Als ich das erste Mal neben deinem Bett stehe, kenne ich dich gemessen an einem Leben dreieinhalb Sekunden. Der Stapel Bücher auf der Heizung sticht mir die Augen aus.
Ich mag Menschen, die lesen. Denke ich. Und setze ein schiefes Lächeln auf.
Das mache ich immer so, wenn mir etwas gefällt. Ich habe das Lächeln studiert, könnte eine Akademie leiten.
Du liest gerne. Frage ich.
Dein Kopf schüttelt sich selbst.
In den Büchern liegen eingestaubte Lesezeichen. Das sehe ich jetzt. Wenigstens knickst du die Seiten nicht um.
Ich kaufe gern Bücher. Sagst du. Ein stiller Moment hängt zwischen Dielen und Decke. Du erklärst dich.
Im folgenden Jahr wirst du mir erzählen, dass du musstest, weil sich mein Lächeln gerade gerückt hat. Du mochtest es schief lieber.
Im Jetzt, als ich neben deinem Bett stehe, sagst du:
Buchhandlungen beruhigen mich. Nicht die großen, die zu einer Kette gehören. Die Kleinen, wo die Regale bis unter die Decke reichen. Einmal im Monat, durchschnittlich, suche ich nach einer kleinen Buchhandlung und verbringe den Tag dort. Am Ende des Tages kaufe ich ein Buch, manchmal zwei. Auf dem Weg nach Hause beginne ich zu lesen. Wenn die Geschichte mir gefällt, lege ich ein Lesezeichen hinein und das Buch auf den Stapel da drüben. Sobald das Jahr zu Ende ist, am 31. Dezember also, packe ich die Bücher in eine Kiste, schreibe die Jahreszahl darauf und bringe sie auf den Dachboden. Am 2. Januar kaufe ich neue Lesezeichen.
Meine Augen halten eng zusammen, als sie dich nach dem Warum fragen.
Ich ertrage das Ende einer Geschichte nicht. Sagst du.
In deiner Wohnung, das sehe ich am nächsten Morgen, stehen keine Regale. Im Flur hängt ein Schlüsselbord aus dem Baumarkt, an dem nur ein einziger Schlüssel baumelt. Dachboden steht über dem Haken.
Zeigst du ihn mir. Frage ich, als du Kaffee kochst.
Du sagst nicht Ja, nicht nein. Warum bist du geblieben. Fragst du stattdessen.
Darauf weiß ich nichts zu sagen als, weil ich es wollte.
Ich bin nicht daran gewöhnt, dass jemand bei mir bleibt und koche Kaffee stets nur für eine Person. Sagst du.
Dann nimmst du den Schlüssel vom Haken und winkst mir, dir zu folgen. Das Haus, indem du im zweiten Stock, Südseite, wohnst, ist alt. Die Treppenstufen erzählen knarrend Geschichten, als wir auf Zehenspitzen durch den Mietshausgeruch zum Dachboden schleichen und mit unseren Schritten Holzwürmer wecken.
Es ist Sonntag und es ist früh. Wir wollen die Nachbarn nicht stören und haben die Rücksichtnahme erfunden.
Auf der obersten Stufe drehst du dich zu mir um, als wolltest du dich vergewissern, dass meine Schritte Wirklichkeit und nicht das einsame Echo deiner eigenen waren. Du legst den Finger an die Lippen. Ich nicke und mache ein selbstverständliches Gesicht, obwohl ich dich laut küssen möchte.
Zwischen deinen Augenbrauen steht eine Falte, als du die Tür aufschließt, so als müsstest du dich überwinden.
Ich stehe zwischen zwanzig Kisten, 1989 lese ich auf derjenigen direkt zu meinen Füßen.
Das Jahr, in dem die Mauer fiel und mein Leben einstürzte. Sage ich zu den Wänden deines Dachbodens.
Du machst einen Schritt und die Kiste auf.
