Dienstag, 26. Juli 2016

Und Abends ein Pfannkuchen mit Hegel

"Noch ein Glas Wein?" frage ich Hegel, als ich die Erdnussbutter über den Tisch reiche. Hegel isst seine Pfannkuchen lieber süß als salzig und am liebsten mit Erdnussbutter bestrichen. Zimt und Zucker dagegen mag er gar nicht.
Einmal wöchentlich, Donnerstags nämlich, essen Hegel und ich Pfannkuchen und trinken Rotwein; die Flasche hat stets ein ansehnliches Etikett. Ansehnlich zu sagen habe ich mir angewöhnt, weil Hegel bei dem Gebrauch des Wortes "hübsch" kleine rote Punkte auf der Nasenspitze bekommt, drei nebeneinander liegende, die sich zwar nicht berühren, aber fürchterlich jucken.
Hegel, den ich heimlich Fridel nenne, weil sein dritter Vorname Friedich lautet, nickt, während er gleichmäßig Erdnussbutter auf seinem Pfannkuchen und dem Rand des Tellers verteilt. Hegel sieht nicht mehr besonders gut und so kann es schon einmal vorkommen, dass er den Rand des Tellers versehentlich für Pfannkuchen hält.
Im Laufe der Wochen ist unser gemeinsames Nachtmahl zu Pfannkuchen und Wein geschrumpft. 
Zu Beginn der Zusammenkünfte war die Tafel reich gedeckt. Neben gerührten Eiern fanden sich Croissants sowie verschieden Käsesorten. Ausschließlich der Orangensaft, welcher bei einem guten Frühstück in einer gesetzten Pension, stets in einer Karaffe zwischen Kaffee und Tee seinen Platz findet, fehlte.
Hegel und ich waren übereingekommen, dass Orangensaft bei einem am Abend eingenommenen Frühstück überhaupt nichts zu suchen habe. 
"Der Säure wegen." hatte Hegel gesagt und sich den Bauch gerieben. 

Es ist der dritte Donnerstag im Juli, über der Stadt färbt der Sommer die Luft in stickige Wolken. Hegel trinkt Wein, dreht aber nicht wie gewöhnlich die Flasche, um sich des ansehnlichen Etiketts zu versichern, sondern wischt über den Bildschirm seines Tablets. In der Bewegung liegt keine Hektik, wohl aber Unzufriedenheit.
"Stimmt etwas nicht?" frage ich. Hegel legt die Stirn in Falten, kneift die Augen derart zusammen, dass sich seine Tränensäckchen protestierend anheben.
"Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen." sagt Hegel und schüttelt den Kopf. 
Hegel verzweifelt regelmäßig an der virtuellen Welt.
"Leg das Internet weg, Hegel." sage ich und zerteile meinen Pfannkuchen in drei verschieden große Dreiecke. 
Hegel hört nicht auf mich. Das tut er nie. 
Unwirsch wischt sein Finger über das Tablet, während die Erdnussbutter auf dem abkühlenden Pfannkuchen zu schwitzen beginnt. 
Hegel schnaubt. Schwitzende Erdnussbutter mag er fast genauso wenig wie Zimt und Zucker.
"Leg das Internet weg." wiederhole ich. 
Die Dämmerung setzt ein, als sich Hegel entschließt, einen Kreis in die Mitte seines Pfannkuchens zu schneiden. Er folgt einem Muster. Sorgfältig arbeitet er sich vom Innersten der Dinge zu ihrem Rand vor. 
Hegels Vorgehen hat Methode. Obwohl er ein Romantiker hätte sein müssen, bestimmt ihn die Vernunft. 
"Die Zusammenhänge zu betrachten, ist unabdingbar." sagt Hegel, schüttelt erneut den verzweifelten Kopf.
"Und nur was vernünftig ist, ist lebensfähig." fährt er fort. Die trüben Augen streifen das Tablet. 
"Das," sagt er und nickt dem Gerät zu, "ist nicht vernünftig."
"Es ist das Internet." sage ich schulterzuckend. 
Oft habe ich den Versuch unternommen, Hegel zu erklären, dass die virtuelle Welt nichts mit Vernunft zu tun haben kann. Hegel hält regelmäßig dagegen, zumeist zwischen dem vierten Pfannkuchen und dem dritten Glas Wein, dass die Vernunft sich nicht aus einer Welt heraushalten könne, geschweige denn dürfe. 
Schließlich, stellt er dann fest, seien Virtualität und Realität symbiotisch miteinander verbunden. Mehr noch trete das Virtuelle über seine Grenzen in das Reale. 
"Es muss dir aber doch einleuchten", sage ich, "dass die Vernunft in nahezu absolutem Widerspruch zu dem emotionalen Gefüge der Menschen steht."
"Emotionalität," schnaubt Hegel verächtlich, "hat keinen Platz in einer Auseinandersetzung." 
"Nun, dann ist ein verächtliches Schnauben nicht sehr diskussionswürdig, nicht wahr?" gebe ich zurück.
Hegel legt die Stirn in Falten und seufzt.

"Gehen wir davon aus", nimmt er erneut Anlauf, "dass jeder vorgebrachte Gedanke, Widerspruch hervor ruft. Nehmen wir weiter an, dass je heftiger eine These vertreten wird, desto größer wird der Widerstand sein."
"Das", unterbreche ich, "ist gemessen an der heutigen Zeit ein wenig tröstlicher Gedanke." 
"Nur insofern, als dass die Menschen verlernen den Austausch zu pflegen, denn entstehen zwei diametral entgegengesetzte Gedanken, was unweigerlich geschieht, braucht es einen dritten Gedanken, der aus beiden Standpunkten das Beste zu bewahren vermag und die Spannung so auflöst." 
Hegel lehnt sich zufrieden zurück, nippt an seinem Weinglas, nickt sich selbst zu.
"Was aber", wende ich ein, "wenn einer der beiden Gedanken nichts, wirklich nichts, Gutes an sich hat? Oder was aber, wenn wir nicht zu erkennen vermögen, was vernünftig ist?"
"Dann muss die Geschichte zeigen, was das Vernünftige ist." sagt Hegel, überzeugt die Fragestellung zufriedenstellend beantwortet zu haben.
"In der Geschichte finden sich mannigfaltig Beispiele für die Unvernunft der Menschen, meinst du nicht?" 
Hegel kratzt mit dem Messer die Erdnussbutter vom Rand seines Tellers.
"Durchaus." gibt er zu. "Und doch hat das Unvernünftige keinen Bestand."
"Es sind also Phasen, die wir ertragen müssen?" vergewissere ich mich.
Hegel schüttelt den Kopf.
"Es ist simpel." sagt er. 
Hegel zerlegt die Welt gern in simple Theorie.
"So?" wundere ich mich.
"Ist eine Situation dem Anschein nach verfahren, so muss sich eine Veränderung einstellen. Mir den Kopf an der Frage zu zerbrechen, ob eine solche Veränderung positiv oder negativ zu beurteilen ist, ist meine Sache nicht."
Hegel leert sein Glas in einem Zug, erhebt sich schwerfällig. 
"Packst du mir noch einen Pfannkuchen für die Busfahrt ein?" fragt er und lässt mich verwundert unter der gedimmten Deckenlampe stehen.




