: "Ich verlasse dich."
Die Koffer stehen bereits gepackt im hinteren Teil der Diele, das sieht Frank jetzt.
Sabine lässt nichts weiter zurück als einige abgenutzte Möbel und einen Scherbenhaufen Erinnerungen, die Frank gerne genauso abstreifen würde wie den Doppelnamen.
Da sich Erinnerungen nicht abstreifen lassen, ertränkt Frank sie in weniger Bier und mehr Schnaps.
Die Tage kriechen dahin und werden zu Jahren. Frank bezieht staatliche Hilfen, die ihm kaum ausreichen, um den gewohnten Lebensstandard zu halten.
Sein ungewaschenes Haar beginnt grau zu werden, als am 20. Oktober 2014 zum ersten Mal Pegida durch Dresden marschiert.
So wie schon Jahre zuvor als in Rostock-Lichtenhagen Häuser brannten, applaudiert Frank diesem Bachmann innerlich.
Er entdeckt das Internet für sich und hebt den müden Blick. Endlich hat er einen Schuldigen gefunden.
Sabine ist inzwischen glückliche Mutter zweier Kinder, deren Vater aus Ghana stammt.
Frank schleicht manchmal um das Haus, in dem sie leben, späht durch die halb geöffneten Vorhänge und stellt sich vor, wie Sabine die Hand des Mannes drückt, während sie sagt: "Du bist komisch. Aber süß."
Und obwohl im das Brüllen nichts eingebracht hat als eine "Auszeit" im Keller oder einen roten Kopf, beginnt Frank zu schreien. Er schreit ungehemmt in die Welt.
Jeden Tag steht er pünktlich um 8 Uhr 45 auf, schaltet seinen Computer an und kommentiert, teilt, bloggt noch vor dem ersten Kaffee hasserfüllt und hingebungsvoll.
Frank hat neun verschiedene Online-Profile, unterhält zwei eigene Blogs und weiß sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen.
Sein Arbeitstag dauert bis 16 Uhr 30, inklusive einer Mittagspause von einer halben Stunde.
Als am 14. März 2016 Pegida der AFD zu ihrem Wahlsieg gratuliert, marschiert Frank selig in der Mitte der Patrioten. Er ist 47 Jahre alt und hat endlich das Gefühl, angekommen zu sein.
Montag, 9. Mai 2016
Da sitzt ein Junge auf dem Dach
Das Haus war einmal das höchste in der Straße, deren Gehwege vor einem halben Jahrhundert noch Pappeln säumten. Eine Allee, wie sie zwischen Feinstaub und Modernisierung verloren gegangen sind. Das Haus ist eingefasst. Von zwei Glasbauten neuzeitlicher, angepasst-eckiger Architektur. Leere Fensterfronten blicken auf abgesägte Baumstümpfe, während der laue Wind eines heraufziehenden Frühlingstages über den Asphalt streicht.
Auf dem Dach des einmal höchsten Hauses, das in sich zusammen gesunken zwischen den glasgebauten Fronten steht, sich um Würde bemüht, obwohl die Fassade sich nach einer Sanierung oder wenigstens einem neuen Anstrich sehnt, sitzt ein Junge.
Das fuchsrote Haar zu einem Zopf gebunden, der bei jeder Bewegung viel lustiger wippt, als dem Jungen zumute ist, sitzt er da. Die Beine baumeln über rostige Reste einer Regenrinne. Mit den knochigen Fingern hält er sich an den Trägern seiner Latzhose fest, als würde er so nicht fallen können, beugte er sich nur einen weiteren unbedeutenden Zentimeter vor.
Der Junge sitzt häufig auf dem Dach.
Die wenigen Passanten, welche die stumme Straße entlang gehen, wobei der Junge empfindet, dass sie schleichen - hebt die Füße und richtet den Blick nach vorn, möchte er ihnen zurufen, dann aber würde er entdeckt - senken ihre Köpfe zwischen hochgezogenen Schultern auf den Gehweg hinab.
Auf dem Dach sitzt der fuchsrotschopfige Junge und sieht ihnen aus verwundeten Augen nach.
Er denkt sich Geschichten aus.
