Das Haus war einmal das höchste in der Straße, deren Gehwege vor einem halben Jahrhundert noch Pappeln säumten. Eine Allee, wie sie zwischen Feinstaub und Modernisierung verloren gegangen sind. Das Haus ist eingefasst. Von zwei Glasbauten neuzeitlicher, angepasst-eckiger Architektur. Leere Fensterfronten blicken auf abgesägte Baumstümpfe, während der laue Wind eines heraufziehenden Frühlingstages über den Asphalt streicht.
Auf dem Dach des einmal höchsten Hauses, das in sich zusammen gesunken zwischen den glasgebauten Fronten steht, sich um Würde bemüht, obwohl die Fassade sich nach einer Sanierung oder wenigstens einem neuen Anstrich sehnt, sitzt ein Junge.
Das fuchsrote Haar zu einem Zopf gebunden, der bei jeder Bewegung viel lustiger wippt, als dem Jungen zumute ist, sitzt er da. Die Beine baumeln über rostige Reste einer Regenrinne. Mit den knochigen Fingern hält er sich an den Trägern seiner Latzhose fest, als würde er so nicht fallen können, beugte er sich nur einen weiteren unbedeutenden Zentimeter vor.
Der Junge sitzt häufig auf dem Dach.
Die wenigen Passanten, welche die stumme Straße entlang gehen, wobei der Junge empfindet, dass sie schleichen - hebt die Füße und richtet den Blick nach vorn, möchte er ihnen zurufen, dann aber würde er entdeckt - senken ihre Köpfe zwischen hochgezogenen Schultern auf den Gehweg hinab.
Auf dem Dach sitzt der fuchsrotschopfige Junge und sieht ihnen aus verwundeten Augen nach.
Er denkt sich Geschichten aus.
Die kleine, runde Frau - dick mag der Junge sie nicht nennen, weil sie eben rund aussieht unter ihrem Mantel, der nicht zur Jahreszeit passen will - ist vielleicht Buchhalterin gewesen. Ihre Haare sind grau und im Nacken zu einem Knoten geschlungen, der viel eher die Vermutung herauf beschwören will, sie säße seit sie lesen kann in einer Bibliothek. Das aber ist dem Jungen auf dem Dach zu sehr ein abgegriffenes Klischee. Also denkt er, sie war Buchhalterin. Die Brille auf der Stubsnase will vorwitzig herunter rutschen und die kleine, runde Frau schiebt sie unwirsch zurück an ihren Platz auf der Nasenwurzel.
Die Brille muss sie tragen, malt der Junge auf dem Dach sich aus, weil die jahre- sogar jahrzehntelang kleine Zahlen in Spalten eingetragen hat und dabei stets die Augen so sehr zusammenkniff, dass ihre Sehkraft zwischen den Spalten und den Zahlen einfach so verloren gegangen ist.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine hagere Gestalt, grau gekleidet, das Gesicht aschfahl, den Hut nur ein wenig zu tief in die Stirn gezogen.
Der Junge auf dem Dach spannt unwillkürlich jeden Muskel an. Ohne Umstände stellt der fuchsrote Zopf das lustige Wippen ein. Die Zeit steht still, bevor sie rauschend durch den Rinnstein fließt, die hagere Gestalt sich in Bewegung setzt. Lange Schritte überqueren die Straße. Drei, zwei, eins und die hagere Gestalt steht vor dem einstmals höchsten Haus, hebt den Kopf in einer bedrohlich steifen Bewegung.
Der Junge auf dem Dach zieht die baumelnden Beine zurück, streift unabsichtlich die rostigen Reste der Regenrinne.
Die hagere Gestalt ruft etwas, der fuchsrotschopfige Junge verschließt seine Ohren und kriecht hinter den brüchigen Schornstein.
Der Mörtel zwischen den Klinkersteinen will kaum noch in den Fugen halten und so hält sich der Junge weiter an den Trägern seiner Latzhose fest, anstatt den Schornstein zu umklammern, auch wenn es rutschig ist auf dem Dachgiebel.
Die hagere Gestalt reckt den reckt den Kopf noch ein bisschen höher, stellt sich auf die Zehenspitzen, die in blank geputzten Schuhen stecken.
Der Junge duckt sich. Jetzt sitzt er mit seinem fuchsroten Zopf, der gar nicht mehr lustig wippt auf dem Dach fest und da unten droht ihm die hagere Gestalt mit der geballten Faust.
Der Junge kennt das Spiel, das den immer gleichen Regeln folgt.
Die hagere Gestalt, zu der sich der Junge keine Geschichte ausdenken muss, ist Heimleiter von Beruf.
Auf der anderen Seite der Stadt steht das Heim hinter dicken Mauern, die mit Stacheldraht verziert sind, das die hagere Gestalt leitet. Der Junge bewohnt dort ein Zimmer im ersten Stock, in dem es nach Schimmel riecht und an dessen Wände sich Stockflecken bilden, die der Junge mit einem schwarzen Filzstift umrandet hat.
Der Heimleiter zückt sein Telefon. Gleich werden sie da sein. Die Polizei. Ein Feuerwehrwagen und vielleicht auch die Sanitäter.
Sie werden ihn vom Dach pflücken, so wie sie jeden Monat mindestens zweimal tun. Er wird in die Verantwortung des Heimleiters überstellt werden und nach der Rückkehr ins Heim wird der Heimleiter persönlich, weil es ihm Freude macht, ihm mit dem alten Rohrstock eine Lektion erteilen.
Der Heimleiter nennt die Prügel Lektion. Der Junge wird in seinem Zimmer sitzen, aus dem Fenster starren, zwischen den Gitterstäben hindurch und wieder ausreißen. Vielleicht nicht schon morgen. Vielleicht auch nicht übermorgen.
Aber in einer Zukunft, die nicht allzu fern ist.
Er wird durch die Straßen laufen an das andere Ende der Stadt bis er vor dem einst höchsten Haus steht, dessen Fassade so sehnlich auf eine Sanierung oder wenigstens einen Anstrich wartet.
Er wird sich leise hinein schleichen, auf das Dach klettern, seine Beine über die rostigen Reste der Regenrinne baumeln lassen und sein fuchsroter Zopf wird viel lustiger wippen, als ihm zumute ist.
Er wird aus verwundeten Augen auf die Welt und die Menschen sehen, bis sie ihn wieder vom Dach klauben oder der Schornstein samt des brüchigen Mörtels, die Klinker und das Haus in sich zusammen fallen. Kein Rohrstock, keine Lektion, nichts wird den Jungen davon abhalten auf dem Dach zu sitzen, so lange es das Dach noch gibt. Denn nur auf diesem Dach, das einst das höchste in einer von Pappeln gesäumten Straße war, ist der Junge was er sein möchte: frei.
Montag, 9. Mai 2016
Donnerstag, 28. April 2016
Was ist...
…Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Wir saßen auf einer Gartenbank.
Das Holz schon ganz morsch,
weil es immerzu, über Jahre im Regen stand,
zuckte unter jeder inneren Regung.
Die Antwort hätte ich zu gerne vertagt,
ins Morgen, die Ewigkeit, zeitlose Zwischenräume.
Unternahm mit halbem Herzen ein Ablenkungsmanöver:
Weißt du noch, früher schüttelten wir bedenkenlos Äpfel aus den Kronen der Bäume.
Aber du, auf der Bank sitzend, gingst über die versuchte Irritation schlicht und hinweg.
Was ist Liebe, wolltest du erneut wissen,
hast mit einem Grinsen die schweigenden Mauern so leichtfertig eingerissen, als hätte das Sitzen auf knarrendem Holz nur den einzigen Zweck, zu ergründen, worauf Menschen seit Gedenken tausend und eine Antwort finden.
Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Ausgerechnet mich, die in Fragen der herkömmlichen Romantik kläglich versagt, sie schlimmer noch für scheintot erklärt, sich gegen Rosenblätter auf Bettlaken und Candle Light wehrt.
Mir war, als könnte ich keine Antwort, allgemein gültig, geben, auf solche und ähnliche Fragen.
Sah hinauf in den nächtlichen Himmel, an Stromleitungen vorbei, ließ den Blick schweifen, zupfte an Buchstaben und suchte nach Worten, die Verborgenen leben.
Was nur sollte ich dir hier und jetzt sagen?
Anders für jeden, hub ich an, hat sie das eine für uns alle gemein, schwer greifbar, unmöglich beschreibbar, verwechselt der Mensch immer mal wieder das Lieben, das einzig wie wahre – ich muss es so sagen – mit niederen Trieben.
Dein Kopf schüttelte sich, als wolltest du sagen, ich solle nicht auf das Offensichtliche weisen.
Vielmehr meinem Geist doch endlich erlauben, zu reisen.
Mein Fuß stampfte auf, wirbelte Laub durch die glasklare Nacht.
Ein neuer Versuch.
Wir sind es, die sich ein Leben lang winden, stets auf der Jagd – und seien wir auch noch so betagt – erklimmen wir hochjauchzende Höhen, fallen in wolkenverhangene Täler, in dem Versuch sie zu finden.
Die Liebe zu suchen, so viel ist wenigstens dem Herzen, ließen wir es nur einmal unverwandt sprechen, klar, ist so sinnlos wie unklug, ist sie doch immerzu, überall, ganz simpel und da.
Was ich da rede, wolltest du wissen.
Es muss, so hast du gefunden, eine Definition geben, die frei ist vom ewigen Streben, Unsicherheit und dem Ersticken von Tränen in frisch bezogenen Daunenkissen.
Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Ausgerechnet mich, die sich nicht an Themen von Dichtern zerdacht und Denkern beschreiben, wagt.
Mir fiel nichts weiter ein, als eine Weile zu schweigen.
In die Stille hast du ein einziges Wort gebrochen.
Ein Mythos. Nicht mehr.
Das aber zu glauben fiel selbst mir schwer.
Liebe ist, habe ich dir zur Antwort gegeben, nicht nur das ewige, scheinbar lebensbestimmende Streben, nicht nur das Nichtwissen, nicht nur Tränen, versickert in fleckigen Daunenkissen.
Sie liegt neben uns in der Wiege, in Blicken und auf repeat gehörten Musikstücken.
Sie bedeutet die Welt, ist der Moment, in dem sich dein Leben hinter ein anderes stellt.
Liebe ist Möglichkeit, die wächst mit der Zeit. Ist sich manches Mal streitend versöhnen und sich die gemeinsamen Augenblicke verschönen.
Auf große Gesten kannst du getrost und ruhigen Gewissens verzichten, lass mich lieber von Ideen und Tagwerk berichten.
Liebe ist eine offene Tür, ein Windzug, den ich im Inneren spür.
Ist in den Kleinigkeiten, aus denen unsere Lebenssuppe besteht.
Ist was leise heran kommt und geräuschvoll ihrer Wege geht.
Ist der Schmerz und die Freude, zwei Wände, und doch dasselbe Gebäude.
Sie ist Mut, der an Boden gewinnt, wenn das Ich von oben bis unten von Innen nach Außen zu schwingen beginnt.
Liebe durchdringt die Mauern und Zäune, die wir bemüht bauen um unsere Wünsche, Hoffnungen, Träume.