Dienstag, 12. Juli 2016

Der Holztisch

Albert sitzt an einem Tisch, der ihm ebenso wenig gefällt wie sein Name. 
Seit 53 Jahren und 11 Monaten leidet Albert. Nicht an dem Tisch, welcher nicht länger als 2 Jahre und 4 Wochen in der viel zu kleinen Küche Platz gefunden hat. Die Küche ist schlauchförmig. Daher passt ein runder Tisch, selbst ein hölzerner, nicht hinein. Sondern unter seinem Namen. Albert. Als sei er albern. Er ist ein äußerst ernsthafter Mensch. 
Da seinen Eltern darauf bestanden, dass er den Familienbetrieb übernähme, eine Metzgerei, die Metzgerei Altmann, musste er zwar auf das Universitätsstudium verzichten, bildet sich jedoch fleißig fort. Zumindest liest er regelmäßig, nämlich wöchentlich, eine Zeitung. Albert Altmann findet es unnötig, die Tageszeitungen zu bemühen, wenn es doch Wochenzeitungen gibt. Information überlebt sich nicht und die Gesellschaft wandelt sich derart langsam, dass es auf das Tagesgeschehen wahrlich nicht ankommt. 
So sieht Albert Altmann die Welt von seinem ungeliebten Tisch aus. 
An diesem Morgen, da er in der Küche sitzt, die Wochenzeitung noch unberührt neben seinem Teller liegt, köpft Albert Altmann sein Frühstücksei. 
Er köpft seine Frühstückseier stets. Es seien schließlich Eier und keine Trommeln, weswegen nicht einzusehen sei, die Schale mit dem Löffel anzuschlagen, pflegt er zu sagen und fügt beiläufig hinzu, außerdem sei es nur recht und billig, was ein Tier hätte werden können auch zu köpfen, wollte man es verzehren.
Albert Altmann fügt gerne beiläufig Nachsätze hinzu, die seine Zuhörerschaft angemessen schockiert zurücklassen. Das liegt daran, dass er sich mit aller Macht gegen die Albernheit seines Namens zu wehren versucht. Dass sein Name im Gegenteil die Bedeutung "vornehm" oder auch "glänzend" hat, ist ihm, dem ernsthaften Herrn Altmann, bisher entgangen. Zu beschäftigt ist er, die Wochenzeitung zu lesen. Und schließlich wurde ihm das höhere Studium verwehrt.
An diesem Morgen, den seine Frau als warm beschreibt, köpft Albert Altmann sein Frühstücksei und verdreht die Augen.
"Isabelle", sagt er, während er mitleidig den Kopf schüttelt, "wie sollte ein Morgen im August denn auch nicht warm sein? Der August ist ein Sommermonat. Da sind die Morgende und Abende warm. Am Nachmittag wird es sogar heiß werden. Es ist eben August." 
Albert seufzt tief, rückt das schmale Brillengestell, welches nicht zu seinem grobschlächtigen Gesicht passen möchte, zurecht und greift nach der Wochenzeitung.
Auf dem Tischtuch versammeln sich Brotkrümel.
Alberts Gesichtszüge waren früher genauso wenig grobschlächtig wie sein Wesen.
Der junge Albert Altmann trug Fliege und lud Isabelle zu Tanzveranstaltungen ein. Blickt sie auf die Fotografien, erfasst sie für gewöhnlich eine durchdringende Wehmut. Das Gewöhnliche steht ihr und so lässt sie es bei einem kurzen Moment bewenden. Heute, an diesem warmen Morgen im August, einem Sommermonat, liegen nicht nur ihre sonst sorgsam zu einem Knoten geschlungen Haare glatt über den Schultern, sondern die Dinge anders.
Isabelle ist bereit einen Versuch, von dem sie weiß, es wird der letzte sein, zu unternehmen.
"Albert", sagt sie fast ein wenig zu leise, als hoffe sie doch, er möge sie nicht hören, "ich unternehme eine Reise."
Die Wochenzeitung in den inzwischen druckergeschwärzten Metzgershänden knistert.
Albert Altmann hebt langsam den Kopf, betrachtet seine Frau ausführlich über den Rand seiner Brille.
Seine Antwort ist kurz, ein Widerspruch undenkbar. Isabelle widerspricht ihm seit 34 Jahren und 1 Woche nicht. 
"Nein."
Durch das Küchenfenster weht ein vorwitziger Sommerwind herein. Die versammelten Krümel tanzen auf dem Tischtuch.
Albert verabscheut den hölzernen Tisch so sehr, dass er auf einem Tischtuch besteht. 
Das Tuch hat weiß und gebügelt zu sein.
Firlefanz wie einen Spitzenbesatz verbittet er sich.
Seine Frau wankt nicht. Lange hat sie über diesen Schritt, der ihr als einziger möglich scheint, nachgedacht. 
"Ich unternehme eine Reise." sagt Isabelle und fügt, ganz nach Alberts Manier beiläufig hinzu "wie lange ich fort sein werde, weiß ich nicht."
Albert Altmanns Gesicht wechselt die Farbe. Feine Adern auf den Wangen röten die Haut zwischen den großen Poren. Die Wochenzeitung fällt zu Boden. 
Ungläubig blickt er seine Frau an, wie sie dort steht, die Arme vor der Brust verschränkt, als wäre ihr kühl. 
"Du kannst keine Reise unternehmen. Wo willst du denn auch hin?" stößt Albert durch gefletschte Zähne hervor. 
Die Küchenuhr schlägt einen ungewohnten Rhythmus, während Isabelle das Geschirr zur Spüle trägt. 
In ihrem Rücken spürt sie die massige Gestalt ihres Mannes. 
"Zunächst fahre ich aus der Stadt. Das halte ich für einen guten Anfang. Jede Reise beginnt mit einem Anfang. Das Ziel dagegen steht noch nicht fest."
Die Worte fallen langsam in den Siphon. Auf Albert Altmanns rechter Wange, knapp unter dem Auge, platzt unauffällig eine Ader. 
"Ausgeschlossen." sagt er, lehnt den Oberkörper an der Rundung des Tisches vorbei nach vorne und hebt die Wochenzeitung vom Boden auf. 
"Absolut ausgeschlossen." 
Im Takt der Küchenuhr vollführt Isabelle eine bedächtige Drehung, der es unter anderen Umständen nicht an Eleganz gefehlt hätte.
Ihren Blick heftet sie auf die Schlagzeilen des Feuilleton. 
"Ich unternehme eine Reise. Auf unbestimmte Zeit. Denn, Albert, du bist mir, was dieser hölzerne Tisch dir ist. Nur kann ich dich nicht mit einem weißen und gebügelten Tuch verdecken." sagt Isabelle mit einer für sie ungewöhnlichen Gelassenheit.
Dann geht sie und lässt einen angemessen schockierten Albert Altmann an seinem ungeliebten Tisch zurück.