Die kleine, runde Frau - dick mag der Junge sie nicht nennen, weil sie eben rund aussieht unter ihrem Mantel, der nicht zur Jahreszeit passen will - ist vielleicht Buchhalterin gewesen. Ihre Haare sind grau und im Nacken zu einem Knoten geschlungen, der viel eher die Vermutung herauf beschwören will, sie säße seit sie lesen kann in einer Bibliothek. Das aber ist dem Jungen auf dem Dach zu sehr ein abgegriffenes Klischee. Also denkt er, sie war Buchhalterin. Die Brille auf der Stubsnase will vorwitzig herunter rutschen und die kleine, runde Frau schiebt sie unwirsch zurück an ihren Platz auf der Nasenwurzel.
Die Brille muss sie tragen, malt der Junge auf dem Dach sich aus, weil die jahre- sogar jahrzehntelang kleine Zahlen in Spalten eingetragen hat und dabei stets die Augen so sehr zusammenkniff, dass ihre Sehkraft zwischen den Spalten und den Zahlen einfach so verloren gegangen ist.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine hagere Gestalt, grau gekleidet, das Gesicht aschfahl, den Hut nur ein wenig zu tief in die Stirn gezogen.
Der Junge auf dem Dach spannt unwillkürlich jeden Muskel an. Ohne Umstände stellt der fuchsrote Zopf das lustige Wippen ein. Die Zeit steht still, bevor sie rauschend durch den Rinnstein fließt, die hagere Gestalt sich in Bewegung setzt. Lange Schritte überqueren die Straße. Drei, zwei, eins und die hagere Gestalt steht vor dem einstmals höchsten Haus, hebt den Kopf in einer bedrohlich steifen Bewegung.
Der Junge auf dem Dach zieht die baumelnden Beine zurück, streift unabsichtlich die rostigen Reste der Regenrinne.
Die hagere Gestalt ruft etwas, der fuchsrotschopfige Junge verschließt seine Ohren und kriecht hinter den brüchigen Schornstein.
Der Mörtel zwischen den Klinkersteinen will kaum noch in den Fugen halten und so hält sich der Junge weiter an den Trägern seiner Latzhose fest, anstatt den Schornstein zu umklammern, auch wenn es rutschig ist auf dem Dachgiebel.
Die hagere Gestalt reckt den reckt den Kopf noch ein bisschen höher, stellt sich auf die Zehenspitzen, die in blank geputzten Schuhen stecken.
Der Junge duckt sich. Jetzt sitzt er mit seinem fuchsroten Zopf, der gar nicht mehr lustig wippt auf dem Dach fest und da unten droht ihm die hagere Gestalt mit der geballten Faust.
Der Junge kennt das Spiel, das den immer gleichen Regeln folgt.
Die hagere Gestalt, zu der sich der Junge keine Geschichte ausdenken muss, ist Heimleiter von Beruf.
Auf der anderen Seite der Stadt steht das Heim hinter dicken Mauern, die mit Stacheldraht verziert sind, das die hagere Gestalt leitet. Der Junge bewohnt dort ein Zimmer im ersten Stock, in dem es nach Schimmel riecht und an dessen Wände sich Stockflecken bilden, die der Junge mit einem schwarzen Filzstift umrandet hat.
Der Heimleiter zückt sein Telefon. Gleich werden sie da sein. Die Polizei. Ein Feuerwehrwagen und vielleicht auch die Sanitäter.
Sie werden ihn vom Dach pflücken, so wie sie jeden Monat mindestens zweimal tun. Er wird in die Verantwortung des Heimleiters überstellt werden und nach der Rückkehr ins Heim wird der Heimleiter persönlich, weil es ihm Freude macht, ihm mit dem alten Rohrstock eine Lektion erteilen.
Der Heimleiter nennt die Prügel Lektion. Der Junge wird in seinem Zimmer sitzen, aus dem Fenster starren, zwischen den Gitterstäben hindurch und wieder ausreißen. Vielleicht nicht schon morgen. Vielleicht auch nicht übermorgen.
Aber in einer Zukunft, die nicht allzu fern ist.
Er wird durch die Straßen laufen an das andere Ende der Stadt bis er vor dem einst höchsten Haus steht, dessen Fassade so sehnlich auf eine Sanierung oder wenigstens einen Anstrich wartet.
Er wird sich leise hinein schleichen, auf das Dach klettern, seine Beine über die rostigen Reste der Regenrinne baumeln lassen und sein fuchsroter Zopf wird viel lustiger wippen, als ihm zumute ist.