Welches Buch gleich oben auf lag, erinnere ich nicht mehr. Du nimmst meine Hand, als gäbe es nichts anderes zu tun, fest gehalten hast du mich. Du wüsstest, welches Buch uns an diesem Morgen aus 1989 angestarrt hat. Aber du bist nicht hier.
Stunden verbringen wir auf deinem Dachboden. Im Staub der Vormieter sitzen wir mit einer Gartenlaterne zwischen deinen Kisten. Ich lese dir vor. Solange bis die Wörter meine Stimme brechen und du schlafen kannst.
Wir leben Selbstverständlichkeiten in einem Rhythmus, den nur wir kennen. Die Zeit fließt, weil es das ist, wofür Zeit bestimmt ist.
Wann weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, es war ein Tag im Frühling, weil ich dein Niesen noch hören kann. Du hast Heuschnupfen und auf einer Wiese blüht ein Meer aus Löwenzahn. Wir bauen Regale in einer größeren Wohnung auf, jagen uns Holzsplitter in die linken Hände. Deine Bücher befreien wir aus ihren Kisten und kleben auf Folie gedruckte Jahreszahlen auf die Böden der Regale.
Die Gartenlaterne stellen wir auf den Balkon.
Ich lese dir vor, bis die Wörter in zur Hälfte gefüllten Weingläsern schwimmen und du schlafen kannst.
Der Dachboden bleibt staubig und unbesessen.
Die Küchenwand streichen wir eisblau und streiten über den Pinselstrich bis die Farbe trocknet.
An der Wand neben der Tür hängst du konserviert mit deinem Winterlächeln und erinnerst mich an Liebe.
Ich besuche dich nicht mehr oft.
Deine Bücher sind zurück in die Kisten verpackt. Unsere Freunde tragen sie schwitzend auf den Dachboden und mich fragen, ob ich sicher bin.
Ja. Lüge ich mit roten Wangen.
Die Regale baue ich ab und liege auf dem Küchenboden, während das eisblau schmilzt und du den Winter hinter Glas einfach davon lächelst.
Ich werfe Bücherweise Wörter nach dir und ertränke meine Stimme in Wein, lange bevor sie bricht. Erst mit schreiender Zurückhaltung, bald schon mit leiser Wut.
Dein Lächeln bleibt starr. Das Eisblau tropft und es wird Sommer.
Ich mag den Sommer nicht. Höre ich dich sagen. Er ist mir zu leicht.
Als ich dich finde, reitet die Hitze durch die Stadt.
2009 ist das Jahr, in dem ich einstürze und du das Ende der Geschichte nicht erträgst.
Montag, 21. November 2016
Ohne Titel
Ich stehe im Hausflur und habe wieder diesen Ausdruck im Gesicht. Obwohl im Treppenhaus weder Spiegel angebracht sind, noch die Strukturtapete das Abbild meines Gesichtes zurück wirft, weiß ich genau, ich sehe aus verwirrten Augen auf in grau-blaues, sturmblau ist der wohl korrekte Terminus, PVC gekleidete Treppenstufen, während meine Nase sich irritiert rümpft.
Der Grund für die mich plötzlich anfallende Irritation ist der Geruch, der am Geländer bis zum 4. Stock oder sogar auf den Dachboden hinauf klettert. An einem Montagmorgen sollte es im Treppenhaus nach dem Beginn einer neuen Woche, ausgetretenen Sportschuhen oder Bügelwäsche riechen. Oder ohne viel Aufhebens nach Mietshaus. Kaserne. Alten Menschen.
Stattdessen klettert vergnügt der Duft von Biokaffee, leicht verbrannten Aufbackbrötchen und gekochten Eiern, perfekten 3-Minuten-Eiern, am Treppengeländer hoch und an mir vorbei.