Weißt du noch, früher schüttelten wir bedenkenlos Äpfel aus den Kronen der Bäume.
Während ich sprach, bildeten deine Gedanken wortreiche Erwiderung, war deine Sachlichkeit allzeit bereit auf dem Sprung.
Ein lauernder Panter, so saßt du da auf der Gartenbank in glasklarer Nacht.
Und fast hätte mich dein fesselnder Blick erneut unsicher zum Schweigen gebracht.
Das Laub legte sich zu unseren ruhigen Füßen.
Ich wusste ganz plötzlich und ohne besonderen Grund, schwiege ich jetzt für den Rest dieser Nacht, ich würde es ein Leben lang bitter büßen.
Die Buchstaben vom Himmel gezupft, wurden zu Worten, machten so leicht Antworten aus meinen, deinen, unseren Fragen.
Sacht legte ich dir einen Finger auf schon geöffnete Lippen, derweil begannen deine Beine ungeduldig zu wippen.
Hör mir noch einen kurzen Wimpernschlag zu:
Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Liebe ist, was uns täglich passiert, auf verbundener Freundschaft basiert, das Leben und alles und alles kreiert.
Liebe braucht keine Worte, weder Mittel noch Zweck, ist Gehen und Bleiben.
Ich weiß nicht, wie soll ich es dir besser beschreiben?
Liebe ist, was unser Sein von Beginn an bestimmt und in allen Dingen, innen wie außen, unaufhörlich mitschwingt.
Liebe ist Hoffnung, Wünsche und Träume, ist bedenkenlos geschüttelte Apfelbäume.
Und hatte damit alles nur mögliche gesagt.
Was ist Liebe, hast du mich unlängst gefragt.
Wir saßen auf einer Gartenbank.
Das Holz schon ganz morsch,
weil es immerzu, über Jahre im Regen stand,
zuckte unter jeder äußeren Bewegung.
Langsam, stumm hast du genickt.
Und mit dem Fuß ganz ruhig einen Grashalm über das Laub geknickt.
Dienstag, 15. März 2016
Das Mietshaus
Das
Gebäude, von außen betrachtet so grau, dass es fast farblos wirkt, ist zu jung
für eine denkmalgeschützte Geschichte, steht still an einer Straßenecke im
falschen Viertel.
Zwischen
Ampelphasen fegt der Verkehrslärm an den schallisolierten Fenstern vorbei; städtische
Ruhelosigkeit umspült die Fassade der 10 Stockwerke.
„Und dann
liegst du da im Staub grau-schwarz getünchter Straßen und holst dir am
wirklichkeitsnahen Asphalt eine blutige Nase.“ Sagt Merle, trinkt einen zu
großen Schluck aus einem Rotweinglas, das einmal ihrer Großmutter gehörte und
einen Goldrand hatte. Mit der freien Hand streicht Merle sich eine
widerspenstige Locke aus dem Gesicht hinter das linke Ohr; sitzt mit
angezogenen Beinen auf einem unbequemen Küchenstuhl.
Auf ihrem
Gesicht liegen Schatten, kleine und große. Für manche trägt die Deckenlampe die
Verantwortung. Für andere eine Vergangenheit, die Merle weder verschweigt noch
austritt.
Die Rotweinflasche
zeichnet einen schmalen Ring auf den vor Stunden geöffneten, unaufmerksam
überflogenen Brief. Die Kerzen auf dem Tisch zündet Merle nie an.
„Ich bin
doch keine Bildunterschrift. ‚Frau trinkt Rotwein bei Kerzenschein‘ sieht aus
wie ein Klischee, das auf Leinwand gebannt das barocke Zeitalter überdauert
hat.“ Sagt Merle, lacht ihr kehliges Lachen, das immer ein bisschen danach
klingt, als würde sie zu husten beginnen, schiebt das ehemals goldrandige
Rotweinglas schräg über den Küchentisch, der kein Erbstück ist.
Die
angezogenen Beine stecken in Pluderhosen, die weder von einer Reise nach Indien
stammen noch selbst genäht sind.
„Ware von
der Stange. Nicht mal bio oder fair trade.“ Sagt Merle, die ihre 28 Lebensjahre
innerhalb der Stadtgrenzen und in weiten Teilen im 5. Stock des farblos grauen
Gebäudes, das jetzt plötzlich im falschen Viertel steht, zugebracht hat. Sie
zuckt mit den Schultern, als wäre ihr alles abgesehen von der Bequemlichkeit
gleichgültig, blickt herausfordernd über den Rand des Rotweins.
Die
grau-braunen Augen, weich gepolstert von einem Ring aus haarfeinen Falten,
blinzeln zwei oder dreimal; die Lust an einer Streiterei verfliegt. Mit einer
ungestümen Bewegung stößt Merle den unbequemen Stuhl zurück. Der unaufmerksam
gelesene Brief hebt sich unauffällig halbseitig von der Tischplatte. Ihr Glas
leerend steht Merle auf und nach einem weiten Schritt in bunten Pluderhosen am
Fenster. Als gäbe es für sie nichts mehr zu tun, richtet sie ihre in Falten
gelegten Augen auf die Verkehrsadern, die 5 Stockwerke unter ihr liegen.
„Und dann
liegst du da im Staub grau-schwarz getünchter Straßen, holst dir am
wirklichkeitsnahen Asphalt eine blutige Nase.“ Sagt Merle, presst alle zehn
Finger an gegen die kühle Fensterscheibe, auf deren Außenseite vom Regen
aufgetragener Schmutz zu einem Muster wird.
Karl hebt
die niedergeschlagenen Lider, ruht seinen Blick auf ihrer Gestalt aus.
„Großstadtromantik.“
Sagt Merle und Karl ist sich nicht sicher, ob sie mit der Fensterscheibe
spricht, aus dem Blick ihrer grau-braunen Augen verloren hat, dass er dort
sitzt; in einem zweiten unbequemen Küchenstuhl, unter einer Deckenlampe, die
Schatten wirft.
„Das Muster
ist immer gleich. Großstadtromantik gibt es nicht. Zwischen dem Beton halten
wir Verkehrsinseln für Grünflächen. Wir geben Sternen Nummern und verzählen uns
im diffusen Licht der Dämmerung; reihen verlogenen, ungehaltene Versprechen
aneinander. Denkst du nicht auch?“ sagt Merle, löst ihre Finger von der
Fensterscheibe, zerknüllt den raschelnden Brief, als verlören die Worte damit
ihre Gültigkeit.
Zwischen
den Rotweingläsern und der Fensterscheibe denkt Karl nicht. Karl fühlt.
Das Gefühl
balanciert über ein Drahtseil. Bemüht sieht Karl nicht nach unten. Jedes Mal,
wenn Merle in ihren bunten Pluderhosen eine Flasche Rotwein öffnet, spürt Karl
den freien Fall, der an seinem Innersten zieht. Einen Arm auf den Tisch
gestützt, die Hand in dichtes schwarz-blasses Haar vergraben, sitzt Karl unter
den Schatten der Deckenlampe und neben seinem Gefühl.
„Du bist
mein bester Freund.“ Sagt Merle, ihre Finger greifen nach Karls Arm. Karl sieht
nach unten. Fällt. Schlägt sich die Nase auf wirklichkeitsnahem Asphalt blutig.
„Ich will
hier nicht weg.“ Sagt Merle.
Als gäbe es
für ihn nichts weiter zu tun, beobachtet Karl die Maserung der Tischplatte.
„Ich bin
dein Ersatzmensch.“ Antwortet sein tonlos geöffneter Mund.
Karl fühlt,
wie die Zeit rückwärts die hölzerne Maserung entlang läuft, bis zu jenem
Apriltag vor sieben Jahren, an dem das Wetter keine Kapriolen schlug, er seine
Fingerspitzen sachte auf den Handlauf des Geländers legte, die Treppen zum
sechsten Stock hinaufstieg.
Nie hatte
er im sechsten Stock wohnen wollen. Dort, wo heute hinter der Wohnungstür die
für seine Gesellenprüfung angefertigte Kommode jedem der seltenen Besucher den
Weg durch einen zu schmalen Flur annährend versperrte und auf die er nur
Stunden zuvor den sorgfältig gelesenen Brief, selben Inhalts wie das zerknüllte
Papier auf Merles Küchentisch, abgelegt hatte. Die Angst vor Höhe griff jeden
Tag nach seinem Innersten. Er spürte es fallen; durch das Treppenhaus. Über den
Handlauf sah Karl niemals hinaus. Auch nicht hinunter. Nicht an jenem Tag im
April und auch eine keinem anderen Tag der folgenden Jahre.
Damals
versank Karl zwischen dem dritten und dem vierten Stock vollständig in dem
Gedanken, keinesfalls den Blick in die Tiefe zu richten. Die Anstrengung
überzog sein schmales Gesicht, auf dem selten ein nahezu spitzbübisches Lächeln
liegt, mit einem salzig-zarten Film.
Der Apriltag
liegt in fast vergessener Ferne. Das Gefühl, welches Karl zwischen dem dritten
und dem vierten Stock auf den Rücken sprang, sich fortan bis heute huckepack
durch sein Leben tragen ließ, sitzt neben ihm.
Es hält
seine klammen Finger. Seit dieser Zehntelsekunde, da Merle mit ihm
zusammenstieß. Karl war kaum in Versuchung geraten, ihm zu entfliehen. Nicht ein Mal
in den vergangenen sieben Jahren. Er ruhte seine niedergeschlagenen Lieder auf
Merles Gestalt aus, raufte das schwarz-blasse Haar, hoffte hinter einer Mauer
ungesagter Worte, sie möge ihn endlich erkennen.
Das Gefühl
wuchtet ihn aus dem unbequemen Küchenstuhl. Es hat genug.
„Wenn wir
in sechs Wochen ausziehen müssen, das Gebäude in Schutt und Asche liegt, tun
wir es auch. Ich kann nicht mehr dein Ersatzmensch sein.“ Sagt Karl und flieht.
Das Licht
im Treppenhaus surrt kalt über Linoleum und fleckige Wände. Karl sieht befreit
über den Handlauf des Geländers hinaus. Und hinunter.
Im
Erdgeschoss spannt sich fahle Haut unter Altersflecken, als Ursula die Geranien
auf der zweigeteilten Fensterbank gießt. Die Kunstfasern eines abgenutzten Teppichs
klingen nach der Erinnerung an Schuberts 8. Sinfonie, die Unvollendete; über
die Raufasertapete läuft der Duft verkochter Kürbissuppe.
Ursula
zählt Blütenblätter. Auf der Vitrine, hinter deren Türen sich das
Feiertagsgeschirr versteckt, stehen sorgsam aufgereiht gerahmte Gesichter, die
Ursula nicht mehr täglich erkennt. Fahrig stauben ihre Hände jeden Sonntag die
Rahmen und zuweilen Fremden ab; hält bemüht Ordnung in einer ungeordneten Welt.
Das Schloss
knackt leise, als Victor den Schlüssel dreht. Mit behutsamen Schritten wappnet
er sich, als er in die Leere des Flurs eintritt. Ursula steht regungslos vor
der zweigeteilten Fensterbank, zählt Blütenblätter.
Victor
nimmt die randlose Brille von der schmalen Nase, deren rechter Flügel eine
Narbe aus Kindertagen ziert.