Er wird aus verwundeten Augen auf die Welt und die Menschen sehen, bis sie ihn wieder vom Dach klauben oder der Schornstein samt des brüchigen Mörtels, die Klinker und das Haus in sich zusammen fallen. Kein Rohrstock, keine Lektion, nichts wird den Jungen davon abhalten auf dem Dach zu sitzen, so lange es das Dach noch gibt. Denn nur auf diesem Dach, das einst das höchste in einer von Pappeln gesäumten Straße war, ist der Junge was er sein möchte: frei.
Auf dem Dach des einmal höchsten Hauses, das in sich zusammen gesunken zwischen den glasgebauten Fronten steht, sich um Würde bemüht, obwohl die Fassade sich nach einer Sanierung oder wenigstens einem neuen Anstrich sehnt, sitzt ein Junge.
Das fuchsrote Haar zu einem Zopf gebunden, der bei jeder Bewegung viel lustiger wippt, als dem Jungen zumute ist, sitzt er da. Die Beine baumeln über rostige Reste einer Regenrinne. Mit den knochigen Fingern hält er sich an den Trägern seiner Latzhose fest, als würde er so nicht fallen können, beugte er sich nur einen weiteren unbedeutenden Zentimeter vor.
Der Junge sitzt häufig auf dem Dach.
Die wenigen Passanten, welche die stumme Straße entlang gehen, wobei der Junge empfindet, dass sie schleichen - hebt die Füße und richtet den Blick nach vorn, möchte er ihnen zurufen, dann aber würde er entdeckt - senken ihre Köpfe zwischen hochgezogenen Schultern auf den Gehweg hinab.
Auf dem Dach sitzt der fuchsrotschopfige Junge und sieht ihnen aus verwundeten Augen nach.
Er denkt sich Geschichten aus.
Die kleine, runde Frau - dick mag der Junge sie nicht nennen, weil sie eben rund aussieht unter ihrem Mantel, der nicht zur Jahreszeit passen will - ist vielleicht Buchhalterin gewesen. Ihre Haare sind grau und im Nacken zu einem Knoten geschlungen, der viel eher die Vermutung herauf beschwören will, sie säße seit sie lesen kann in einer Bibliothek. Das aber ist dem Jungen auf dem Dach zu sehr ein abgegriffenes Klischee. Also denkt er, sie war Buchhalterin. Die Brille auf der Stubsnase will vorwitzig herunter rutschen und die kleine, runde Frau schiebt sie unwirsch zurück an ihren Platz auf der Nasenwurzel.
Die Brille muss sie tragen, malt der Junge auf dem Dach sich aus, weil die jahre- sogar jahrzehntelang kleine Zahlen in Spalten eingetragen hat und dabei stets die Augen so sehr zusammenkniff, dass ihre Sehkraft zwischen den Spalten und den Zahlen einfach so verloren gegangen ist.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine hagere Gestalt, grau gekleidet, das Gesicht aschfahl, den Hut nur ein wenig zu tief in die Stirn gezogen.
Der Junge auf dem Dach spannt unwillkürlich jeden Muskel an. Ohne Umstände stellt der fuchsrote Zopf das lustige Wippen ein. Die Zeit steht still, bevor sie rauschend durch den Rinnstein fließt, die hagere Gestalt sich in Bewegung setzt. Lange Schritte überqueren die Straße. Drei, zwei, eins und die hagere Gestalt steht vor dem einstmals höchsten Haus, hebt den Kopf in einer bedrohlich steifen Bewegung.
Der Junge auf dem Dach zieht die baumelnden Beine zurück, streift unabsichtlich die rostigen Reste der Regenrinne.
Die hagere Gestalt ruft etwas, der fuchsrotschopfige Junge verschließt seine Ohren und kriecht hinter den brüchigen Schornstein.
Der Mörtel zwischen den Klinkersteinen will kaum noch in den Fugen halten und so hält sich der Junge weiter an den Trägern seiner Latzhose fest, anstatt den Schornstein zu umklammern, auch wenn es rutschig ist auf dem Dachgiebel.
Die hagere Gestalt reckt den reckt den Kopf noch ein bisschen höher, stellt sich auf die Zehenspitzen, die in blank geputzten Schuhen stecken.
Der Junge duckt sich. Jetzt sitzt er mit seinem fuchsroten Zopf, der gar nicht mehr lustig wippt auf dem Dach fest und da unten droht ihm die hagere Gestalt mit der geballten Faust.
Der Junge kennt das Spiel, das den immer gleichen Regeln folgt.
Die hagere Gestalt, zu der sich der Junge keine Geschichte ausdenken muss, ist Heimleiter von Beruf.