Sofort wähne ich mich in einer Fernsehwerbung, erwarte von mir frisch gepressten Orangensaft aus einer mundgeblasenen Karaffe in ein formschönes Glas laufen zu lassen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich eine reich gedeckte Tafel, ein Sonntagsfrühstück der Extraklasse. Die Dame des Hauses hat selbst daran gedacht, den Schnittkäse mit 3 in Länge und Dicke perfekt zueinander passenden Schnittlauchhalmen zu garnieren. Auf Omas gutem Geschirr, das gerade noch vor den zerstörerischen Kräften des Krieges gerettet worden war, damals war man achtsam, hatte ja schließlich auch nichts, dessen Goldrand im Laufe der Jahrzehnte zusehends verblasste, liegen aus Radischen geschnitzte Rosen.
Während mein geistiges Auge sein persönliches Daumenkino inszeniert, stelle ich fest, Radischen gehören, ob nun zu Rosen geschnitzt oder in ihrer Ursprungsform, weniger auf einen Frühstückstisch als zu einem Brunch.
Für einen Brunch, bei dem für gewöhnlich alles inklusive ist, nur die Getränke nicht, weshalb man sich an einem Glas irgendeines Saftes und einer Tasse Kaffee, höchstwahrscheinlich nicht Bio, festhält und plötzlich ein staubtrockenes Gefühl die Speiseröhre herunter kriecht, ist es jedoch eindeutig zu früh am Morgen.
Es sei denn, genau wissen kann ich das natürlich nicht, aber es könnte schon sein, hinter der Wohnungstür vor der sich das Duftgemisch aus Biokaffee, leicht verbrannten Aufbackbrötchen und gekochten Eiern, gewitzt auf das Treppengeländer schwingt, lebt ein Rebell im Morgenrock, dessen Füße in pastellfarbenen Plüschpantoffeln stecken.
Ich versuche dem unvermeidlich aufsteigenden Bild meiner Nachbarn in Morgenrock und pastellfarbenen Plüschpantoffeln gekleidet zu entgehen, indem ich die Treppen in einem dem Montagmorgen ganz und gar nicht angepassten Tempo herunter rase, das Duftgemisch landet zeternd auf den Briefkästen, folgt mir durch die Tür des Hauses nach draußen und löst sich in der Nebelwand zwischen zwei Straßenlaternen urplötzlich auf, als wäre nichts gewesen.
Zweifelnd werfe ich den Blick über die Schulter, zurück in den Aufgang. Bei aller Mühe jedoch, die sich meine zugekniffenen Augen und die entrümpfte Nase geben wollen, kann ich nichts entdecken, das für einen Montagmorgen untypisch erscheinen mag.
Der Aufgang liegt still und duftlos hinter der Tür.
Fast ein bisschen erleichtert, als sei der verwirrende Augenblick im Inneren des Hauses ein Streich gewesen, den mein noch wochenend-müder Geist mir in einem Anflug von missverstandenem Humor zu spielen gedachte, setze ich den Gang in den Tag, begleitet von einem vollkommen normalen Pulsschlag, fort.
Die mir entgegenkommenden Menschen, wobei sie nicht besonders entgegenkommend wirken, tragen den Winter im Gesicht wie am Leib, obwohl ganz entschieden spät-herbstliche Temperaturen herrschen.
Vor nicht ganz 72 Stunden fanden sich die Gradzahlen in Kellerräumen, hinter der Weihnachtsdekoration und den längst in Vergessenheit geratenen Kisten, die Spielzeug und Kinderbüchern ein leicht schimmlig-muffiges Zuhause bieten, an.
Jetzt aber sind die mit Kunstfell ausgeschlagenen Stiefel schon mehr als nur ein modischer Fehlgriff, vielmehr sind sie unangemessen, sorgen gepaart mit den schweren, langen Wollmänteln in gedeckten Farben für unbehagliche Hitzewallungen.
Der Asphalt dampft unter der unerwarteten Last erhöhter Temperatur.
Schnaubend und wetterfühlig streifen schlecht gelaunte Menschen durch den Morgen. Anstatt die neue Woche, die vierte eines neuen und unverbrauchten Jahres, mit einem Freudensprung zu begrüßen, den gedeckten Wollmantel gegen etwas leichtes, buntes einzutauschen, wie eine pink-gelb karierte Regenjacke.