Montag, 4. Juli 2016

Herr Habel schreit

Als am 14. März 1969 Josef Bachmann zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt  wird, ist Frank Habel gerade ein paar Stunden alt und brüllt ungehindert die Säuglingsstation des St. Anna Hospitals in Herne nieder, während seine Mutter mit unerkannten, wie schweren postnatalen Depressionen kämpft.
Frank wächst in dem Bewusstsein auf, dass Schreien ihm nichts weiter einbringt als eine "Auszeit" im Keller oder einen hochroten Kopf oder beides. Also lässt Frank das Schreien und sich empören schon sehr früh. 
Als er im Alter von elf oder zwölf Jahren ist, zuckt er nicht einmal mehr resigniert mit den Schultern, wenn sein Großvater, den jeder, selbst der Postbote, "Oppa" nennt sagt: "Dein Geburtstag, Frank das ist der Tag, an dem sie den Dutschke-Attentäter weggesperrt haben." Oppa, weshalb Frank sich daran stört, dass der alte Mann mit der Pfeife im rechten Mundwinkel eben so genannt wird und nicht Großvater, Herr Habel oder Gustav, spricht reines Hochdeutsch, wie es sonst nur in Hannover zu hören ist. 
Aber weil Herne im Pott liegt, sagen die Menschen hier Oppa zu Gustav Habel. 
Frank schreit deswegen nicht auf. Er würde ja höchstens einen roten Kopf bekommen.
Stattdessen spielt er Fangen und Verstecken, wie normale Jungs in seinem Alter das eben so tun.
Er starrt verstohlen durch das Loch in der dünnen Wand der Turnhallenumkleidekabine, das Torsten dort hinein gebohrt hat, hinüber zu den Mädchen.
Auf den Anblick eines Busenansatzes wartet Frank vergeblich und als ihn in einem Spätsommer, gleich nach den großen Ferien, die Rektorin und Sportlehrerin der Gesamtschule an den Ohren aus der Umkleidekabine der Turnhalle zerrt, schreit Frank zwar nicht, beschließt aber den Kopf von nun an besser gesenkt und sich von Torsten fern zu halten. 
Frank bedauert das ein wenig, weil Torsten sein einziger und damit zwangsläufig bester Freund ist, abgesehen von dem altersschwachen Pudel der Familie Habel, den Frank heimlich in seinem Bett schlafen lässt.
Als am 8. Juni 1986 die Polizei den Hamburger Kessel schließt, sitzt Frank am Rhein-Herne-Kanal und hört Sabine, die von allen Sapse gerufen wird, obwohl sie das nicht ausstehen kann, zu, wie sie davon spricht, dass sie eben nicht Sapse gerufen werden will und dass nichts auf der Welt mehr Bedeutung hat als der Respekt für einander.
Frank kann sich nicht daran erinnern, wie er Sabine, die er still und wenn er für sich ist Biene nennt, davon überzeugt hat, mit ihm am Kanal zu sitzen. 
Er mag, wie ihre Stimme klingt und dass sie ihn nicht auf sein ungewaschenes Haar oder sein pusteliges Gesicht anspricht. Und während Sabine von Respekt spricht, fängt es zu regnen an. Frank zieht aus seiner Umhängetasche, für die ihn alle anderen stets verlachen, die er aber praktisch findet, einen Regenschirm und sagt: "Hast du gewusst, dass unsere Vornamen 1969 auf Platz fünf der beliebtesten Vornamen in Deutschland waren?" 
Im selben Moment kommt er sich ganz besonders dumm vor und das bisschen aknefreie Haut gleicht sich dem Rotton der Pusteln an, aber Sabine drückt seine Hand und sagt ganz leise in Richtung des Kanals: "Du bist komisch. Aber süß."
Da weiß Frank, 17-jährig am Kanal sitzend, dass er verliebt ist und Sabine heiraten wird. 
Seine Haut bessert sich je älter er wird und an einem lauwarmen Tag im Frühling, steckt Frank einen Ring in eine Kugel Vanilleeis, weil das Sabines, die er jetzt auch laut Biene nennt, liebstes Eis ist, bevor er sie von Zuhause abholt.
Das Eis ist fast geschmolzen, Sabine steht schon ungeduldig im Vorgarten ihres Elternhauses.
Frank streckt ihr das Eis entgegen, in dem der schmale Ring schwimmt und sagt: "Verschluck dich nicht."
Dann kramt er allen Mut aus der Hemdtasche und fragt: "Willst du mich heiraten?"
Sabine, die sich einen Heiratsantrag vielleicht etwas romantischer oder geplanter vorgestellt hätte, findet ein Picknick am Kanal wäre nett gewesen, gefällt der Ring, der in dem fast geschmolzenen Eis schwimmt. Deshalb sagt sie: "Du bist komisch. Aber süß. Ja." 
Frank wirbelt sie durch den Vorgarten, zertritt aus Versehen und Freude einige gelbe Stiefmütterchen und schreit mit hochrotem Kopf: "Sie hat 'Ja' gesagt." obwohl ihn außer Sabine niemand hören kann.
An diesem Tag, als Sabine "Ja" sagt, ist Frank 21 Jahre alt, bestimmt ihn das Gefühl, er habe sein ganzes Leben noch vor sich und erklärt Estland sich zur Republik.
Frank denkt nicht viel über politische Zusammenhänge oder die Hochzeitsplanung nach. 
Als Sabine ihm die Kosten vorrechnet, mit dem Vermerk, sie habe versucht, es günstig zu halten, schreit Frank nicht, sondern nimmt einen Kredit auf. 
Franks Mutter, die sich nie von ihren unbemerkten wie schweren postnatalen Depressionen erholt hat, zieht sich ihr bestes weißes Kleid an und obwohl weder der alte Pudel der Familie Habel noch Oppa das Fest erleben, wird sich Frank in den kommenden Monaten, wenn er die Raten für den Kredit begleicht gerne an seine Hochzeit erinnern.
Die jungen Eheleute Habel-Tal, denn Sabine besteht entschieden auf einen Doppelnamen, der Gleichberechtigung und des Respekts wegen, ziehen in ein schmuckes Reihenhaus, das genug Platz für ein Kinderzimmer hat.
Während der Osten und der Westen Deutschlands versuchen zueinander zu finden, beginnt Frank seinen Beruf zu hassen, der ihm zwar gutes Geld einbringt und die Raten zahlt, bei dem ihm aber jede Anerkennung verwehrt bleibt.
Als im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen Asylbewerberheime brennen, klatscht Frank innerlich Beifall. 
Er ist seit zwei Jahren verheiratet, trägt das Haar noch immer ungewaschen und Sabine weigert sich hartnäckig schwanger zu werden. 
Anstatt abends in das gepflegte Reihenhaus zurückzukehren macht Frank häufiger Umwege über die nächstgelegene Kneipe. Ein Bier und ein Schnaps schaden nicht, denkt er sich.
Betritt er mit auf Stunden ausgedehnte Verspätung die Diele des dunklen Hauses, schaltet Sabine im Schlafzimmer das Licht an und sagt durch eine geschlossene Tür: "Wenn du wieder saufen warst, kannst du gleich draußen bleiben."
Frank verstaut die Wut über die Ungerechtigkeit in der Hemdtasche, legt sich auf die unbequeme Ledercouch, deckt sich mit einer kratzigen Wolldecke zu und verflucht den Tag am Kanal, als Sabine seine Hand drückte.
Sie findet ihn, das weiß er genau, inzwischen längst nicht mehr süß. 
Als am 9. September 2001 Flugzeuge in das World Trade Center fliegen, sagt der dicke Geschäftsführer:
"Herr Habel, Sie sind zwar schon lange ein Teil unseres Unternehmens und es tut mir wirklich leid, glauben Sie mir, aber Sie sind nicht mehr tragbar." 
Vor Anstrengung das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, gerät Frank heftig ins Schwitzen. 
Er steht auf der Straße mit seinen 32 Lebensjahren, deren Bilanz eine Kündigung und eine zerrüttet Ehe nebst Säuferleber sind.
Die Schuld daran, das weiß Frank ganz genau, trägt irgendjemand, nur nicht er.
Er hat stets den Kopf gesenkt, seine Steuern stets pünktlich bezahlt und dennoch will ihm das Leben nichts gönnen.
Ein paar Stunden trottet er durch die Straßen, bis er nach Hause geht. 
Sabine sitzt in der Küche und raucht. Vor Jahren hat er sie gebeten, das Rauchen aufzugeben oder wenigstens nicht im Haus eine Zigarette nach der anderen anzustecken. Sabine, die Respekt so viel Bedeutung beimisst, hat ihn jedoch schlicht überhört.
Er betritt die Diele, seine Nase saugt den unangenehm beißenden Qualm ein.
"Mir wurde gekündigt." sagt Frank tonlos, in der Erwartung, sie käme aus der Küche gelaufen, nähme ihn in die Arme oder drückte wenigstens seine Hand.
Stattdessen raucht Sabine und sagt: "Ich verlasse dich."
Die Koffer stehen bereits gepackt im hinteren Teil der Diele, das sieht Frank jetzt.
Sabine lässt nichts weiter zurück als einige abgenutzte Möbel und einen Scherbenhaufen Erinnerungen, die Frank gerne genauso abstreifen würde wie den Doppelnamen.
Da sich Erinnerungen nicht abstreifen lassen, ertränkt Frank sie in weniger Bier und mehr Schnaps. 
Die Tage kriechen dahin und werden zu Jahren. Frank bezieht staatliche Hilfen, die ihm kaum ausreichen, um den gewohnten Lebensstandard zu halten.
Sein ungewaschenes Haar beginnt grau zu werden, als am 20. Oktober 2014 zum ersten Mal Pegida durch Dresden marschiert.
So wie schon Jahre zuvor als in Rostock-Lichtenhagen Häuser brannten, applaudiert Frank diesem Bachmann innerlich. 
Er entdeckt das Internet für sich und hebt den müden Blick. Endlich hat er einen Schuldigen gefunden.
Sabine ist inzwischen glückliche Mutter zweier Kinder, deren Vater aus Ghana stammt.