Auf der anderen Seite der Stadt steht das Heim hinter dicken Mauern, die mit Stacheldraht verziert sind, das die hagere Gestalt leitet. Der Junge bewohnt dort ein Zimmer im ersten Stock, in dem es nach Schimmel riecht und an dessen Wände sich Stockflecken bilden, die der Junge mit einem schwarzen Filzstift umrandet hat.
Der Heimleiter zückt sein Telefon. Gleich werden sie da sein. Die Polizei. Ein Feuerwehrwagen und vielleicht auch die Sanitäter.
Sie werden ihn vom Dach pflücken, so wie sie jeden Monat mindestens zweimal tun. Er wird in die Verantwortung des Heimleiters überstellt werden und nach der Rückkehr ins Heim wird der Heimleiter persönlich, weil es ihm Freude macht, ihm mit dem alten Rohrstock eine Lektion erteilen.
Der Heimleiter nennt die Prügel Lektion. Der Junge wird in seinem Zimmer sitzen, aus dem Fenster starren, zwischen den Gitterstäben hindurch und wieder ausreißen. Vielleicht nicht schon morgen. Vielleicht auch nicht übermorgen.
Aber in einer Zukunft, die nicht allzu fern ist.
Er wird durch die Straßen laufen an das andere Ende der Stadt bis er vor dem einst höchsten Haus steht, dessen Fassade so sehnlich auf eine Sanierung oder wenigstens einen Anstrich wartet.
Er wird sich leise hinein schleichen, auf das Dach klettern, seine Beine über die rostigen Reste der Regenrinne baumeln lassen und sein fuchsroter Zopf wird viel lustiger wippen, als ihm zumute ist.
Er wird aus verwundeten Augen auf die Welt und die Menschen sehen, bis sie ihn wieder vom Dach klauben oder der Schornstein samt des brüchigen Mörtels, die Klinker und das Haus in sich zusammen fallen. Kein Rohrstock, keine Lektion, nichts wird den Jungen davon abhalten auf dem Dach zu sitzen, so lange es das Dach noch gibt. Denn nur auf diesem Dach, das einst das höchste in einer von Pappeln gesäumten Straße war, ist der Junge was er sein möchte: frei.
Donnerstag, 28. April 2016
Was ist...
…Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Wir saßen auf einer Gartenbank.
Das Holz schon ganz morsch,
weil es immerzu, über Jahre im Regen stand,
zuckte unter jeder inneren Regung.
Die Antwort hätte ich zu gerne vertagt,
ins Morgen, die Ewigkeit, zeitlose Zwischenräume.
Unternahm mit halbem Herzen ein Ablenkungsmanöver:
Weißt du noch, früher schüttelten wir bedenkenlos Äpfel aus den Kronen der Bäume.
Aber du, auf der Bank sitzend, gingst über die versuchte Irritation schlicht und hinweg.
Was ist Liebe, wolltest du erneut wissen,
hast mit einem Grinsen die schweigenden Mauern so leichtfertig eingerissen, als hätte das Sitzen auf knarrendem Holz nur den einzigen Zweck, zu ergründen, worauf Menschen seit Gedenken tausend und eine Antwort finden.
Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Ausgerechnet mich, die in Fragen der herkömmlichen Romantik kläglich versagt, sie schlimmer noch für scheintot erklärt, sich gegen Rosenblätter auf Bettlaken und Candle Light wehrt.
Mir war, als könnte ich keine Antwort, allgemein gültig, geben, auf solche und ähnliche Fragen.
Sah hinauf in den nächtlichen Himmel, an Stromleitungen vorbei, ließ den Blick schweifen, zupfte an Buchstaben und suchte nach Worten, die Verborgenen leben.
Was nur sollte ich dir hier und jetzt sagen?
Anders für jeden, hub ich an, hat sie das eine für uns alle gemein, schwer greifbar, unmöglich beschreibbar, verwechselt der Mensch immer mal wieder das Lieben, das einzig wie wahre – ich muss es so sagen – mit niederen Trieben.
Dein Kopf schüttelte sich, als wolltest du sagen, ich solle nicht auf das Offensichtliche weisen.
Vielmehr meinem Geist doch endlich erlauben, zu reisen.
Mein Fuß stampfte auf, wirbelte Laub durch die glasklare Nacht.
Ein neuer Versuch.
Wir sind es, die sich ein Leben lang winden, stets auf der Jagd – und seien wir auch noch so betagt – erklimmen wir hochjauchzende Höhen, fallen in wolkenverhangene Täler, in dem Versuch sie zu finden.