Peinlich darauf
bedacht, die Geräuschlosigkeit nicht zu unterbrechen, folgt Victor einem
eingebrannten Ritual, steuert auf die kleine Küche zu, schaltet den Herd ab,
spürt dem Zorn nach, der sich in seinem Magen zu einem festen Knoten
verschlingt.
Vor den
ausgezählten Büttenblättern steht seine Mutter, hilflos zucken eingefallenen
Schultern, als ihre Augen zwischen dem eingerahmten Victor auf der Vitrine und
dem erwachsenen Mann im Rahmen der Wohnzimmertür hin und her springen.
Victor
erkennt die Ratlosigkeit, bevor sie sich über die abgenutzten Teppichfasern
breitet, nimmt die Antwort auf eine Frage und die panische Angst einer
gealterten Frau vorweg, die heute nichts mit seiner Mutter, einer schönen
Pianistin, gemein hat.
„Dein Sohn,
Mutter, ich bin dein Sohn.“ Versucht sich seine Stimme in vertrauensvoller
Ruhe. Der vernarbte Flügel seiner schmalen Nase zittert.
Ursula öffnet
in quälender Geschwindigkeit die Fäuste, streicht den flecken-durchsetzten
Wollrock glatt. Die Erinnerung schlägt scharfkantig Blitze in den
wolkenverhangenen Geist.
„Setzen wir
uns einen Moment.“ Sagt Victor, ein geöffneter Umschlag knistert zustimmend in
seinen Händen.
Ursula
bleibt unschlüssig bewegungslos.
„Wenn
Besuch kommt, serviert man Kaffee. Ist es schon zu spät für Kaffee, Junge?“
flüstert ihre Stimme, brüchig wie zu lang gelagertes Brennholz.
Victors Nackenhaare
verschränken sich ineinander.
„Setz dich
zu mir, Mutter.“ Sagt Victor, die Augen bestimmt auf den Brief gerichtet. Die klaren
Buchstaben läuten fett gedruckt das Ende ein. Die Rücksichtslosigkeit gewinnt
sachlich die Oberhand.
„Sie werden
das Haus abreißen, Mutter. Du wirst eine Weile bei uns wohnen, bis wir einen
Heimplatz gefunden haben.“ Sagt Victor, ohne den kurzsichtigen Blick von dem
Papier zu heben. Ursula schüttelt stumm den Kopf. Die fahlen Hände ziehen Linien
zwischen eingetrockneten Haferflecken auf dem Wollstoff über den Knien.
Schweigend sitzen
sie unberührt nebeneinander.
„Ich kann
hier nicht weg.“ Sagt Ursula.
Victors Haltung
duldet keinen Widerspruch.
„Die
Geranien nehme ich mit.“ Sagt Ursula und Victor ist sich nicht sicher, ob sie
mit den Kunstfasern des abgenutzten Teppichs spricht, aus ihrer Erinnerung
verloren hat, dass er dort sitzt.
In die
Erinnerung an Schuberts 8. Sinfonie, die Unvollendete, mischt sich der Duft
verkochter Kürbissuppe. Über den losen Rand seiner Brille streift Victors Blick
die unter Altersflecken gespannte fahle Haut, zwingt er sich zu einem müden
Nicken.
Die Tage
vergehen zwischen in Zeitung gewickeltem Porzellan im Wochentakt.
Hinter der
Fassade, so grau, dass sie fast farblos wirkt, verstauen sich Lebensgeschichten
und Erinnerungen als Füllmaterial in Bücherkisten.
Zwischen
Ampelphasen fegt der Verkehrslärm an den schallisolierten Fenstern vorbei,
deren Vorhänge längst abgehangen sind, die lichtlos bleiben.
Das Gebäude
löst sich beharrlich langsam auf. Den Gedanken an Protest hat es sich nicht zu
denken erlaubt.
Still steht
sein aufgegebener Schatten an der Straßenecke, treibt der Wind verdrängte
Blütenblätter ausgezählter Geranien über den grau-schwarzen Asphalt im falschen
Viertel.
Sonntag, 14. Februar 2016
Jakobs Ketten - Zwei -
Es
ist früh. Die Glasfassade gibt den Blick auf einige wenige Passanten
frei, die durch morgendliche Stille hetzen. Die Dunkelheit wird
künstlich durch das Licht der Straßenlaternen gestört. Ruth steht
vor dem großen Bibliotheksfenster im fünften Stock. Eine raue Hand
presst sie gegen das Glas, stemmt die andere in den Rücken. Die Haut
um die Fingernägel ist eingerissen. Gestern hatte das Nagelbett noch
geblutet. Ruth hat ungeduldig auf den Hautfetzen und an ihren Daumen
gekaut, während ein kleines rostrotes Rinnsal sich wie eine
Tätowierung um ihre Finger gewunden hat.
Sie
sollte die Hand von der Scheibe nehmen. Ruth weiß das. Der
schmierige Abdruck ihrer Finger wird von weitem auf der sonst
makellos glänzenden Scheibe zu sehen sein, kaum dass etwas Licht
darauf fällt. Ihre Hand verstärkt selbstbestimmt den Druck auf die
Scheibe. Was, wenn sie bräche? In tausende und abertausende kleine
Splitter, die auf dem sich wellenden Teppichboden ein Muster ergeben
und auf die Straße hinunter fallen würde. Und bevor Ruth sich einen
anderen Halt suchen könnte, würde sie dem Scherbenregen folgen,
sich vielleicht einmal um sich selbst drehen im freien Fall. Sie
würde das Bewusstsein verlieren, bevor ihr massiger und kleiner
Körper auf den Asphalt im künstlichen Licht der Straßenlaterne
aufschlüge und es wäre alles still.
Geschäftsmänner, die sich in unscheinbar wirkenden grauen oder schwarzen Wintermänteln verstecken, hasten über den Bordstein. Ruths Lippen formen einen Schrei, die wulstigen Knie brechen auf den Teppich nieder. Die in den Rücken gestemmte Hand sucht sich einen neuen Platz, wunde Finger bohren sich in die Fasern neben dem linken Knie, finden keinen Halt. Die rechte Hand brennt. Sie hat den Druck nicht verringert, ist an der Glasscheibe heruntergerutscht auf die Höhe in der Ruth ihren gesenkten Kopf hält. Eine fettige Spur hat sie über das stabile Fensterglas gezogen.
Geschäftsmänner, die sich in unscheinbar wirkenden grauen oder schwarzen Wintermänteln verstecken, hasten über den Bordstein. Ruths Lippen formen einen Schrei, die wulstigen Knie brechen auf den Teppich nieder. Die in den Rücken gestemmte Hand sucht sich einen neuen Platz, wunde Finger bohren sich in die Fasern neben dem linken Knie, finden keinen Halt. Die rechte Hand brennt. Sie hat den Druck nicht verringert, ist an der Glasscheibe heruntergerutscht auf die Höhe in der Ruth ihren gesenkten Kopf hält. Eine fettige Spur hat sie über das stabile Fensterglas gezogen.
Ruth
versucht sich aufzurichten. Sie kann hier nicht bleiben. Ruth weiß
das. Bald werden die ersten Angestellten das Gebäude und kurz danach
das Stockwerk betreten. Sie werden ihre Computer anschalten und sich
ihrer Arbeit widmen. Es könnte noch ein paar Stunden dauern, bis der
erste seinen Weg in die Bibliothek findet. Ruth wird dann nicht
zusammen gekauert vor der Fensterscheibe knien. Die Vorstellung,
Fremde würden auf sie hinunter sehen wie sie dort läge, spült eine
gewaltige Welle Scham über Ruth hinweg. Mühsam nimmt Ruth die Hand
von der Fensterscheibe. Sie befiehlt ihrem ungehorsamen Körper sich
zu bewegen. Zunächst gehen ihre Beine in die Hocke. Ruth atmet unter
dem Druck auf ihren kurzen Beinen schwer. Sie zählt. Fünf, vier,
drei, zwei – ein Ruck fährt durch ihren Körper.
Wankend steht sie vor der Fensterscheibe. Ohne Halt. Sie sieht sich um. Der Weg über den Flur scheint ihr weiter als gewöhnlich.
In der Welt vor dem Fenster wird das künstliche Licht der Straßenlaternen von der schummrigen Dämmerung abgelöst. Ruth hat keine Zeit hier zu stehen. Sie weiß das.
Auf wackligen Beinen suchen ihre trüben Augen nach einem Versteck. Sie findet den Lagerraum am Ende des Flures. Ruth wird den Tag in diesem Gebäude verbringen.
Wankend steht sie vor der Fensterscheibe. Ohne Halt. Sie sieht sich um. Der Weg über den Flur scheint ihr weiter als gewöhnlich.
In der Welt vor dem Fenster wird das künstliche Licht der Straßenlaternen von der schummrigen Dämmerung abgelöst. Ruth hat keine Zeit hier zu stehen. Sie weiß das.
Auf wackligen Beinen suchen ihre trüben Augen nach einem Versteck. Sie findet den Lagerraum am Ende des Flures. Ruth wird den Tag in diesem Gebäude verbringen.
Der
Lagerraum ist kalt. Ruth legt ihre Finger auf den Lichtschalter neben
der Tür, die sie leise schließt. L-förmig liegt der Raum vor ihr.
Aus den sterilen Regalen quellen Kugelschreiber und Briefumschläge
verschiedener Größen. Vor dem Fenster sieht Ruth Kartons stehen.
Dazwischen liegt ein alter Teppich in Falten. Ruth macht zwei schwere
Schritte auf die Kartons zu, rückt den Teppich grade. Einen der
Kartons, der leichter zu heben ist, als es den Anschein hatte, stellt
Ruth unter das Fenster. Sie nickt der kleinen Zuflucht zu, bevor sie
zurück zur Tür geht, um das Licht auszuschalten. Ihre Augen
gewöhnen sich schnell an das trübe Licht. Im Flur vor dem Lagerraum
füllen erste Stimmen den Büroalltag. Ruth kriecht auf allen Vieren
in ihre kleine Zuflucht. Ihre Wadenmuskeln verkrampfen sich. Ruth
beißt auf ihre Unterlippe bis sie Blut schmeckt. Sie darf keinen
Laut von sich geben. Ruth weiß das. Der Geruch von schweißnasser
Angst füllt den kleinen Lagerraum bis unter die Decke aus. Ihren
Rücken lehnt sie gegen den Karton vor dem Fenster. Vor der Tür
gehen die Angestellten auf und ab. Mit jedem ihrer Schritte will Ruth
tiefer zwischen die Kartons kriechen. Sie versucht ihre Gedanken fort
zu lenken. An einen anderen Ort, eine Erinnerung. Die stechenden
Schmerzen holen sie ins Jetzt zurück, zurück in den Lagerraum. Ruth
will nicht wissen, woher die Schmerzen kommen. Es ist nichts, will
sie sich selbst belügen.
Die
Klinke der Tür bewegt sich nach unten. Ruth zieht ihre Beine an.