Insgesamt ginge es, genau wissen kann ich das natürlich nicht, aber es könnte schon sein, in der Welt ein wenig bunter zu, würden in der so genannten dunklen Jahreszeit, die sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine andere, weniger trostlose Umschreibung für sich selbst ausgedacht haben würde, weniger knöchellange, schwere Wollmäntel verkauft und stattdessen mehr Wert auf frohe Farben gelegt.
Dann fiele der Freudensprung in diese oder jede andere neue Woche vermutlich auch nicht so schwermütig aus, sondern ginge leicht von den Füßen.
Überhaupt wird viel zu wenig gesprungen.
Früher sprangen wir in Pfützen oder Bachläufe, wobei ich einsehe, einen Bachlauf mitten in der betonierten Großstadt zu finden ist in etwa gleichbedeutend mit dem Versuch die Welt von Narnia im eigenen Kleiderschrank zu entdecken. Jedoch kein Ding der vollständigen Unmöglichkeit. Wir sprangen von Klettergerüsten und Schaukeln, in ein Abenteuer und das Ungewisse.
Ich stehe an der Ampel und habe wieder diesen Ausdruck im Gesicht. Obwohl weder die von einem Rest Regen und Nebel nass glänzende Straße das Abbild meines Gesichtes nicht zurückwirft, noch an der Ampel Spiegel angebracht sind, weiß ich genau, ich sehe aus verwirrten Augen auf die gegenüberliegende Seite der Straße, wo ein Mops mit ungerührter Selbstverständlichkeit sein Bein hebt und auf die grau-schwarz getünchten Menschen.
Aus dem Augenwinkel nehme ich ein scheinbar ebenfalls anständig verwirrtes Gänseblümchen wahr, das sich in der Jahreszeit geirrt haben muss, entschließe mich dem Impuls, es mir an den Hut zu stecken nicht nachzugeben. Wer weiß, wo der Mops noch vor wenigen Minuten selbstverständlich war.
Aber gleich morgen, am zweiten Tag dieser vierten Woche eines vollständig unverbrauchten Jahres kaufe ich eine pink-gelb karierte Regenjacke, das Symbol wider der Tristesse, springe mit beiden Beinen voran in ein ungewisses Abenteuer und den nächstbesten Bachlauf der Großstadt, auch wenn er sich als nur eine Pfütze tarnt.
Der Grund für die mich plötzlich anfallende Irritation ist der Geruch, der am Geländer bis zum 4. Stock oder sogar auf den Dachboden hinauf klettert. An einem Montagmorgen sollte es im Treppenhaus nach dem Beginn einer neuen Woche, ausgetretenen Sportschuhen oder Bügelwäsche riechen. Oder ohne viel Aufhebens nach Mietshaus. Kaserne. Alten Menschen.
Stattdessen klettert vergnügt der Duft von Biokaffee, leicht verbrannten Aufbackbrötchen und gekochten Eiern, perfekten 3-Minuten-Eiern, am Treppengeländer hoch und an mir vorbei.
Sofort wähne ich mich in einer Fernsehwerbung, erwarte von mir frisch gepressten Orangensaft aus einer mundgeblasenen Karaffe in ein formschönes Glas laufen zu lassen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich eine reich gedeckte Tafel, ein Sonntagsfrühstück der Extraklasse. Die Dame des Hauses hat selbst daran gedacht, den Schnittkäse mit 3 in Länge und Dicke perfekt zueinander passenden Schnittlauchhalmen zu garnieren. Auf Omas gutem Geschirr, das gerade noch vor den zerstörerischen Kräften des Krieges gerettet worden war, damals war man achtsam, hatte ja schließlich auch nichts, dessen Goldrand im Laufe der Jahrzehnte zusehends verblasste, liegen aus Radischen geschnitzte Rosen.