Die Liebe zu suchen, so viel ist wenigstens dem Herzen, ließen wir es nur einmal unverwandt sprechen, klar, ist so sinnlos wie unklug, ist sie doch immerzu, überall, ganz simpel und da.
Was ich da rede, wolltest du wissen.
Es muss, so hast du gefunden, eine Definition geben, die frei ist vom ewigen Streben, Unsicherheit und dem Ersticken von Tränen in frisch bezogenen Daunenkissen.
Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Ausgerechnet mich, die sich nicht an Themen von Dichtern zerdacht und Denkern beschreiben, wagt.
Mir fiel nichts weiter ein, als eine Weile zu schweigen.
In die Stille hast du ein einziges Wort gebrochen.
Ein Mythos. Nicht mehr.
Das aber zu glauben fiel selbst mir schwer.
Liebe ist, habe ich dir zur Antwort gegeben, nicht nur das ewige, scheinbar lebensbestimmende Streben, nicht nur das Nichtwissen, nicht nur Tränen, versickert in fleckigen Daunenkissen.
Sie liegt neben uns in der Wiege, in Blicken und auf repeat gehörten Musikstücken.
Sie bedeutet die Welt, ist der Moment, in dem sich dein Leben hinter ein anderes stellt.
Liebe ist Möglichkeit, die wächst mit der Zeit. Ist sich manches Mal streitend versöhnen und sich die gemeinsamen Augenblicke verschönen.
Auf große Gesten kannst du getrost und ruhigen Gewissens verzichten, lass mich lieber von Ideen und Tagwerk berichten.
Liebe ist eine offene Tür, ein Windzug, den ich im Inneren spür.
Ist in den Kleinigkeiten, aus denen unsere Lebenssuppe besteht.
Ist was leise heran kommt und geräuschvoll ihrer Wege geht.
Ist der Schmerz und die Freude, zwei Wände, und doch dasselbe Gebäude.
Sie ist Mut, der an Boden gewinnt, wenn das Ich von oben bis unten von Innen nach Außen zu schwingen beginnt.
Liebe durchdringt die Mauern und Zäune, die wir bemüht bauen um unsere Wünsche, Hoffnungen, Träume.
Weißt du noch, früher schüttelten wir bedenkenlos Äpfel aus den Kronen der Bäume.
Während ich sprach, bildeten deine Gedanken wortreiche Erwiderung, war deine Sachlichkeit allzeit bereit auf dem Sprung.
Ein lauernder Panter, so saßt du da auf der Gartenbank in glasklarer Nacht.
Und fast hätte mich dein fesselnder Blick erneut unsicher zum Schweigen gebracht.
Das Laub legte sich zu unseren ruhigen Füßen.
Ich wusste ganz plötzlich und ohne besonderen Grund, schwiege ich jetzt für den Rest dieser Nacht, ich würde es ein Leben lang bitter büßen.
Die Buchstaben vom Himmel gezupft, wurden zu Worten, machten so leicht Antworten aus meinen, deinen, unseren Fragen.
Sacht legte ich dir einen Finger auf schon geöffnete Lippen, derweil begannen deine Beine ungeduldig zu wippen.
Hör mir noch einen kurzen Wimpernschlag zu:
Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Liebe ist, was uns täglich passiert, auf verbundener Freundschaft basiert, das Leben und alles und alles kreiert.
Liebe braucht keine Worte, weder Mittel noch Zweck, ist Gehen und Bleiben.
Ich weiß nicht, wie soll ich es dir besser beschreiben?
Liebe ist, was unser Sein von Beginn an bestimmt und in allen Dingen, innen wie außen, unaufhörlich mitschwingt.
Liebe ist Hoffnung, Wünsche und Träume, ist bedenkenlos geschüttelte Apfelbäume.
Und hatte damit alles nur mögliche gesagt.
Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Wir saßen auf einer Gartenbank.
Das Holz schon ganz morsch,
weil es immerzu, über Jahre im Regen stand,
zuckte unter jeder äußeren Bewegung.
Langsam, stumm hast du genickt.
Und mit dem Fuß ganz ruhig einen Grashalm über das Laub geknickt.
Dienstag, 15. März 2016
Das Mietshaus
Das
Gebäude, von außen betrachtet so grau, dass es fast farblos wirkt, ist zu jung
für eine denkmalgeschützte Geschichte, steht still an einer Straßenecke im
falschen Viertel.