Durch den Flur schallt eine Stimme. Die Klinke schnellt zurück in
ihre ursprüngliche Position. Ruth hört Schritte, die sich
entfernen. Ruth atmet die schweißnasse Angst aus. Ihre Lunge
brennt. Sie schließt die Augen, zählt ihre Atemzüge. Der Schmerz
zieht sich erneut durch jede Faser ihres Körpers. Die angezogenen
Beine zittern. Ruth ballt ihre rechte Hand zu einer Faust. Die Reste
ihrer abgekauten Fingernägel bohren sich in den Handballen. Es ist
ein anderer Schmerz. Ruth versenkt sich darin. Sie will nicht fühlen.
Hinter ihren geschlossenen Liedern zucken Bilder durch ihre Gedanken.
Die Gasse, durch die der Fremde sie vor Monaten zog. Ruth schüttelt
den Kopf. Das Gesicht ihrer Mutter tanzt zu einer grinsenden Fratze
verzogen durch ihr Inneres. Sie wird sich fragen, warum Ruth nicht
nach Hause kommt. Sie wird zornig in ihrem Bett liegen und den Stock
neben der Tür anstarren. Sie wird sich wünschen, sie hätte die
Kraft aufzustehen. Ruth hört das kehlige Lachen als der Schmerz ihr
erneut in die Glieder fährt. Es gibt kein Entkommen. Ruth weiß das.
Zwischen
ihren unterdrückten Schreien und der blutig gebissenen Unterlippe
vergeht vor der Tür des Lagerraumes der Büroalltag, als gäbe es
sie nicht. Die Angestellten, deren Schreibtische Ruth dreimal
wöchentlich vorsichtig mit einem feuchten Tuch abwischt, erzählen
sich zwischen der Mittagspause und dem Nachmittagskaffee Geschichten
über die sportlichen Erfolge ihrer Kinder.
Ruths
Körper hat sich ohne ihr Zutun auf die Seite gewälzt. Der Teppich
hält die Kälte des harten Bodens kaum ab. Ruth hört auf das
Gemurmel der Stimmen, die in unregelmäßigen Abständen an der Tür
vorbei gehen. In dem trüben Tageslicht starrt sie auf die Wand
hinter den Kartons, als könnte sie hindurch sehen, strengte sie sich
nur genügend an. Als würde sie würde dahinter ein anderes Leben
sehen können. Ein Leben ohne Schmerzen und ohne die schweißnasse
Angst, die sie seit Stunden einatmet. Sie wäre glücklich und müsste
nicht die Papierkörbe anderer Leute ausleeren oder die Kissen ihrer
Mutter aufschütteln. Ruth erlaubt sich selten Träume; ihre Wünsche
hat sie längst unter den rosafarbenen Teppich in ihrem Kinderzimmer
gekehrt. In ihrem Leben ist kein Platz für Wünsche. Ruth weiß das.
Es
ist still geworden in den Fluren, die den kleinen Raum umschließen.
Ruth tritt gebeugt in die Welt auf der anderen Seite der Tür.
In
ihrer Hand hält sie eine wimmernde Plastiktüte. Im
Gesicht den Ausdruck teilnahmsloser Selbstverständlichkeit trägt
sie die Tüte aus dem Bürogebäude hinaus auf die Straße.
Vernebelte Gedanken bemühen sich um Klarheit. Es ist unmöglich, die
wimmernde Plastiktüte auf den nächstgelegenen Treppenstufen
abzulegen, ihr den Rücken zu kehren und sich nie wieder umzusehen.
Zeit ist etwas kostbares, durchzuckt es Ruth. Unwillkürlich
schüttelt sie das an ihrem Handgelenk baumelnde Plastik, als das
Wimmern droht die Straßengeräusche zu übertönen. Ziellos setzt
Ruth einen Schritt hinter den anderen. Der Weg in das Haus ihrer
Mutter scheint ihr für den Moment unwiderruflich versperrt. Ruth
sieht sich um, mitten in einer fremden Gegend steht sie zwischen
Rotklinkerbauten. Wie lange sie gelaufen ist, weiß Ruth nicht. Der
symmetrisch bebaute Teil der Stadt scheint menschenleer. In nicht
allzu weiter Ferne schlagen Kirchenglocken. Ruth reckt den kurzen
Hals und lenkt ihre Schritte in die vermutete Richtung der Kirche.
Die
Schritte sind schmerzhaft. Brennend frisst sich der Asphalt durch
ihre Schuhsohlen und in ihr Gewissen. Sie hat keine Wahl. Die
Plastiktüte wimmert. Ruth verschließt ihre Ohren. Konzentriert sich
darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das
Gewicht der Plastiktüte nimmt zu. Ruth beschleunigt ihre Schritte,
erstickt den Wunsch den Schmerz in das vorstädtische Idyll zu
schreien in ihrem Inneren. In der Dämmerung schiebt sich die Kirche
stumm in ihr Blickfeld. Über den Stufen zum Eingang breitet sich ein
bedrohlicher Vorsprung aus. Die alten Steine strahlen vorwurfsvoll
auf den gepflasterten Weg. Ruth stolpert über unebenes
Kopfsteinpflaster dem Portal entgegen. Zwischen
Rosensträuchern und Stiefmütterchen entledigt Ruth sich eilig der
Plastiklast.
Zeit ist kostbar. Ruth wendet schwerfällig ihren runden Körper. Duckt sich in der beginnenden Dunkelheit zwischen den Schatten der Straßenlaternen, verfolgt von dem Gefühl einer unbesiegbaren Schuld.
Auf dem Bordstein blutet eine kopflose Amsel rostrot auf den schwarzen Asphalt. Über Ruths Wangen schleichen kalte Tränen beim Anblick des toten Vogels. Vorsichtig bückt sie sich hinunter. Aus ihrer Tasche kramt sie ein Taschentuch, schlägt den noch warmen Körper darin ein. Die Minuten vergehen im Sekundentakt. Ruth atmet schwer, nach einer geeigneten Grabstelle suchend, entfernt sie sich gezählte Schritte weiter von der stummen Kirche. Das Taschentuch färbt sich in tiefe Rottöne, als Ruth eine Verkehrsinsel bemerkt. Mit bloßen Händen hebt sie nach Luft ringend eine Grube aus, legt die Amsel hinein. Die Erde schiebt sie schnell über das grau scheinende Gefieder. Ein greller Schrei reißt den Beginn der Nacht in Stücke.
Zeit ist kostbar. Ruth wendet schwerfällig ihren runden Körper. Duckt sich in der beginnenden Dunkelheit zwischen den Schatten der Straßenlaternen, verfolgt von dem Gefühl einer unbesiegbaren Schuld.
Auf dem Bordstein blutet eine kopflose Amsel rostrot auf den schwarzen Asphalt. Über Ruths Wangen schleichen kalte Tränen beim Anblick des toten Vogels. Vorsichtig bückt sie sich hinunter. Aus ihrer Tasche kramt sie ein Taschentuch, schlägt den noch warmen Körper darin ein. Die Minuten vergehen im Sekundentakt. Ruth atmet schwer, nach einer geeigneten Grabstelle suchend, entfernt sie sich gezählte Schritte weiter von der stummen Kirche. Das Taschentuch färbt sich in tiefe Rottöne, als Ruth eine Verkehrsinsel bemerkt. Mit bloßen Händen hebt sie nach Luft ringend eine Grube aus, legt die Amsel hinein. Die Erde schiebt sie schnell über das grau scheinende Gefieder. Ein greller Schrei reißt den Beginn der Nacht in Stücke.
Abseits
Das
Kopfsteinpflaster liegt in unebener Schönheit auf unbeachteten
Nebenstraßen, während sich die Zeit im Rinnstein sammelt.
Zwischen
den Zweigen zeichnet die Phantasie Gesichter in einen Himmel, der
jeden Moment Regen auf ausgetrocknete Grasflächen herab fallen
lassen möchte und doch unentschieden die Schleusen verschlossen
hält.
Abseits
der unebenen Schönheit sitzt eine Gestalt, die Baskenmütze nur
einige unbedeutende Zentimeter zu tief in die Stirn gezogen, umhüllt
von einem zu weit wirkenden Regenmantel in herbstlichen Beigetönen,
auf einer Parkbank, unmittelbar unter einer Birke, welche sich
altersgram der Erde zuneigt.
Aus
der Entfernung betrachtet mutet die Szene als eine solche an, die auf
einen Künstler wartet. Die Staffelei stets unter dem Arm tragend
beträte er die Grünfläche vor der Parkbank, dem Schild am Rande
zum Trotz, welches das Betreten als verboten ausweist.
Auf
einer Palette mischte der junge Mann, dessen Oberlippe ein
französischer Schnauzbart zieren müsste, Farben an, um das sich ihm
präsentierende Stillleben einzufangen.
In
die zaghaften Anfänge eines Gesprächs vertieft würden sich der
Künstler und sein Modell dem Geschehen um sie herum entziehen, bis
zur Vollendung eines in Ewigkeit gebannten Moments und beraubten die
Großstadt mit der Leichtigkeit präziser geführter Pinselstriche
eines Teils ihrer Anonymität.
Inzwischen mischten sich unter die angesammelte Zeit im Rinnstein ausgesprochene Geheimnisse, gerade so weit entlassen, dass sie auf der Spitze einer Zunge zu liegen kämen.
Jakobs Ketten - Eins -
Ruths Schädel pocht als sie aus halb geöffneten Augen an die
Zimmerdecke, deren Anstrich einst vielleicht weiß war, inzwischen
aber ein rauchgelbes Kleid ist, durchzogen von Wasserflecken und
Schimmelinseln, und dann an sich herunter sieht. Sie liegt auf einer
alten Matratze, die zu weich ist für ihren von Übergewicht
geschundenen Rücken unter einem dünnen Laken, einen pelzigen
Geschmack auf der Zunge.
Mit der linken Hand reibt sie sich den Schlaf aus den Augen, um den
Blick zu schärfen für eine Umgebung, von der sie sicher ist, dass
sie sie nicht wahrnehmen will, als sich neben ihr etwas bewegt. Ein
Fuß stößt mit ihrem Bein zusammen. Als der nicht geschnittene,
ungepflegte Nagel des kleinen Zehs ihre Wade streift, unterdrückt
sie einen angewiderten Schrei, saugt die verkaterte Luft zu tief in
ihre von reichlich Zigaretten verbrauchten Lungenflügel und setzt
sich auf.
Wie der Mann, auf dessen Matratze sie sitzt, heißt, hat Ruth
entweder über das dritte Glas billigen Rotweins vergessen oder nie
gewusst. Angestrengt versucht sich ihr Kopf daran zu erinnern, was
sie in dieses Zimmer gebracht hat. Ruth ist 19 Jahre alt an diesem
Morgen im Spätherbst 1988. Sie ist weit davon entfernt, als
klassische oder überhaupt irgendeine Art von Schönheit zu gelten,
wie ihre Mutter nicht müde wird, ihr zu
versichern. Die grünen Augen stehen zu eng über der kleinen
Nase zusammen, verdeckt von buschigen Brauen, die Ruth von ihrem
Vater geerbt hat. In dem runden Gesicht verschwinden die schmalen
Lippen fast ungesehen. Ruth ist nicht schön. Eine unglückliche
Mischung verschiedener Gene mit Doppelkinn. Ihr kleiner Körper
versinkt fast in sich selbst, so sehr liebt Ruth es zu essen, dass
sich über die Jahre Polster um Polster um ihre Knochen winden.