Frank schleicht manchmal um das Haus, in dem sie leben, späht durch die halb geöffneten Vorhänge und stellt sich vor, wie Sabine die Hand des Mannes drückt, während sie sagt: "Du bist komisch. Aber süß."
Und obwohl im das Brüllen nichts eingebracht hat als eine "Auszeit" im Keller oder einen roten Kopf, beginnt Frank zu schreien. Er schreit ungehemmt in die Welt.
Jeden Tag steht er pünktlich um 8 Uhr 45 auf, schaltet seinen Computer an und kommentiert, teilt, bloggt noch vor dem ersten Kaffee hasserfüllt und hingebungsvoll.
Frank hat neun verschiedene Online-Profile, unterhält zwei eigene Blogs und weiß sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen.
Sein Arbeitstag dauert bis 16 Uhr 30, inklusive einer Mittagspause von einer halben Stunde.
Als am 14. März 2016 Pegida der AFD zu ihrem Wahlsieg gratuliert, marschiert Frank selig in der Mitte der Patrioten. Er ist 47 Jahre alt und hat endlich das Gefühl, angekommen zu sein.



Montag, 9. Mai 2016

Da sitzt ein Junge auf dem Dach

Das Haus war einmal das höchste in der Straße, deren Gehwege vor einem halben Jahrhundert noch Pappeln säumten. Eine Allee, wie sie zwischen Feinstaub und Modernisierung verloren gegangen sind. Das Haus ist eingefasst. Von zwei Glasbauten neuzeitlicher, angepasst-eckiger Architektur. Leere Fensterfronten blicken auf abgesägte Baumstümpfe, während der laue Wind eines heraufziehenden Frühlingstages über den Asphalt streicht.

Auf dem Dach des einmal höchsten Hauses, das in sich zusammen gesunken zwischen den glasgebauten Fronten steht, sich um Würde bemüht, obwohl die Fassade sich nach einer Sanierung oder wenigstens einem neuen Anstrich sehnt, sitzt ein Junge. 

Das fuchsrote Haar zu einem Zopf gebunden, der bei jeder Bewegung viel lustiger wippt, als dem Jungen zumute ist, sitzt er da. Die Beine baumeln über rostige Reste einer Regenrinne. Mit den knochigen Fingern hält er sich an den Trägern seiner Latzhose fest, als würde er so nicht fallen können, beugte er sich nur einen weiteren unbedeutenden Zentimeter vor. 

Der Junge sitzt häufig auf dem Dach. 
Die wenigen Passanten, welche die stumme Straße entlang gehen, wobei der Junge empfindet, dass sie schleichen - hebt die Füße und richtet den Blick nach vorn, möchte er ihnen zurufen, dann aber würde er entdeckt - senken ihre Köpfe zwischen hochgezogenen Schultern auf den Gehweg hinab. 
Auf dem Dach sitzt der fuchsrotschopfige Junge und sieht ihnen aus verwundeten Augen nach.
Er denkt sich Geschichten aus.
Die kleine, runde Frau - dick mag der Junge sie nicht nennen, weil sie eben rund aussieht unter ihrem Mantel, der nicht zur Jahreszeit passen will - ist vielleicht Buchhalterin gewesen. Ihre Haare sind grau und im Nacken zu einem Knoten geschlungen, der viel eher die Vermutung herauf beschwören will, sie säße seit sie lesen kann in einer Bibliothek. Das aber ist dem Jungen auf dem Dach zu sehr ein abgegriffenes Klischee. Also denkt er, sie war Buchhalterin. Die Brille auf der Stubsnase will vorwitzig herunter rutschen und die kleine, runde Frau schiebt sie unwirsch zurück an ihren Platz auf der Nasenwurzel. 
Die Brille muss sie tragen, malt der Junge auf dem Dach sich aus, weil die jahre- sogar jahrzehntelang kleine Zahlen in Spalten eingetragen hat und dabei stets die Augen so sehr zusammenkniff, dass ihre Sehkraft zwischen den Spalten und den Zahlen einfach so verloren gegangen ist. 

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine hagere Gestalt, grau gekleidet, das Gesicht aschfahl, den Hut nur ein wenig zu tief in die Stirn gezogen. 
Der Junge auf dem Dach spannt unwillkürlich jeden Muskel an. Ohne Umstände stellt der fuchsrote Zopf das lustige Wippen ein. Die Zeit steht still, bevor sie rauschend durch den Rinnstein fließt, die hagere Gestalt sich in Bewegung setzt. Lange Schritte überqueren die Straße. Drei, zwei, eins und die hagere Gestalt steht vor dem einstmals höchsten Haus, hebt den Kopf in einer bedrohlich steifen Bewegung.
Der Junge auf dem Dach zieht die baumelnden Beine zurück, streift unabsichtlich die rostigen Reste der Regenrinne.
Die hagere Gestalt ruft etwas, der fuchsrotschopfige Junge verschließt seine Ohren und kriecht hinter den brüchigen Schornstein. 
Der Mörtel zwischen den Klinkersteinen will kaum noch in den Fugen halten und so hält sich der Junge weiter an den Trägern seiner Latzhose fest, anstatt den Schornstein zu umklammern, auch wenn es rutschig ist auf dem Dachgiebel. 
Die hagere Gestalt reckt den reckt den Kopf noch ein bisschen höher, stellt sich auf die Zehenspitzen, die in blank geputzten Schuhen stecken.
Der Junge duckt sich. Jetzt sitzt er mit seinem fuchsroten Zopf, der gar nicht mehr lustig wippt auf dem Dach fest und da unten droht ihm die hagere Gestalt mit der geballten Faust. 

Der Junge kennt das Spiel, das den immer gleichen Regeln folgt.
Die hagere Gestalt, zu der sich der Junge keine Geschichte ausdenken muss, ist Heimleiter von Beruf. 
Auf der anderen Seite der Stadt steht das Heim hinter dicken Mauern, die mit Stacheldraht verziert sind, das die hagere Gestalt leitet. Der Junge bewohnt dort ein Zimmer im ersten Stock, in dem es nach Schimmel riecht und an dessen Wände sich Stockflecken bilden, die der Junge mit einem schwarzen Filzstift umrandet hat. 

Der Heimleiter zückt sein Telefon. Gleich werden sie da sein. Die Polizei. Ein Feuerwehrwagen und vielleicht auch die Sanitäter.
Sie werden ihn vom Dach pflücken, so wie sie jeden Monat mindestens zweimal tun. Er wird in die Verantwortung des Heimleiters überstellt werden und nach der Rückkehr ins Heim wird der Heimleiter persönlich, weil es ihm Freude macht, ihm mit dem alten Rohrstock eine Lektion erteilen.
Der Heimleiter nennt die Prügel Lektion. Der Junge wird in seinem Zimmer sitzen, aus dem Fenster starren, zwischen den Gitterstäben hindurch und wieder ausreißen. Vielleicht nicht schon morgen. Vielleicht auch nicht übermorgen. 
Aber in einer Zukunft, die nicht allzu fern ist.
Er wird durch die Straßen laufen an das andere Ende der Stadt bis er vor dem einst höchsten Haus steht, dessen Fassade so sehnlich auf eine Sanierung oder wenigstens einen Anstrich wartet. 
Er wird sich leise hinein schleichen, auf das Dach klettern, seine Beine über die rostigen Reste der Regenrinne baumeln lassen und sein fuchsroter Zopf wird viel lustiger wippen, als ihm zumute ist.
Er wird aus verwundeten Augen auf die Welt und die Menschen sehen, bis sie ihn wieder vom Dach klauben oder der Schornstein samt des brüchigen Mörtels, die Klinker und das Haus in sich zusammen fallen. Kein Rohrstock, keine Lektion, nichts wird den Jungen davon abhalten auf dem Dach zu sitzen, so lange es das Dach noch gibt. Denn nur auf diesem Dach, das einst das höchste in einer von Pappeln gesäumten Straße war, ist der Junge was er sein möchte: frei.