Zwischen
Ampelphasen fegt der Verkehrslärm an den schallisolierten Fenstern vorbei; städtische
Ruhelosigkeit umspült die Fassade der 10 Stockwerke.
„Und dann
liegst du da im Staub grau-schwarz getünchter Straßen und holst dir am
wirklichkeitsnahen Asphalt eine blutige Nase.“ Sagt Merle, trinkt einen zu
großen Schluck aus einem Rotweinglas, das einmal ihrer Großmutter gehörte und
einen Goldrand hatte. Mit der freien Hand streicht Merle sich eine
widerspenstige Locke aus dem Gesicht hinter das linke Ohr; sitzt mit
angezogenen Beinen auf einem unbequemen Küchenstuhl.
Auf ihrem
Gesicht liegen Schatten, kleine und große. Für manche trägt die Deckenlampe die
Verantwortung. Für andere eine Vergangenheit, die Merle weder verschweigt noch
austritt.
Die Rotweinflasche
zeichnet einen schmalen Ring auf den vor Stunden geöffneten, unaufmerksam
überflogenen Brief. Die Kerzen auf dem Tisch zündet Merle nie an.
„Ich bin
doch keine Bildunterschrift. ‚Frau trinkt Rotwein bei Kerzenschein‘ sieht aus
wie ein Klischee, das auf Leinwand gebannt das barocke Zeitalter überdauert
hat.“ Sagt Merle, lacht ihr kehliges Lachen, das immer ein bisschen danach
klingt, als würde sie zu husten beginnen, schiebt das ehemals goldrandige
Rotweinglas schräg über den Küchentisch, der kein Erbstück ist.
Die
angezogenen Beine stecken in Pluderhosen, die weder von einer Reise nach Indien
stammen noch selbst genäht sind.
„Ware von
der Stange. Nicht mal bio oder fair trade.“ Sagt Merle, die ihre 28 Lebensjahre
innerhalb der Stadtgrenzen und in weiten Teilen im 5. Stock des farblos grauen
Gebäudes, das jetzt plötzlich im falschen Viertel steht, zugebracht hat. Sie
zuckt mit den Schultern, als wäre ihr alles abgesehen von der Bequemlichkeit
gleichgültig, blickt herausfordernd über den Rand des Rotweins.
Die
grau-braunen Augen, weich gepolstert von einem Ring aus haarfeinen Falten,
blinzeln zwei oder dreimal; die Lust an einer Streiterei verfliegt. Mit einer
ungestümen Bewegung stößt Merle den unbequemen Stuhl zurück. Der unaufmerksam
gelesene Brief hebt sich unauffällig halbseitig von der Tischplatte. Ihr Glas
leerend steht Merle auf und nach einem weiten Schritt in bunten Pluderhosen am
Fenster. Als gäbe es für sie nichts mehr zu tun, richtet sie ihre in Falten
gelegten Augen auf die Verkehrsadern, die 5 Stockwerke unter ihr liegen.
„Und dann
liegst du da im Staub grau-schwarz getünchter Straßen, holst dir am
wirklichkeitsnahen Asphalt eine blutige Nase.“ Sagt Merle, presst alle zehn
Finger an gegen die kühle Fensterscheibe, auf deren Außenseite vom Regen
aufgetragener Schmutz zu einem Muster wird.
Karl hebt
die niedergeschlagenen Lider, ruht seinen Blick auf ihrer Gestalt aus.
„Großstadtromantik.“
Sagt Merle und Karl ist sich nicht sicher, ob sie mit der Fensterscheibe
spricht, aus dem Blick ihrer grau-braunen Augen verloren hat, dass er dort
sitzt; in einem zweiten unbequemen Küchenstuhl, unter einer Deckenlampe, die
Schatten wirft.
„Das Muster
ist immer gleich. Großstadtromantik gibt es nicht. Zwischen dem Beton halten
wir Verkehrsinseln für Grünflächen. Wir geben Sternen Nummern und verzählen uns
im diffusen Licht der Dämmerung; reihen verlogenen, ungehaltene Versprechen
aneinander. Denkst du nicht auch?“ sagt Merle, löst ihre Finger von der
Fensterscheibe, zerknüllt den raschelnden Brief, als verlören die Worte damit
ihre Gültigkeit.
Zwischen
den Rotweingläsern und der Fensterscheibe denkt Karl nicht. Karl fühlt.