Manchmal scheint es Ruth ein Segen, wenn sie in ihrem Kinderzimmer
sitzt, dessen Einrichtung sich nicht verändert hat, seit sie 5 war.
Rosafarbene Wände, ein Himmelbett, ein Schloss hat ihr Vater ihr auf
die Raufasertapete gemalt, einen Ort zum Träumen, bevor er ging und
niemals zurückkehrte; ihre Mutter über dem Bett einen großen Nagel
in die Wand schlug und dran das Bild der heiligen Maria hing.
Ruth zuckt erneut zusammen. Eine gewaltige Welle Abscheu spült über
sie hinweg. Der Fremde neben ihr sabbert ungerührt über seinen
Drei-Tage-Bart, der ihr gestern noch anziehend erschien, in das
Kopfkissen, dessen orangener Bezug vor Monaten hätte gewaschen
werden müssen.
Ruth setzt leise einen Fuß auf den Boden, wuchtet ihren kleinen,
runden Körper so vorsichtig sie kann aus dem Bett, suchend tasten
ihre Hände nach der hastig abgeworfenen Kleidung. Sie betet, der
Fremde möge nicht aufwachen, ihr die Peinlichkeit ersparen, ihn bei
Tageslicht ansehen zu müssen, angesehen zu werden. Was sie gedacht
hat, in dieser Bar, halb versteckt hinter dem billigen Rotwein in
einem langstieligen Glas, das weder zu Ruth noch zu dem Wein passen
wollte, erinnert sie nicht mehr. Dunkel glaubt Ruth zu wissen, dass
ihre Hand sachte den zu engen Rock ein Stück über das Knie
geschoben hat, während der Fremde, der jetzt in sein
heruntergekommenes Kissen sabbert, zu ihr herüber oder vielleicht
auch nur vage in ihre Richtung gesehen hat. Ein wenig mag sie den
Hals gestreckt, das blonde Haar aus der Stirn gestrichen haben. Ruth
ist keine Verführung, nicht eine sinnliche Rubens-Figur. Das schiefe
Lächeln, die wenigen Gesten, an denen Ruth spätestens scheitert,
versucht sie die wulstigen Knie damenhaft übereinander zu bringen,
hat sie sich aus Filmen abgeschaut. Der Fremde ist zu ihr herüber
gewankt, hat ein halbes Bier auf dem Weg verschüttet, sich dann auf
der Tischkante abgestützt und Ruth verschwommen angesehen. Der
Fremde schnarcht, Ruth greift hastig nach ihren Schuhen. Der Fremde
hat ein weiteres langstieliges Glas für Ruth bestellt, zusammen mit
einem Schnaps und eine schwitzige Hand ungeschickt unterhalb ihres
Rocksaumes platziert. Je mehr Wein Ruth trinkt, desto höher schiebt
die schwitzige Hand ihren Rock das Bein hinauf. Ruth versucht zu
lächeln, die Nacht taucht langsam in dunkelrote Alkoholschwaden,
durchzogen von einem leichten Gefühl der Übelkeit. Ruth achtet
nicht darauf, der Fremde sieht sie durch seine verschwommenen Augen
an. Belanglos, voneinander gelangweilt, werfen sie sich mit schwerer
Zunge Sätze zum Fraß vor, von denen sie wissen, dass sie sofort
vergessen werden. Als der Fremde langsam aufsteht, sieht Ruths rundes
Gesicht zu ihm hinauf, während ihre Hände an dem Bemühen
scheitern, den engen, mit fremdem Schweiß getränkten Plastikrock
herunter zu streichen. Ein Teil von ihr weiß, sie sollte den Fremden
gehen lassen. Doch als der Fremde sie ohne Widerspruch zu dulden aus
ihrem Stuhl zieht, lässt Ruth ihn bereitwillig gewähren. Sie hat
diese Bar betreten, um zu fliehen. Vor einer Mutter, die bettlägerig
auf ihre Hilfe angewiesen ist, deren Stimme heiser ist von
geschrienen Demütigungen. Vor einem rosa Mädchenzimmer, das ebenso
wenig zu ihrer Seele passen will wie das erzwungene Gebet jeden
Abend. Ruth will sich an diesem Abend lebendig fühlen. Sie bekommt
nicht viele Gelegenheiten, zu spüren, dass sie lebt und nicht nur
die Erwartungen erfüllt, die an sie gestellt werden. Fremde sehen
sich nicht nach ihr um. Ihre Schüchternheit versperrt ihr den Weg zu
jeglichen Gesprächen. Der Mann mit dem Drei-Tage-Bart und dem
verschwommenen Blick stört sich nicht daran, dass Ruth weder sich
selbst schön findet, noch schön gefunden wird. Selbstverständlich
gehen sie Arm in Arm und doch unrhythmisch neben einander her. Die
kleine Gasse ist schlecht beleuchtet. Ruth denkt kurz an die
Warnungen ihrer Mutter, wenig liebevoll, immer mit dem Zusatz
vorgetragen, sie seien unnötig, niemals würde Ruth in eine solche
Lage geraten. Auch deshalb ist sie an diesem Abend aus dem
mütterlichen Haus geflohen. Um zu beweisen, dass diese Warnungen
sehr wohl berechtigt ausgesprochen und einzig der schmerzhafte Spott
unnötig war. Der Fremde zieht Ruth eine Treppe hinauf und ihr kurz
darauf den Rock herunter. Ruth schließt ihre Augen, atmet an den
Bierschwaden vorbei, die der Fremde ausstößt.
Sie windet sich unter unbeholfenen Berührungen. Der Fremde begehrt
sie nicht. Ruth ist keine Frau, die ein Mann begehrt. Ruth ist eine
Frau, die benutzt wird. Wenn sie ihren Zweck erfüllt hat, darf sie
gehen. Niemals huldvoll entlassen, stattdessen vom Hof gejagt. Ruth
weiß das. Ihre Mutter behauptet, Bedürfnisse sind eine Schwäche
des Charakters. Ruth müsse stark sein, sich besinnen. Heute Nacht
will Ruth sich nicht besinnen. Obwohl sie weiß, dass am Morgen
schamvolle Reue auf ihr liegen wird, wie jetzt der schnaubende
Fremde. Das Gewicht wird das gleiche sein. Den Fremden wird sie
abwaschen; das Gewicht der Gefühle nicht.
Ruth verlässt das Zimmer ohne sich noch einmal nach dem Fremden
unter dem Laken umzusehen. Fast bedächtig schließt sie die Tür,
schlüpft im Hausflur in ihre Schuhe und hastet das Treppenhaus
hinunter, dem das Tageslicht ebenso wenig schmeichelt wie ihr. Der
Versuch das Unbehagen, das mit jedem Schritt zunimmt, mit einem zu
heißen Kaffee zu verbrennen, misslingt. Ruth weiß, was sie Zuhause
erwartet. Ihre Mutter wird zu brüllen beginnen, sobald Ruth die
Haustür aufgeschlossen hat. Nach dem Frühstück wird sie schreien,
nicht ohne Ruth zu beschimpfen, weil sie die ganze Nacht
fortgeblieben ist. Eine Erklärung wird die alte Frau fordern, aber
sie nicht anhören. Während Ruth ihr Kissen aufschüttelt wird sie
den fleischigen Arm ausstrecken, ihre scharfkantigen Fingernägel
werden sich in Ruths Haut bohren. Sie wird die Zähne aufeinander
beißen und nicht wimmern, die Nägel werden sich immer tiefer in das
Gewebe graben, während die alte Frau Worte zu Ruths verbissenem
Gesicht hinauf spucken wird. Sie sei selbst schuld daran, wird sie
sagen. Dankbar solle sie sein, dass es der alten Frau nicht möglich
ist, aufzustehen. Ruth erinnert sich gut, als ihre Mutter noch die
Kraft hatte, das Bett zu verlassen. Der Rohrstock steht inzwischen
unerreichbar, mahnend gleich neben der Zimmertür. Eine verruchte,
abscheuliche Gestalt wird sie Ruth nennen, nicht besser als es Huren
sind. Sie wird Ruth zwingen zu beten, laut. Und sie wird lachen,
dieses grauenhaft kehlige Lachen, bis ihr die die Luft ausgeht.
Bleischwer schleppt Ruth ihre Glieder dem Haus und ihrem
tatsächlichen Leben entgegen. Die Bemühungen, sich für den Rest
dieses und den Rest aller Tage zu wappnen, werden scheitern. Ruth
weiß das. Es gibt für sie kein Entkommen, nicht so lange die alte
Frau da in ihrem Bett liegt, ihre scharfkantigen Fingernägel, die
Ruth mit so wenig Liebe wie möglich einmal wöchentlich schneidet,
in die Haut ihres Armes gräbt. Oft träumt Ruth, sie nähme das
Kissen in ihre Hände. Nicht um es aufzuschütteln, sondern um es der
alten Frau auf das speckig glänzende Gesicht zu drücken. Das
kehlige Lachen darunter zu ersticken. Ruth würde das Kissen mit all
ihrer Kraft auf dem verhassten Gesicht halten, bis der wunde Körper
auf der durchgelegenen Matratze still da läge. Sie würde den
Erinnerung an die einst liebevolle Hand, die über ihren Kinderkopf
strich, verbieten sich mit den letzten Zuckungen der Glieder einen
Weg in ihr Bewusstsein zu bahnen.
Ruth stolpert über einen Zweig, der auf dem Gehweg liegt. Kurz
bleibt sie stehen, blickt hinunter auf den Zweig, der aus dem Nichts
gekommen sein muss. An der Straße steht nicht ein Baum in
Sichtweite. Aus der Entfernung könnte man das Stück Holz für eine
sich krümmende Schlange halten. Ruth hebt den Zweig auf. Dreht ihn
in rauen Händen, bis er in zwei ungleiche Teile zerbirst. Als hätte
das Knirschen des Holzes sie aufgeschreckt, setzt Ruth einen Fuß vor
den anderen. Sie bewegt sich mit schmerzhafter Langsamkeit, um das
unvermeidliche hinaus zu zögern.
Der hasserfüllte Flur nimmt ihr die Luft. Vertraute Geräusche tosen
in ihren Ohren, legen jeden Gedanken still. Ruth ist taub. Ihre
Mutter richtet sich ächzend einige Zentimeter auf, präzise Blicke
zerschneiden Ruths Gesicht. Sie schüttelt das Kissen auf. Die alte
Frau vergräbt scharfkantige Fingernägel in Ruths Unterarm.
Ruth
steht neben sich am Bett ihrer Mutter, während ihre Stimme versagt.
Sie solle deutlich sprechen, weisen gebleckte Zähne sie an. Obwohl
sie ohnehin nicht auf Vergebung hoffen könne, belehrt sie das
speckig glänzende Gesicht. Ruths Mutter ist nicht so nachsichtig wie
der Heiland. Ruths Mutter stirbt nicht. Besonders nicht für die
Sünden ihrer Tochter.