Donnerstag, 28. April 2016

Was ist...


…Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Wir saßen auf einer Gartenbank.
Das Holz schon ganz morsch,
weil es immerzu, über Jahre im Regen stand,
zuckte unter jeder inneren Regung.

Die Antwort hätte ich zu gerne vertagt,
ins Morgen, die Ewigkeit, zeitlose Zwischenräume.
Unternahm mit halbem Herzen ein Ablenkungsmanöver:
Weißt du noch, früher schüttelten wir bedenkenlos Äpfel aus den Kronen der Bäume.

Aber du, auf der Bank sitzend, gingst über die versuchte Irritation schlicht und hinweg.
Was ist Liebe, wolltest du erneut wissen,
hast mit einem Grinsen die schweigenden Mauern so leichtfertig eingerissen, als hätte das Sitzen auf knarrendem Holz nur den einzigen Zweck, zu ergründen, worauf Menschen seit Gedenken tausend und eine Antwort finden.

Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Ausgerechnet mich, die in Fragen der herkömmlichen Romantik kläglich versagt, sie schlimmer noch für scheintot erklärt, sich gegen Rosenblätter auf Bettlaken und Candle Light wehrt.
Mir war, als könnte ich keine Antwort, allgemein gültig, geben, auf solche und ähnliche Fragen.

Sah hinauf in den nächtlichen Himmel, an Stromleitungen vorbei, ließ den Blick schweifen, zupfte an Buchstaben und suchte nach Worten, die Verborgenen leben.
Was nur sollte ich dir hier und jetzt sagen?

Anders für jeden, hub ich an, hat sie das eine für uns alle gemein, schwer greifbar, unmöglich beschreibbar, verwechselt der Mensch immer mal wieder das Lieben, das einzig wie wahre – ich muss es so sagen – mit niederen Trieben.

Dein Kopf schüttelte sich, als wolltest du sagen, ich solle nicht auf das Offensichtliche weisen.
Vielmehr meinem Geist doch endlich erlauben, zu reisen.
Mein Fuß stampfte auf, wirbelte Laub durch die glasklare Nacht.

Ein neuer Versuch.

Wir sind es, die sich ein Leben lang winden, stets auf der Jagd – und seien wir auch noch so betagt – erklimmen wir hochjauchzende Höhen, fallen in wolkenverhangene Täler, in dem Versuch sie zu finden.
Die Liebe zu suchen, so viel ist wenigstens dem Herzen, ließen wir es nur einmal unverwandt sprechen, klar, ist so sinnlos wie unklug, ist sie doch immerzu, überall, ganz simpel und da.

Was ich da rede, wolltest du wissen.
Es muss, so hast du gefunden, eine Definition geben, die frei ist vom ewigen Streben, Unsicherheit und dem Ersticken von Tränen in frisch bezogenen Daunenkissen.

Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Ausgerechnet mich, die sich nicht an Themen von Dichtern zerdacht und Denkern beschreiben, wagt.

Mir fiel nichts weiter ein, als eine Weile zu schweigen.
In die Stille hast du ein einziges Wort gebrochen.
Ein Mythos. Nicht mehr.

Das aber zu glauben fiel selbst mir schwer.
Liebe ist, habe ich dir zur Antwort gegeben, nicht nur das ewige, scheinbar lebensbestimmende Streben, nicht nur das Nichtwissen, nicht nur Tränen, versickert in fleckigen Daunenkissen.

Sie liegt neben uns in der Wiege, in Blicken und auf repeat gehörten Musikstücken.
Sie bedeutet die Welt, ist der Moment, in dem sich dein Leben hinter ein anderes stellt.

Liebe ist Möglichkeit, die wächst mit der Zeit. Ist sich manches Mal streitend versöhnen und sich die gemeinsamen Augenblicke verschönen.
Auf große Gesten kannst du getrost und ruhigen Gewissens verzichten, lass mich lieber von Ideen und Tagwerk berichten.

Liebe ist eine offene Tür, ein Windzug, den ich im Inneren spür.
Ist in den Kleinigkeiten, aus denen unsere Lebenssuppe besteht.
Ist was leise heran kommt und geräuschvoll ihrer Wege geht.
Ist der Schmerz und die Freude, zwei Wände, und doch dasselbe Gebäude.

Sie ist Mut, der an Boden gewinnt, wenn das Ich von oben bis unten von Innen nach Außen zu schwingen beginnt.
Liebe durchdringt die Mauern und Zäune, die wir bemüht bauen um unsere Wünsche, Hoffnungen, Träume.
Weißt du noch, früher schüttelten wir bedenkenlos Äpfel aus den Kronen der Bäume.

Während ich sprach, bildeten deine Gedanken wortreiche Erwiderung, war deine Sachlichkeit allzeit bereit auf dem Sprung.
Ein lauernder Panter, so saßt du da auf der Gartenbank in glasklarer Nacht.
Und fast hätte mich dein fesselnder Blick erneut unsicher zum Schweigen gebracht.

Das Laub legte sich zu unseren ruhigen Füßen.
Ich wusste ganz plötzlich und ohne besonderen Grund, schwiege ich jetzt für den Rest dieser Nacht, ich würde es ein Leben lang bitter büßen.
Die Buchstaben vom Himmel gezupft, wurden zu Worten, machten so leicht Antworten aus meinen, deinen, unseren Fragen.

Sacht legte ich dir einen Finger auf schon geöffnete Lippen, derweil begannen deine Beine ungeduldig zu wippen.
Hör mir noch einen kurzen Wimpernschlag zu:

Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Liebe ist, was uns täglich passiert, auf verbundener Freundschaft basiert, das Leben und alles und alles kreiert.
Liebe braucht keine Worte, weder Mittel noch Zweck, ist Gehen und Bleiben.
Ich weiß nicht, wie soll ich es dir besser beschreiben?
Liebe ist, was unser Sein von Beginn an bestimmt und in allen Dingen, innen wie außen, unaufhörlich mitschwingt.
Liebe ist Hoffnung, Wünsche und Träume, ist bedenkenlos geschüttelte Apfelbäume.
Und hatte damit alles nur mögliche gesagt.

Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Wir saßen auf einer Gartenbank.
Das Holz schon ganz morsch,
weil es immerzu, über Jahre im Regen stand,
zuckte unter jeder äußeren Bewegung.
Langsam, stumm hast du genickt.
Und mit dem Fuß ganz ruhig einen Grashalm über das Laub geknickt.