Das Gefühl
balanciert über ein Drahtseil. Bemüht sieht Karl nicht nach unten. Jedes Mal,
wenn Merle in ihren bunten Pluderhosen eine Flasche Rotwein öffnet, spürt Karl
den freien Fall, der an seinem Innersten zieht. Einen Arm auf den Tisch
gestützt, die Hand in dichtes schwarz-blasses Haar vergraben, sitzt Karl unter
den Schatten der Deckenlampe und neben seinem Gefühl.
„Du bist
mein bester Freund.“ Sagt Merle, ihre Finger greifen nach Karls Arm. Karl sieht
nach unten. Fällt. Schlägt sich die Nase auf wirklichkeitsnahem Asphalt blutig.
„Ich will
hier nicht weg.“ Sagt Merle.
Als gäbe es
für ihn nichts weiter zu tun, beobachtet Karl die Maserung der Tischplatte.
„Ich bin
dein Ersatzmensch.“ Antwortet sein tonlos geöffneter Mund.
Karl fühlt,
wie die Zeit rückwärts die hölzerne Maserung entlang läuft, bis zu jenem
Apriltag vor sieben Jahren, an dem das Wetter keine Kapriolen schlug, er seine
Fingerspitzen sachte auf den Handlauf des Geländers legte, die Treppen zum
sechsten Stock hinaufstieg.
Nie hatte
er im sechsten Stock wohnen wollen. Dort, wo heute hinter der Wohnungstür die
für seine Gesellenprüfung angefertigte Kommode jedem der seltenen Besucher den
Weg durch einen zu schmalen Flur annährend versperrte und auf die er nur
Stunden zuvor den sorgfältig gelesenen Brief, selben Inhalts wie das zerknüllte
Papier auf Merles Küchentisch, abgelegt hatte. Die Angst vor Höhe griff jeden
Tag nach seinem Innersten. Er spürte es fallen; durch das Treppenhaus. Über den
Handlauf sah Karl niemals hinaus. Auch nicht hinunter. Nicht an jenem Tag im
April und auch eine keinem anderen Tag der folgenden Jahre.
Damals
versank Karl zwischen dem dritten und dem vierten Stock vollständig in dem
Gedanken, keinesfalls den Blick in die Tiefe zu richten. Die Anstrengung
überzog sein schmales Gesicht, auf dem selten ein nahezu spitzbübisches Lächeln
liegt, mit einem salzig-zarten Film.
Der Apriltag
liegt in fast vergessener Ferne. Das Gefühl, welches Karl zwischen dem dritten
und dem vierten Stock auf den Rücken sprang, sich fortan bis heute huckepack
durch sein Leben tragen ließ, sitzt neben ihm.
Es hält
seine klammen Finger. Seit dieser Zehntelsekunde, da Merle mit ihm
zusammenstieß. Karl war kaum in Versuchung geraten, ihm zu entfliehen. Nicht ein Mal
in den vergangenen sieben Jahren. Er ruhte seine niedergeschlagenen Lieder auf
Merles Gestalt aus, raufte das schwarz-blasse Haar, hoffte hinter einer Mauer
ungesagter Worte, sie möge ihn endlich erkennen.
Das Gefühl
wuchtet ihn aus dem unbequemen Küchenstuhl. Es hat genug.
„Wenn wir
in sechs Wochen ausziehen müssen, das Gebäude in Schutt und Asche liegt, tun
wir es auch. Ich kann nicht mehr dein Ersatzmensch sein.“ Sagt Karl und flieht.
Das Licht
im Treppenhaus surrt kalt über Linoleum und fleckige Wände. Karl sieht befreit
über den Handlauf des Geländers hinaus. Und hinunter.
Im
Erdgeschoss spannt sich fahle Haut unter Altersflecken, als Ursula die Geranien
auf der zweigeteilten Fensterbank gießt. Die Kunstfasern eines abgenutzten Teppichs
klingen nach der Erinnerung an Schuberts 8. Sinfonie, die Unvollendete; über
die Raufasertapete läuft der Duft verkochter Kürbissuppe.
Ursula
zählt Blütenblätter. Auf der Vitrine, hinter deren Türen sich das
Feiertagsgeschirr versteckt, stehen sorgsam aufgereiht gerahmte Gesichter, die
Ursula nicht mehr täglich erkennt. Fahrig stauben ihre Hände jeden Sonntag die
Rahmen und zuweilen Fremden ab; hält bemüht Ordnung in einer ungeordneten Welt.