Das
Licht fällt aschgrau auf die Bettdecke unter der sich die längst
unbeweglichen Beine der alten Frau abzeichnen. Auf dem Nachttisch
steht eine Vase mit künstlichen Blumen. Staubdeckte Blüten aus
einer Zeit, die längst vergessen ist. Ruths Blick klebt an der Vase,
die stiller Ausdruck ihres Protests ist. Reinigen soll sie die
Blüten. In ihrer Verweigerung dieser einen Geste liegt ihre gesamte
Abscheu vor dem Raum und der darin liegenden Frau. Ein Zwang, dem
Ruth sich nicht unterwirft. Die Mutter hat in diesem Punkt
aufgegeben. Der Staub ist ihr ein Qual. Ruth weiß das.
Als
sie sich aus den Fängen der Mutter löst, will ein seltenes Lächeln
um ihre Mundwinkel zucken. Ruth wundert sich über den Impuls und
gibt ihm erst in der rosafarbenen Beschaulichkeit ihres Zimmers nach.
Die Mutter sieht sie nicht gerne lächeln. Ruth hat das Recht auf
fröhliche Unbeschwertheit verwirkt.
Die Räume liegen drohender Stille in der fahlen Nachmittagssonne, während draußen Kinderlachen tönt. Ruth steht am Fenster und sieht auf die fremde Welt vor dem Haus. Das Freibad auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat geschlossen. In dem Becken sammeln sich Blätter, die der Wind von den Bäumen gezerrt hat. Verloren in der Betrachtung der Blätter durchzuckt sie eine Erinnerung. Die fleckige Zimmerdecke des Fremden. Ruths kleiner Körper schüttelt sich, doch das Bild bleibt haften. Sie schließt die Augen. Die Flecken der Zimmerdecke nehmen die Form von Blättern an und tanzen. Hämisch hat es den Anschein. Ruth sinkt auf das Kinderbett und wartet. Auf die Gnade eines traumlosen Schlafes.
Die Räume liegen drohender Stille in der fahlen Nachmittagssonne, während draußen Kinderlachen tönt. Ruth steht am Fenster und sieht auf die fremde Welt vor dem Haus. Das Freibad auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat geschlossen. In dem Becken sammeln sich Blätter, die der Wind von den Bäumen gezerrt hat. Verloren in der Betrachtung der Blätter durchzuckt sie eine Erinnerung. Die fleckige Zimmerdecke des Fremden. Ruths kleiner Körper schüttelt sich, doch das Bild bleibt haften. Sie schließt die Augen. Die Flecken der Zimmerdecke nehmen die Form von Blättern an und tanzen. Hämisch hat es den Anschein. Ruth sinkt auf das Kinderbett und wartet. Auf die Gnade eines traumlosen Schlafes.
In
eintöniger Selbstverständlichkeit vergehen die Tage, werden zu
Wochen und Monaten. Ruth erlaubt sich keine weiteren Ausflüge. Sie
schüttelt die Kissen ihrer Mutter auf, während die alte Frau
sehnsüchtig auf einen Fehltritt wartet.
Der Plastikrock will Ruth schon seit geraumer Zeit nicht mehr passen. Sie versucht sich hin und wieder heimlich hinein zu zwängen. Ruths Körper schwillt von Tag zu Tag an; sie verhüllt ihn so gut es geht. Der Gedanke an die Ursache für die Veränderung hat in ihrem Verstand keinen Platz. Wann immer er sich Gehör verschaffen will, stopft Ruth ihn in die Tiefe zurück, begräbt ihn unter weiterer Kleidung und Ausflüchten. Der Mutter ist aufgefallen, dass Ruth sich verändert hat. Noch unförmiger sei sie geworden. Aber es spiele keine Rolle geifert ihr das speckig glänzende Gesicht entgegen. Ruth sei innen wie außen nicht liebenswert. Wenn die Mutter sie nicht lieben könne, wie wolle sie erwarten, dass ein Fremder dazu in der Lage sei. Das kehlige Lachen klingt durch den hasserfüllten Flur, als vor dem Fenster das Kinderlachen im ersten Schnee stirbt.
Der Plastikrock will Ruth schon seit geraumer Zeit nicht mehr passen. Sie versucht sich hin und wieder heimlich hinein zu zwängen. Ruths Körper schwillt von Tag zu Tag an; sie verhüllt ihn so gut es geht. Der Gedanke an die Ursache für die Veränderung hat in ihrem Verstand keinen Platz. Wann immer er sich Gehör verschaffen will, stopft Ruth ihn in die Tiefe zurück, begräbt ihn unter weiterer Kleidung und Ausflüchten. Der Mutter ist aufgefallen, dass Ruth sich verändert hat. Noch unförmiger sei sie geworden. Aber es spiele keine Rolle geifert ihr das speckig glänzende Gesicht entgegen. Ruth sei innen wie außen nicht liebenswert. Wenn die Mutter sie nicht lieben könne, wie wolle sie erwarten, dass ein Fremder dazu in der Lage sei. Das kehlige Lachen klingt durch den hasserfüllten Flur, als vor dem Fenster das Kinderlachen im ersten Schnee stirbt.
Der
Morgen verkleidet sich als Nacht, die Dunkelheit will der schwachen
Wintersonne nicht weichen. Ruth erhebt sich mühsam und fühlt einen
Tritt in ihrem Inneren. Ein Krampf, sie hat am Vorabend zu spät
gegessen. Es ist nichts weiter als ein Krampf. Leise wickelt sie sich
in die Kleidung, die sie sorgsam auf dem Schreibtischstuhl zurecht
gelegt hat. Sie nimmt ihre Tasche und verlässt das Haus. Auf kalten
Füßen geht sie, darauf bedacht nicht zu fallen, zur Bushaltestelle,
wie sie es nunmehr dreimal wöchentlich tut. Der Bus bringt sie bis
zu ihrer neuen Arbeitsstelle, hält gleich vor der Tür. Das
Bürogebäude sieht wie üblich mit seiner abweisenden Glasfassade
auf sie herunter, Ruth greift ihre Tasche fester.
Sie leert Papierkörbe und wischt über Schreibtische, auf denen Bilder von glücklichen, reichen Familien stehen. Kleine blondgelockte Mädchen, die Vaters ganzer Stolz sind und Bengel, die ihre Zahnlücken an der Hand der freudestrahlenden Mutter dem Fotografen präsentieren. Neben perfekt angeordneten Schreibutensilien stehen diese eingerahmten Bilder von perfekten Familien, in denen niemand Kissen aufschütteln oder fremde Schreibtische wischen muss. In Ruths Innerem tritt sie etwas. Das ist nur der Wunsch, diese Bilder in die Papierkörbe zu fegen, so dass die passend ausgesuchten Rahmen zerspringen; das Glas das Fotopapier in Fetzen reißt. Es ist nichts. Weil es nichts sein darf.
Trotzig wischt Ruth über das letzte Sideboard des Morgens, still steht sie da. Besieht sich ihr Werk, als sie einen neuerlichen Tritt spürt. Sie legt die linke Hand bestimmend auf ihren geschwollenen Leib. Unwillkürlich übt ihre Hand Druck aus. Es ist nichts.
Sie leert Papierkörbe und wischt über Schreibtische, auf denen Bilder von glücklichen, reichen Familien stehen. Kleine blondgelockte Mädchen, die Vaters ganzer Stolz sind und Bengel, die ihre Zahnlücken an der Hand der freudestrahlenden Mutter dem Fotografen präsentieren. Neben perfekt angeordneten Schreibutensilien stehen diese eingerahmten Bilder von perfekten Familien, in denen niemand Kissen aufschütteln oder fremde Schreibtische wischen muss. In Ruths Innerem tritt sie etwas. Das ist nur der Wunsch, diese Bilder in die Papierkörbe zu fegen, so dass die passend ausgesuchten Rahmen zerspringen; das Glas das Fotopapier in Fetzen reißt. Es ist nichts. Weil es nichts sein darf.
Trotzig wischt Ruth über das letzte Sideboard des Morgens, still steht sie da. Besieht sich ihr Werk, als sie einen neuerlichen Tritt spürt. Sie legt die linke Hand bestimmend auf ihren geschwollenen Leib. Unwillkürlich übt ihre Hand Druck aus. Es ist nichts.
Ruth
sitzt auf einer Parkbank. Nur ein paar Gehminuten entfernt liegt die
Arztpraxis. Im Wartezimmer hat Ruth ihre Zeit veratmet. Zwischen
strahlenden Frauen hat sie gesessen. Ruth hat irgendwo gelesen, dass
Schwangere von Innen leuchten. Ruth leuchtet nicht. Ruths Inneres ist
so schwarz wie ihre Kleidung. Schwarz geht unter, ist unauffällig.
Ruth will nicht auffallen. In einer Ecke des Wartezimmers steht eine
Kiste mit Spielsachen. Fröhliche Plastiklaster; Holzklötze, die zu
Türmen werden wollen. An diesem Dezembernachmittag liegen die
Spielsachen unberührt in der Kiste.
Eine
schlanke Frau ruft ihren Namen. Ruth nimmt ihren Blick von den
Holzklötzen, erhebt den schwerfälligen Körper, schiebt die rauen
Hände tiefer in die Taschen ihres Mantels. Die schlanke Frau winkt
Ruth ihr zu folgen; führt sie in einen Raum, an dessen Wänden
lächelnde Kindergesichter hängen. Sie solle Platz nehmen, sich noch
einen Augenblick gedulden. Ruths Kehle schnürt sich wie von selbst
zusammen. Ihr Mund will Worte formen und doch nicht aussprechen. Die
schlanke Frau steht fragend in der Tür. Ob sie sich nicht wohl
fühle. Vielleicht ein Glas Wasser. Ruths Kopf nickt. Die schlanke
Frau schließt die Tür. Sie sei gleich zurück. Ruth solle Platz
nehmen.
Die Armlehnen des Stuhls scheinen Ruth zu drohen. Die Angst kriecht ihre wassergeschwollenen Waden hinauf, weicht ihr Rückgrat auf. Ruth stürzt. Hinaus aus dem Zimmer, hinaus aus der Arztpraxis. Hinein in die kalte, klare Luft. Durch den winzigen Park. Bis zu der Bank. Dem leichten Überzug aus Pulverschnee schenkt sie keine Beachtung. Sie setzt sich. Die Bank hat keine Armlehnen, droht ihr nicht. Ruth starrt auf das schmutzige Weiß zu ihren Füßen. Von Streusalz durchsetzter Schnee. Sie hat den Winter immer gemocht. Diesen Winter mag sie nicht. Sie fürchtet sich vor seinem Ende.
Die Armlehnen des Stuhls scheinen Ruth zu drohen. Die Angst kriecht ihre wassergeschwollenen Waden hinauf, weicht ihr Rückgrat auf. Ruth stürzt. Hinaus aus dem Zimmer, hinaus aus der Arztpraxis. Hinein in die kalte, klare Luft. Durch den winzigen Park. Bis zu der Bank. Dem leichten Überzug aus Pulverschnee schenkt sie keine Beachtung. Sie setzt sich. Die Bank hat keine Armlehnen, droht ihr nicht. Ruth starrt auf das schmutzige Weiß zu ihren Füßen. Von Streusalz durchsetzter Schnee. Sie hat den Winter immer gemocht. Diesen Winter mag sie nicht. Sie fürchtet sich vor seinem Ende.