Dienstag, 15. März 2016

Das Mietshaus


Das Gebäude, von außen betrachtet so grau, dass es fast farblos wirkt, ist zu jung für eine denkmalgeschützte Geschichte, steht still an einer Straßenecke im falschen Viertel.
Zwischen Ampelphasen fegt der Verkehrslärm an den schallisolierten Fenstern vorbei; städtische Ruhelosigkeit umspült die Fassade der 10 Stockwerke.
„Und dann liegst du da im Staub grau-schwarz getünchter Straßen und holst dir am wirklichkeitsnahen Asphalt eine blutige Nase.“ Sagt Merle, trinkt einen zu großen Schluck aus einem Rotweinglas, das einmal ihrer Großmutter gehörte und einen Goldrand hatte. Mit der freien Hand streicht Merle sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht hinter das linke Ohr; sitzt mit angezogenen Beinen auf einem unbequemen Küchenstuhl.
Auf ihrem Gesicht liegen Schatten, kleine und große. Für manche trägt die Deckenlampe die Verantwortung. Für andere eine Vergangenheit, die Merle weder verschweigt noch austritt.
Die Rotweinflasche zeichnet einen schmalen Ring auf den vor Stunden geöffneten, unaufmerksam überflogenen Brief. Die Kerzen auf dem Tisch zündet Merle nie an.
„Ich bin doch keine Bildunterschrift. ‚Frau trinkt Rotwein bei Kerzenschein‘ sieht aus wie ein Klischee, das auf Leinwand gebannt das barocke Zeitalter überdauert hat.“ Sagt Merle, lacht ihr kehliges Lachen, das immer ein bisschen danach klingt, als würde sie zu husten beginnen, schiebt das ehemals goldrandige Rotweinglas schräg über den Küchentisch, der kein Erbstück ist.
Die angezogenen Beine stecken in Pluderhosen, die weder von einer Reise nach Indien stammen noch selbst genäht sind.
„Ware von der Stange. Nicht mal bio oder fair trade.“ Sagt Merle, die ihre 28 Lebensjahre innerhalb der Stadtgrenzen und in weiten Teilen im 5. Stock des farblos grauen Gebäudes, das jetzt plötzlich im falschen Viertel steht, zugebracht hat. Sie zuckt mit den Schultern, als wäre ihr alles abgesehen von der Bequemlichkeit gleichgültig, blickt herausfordernd über den Rand des Rotweins.
Die grau-braunen Augen, weich gepolstert von einem Ring aus haarfeinen Falten, blinzeln zwei oder dreimal; die Lust an einer Streiterei verfliegt. Mit einer ungestümen Bewegung stößt Merle den unbequemen Stuhl zurück. Der unaufmerksam gelesene Brief hebt sich unauffällig halbseitig von der Tischplatte. Ihr Glas leerend steht Merle auf und nach einem weiten Schritt in bunten Pluderhosen am Fenster. Als gäbe es für sie nichts mehr zu tun, richtet sie ihre in Falten gelegten Augen auf die Verkehrsadern, die 5 Stockwerke unter ihr liegen.
„Und dann liegst du da im Staub grau-schwarz getünchter Straßen, holst dir am wirklichkeitsnahen Asphalt eine blutige Nase.“ Sagt Merle, presst alle zehn Finger an gegen die kühle Fensterscheibe, auf deren Außenseite vom Regen aufgetragener Schmutz zu einem Muster wird.
Karl hebt die niedergeschlagenen Lider, ruht seinen Blick auf ihrer Gestalt aus.
„Großstadtromantik.“ Sagt Merle und Karl ist sich nicht sicher, ob sie mit der Fensterscheibe spricht, aus dem Blick ihrer grau-braunen Augen verloren hat, dass er dort sitzt; in einem zweiten unbequemen Küchenstuhl, unter einer Deckenlampe, die Schatten wirft.
„Das Muster ist immer gleich. Großstadtromantik gibt es nicht. Zwischen dem Beton halten wir Verkehrsinseln für Grünflächen. Wir geben Sternen Nummern und verzählen uns im diffusen Licht der Dämmerung; reihen verlogenen, ungehaltene Versprechen aneinander. Denkst du nicht auch?“ sagt Merle, löst ihre Finger von der Fensterscheibe, zerknüllt den raschelnden Brief, als verlören die Worte damit ihre Gültigkeit.
Zwischen den Rotweingläsern und der Fensterscheibe denkt Karl nicht. Karl fühlt.
Das Gefühl balanciert über ein Drahtseil. Bemüht sieht Karl nicht nach unten. Jedes Mal, wenn Merle in ihren bunten Pluderhosen eine Flasche Rotwein öffnet, spürt Karl den freien Fall, der an seinem Innersten zieht. Einen Arm auf den Tisch gestützt, die Hand in dichtes schwarz-blasses Haar vergraben, sitzt Karl unter den Schatten der Deckenlampe und neben seinem Gefühl.
„Du bist mein bester Freund.“ Sagt Merle, ihre Finger greifen nach Karls Arm. Karl sieht nach unten. Fällt. Schlägt sich die Nase auf wirklichkeitsnahem Asphalt blutig.
„Ich will hier nicht weg.“ Sagt Merle.
Als gäbe es für ihn nichts weiter zu tun, beobachtet Karl die Maserung der Tischplatte.
„Ich bin dein Ersatzmensch.“ Antwortet sein tonlos geöffneter Mund.
Karl fühlt, wie die Zeit rückwärts die hölzerne Maserung entlang läuft, bis zu jenem Apriltag vor sieben Jahren, an dem das Wetter keine Kapriolen schlug, er seine Fingerspitzen sachte auf den Handlauf des Geländers legte, die Treppen zum sechsten Stock hinaufstieg.
Nie hatte er im sechsten Stock wohnen wollen. Dort, wo heute hinter der Wohnungstür die für seine Gesellenprüfung angefertigte Kommode jedem der seltenen Besucher den Weg durch einen zu schmalen Flur annährend versperrte und auf die er nur Stunden zuvor den sorgfältig gelesenen Brief, selben Inhalts wie das zerknüllte Papier auf Merles Küchentisch, abgelegt hatte. Die Angst vor Höhe griff jeden Tag nach seinem Innersten. Er spürte es fallen; durch das Treppenhaus. Über den Handlauf sah Karl niemals hinaus. Auch nicht hinunter. Nicht an jenem Tag im April und auch eine keinem anderen Tag der folgenden Jahre.