Das Schloss
knackt leise, als Victor den Schlüssel dreht. Mit behutsamen Schritten wappnet
er sich, als er in die Leere des Flurs eintritt. Ursula steht regungslos vor
der zweigeteilten Fensterbank, zählt Blütenblätter.
Victor
nimmt die randlose Brille von der schmalen Nase, deren rechter Flügel eine
Narbe aus Kindertagen ziert.
Peinlich darauf
bedacht, die Geräuschlosigkeit nicht zu unterbrechen, folgt Victor einem
eingebrannten Ritual, steuert auf die kleine Küche zu, schaltet den Herd ab,
spürt dem Zorn nach, der sich in seinem Magen zu einem festen Knoten
verschlingt.
Vor den
ausgezählten Büttenblättern steht seine Mutter, hilflos zucken eingefallenen
Schultern, als ihre Augen zwischen dem eingerahmten Victor auf der Vitrine und
dem erwachsenen Mann im Rahmen der Wohnzimmertür hin und her springen.
Victor
erkennt die Ratlosigkeit, bevor sie sich über die abgenutzten Teppichfasern
breitet, nimmt die Antwort auf eine Frage und die panische Angst einer
gealterten Frau vorweg, die heute nichts mit seiner Mutter, einer schönen
Pianistin, gemein hat.
„Dein Sohn,
Mutter, ich bin dein Sohn.“ Versucht sich seine Stimme in vertrauensvoller
Ruhe. Der vernarbte Flügel seiner schmalen Nase zittert.
Ursula öffnet
in quälender Geschwindigkeit die Fäuste, streicht den flecken-durchsetzten
Wollrock glatt. Die Erinnerung schlägt scharfkantig Blitze in den
wolkenverhangenen Geist.
„Setzen wir
uns einen Moment.“ Sagt Victor, ein geöffneter Umschlag knistert zustimmend in
seinen Händen.
Ursula
bleibt unschlüssig bewegungslos.
„Wenn
Besuch kommt, serviert man Kaffee. Ist es schon zu spät für Kaffee, Junge?“
flüstert ihre Stimme, brüchig wie zu lang gelagertes Brennholz.
Victors Nackenhaare
verschränken sich ineinander.
„Setz dich
zu mir, Mutter.“ Sagt Victor, die Augen bestimmt auf den Brief gerichtet. Die klaren
Buchstaben läuten fett gedruckt das Ende ein. Die Rücksichtslosigkeit gewinnt
sachlich die Oberhand.
„Sie werden
das Haus abreißen, Mutter. Du wirst eine Weile bei uns wohnen, bis wir einen
Heimplatz gefunden haben.“ Sagt Victor, ohne den kurzsichtigen Blick von dem
Papier zu heben. Ursula schüttelt stumm den Kopf. Die fahlen Hände ziehen Linien
zwischen eingetrockneten Haferflecken auf dem Wollstoff über den Knien.
Schweigend sitzen
sie unberührt nebeneinander.
„Ich kann
hier nicht weg.“ Sagt Ursula.
Victors Haltung
duldet keinen Widerspruch.
„Die
Geranien nehme ich mit.“ Sagt Ursula und Victor ist sich nicht sicher, ob sie
mit den Kunstfasern des abgenutzten Teppichs spricht, aus ihrer Erinnerung
verloren hat, dass er dort sitzt.
In die
Erinnerung an Schuberts 8. Sinfonie, die Unvollendete, mischt sich der Duft
verkochter Kürbissuppe. Über den losen Rand seiner Brille streift Victors Blick
die unter Altersflecken gespannte fahle Haut, zwingt er sich zu einem müden
Nicken.
Die Tage
vergehen zwischen in Zeitung gewickeltem Porzellan im Wochentakt.
Hinter der
Fassade, so grau, dass sie fast farblos wirkt, verstauen sich Lebensgeschichten
und Erinnerungen als Füllmaterial in Bücherkisten.
Zwischen
Ampelphasen fegt der Verkehrslärm an den schallisolierten Fenstern vorbei,
deren Vorhänge längst abgehangen sind, die lichtlos bleiben.
Das Gebäude
löst sich beharrlich langsam auf. Den Gedanken an Protest hat es sich nicht zu
denken erlaubt.
Still steht
sein aufgegebener Schatten an der Straßenecke, treibt der Wind verdrängte
Blütenblätter ausgezählter Geranien über den grau-schwarzen Asphalt im falschen
Viertel.
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