Ruth
nimmt eine laute Stimme wahr. Jemand ruft ihren Namen. Die schlanke
Frau ist ihr gefolgt. Ruths Blicke suchen nach einem geeigneten
Versteck. Doch da ist nichts, was sie retten könnte. Die schlanke
Frau bewegt sich anmutig auf sie zu. Streckt eine feingliedrige Hand
aus, deren Nägel blutrot schimmern. Die Hand greift sachte unter
Ruths Arm. Zieht sie vorsichtig von der Bank, als wäre Ruth
zerbrechlich. Hysterisches Lachen schüttelt Ruths Körper,
unerwartet plötzlich. Die schlanke Frau blickt besorgt. Ruth streift
die Hand und ihren sachten Griff ab. Sie will nicht gehalten werden.
Es gehe ihr gut, versucht sie zwischen dem Ringen nach Luft und
Tränen zu versichern. Ruth will, dass die schlanke Frau geht. Der
Termin sei ein Irrtum gewesen. Es sei nichts. Sie brauche keinen
Arzt, keine Beratung. Die schlanke Frau glaubt ihr nicht. Ruth sieht
das. Die schlanke Frau kann sie nicht zwingen. Ruth weiß das. Sie
tritt einen Schritt zurück, wischt sich mit dem Ärmel ihres Mantels
über das Gesicht. Um ihre Mitte spannt der Mantel. Die schlanke Frau
hebt die Stimme. Ruth winkt ab. Es sei nichts, wiederholt sie. Ruth
ist erstaunt, wie fest ihre Stimme klingt. Als wären die Worte aus
Stein. Sie überzeugt sich selbst. Die schlanke Frau zuckt mit den
Schultern. Ruth hat den Kampf gewonnen; die schlanke Frau zieht sich
zurück.
Ruth
sieht auf Parkbank hinunter. Im Pulverschnee hat sie einen Abdruck
hinterlassen. Mit rauen Händen wischt Ruth den Schnee von der
Parkbank. Der Abdruck verschwindet langsam. Ein maroder Splitter jagt
Ruth in den Zeigefinger. Ruth spürt das nicht. Ihrer Hände sind
kalt. Ruth spürt auch die Kälte nicht. Etwas in ihrem Inneren
versetzt ihr einen Tritt. Ruth lässt sich in das schmutzige Weiß
vor der Parkbank fallen. Es ist nichts. Ruth fühlt ein Brennen, das
sich über ihr ausbreitet. Es ist nichts. Und dieses Nichts muss
damit aufhören, sie zu treten.
Wie
lange sie im schmutzigen Weiß gelegen hat, weiß Ruth nicht.
Irgendwann hat sich der Nachmittag leise über den einsamen Park
gesenkt. Ruth hat ihren Arm unter den Kopf geschoben und auf das
gleichmäßige Ticken ihrer Armbanduhr gehört. Sie sollte aufstehen.
Ruth weiß das. Ihr Körper versagt ihr den Dienst, will sich nicht
bewegen. Der Splitter in ihrem Finger pocht im Gleichklang mit der
Uhr an ihrem Handgelenk. Sie war ein Geschenk. Ruth erinnert sich an
den Tag im Einkaufszentrum. Es war ein Samstag. Ihr Vater hatte sie
wecken wollen. Ruth saß bereits angezogen auf ihrem Bett, als er
behutsam die Tür zu ihrem Zimmer öffnete. Ruth hatte sich selbst
die Schuhe zugebunden. Minutenlang hatte sie die Schnürsenkel
übereinander gelegt, bis ihre unbeholfenen Kinderfinger eine
Schleife zustande brachten. Ihr Vater hatte es sofort bemerkt, als er
das Zimmer betrat. Gelobt hatte er sie. Seine kluge Prinzessin hatte
er sie genannt. Gemeinsam waren sie leise die Treppe hinunter
geschlichen. Die Mutter schlief bei halbgeöffneter Tür. Sie hatten
gefrühstückt. Der Vater hatte Spiegeleier gebraten. Der Duft von
Filterkaffee hatte die Küche ausgefüllt, war in jede Pore
gekrochen. Ruth liebte den Geruch. Damals. Heute verursacht er ihr
Übelkeit. Nach dem Frühstück hatten sie gemeinsam das Geschirr
abgewaschen. Die Mutter sollte an einem Samstag keine zusätzliche
Mühe mit der Hausarbeit haben. Der Vater hatte liebevoll darauf
bestanden, dass Ruth ihren Teller selbst abspülte. Er hatte ihr
einen Stuhl an die Spüle heran gerückt, sie darauf gehoben. Gelobt
hatte er sie. Seine fleißige Prinzessin hatte er sie genannt. Ruths
Kinderhände hatten gezittert. Sie hatte den Teller fast in die Spüle
fallen lassen. Sie hatten ihre Jacken von dem Garderobenständer im
Flur genommen und waren in den alten Opel gestiegen. Der Vater hatte
sie vorne sitzen und den Radiosender auswählen lassen. Sie solle es
nicht der Mutter erzählen, hatte er ihr eingeschärft. Ruth wäre
noch zu klein, als dass es erlaubt gewesen wäre. Sie hätte auf der
Rückbank sitzen müssen. Die Mutter würde ärgerlich werden und sie
vielleicht nie wieder alleine mit dem Vater in dem alten Opel fahren
lassen. Es sei ein Geheimnis, hatte der Vater eindringlich widerholt.
Ruth hatte genickt und war sich erwachsen vorgekommen. Ruth hatte
viele Geheimnisse mit dem Vater. Die Mutter nicht alles wissen, was
zwischen einem Vater und seiner Tochter geschehe, gesprochen werde.
Ruth war aufgeregt. Sie war noch nie im Einkaufszentrum gewesen. Die
Fahrt dauerte nicht lang. Der Radiomoderator kündigte gerade die
Nachrichten an, als Ruths Vater den alten Opel auf den Parkplatz
lenkte. Gemächlich stellte er den Motor ab, zog die Handbremse an.
Ruths linker Schnürsenkel hatte sich gelöst. Ihre Kinderbeine
baumelten von dem abgenutzten Sitzpolster herunter. Der Vater band
den Schuh neu, strich sachte über die schmale Wade. Sie überquerten
Hand in Hand den Parkplatz, auf dem der alte Opel einsam in der
Morgensonne glänzte. Der Vater achtete sehr darauf, den Wagen zu
pflegen. Jeden Sonntag stand er vor dem Haus, bewaffnet mit einem
weichen Lappen und einem Eimer lauwarmen Wassers. Stunde um Stunde
rieb und wienerte er den Wagen. Nur weil er alt sei, meinte der
Vater, müsse er nicht auch so aussehen. Auf die abgenutzten Polster
hatte er Schonbezüge aufgezogen. Die Mutter mochte sie nicht. Der
Vater entfernte sie. Und die Mutter machte jeden Sonntag dieselbe
hämische Bemerkung. Warum er immerzu an der alten Blechkiste
herumwische, wo doch mit nur einem Blick in das Wageninnere deutlich
werde, dass das Auto seine besten Tage lang hinter sich habe. Den
Schein wolle er wahren, zu mehr sei er nicht in der Lage. Dann ging
sie zurück ins Haus und ließ ihren Mann mit seiner Scham darüber,
sich keinen neuen Wagen leisten zu können allein.
Das
Einkaufszentrum schien Ruth unendlich weit. Sie griff die Hand des
Vaters fester, aus Angst ihn zu verlieren. Ruths Augen weiteten sich
mit jedem Schritt, den sie tiefer in die bunte Einkaufswelt machten.
Im Erdgeschoss gab es einen Bäcker zwischen einer Drogerie und einem
Supermarkt. Aus der Parfümerie gegenüber drang eine unerbittlich
süße Wolke aus verschiedenen Düften, die sich mit der
Kaffeemaschine des Bäckers um die Vorherrschaft des intensivsten
Geruchs stritt. Der Vater kaufte Ruth ein Milchbrötchen. Ruth traute
sich kaum im Gehen davon abzubeißen. Zwischen den bunten
Schaufenstern der Bekleidungsgeschäfte, entdeckte Ruth einen
zurückhaltenden Buchladen. Gerne wäre sie hineingegangen. Ruth
konnte nicht lesen, aber sie sah die Bücher gerne an, steckte ihre
Kindernase zwischen die Seiten, um den Papiergeruch einzusaugen. Ihre
Mutter hatte sie einmal dabei erwischt, wie sie ihre Nase in ein
altes Märchenbuch versenkt hatte. Sie hatte Ruth das Buch aus den
Kinderhänden gerissen. Was sie damit wolle, wo sie doch nicht lesen
könne. Die Mutter hatte verächtlich den Kopf geschüttelt und das
Märchenbuch hatte am nächsten Tag nicht mehr an der gewohnten
Stelle im Regal gestanden. Es war einfach verschwunden. Märchen
seien ohnehin nichts für Kinder, hatte die Mutter gefunden. Wenn
Ruth lesen könne, werde sie ihr schon das passende Buch geben.
Manchmal hatte ihr die Mutter aus der Bibel vorgelesen. Der Vater
hatte dann in der Tür gestanden. Sein Gesicht hatte gesagt, die
Mutter möge damit aufhören. Das Kind sei zu klein, um zu verstehen.
Doch die Worte hatten ihren Weg nicht in den Raum gefunden.
Der
Vater zog sie weiter, der zurückhaltende Buchladen verschwand hinter
dem bunten Tand einer Geschenkeboutique und einem Geschäft für
Tabakwaren. Sie fuhren die Rolltreppe hinauf. Der Vater warnte Ruth
sie möge am Ende einen großen Schritt machen. Fasziniert starrte
sie auf die flach verschwindenden Treppen. Hopp, hatte der Vater
gesagt und Ruths Kinderbeine hatten sich in dem großen Schritt
beinahe verheddert. Der Vater hatte sie aufgefangen. Gleich hinter
der Rolltreppe öffnete ein Schreibwarenladen seine gläsernen Türen,
auf denen die Spuren der Kunden vom Vortag noch zu sehen waren.
Abrücke fettiger Finger hatten ein Muster auf das Glas gemalt. Der
Verkaufskraft schien das nicht aufzufallen. Ruth biss in ihr
Milchbrötchen.
Sie
spazierten durch den ersten Stock des Einkaufzentrums, vorbei an
einer geschlossenen Eisdiele, einem Laden, in dem allerlei
technisches Gerät angeboten wurde und einem Haushaltswarengeschäft.
Im Schaufenster stand prominent ausgeleuchtet ein großer
Messerblock. Für einen Wimpernschlag verkrampfte sich die väterliche
Hand, Ruth zuckte zusammen. Der Griff lockerte sich zu schnell, als
das Ruth ihren Vater hätte fragen können, was er beim Anblick der
Messer dachte. Ruth war sieben Jahre alt an diesem Samstagmorgen im
Einkaufszentrum. Sie war ein empfindsames Kind; die häuslichen
Schwingungen hatten sich längst in ihre Seele gefressen.