Damals versank Karl zwischen dem dritten und dem vierten Stock vollständig in dem Gedanken, keinesfalls den Blick in die Tiefe zu richten. Die Anstrengung überzog sein schmales Gesicht, auf dem selten ein nahezu spitzbübisches Lächeln liegt, mit einem salzig-zarten Film.
Der Apriltag liegt in fast vergessener Ferne. Das Gefühl, welches Karl zwischen dem dritten und dem vierten Stock auf den Rücken sprang, sich fortan bis heute huckepack durch sein Leben tragen ließ, sitzt neben ihm.
Es hält seine klammen Finger. Seit dieser Zehntelsekunde, da Merle mit ihm zusammenstieß. Karl war kaum in Versuchung geraten, ihm zu entfliehen. Nicht ein Mal in den vergangenen sieben Jahren. Er ruhte seine niedergeschlagenen Lieder auf Merles Gestalt aus, raufte das schwarz-blasse Haar, hoffte hinter einer Mauer ungesagter Worte, sie möge ihn endlich erkennen.
Das Gefühl wuchtet ihn aus dem unbequemen Küchenstuhl. Es hat genug.
„Wenn wir in sechs Wochen ausziehen müssen, das Gebäude in Schutt und Asche liegt, tun wir es auch. Ich kann nicht mehr dein Ersatzmensch sein.“ Sagt Karl und flieht.
Das Licht im Treppenhaus surrt kalt über Linoleum und fleckige Wände. Karl sieht befreit über den Handlauf des Geländers hinaus. Und hinunter.
Im Erdgeschoss spannt sich fahle Haut unter Altersflecken, als Ursula die Geranien auf der zweigeteilten Fensterbank gießt. Die Kunstfasern eines abgenutzten Teppichs klingen nach der Erinnerung an Schuberts 8. Sinfonie, die Unvollendete; über die Raufasertapete läuft der Duft verkochter Kürbissuppe.
Ursula zählt Blütenblätter. Auf der Vitrine, hinter deren Türen sich das Feiertagsgeschirr versteckt, stehen sorgsam aufgereiht gerahmte Gesichter, die Ursula nicht mehr täglich erkennt. Fahrig stauben ihre Hände jeden Sonntag die Rahmen und zuweilen Fremden ab; hält bemüht Ordnung in einer ungeordneten Welt.
Das Schloss knackt leise, als Victor den Schlüssel dreht. Mit behutsamen Schritten wappnet er sich, als er in die Leere des Flurs eintritt. Ursula steht regungslos vor der zweigeteilten Fensterbank, zählt Blütenblätter.
Victor nimmt die randlose Brille von der schmalen Nase, deren rechter Flügel eine Narbe aus Kindertagen ziert.
Peinlich darauf bedacht, die Geräuschlosigkeit nicht zu unterbrechen, folgt Victor einem eingebrannten Ritual, steuert auf die kleine Küche zu, schaltet den Herd ab, spürt dem Zorn nach, der sich in seinem Magen zu einem festen Knoten verschlingt.
Vor den ausgezählten Büttenblättern steht seine Mutter, hilflos zucken eingefallenen Schultern, als ihre Augen zwischen dem eingerahmten Victor auf der Vitrine und dem erwachsenen Mann im Rahmen der Wohnzimmertür hin und her springen.
Victor erkennt die Ratlosigkeit, bevor sie sich über die abgenutzten Teppichfasern breitet, nimmt die Antwort auf eine Frage und die panische Angst einer gealterten Frau vorweg, die heute nichts mit seiner Mutter, einer schönen Pianistin, gemein hat.
„Dein Sohn, Mutter, ich bin dein Sohn.“ Versucht sich seine Stimme in vertrauensvoller Ruhe. Der vernarbte Flügel seiner schmalen Nase zittert.
Ursula öffnet in quälender Geschwindigkeit die Fäuste, streicht den flecken-durchsetzten Wollrock glatt. Die Erinnerung schlägt scharfkantig Blitze in den wolkenverhangenen Geist.
„Setzen wir uns einen Moment.“ Sagt Victor, ein geöffneter Umschlag knistert zustimmend in seinen Händen.
Ursula bleibt unschlüssig bewegungslos.
„Wenn Besuch kommt, serviert man Kaffee. Ist es schon zu spät für Kaffee, Junge?“ flüstert ihre Stimme, brüchig wie zu lang gelagertes Brennholz.
Victors Nackenhaare verschränken sich ineinander.
„Setz dich zu mir, Mutter.“ Sagt Victor, die Augen bestimmt auf den Brief gerichtet. Die klaren Buchstaben läuten fett gedruckt das Ende ein. Die Rücksichtslosigkeit gewinnt sachlich die Oberhand.
„Sie werden das Haus abreißen, Mutter. Du wirst eine Weile bei uns wohnen, bis wir einen Heimplatz gefunden haben.“ Sagt Victor, ohne den kurzsichtigen Blick von dem Papier zu heben. Ursula schüttelt stumm den Kopf. Die fahlen Hände ziehen Linien zwischen eingetrockneten Haferflecken auf dem Wollstoff über den Knien.
Schweigend sitzen sie unberührt nebeneinander.
„Ich kann hier nicht weg.“ Sagt Ursula.
Victors Haltung duldet keinen Widerspruch.
„Die Geranien nehme ich mit.“ Sagt Ursula und Victor ist sich nicht sicher, ob sie mit den Kunstfasern des abgenutzten Teppichs spricht, aus ihrer Erinnerung verloren hat, dass er dort sitzt.
In die Erinnerung an Schuberts 8. Sinfonie, die Unvollendete, mischt sich der Duft verkochter Kürbissuppe. Über den losen Rand seiner Brille streift Victors Blick die unter Altersflecken gespannte fahle Haut, zwingt er sich zu einem müden Nicken.
Die Tage vergehen zwischen in Zeitung gewickeltem Porzellan im Wochentakt.
Hinter der Fassade, so grau, dass sie fast farblos wirkt, verstauen sich Lebensgeschichten und Erinnerungen als Füllmaterial in Bücherkisten.
Zwischen Ampelphasen fegt der Verkehrslärm an den schallisolierten Fenstern vorbei, deren Vorhänge längst abgehangen sind, die lichtlos bleiben.
Das Gebäude löst sich beharrlich langsam auf. Den Gedanken an Protest hat es sich nicht zu denken erlaubt.

Still steht sein aufgegebener Schatten an der Straßenecke, treibt der Wind verdrängte Blütenblätter ausgezählter Geranien über den grau-schwarzen Asphalt im falschen Viertel.

Sonntag, 14. Februar 2016

Jakobs Ketten - Zwei -

Es ist früh. Die Glasfassade gibt den Blick auf einige wenige Passanten frei, die durch morgendliche Stille hetzen. Die Dunkelheit wird künstlich durch das Licht der Straßenlaternen gestört. Ruth steht vor dem großen Bibliotheksfenster im fünften Stock. Eine raue Hand presst sie gegen das Glas, stemmt die andere in den Rücken. Die Haut um die Fingernägel ist eingerissen. Gestern hatte das Nagelbett noch geblutet. Ruth hat ungeduldig auf den Hautfetzen und an ihren Daumen gekaut, während ein kleines rostrotes Rinnsal sich wie eine Tätowierung um ihre Finger gewunden hat.
Sie sollte die Hand von der Scheibe nehmen. Ruth weiß das. Der schmierige Abdruck ihrer Finger wird von weitem auf der sonst makellos glänzenden Scheibe zu sehen sein, kaum dass etwas Licht darauf fällt. Ihre Hand verstärkt selbstbestimmt den Druck auf die Scheibe. Was, wenn sie bräche? In tausende und abertausende kleine Splitter, die auf dem sich wellenden Teppichboden ein Muster ergeben und auf die Straße hinunter fallen würde. Und bevor Ruth sich einen anderen Halt suchen könnte, würde sie dem Scherbenregen folgen, sich vielleicht einmal um sich selbst drehen im freien Fall. Sie würde das Bewusstsein verlieren, bevor ihr massiger und kleiner Körper auf den Asphalt im künstlichen Licht der Straßenlaterne aufschlüge und es wäre alles still.
Geschäftsmänner, die sich in unscheinbar wirkenden grauen oder schwarzen Wintermänteln verstecken, hasten über den Bordstein. Ruths Lippen formen einen Schrei, die wulstigen Knie brechen auf den Teppich nieder. Die in den Rücken gestemmte Hand sucht sich einen neuen Platz, wunde Finger bohren sich in die Fasern neben dem linken Knie, finden keinen Halt. Die rechte Hand brennt. Sie hat den Druck nicht verringert, ist an der Glasscheibe heruntergerutscht auf die Höhe in der Ruth ihren gesenkten Kopf hält. Eine fettige Spur hat sie über das stabile Fensterglas gezogen.
Ruth versucht sich aufzurichten. Sie kann hier nicht bleiben. Ruth weiß das. Bald werden die ersten Angestellten das Gebäude und kurz danach das Stockwerk betreten. Sie werden ihre Computer anschalten und sich ihrer Arbeit widmen. Es könnte noch ein paar Stunden dauern, bis der erste seinen Weg in die Bibliothek findet. Ruth wird dann nicht zusammen gekauert vor der Fensterscheibe knien. Die Vorstellung, Fremde würden auf sie hinunter sehen wie sie dort läge, spült eine gewaltige Welle Scham über Ruth hinweg. Mühsam nimmt Ruth die Hand von der Fensterscheibe. Sie befiehlt ihrem ungehorsamen Körper sich zu bewegen. Zunächst gehen ihre Beine in die Hocke. Ruth atmet unter dem Druck auf ihren kurzen Beinen schwer. Sie zählt. Fünf, vier, drei, zwei – ein Ruck fährt durch ihren Körper.
Wankend steht sie vor der Fensterscheibe. Ohne Halt. Sie sieht sich um. Der Weg über den Flur scheint ihr weiter als gewöhnlich.
In der Welt vor dem Fenster wird das künstliche Licht der Straßenlaternen von der schummrigen Dämmerung abgelöst. Ruth hat keine Zeit hier zu stehen. Sie weiß das.
Auf wackligen Beinen suchen ihre trüben Augen nach einem Versteck. Sie findet den Lagerraum am Ende des Flures. Ruth wird den Tag in diesem Gebäude verbringen.
Der Lagerraum ist kalt. Ruth legt ihre Finger auf den Lichtschalter neben der Tür, die sie leise schließt. L-förmig liegt der Raum vor ihr. Aus den sterilen Regalen quellen Kugelschreiber und Briefumschläge verschiedener Größen. Vor dem Fenster sieht Ruth Kartons stehen. Dazwischen liegt ein alter Teppich in Falten. Ruth macht zwei schwere Schritte auf die Kartons zu, rückt den Teppich grade. Einen der Kartons, der leichter zu heben ist, als es den Anschein hatte, stellt Ruth unter das Fenster. Sie nickt der kleinen Zuflucht zu, bevor sie zurück zur Tür geht, um das Licht auszuschalten. Ihre Augen gewöhnen sich schnell an das trübe Licht. Im Flur vor dem Lagerraum füllen erste Stimmen den Büroalltag. Ruth kriecht auf allen Vieren in ihre kleine Zuflucht. Ihre Wadenmuskeln verkrampfen sich. Ruth beißt auf ihre Unterlippe bis sie Blut schmeckt. Sie darf keinen Laut von sich geben. Ruth weiß das. Der Geruch von schweißnasser Angst füllt den kleinen Lagerraum bis unter die Decke aus. Ihren Rücken lehnt sie gegen den Karton vor dem Fenster. Vor der Tür gehen die Angestellten auf und ab. Mit jedem ihrer Schritte will Ruth tiefer zwischen die Kartons kriechen. Sie versucht ihre Gedanken fort zu lenken. An einen anderen Ort, eine Erinnerung. Die stechenden Schmerzen holen sie ins Jetzt zurück, zurück in den Lagerraum. Ruth will nicht wissen, woher die Schmerzen kommen. Es ist nichts, will sie sich selbst belügen.
Die Klinke der Tür bewegt sich nach unten. Ruth zieht ihre Beine an. Durch den Flur schallt eine Stimme. Die Klinke schnellt zurück in ihre ursprüngliche Position. Ruth hört Schritte, die sich entfernen. Ruth atmet die schweißnasse Angst aus. Ihre Lunge brennt. Sie schließt die Augen, zählt ihre Atemzüge. Der Schmerz zieht sich erneut durch jede Faser ihres Körpers. Die angezogenen Beine zittern. Ruth ballt ihre rechte Hand zu einer Faust. Die Reste ihrer abgekauten Fingernägel bohren sich in den Handballen. Es ist ein anderer Schmerz. Ruth versenkt sich darin. Sie will nicht fühlen. Hinter ihren geschlossenen Liedern zucken Bilder durch ihre Gedanken. Die Gasse, durch die der Fremde sie vor Monaten zog. Ruth schüttelt den Kopf. Das Gesicht ihrer Mutter tanzt zu einer grinsenden Fratze verzogen durch ihr Inneres. Sie wird sich fragen, warum Ruth nicht nach Hause kommt. Sie wird zornig in ihrem Bett liegen und den Stock neben der Tür anstarren. Sie wird sich wünschen, sie hätte die Kraft aufzustehen. Ruth hört das kehlige Lachen als der Schmerz ihr erneut in die Glieder fährt. Es gibt kein Entkommen. Ruth weiß das.
Zwischen ihren unterdrückten Schreien und der blutig gebissenen Unterlippe vergeht vor der Tür des Lagerraumes der Büroalltag, als gäbe es sie nicht. Die Angestellten, deren Schreibtische Ruth dreimal wöchentlich vorsichtig mit einem feuchten Tuch abwischt, erzählen sich zwischen der Mittagspause und dem Nachmittagskaffee Geschichten über die sportlichen Erfolge ihrer Kinder.
Ruths Körper hat sich ohne ihr Zutun auf die Seite gewälzt. Der Teppich hält die Kälte des harten Bodens kaum ab. Ruth hört auf das Gemurmel der Stimmen, die in unregelmäßigen Abständen an der Tür vorbei gehen. In dem trüben Tageslicht starrt sie auf die Wand hinter den Kartons, als könnte sie hindurch sehen, strengte sie sich nur genügend an. Als würde sie würde dahinter ein anderes Leben sehen können. Ein Leben ohne Schmerzen und ohne die schweißnasse Angst, die sie seit Stunden einatmet. Sie wäre glücklich und müsste nicht die Papierkörbe anderer Leute ausleeren oder die Kissen ihrer Mutter aufschütteln. Ruth erlaubt sich selten Träume; ihre Wünsche hat sie längst unter den rosafarbenen Teppich in ihrem Kinderzimmer gekehrt. In ihrem Leben ist kein Platz für Wünsche. Ruth weiß das.
Es ist still geworden in den Fluren, die den kleinen Raum umschließen. Ruth tritt gebeugt in die Welt auf der anderen Seite der Tür.

In ihrer Hand hält sie eine wimmernde Plastiktüte. Im Gesicht den Ausdruck teilnahmsloser Selbstverständlichkeit trägt sie die Tüte aus dem Bürogebäude hinaus auf die Straße. Vernebelte Gedanken bemühen sich um Klarheit. Es ist unmöglich, die wimmernde Plastiktüte auf den nächstgelegenen Treppenstufen abzulegen, ihr den Rücken zu kehren und sich nie wieder umzusehen. Zeit ist etwas kostbares, durchzuckt es Ruth. Unwillkürlich schüttelt sie das an ihrem Handgelenk baumelnde Plastik, als das Wimmern droht die Straßengeräusche zu übertönen. Ziellos setzt Ruth einen Schritt hinter den anderen. Der Weg in das Haus ihrer Mutter scheint ihr für den Moment unwiderruflich versperrt. Ruth sieht sich um, mitten in einer fremden Gegend steht sie zwischen Rotklinkerbauten. Wie lange sie gelaufen ist, weiß Ruth nicht. Der symmetrisch bebaute Teil der Stadt scheint menschenleer. In nicht allzu weiter Ferne schlagen Kirchenglocken. Ruth reckt den kurzen Hals und lenkt ihre Schritte in die vermutete Richtung der Kirche. 
Die Schritte sind schmerzhaft. Brennend frisst sich der Asphalt durch ihre Schuhsohlen und in ihr Gewissen. Sie hat keine Wahl. Die Plastiktüte wimmert. Ruth verschließt ihre Ohren. Konzentriert sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Gewicht der Plastiktüte nimmt zu. Ruth beschleunigt ihre Schritte, erstickt den Wunsch den Schmerz in das vorstädtische Idyll zu schreien in ihrem Inneren. In der Dämmerung schiebt sich die Kirche stumm in ihr Blickfeld. Über den Stufen zum Eingang breitet sich ein bedrohlicher Vorsprung aus. Die alten Steine strahlen vorwurfsvoll auf den gepflasterten Weg. Ruth stolpert über unebenes Kopfsteinpflaster dem Portal entgegen. Zwischen Rosensträuchern und Stiefmütterchen entledigt Ruth sich eilig der Plastiklast.
Zeit ist kostbar. Ruth wendet schwerfällig ihren runden Körper. Duckt sich in der beginnenden Dunkelheit zwischen den Schatten der Straßenlaternen, verfolgt von dem Gefühl einer unbesiegbaren Schuld.
Auf dem Bordstein blutet eine kopflose Amsel rostrot auf den schwarzen Asphalt. Über Ruths Wangen schleichen kalte Tränen beim Anblick des toten Vogels. Vorsichtig bückt sie sich hinunter. Aus ihrer Tasche kramt sie ein Taschentuch, schlägt den noch warmen Körper darin ein. Die Minuten vergehen im Sekundentakt. Ruth atmet schwer, nach einer geeigneten Grabstelle suchend, entfernt sie sich gezählte Schritte weiter von der stummen Kirche. Das Taschentuch färbt sich in tiefe Rottöne, als Ruth eine Verkehrsinsel bemerkt. Mit bloßen Händen hebt sie nach Luft ringend eine Grube aus, legt die Amsel hinein. Die Erde schiebt sie schnell über das grau scheinende Gefieder. Ein greller Schrei reißt den Beginn der Nacht in Stücke.