Vor
der Auslage eines Schmuckhändlers blieben sie stehen. Ruths Blick
irrte überfordert zwischen den glänzenden Ringen, Armreifen und
Ketten umher, bis er schließlich beruhigt an einer unscheinbaren Uhr
hängen blieb. Ihr Band war aus blauem Stoff, bedruckt mit kleinen
weißen Blüten, in den Zeigern fand sich das blau des Uhrenbandes
wieder und in der Mitte des Ziffernblattes tanzten weitere Blüten.
Die Uhr gefalle ihr wohl, hatte der Vater festgestellt. Ruth hatte
mit trockenem Mund genickt, sich die Hoffnung auf ein Geschenk nicht
erlaubt. Doch der Vater war mit ihr in den Laden gegangen. Ganz
selbstverständlich, als sei er der reichste Mann der Stadt, so hatte
Ruth gefunden, hatte er dem Verkäufer erklärt, er wolle die Uhr im
Schaufenster sehen. Sie gefalle seiner Tochter, hatte er angefügt.
Der Verkäufer hatte skeptisch auf das Milchbrötchen in Ruths
Kinderhand geblickt. Ganz so als könne er sich nicht entscheiden, ob
die Ungehörigkeit, den feinen Laden mit einem Milchbrötchen zu
betreten Grund genug sei, die Bedienung zu verweigern. Ruth hatte das
Milchbrötchen schnell in der Tasche ihres Mantels verschwinden
lassen. Der Verkäufer hatte hörbar geseufzt und die Uhr aus dem
Schaufenster geholt. Sorgsam hatte der Vater Ruth um das
Kinderhandgelenk gebunden. Ruth hatte gestrahlt.
Auf
dem Rückweg hatten sie den ursprünglichen Radiosender wieder
eingestellt. Ruth hatte immerzu auf ihre neue Uhr gesehen. Zeit sei
etwas Kostbares hatte der Vater ihr zugeflüstert, als sei er
besorgt, der Ausspruch könne in die falschen Ohren gelangen. Ruth
hatte genickt, obwohl sie nicht sicher gewesen war, was der Vater
damit gemeint hatte. Als sie zuhause angekommen waren, stand die Tür
weit offen. Die Mutter kehrte den Schmutz der Woche aus dem Flur nach
draußen. Der Vater hatte Ruth einen Kuss auf die Stirn gegeben. Sie
solle der Mutter zunächst nichts von der Uhr erzählen, hatte er
gesagt. Sie solle schon aussteigen und der Mutter bei der Hausarbeit
zur Hand gehen. Er führe noch einkaufen, sei aber bald zurück,
solle sie der Mutter ausrichten. Ruth war folgsam ausgestiegen, darum
bemüht die Freude in ihrem kleinen Kinderherzen genauso zu
verstecken, wie die Uhr an ihrem Handgelenk. Der Vater hatte den
alten Opel gewendet und war die Straße hinunter gebraust. Zeit sei
kostbar, hatte er im Davonfahren gemurmelt. Und sich nie wieder
umgesehen.
Das
schmutzige Weiß ist inzwischen in Ruths Mantel gekrochen. Sie sollte
aufstehen. Ruth weiß das. Die Uhr an ihrem Handgelenk hat inmitten
der Erinnerung aufgehört zu ticken. Als Ruth ihren steif gewordenen
Körper zwingt sich aufzurichten, wünscht sie sich einmal mehr, sie
wäre neben dem Vater sitzend in dem alten Opel die Straße hinunter
gebraust.
Jakobs Ketten - Null -
Trotz der klaren Luft, die Herbstsonne und Winterwinde vor sich
hertreibt, schmeckt der Weg nach Verwesung. Das Tauwasser spiegelt
sich trüb selbst. Eine giftige Brühe, die sehnsüchtig auf den
nächsten Frost wartet, der so sicher ausbleiben wird wie das Amen in
der Kirche, auf deren Holzbänken klimawandelnde Sünder sitzen.
Mitten auf der einzigen Straße, die diesen Namen verdient, blutet
ein toter Hase auf den feuchten Asphalt.
Jakob steht seit Stunden am Fenster, starrt durch sein schmutziges
Spiegelbild auf die rostroten Flecken da auf dem Asphalt. Den Hasen
sieht er schon lange nicht mehr. Die nackten Füße sind taub und
durch die häusliche Stille tönen laut seine Gedanken, unterbrochen
von dem Klirren der Eisenglieder um seinen linken Knöchel. Unter dem
Eisenring hat sich längst Schorf gebildet über der Wunde, die vom
zu heftigen Zerren herrührt. Jakobs Erinnerung versagt ihm den
Dienst. Seit wann das kalte Eisen um seinen linken Fuß liegt, vermag
er nicht zu sagen. Jakob darf nicht am Fenster stehen. Eines der
vielen Gebote, denen er Folge zu leisten hat, besagt in strenger
Deutlichkeit, niemand darf ihn sehen. Auf der Straße tanzen die
rostroten Flecken. Jakob versucht den Blick zu schärfen, kneift das
rechte Auge zusammen, die verdreckte Fensterscheibe ist ihm im Weg.
Wäre seine Kette nur um ein oder zwei Glieder länger, er könnte
sie erreichen, einwerfen wohlmöglich. Und dann? Durch die Scherben
würde er steigen, nach draußen. Ob er sich die nackten Füße an
dem gebrochenen Glas aufschnitte, würde er nicht merken. Rostrote
Flecken würde er zurück lassen auf dem feuchten Asphalt, gleich
neben dem toten Hasen.
Aber die Glieder der Kette reichen nicht weit genug. Die Freiheit ist
mehr als nur eine Armeslänge entfernt. Jakob weiß das, obwohl er
sich den Gedanken an Freiheit nur noch selten erlaubt. Seine
Erinnerung versagt ihm den Dienst. Wann er das letzte Mal frei war,
vermag er nicht zu sagen. Die häusliche Stille scheint ihn seit
einer Ewigkeit zu begleiten, so wie der gekreuzigte Heiland an allen
vier Wänden des Raumes seit einer ununterbrochenen Ewigkeit hängt.
Manchmal fühlt Jakob die Blicke des holzgeschnitzten Gesichts. Sie
folgen ihm von Wand zu Wand, mahnen ihn, sich nicht sehen zu lassen.
Während der Asphalt langsam in der kalten Sonne trocknet, rauscht
ein Wagen über den toten Hasen hinweg. Jakob zuckt zusammen, die
Kettenglieder spannen sich. Ein stechender Schmerz fährt ihm durch
den Knöchel bis unter die Kopfhaut, als die Haustür zufällt.
Schnell rafft Jakob die Kette, so leise wie sich Eisenketten eben
raffen lassen, schleicht in gebückter Haltung in die Ecke des
Raumes, die am weitesten von der schmutzigen Scheibe entfernt ist.
Jakob betet, sie möge seinen Schatten nicht gesehen, die Bewegungen
nicht gehört haben, als er auf der modrigen Matratze die Arme um
spitze Knie schlingt.
Der Schlüssel dreht sich im Schloss der Haustür. Sie schließt
immer ab. Zweieinhalb Umdrehungen lässt sie den Schlüssel machen,
um sicherzugehen. Der Junge kann nicht aus seinem Zimmer fliehen. Sie
weiß das. Dennoch will sie sichergehen. Auch Eisen kann brechen. Und
sie sieht den Augen des Jungen, dass er noch manches Mal an das
Fliehen denkt. Sie hat sich vorgenommen, ihn für diese Gedanken zu
bestrafen. Er muss lernen zu gehorchen. Kinder müssen gehorchen. Sie
hat es gemusst, der Junge muss es lernen. Mit festen Schritten geht
sie durch den Flur. Auf der anderen Seite der Wand zuckt Jakob
zusammen. Sie wirft ihren Mantel über einen alten Stuhl, der seit
sie das Haus bezogen hat, im Weg steht. Sie kann sich nicht davon
trennen. Jakob hört wie der Mantel sich unsanft über die Lehne
legt. Die Metallknöpfe hinterlassen Kerben in dem weichen Holz.
Jakob weiß, sie wird in die Küche gehen, bevor sich die Tür zu
seiner Kammer öffnet. Jakob beginnt zu zählen. Es ist ein Ritual.
Die Tür eines Küchenschranks klappt; eins, zwei, drei. Das Glas
schlägt hart auf der Anrichte auf; vier, fünf, sechs. Der
Kühlschrank summt; sieben, acht, neun. Sie schenkt sich ein; zehn,
elf, zwölf. Jakobs Handflächen sind feucht, seine Kehle trocken.
Wieder feste Schritte im Flur; dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Der
Schlüssel fährt ungeduldig in das Schloss der Tür. Ein dünner
Lichtstrahl, der nicht als Hoffnungsschimmer taugen will, fällt in
das dunkle Zimmer. Nur für einen kurzen Moment, bevor sich die Tür
hinter ihr schließt. Sie mustert Jakob in seiner Haltung. Er weiß,
er sollte die Arme von den spitzen Knien lösen. Er sollte sich
aufrichten, sie begrüßen. Er weiß, tut er es nicht, wird sie ihn
bestrafen, und ist doch unfähig eine einzige Bewegung auszuführen.
Sein Körper ist starr, will ihm nicht gehorchen. Sechzehn, siebzehn,
achtzehn. Der Stock kracht gegen seine Rippen. Jakob weiß, es werden
weitere Schläge folgen, so lange bis er sich mühsam aufrappelt. Es
ist ein Ritual, festgeschrieben seit Anbeginn seines Lebens in diesem
Haus. Sie betritt sein Zimmer nie ohne den Stock. Jakob spürt den
Schmerz der Schläge an manchen Tagen kaum noch. An anderen Tagen
treffen sie ihn wuchtig. Sie spricht nicht ein Wort. Aus gefrorenen
Augen sieht sie auf das ungehorsame Elend zu ihren Füßen hinab.
Würde der Junge nur ein einziges Mal tun, was sie von ihm erwartet.
Sie müsste ihn nicht schlagen, denn sie tut es wahrlich nicht gern.
Der Junge versteht das nicht. Blickt sie an, mit diesen aufmüpfigen
Augen, die nach Freiheit schreien. Heute hat er nicht einmal den
Respekt, unter ihren Schlägen zusammen zu zucken. Sie holt erneut
aus. Ihre Hand greift den Stock fester. Würde der Junge doch endlich
aufstehen, sich rühren. Sie könnte aufhören. Jakob versucht nicht,
sich zu schützen. Sie wird irgendwann damit aufhören. Das tut sie
immer, irgendwann. Dann geht sie. Stunden später wird sie ihm etwas
zu essen und die Bibel bringen. Jakob darf die Bibel nicht behalten.
Sie verlangt, dass er darin liest. Genau eine Stunde, während des
Essens. Sie wird ihn mit diesen gefrorenen Augen ansehen. Es ist ein
Ritual. Wie das Zählen.
Als Jakob sich erhebt, langsam und gebückt, trifft ihn ein letzter
Schlag auf den Rücken. Seine Kiefermuskeln verspannen sich, damit
der Schrei nicht in die muffige Zimmerluft entweicht. Jakob weiß,
dass er nicht schreien darf. Sie wird wütend, wenn er schreit.
Endlich. Sie stellt den Stock an die Wand. Sie ist kleiner als Jakob.
Hätte er den Mut, er könnte sie überwältigen. Die Glieder seiner
Kette reichen. Jakob ist nicht mutig.
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