Während mein geistiges Auge sein persönliches Daumenkino inszeniert, stelle ich fest, Radischen gehören, ob nun zu Rosen geschnitzt oder in ihrer Ursprungsform, weniger auf einen Frühstückstisch als zu einem Brunch.
Für einen Brunch, bei dem für gewöhnlich alles inklusive ist, nur die Getränke nicht, weshalb man sich an einem Glas irgendeines Saftes und einer Tasse Kaffee, höchstwahrscheinlich nicht Bio, festhält und plötzlich ein staubtrockenes Gefühl die Speiseröhre herunter kriecht, ist es jedoch eindeutig zu früh am Morgen.
Es sei denn, genau wissen kann ich das natürlich nicht, aber es könnte schon sein, hinter der Wohnungstür vor der sich das Duftgemisch aus Biokaffee, leicht verbrannten Aufbackbrötchen und gekochten Eiern, gewitzt auf das Treppengeländer schwingt, lebt ein Rebell im Morgenrock, dessen Füße in pastellfarbenen Plüschpantoffeln stecken.
Ich versuche dem unvermeidlich aufsteigenden Bild meiner Nachbarn in Morgenrock und pastellfarbenen Plüschpantoffeln gekleidet zu entgehen, indem ich die Treppen in einem dem Montagmorgen ganz und gar nicht angepassten Tempo herunter rase, das Duftgemisch landet zeternd auf den Briefkästen, folgt mir durch die Tür des Hauses nach draußen und löst sich in der Nebelwand zwischen zwei Straßenlaternen urplötzlich auf, als wäre nichts gewesen.
Zweifelnd werfe ich den Blick über die Schulter, zurück in den Aufgang. Bei aller Mühe jedoch, die sich meine zugekniffenen Augen und die entrümpfte Nase geben wollen, kann ich nichts entdecken, das für einen Montagmorgen untypisch erscheinen mag.
Der Aufgang liegt still und duftlos hinter der Tür.
Fast ein bisschen erleichtert, als sei der verwirrende Augenblick im Inneren des Hauses ein Streich gewesen, den mein noch wochenend-müder Geist mir in einem Anflug von missverstandenem Humor zu spielen gedachte, setze ich den Gang in den Tag, begleitet von einem vollkommen normalen Pulsschlag, fort.
Die mir entgegenkommenden Menschen, wobei sie nicht besonders entgegenkommend wirken, tragen den Winter im Gesicht wie am Leib, obwohl ganz entschieden spät-herbstliche Temperaturen herrschen.
Vor nicht ganz 72 Stunden fanden sich die Gradzahlen in Kellerräumen, hinter der Weihnachtsdekoration und den längst in Vergessenheit geratenen Kisten, die Spielzeug und Kinderbüchern ein leicht schimmlig-muffiges Zuhause bieten, an.
Jetzt aber sind die mit Kunstfell ausgeschlagenen Stiefel schon mehr als nur ein modischer Fehlgriff, vielmehr sind sie unangemessen, sorgen gepaart mit den schweren, langen Wollmänteln in gedeckten Farben für unbehagliche Hitzewallungen.
Der Asphalt dampft unter der unerwarteten Last erhöhter Temperatur.
Schnaubend und wetterfühlig streifen schlecht gelaunte Menschen durch den Morgen. Anstatt die neue Woche, die vierte eines neuen und unverbrauchten Jahres, mit einem Freudensprung zu begrüßen, den gedeckten Wollmantel gegen etwas leichtes, buntes einzutauschen, wie eine pink-gelb karierte Regenjacke.
Insgesamt ginge es, genau wissen kann ich das natürlich nicht, aber es könnte schon sein, in der Welt ein wenig bunter zu, würden in der so genannten dunklen Jahreszeit, die sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine andere, weniger trostlose Umschreibung für sich selbst ausgedacht haben würde, weniger knöchellange, schwere Wollmäntel verkauft und stattdessen mehr Wert auf frohe Farben gelegt.
Dann fiele der Freudensprung in diese oder jede andere neue Woche vermutlich auch nicht so schwermütig aus, sondern ginge leicht von den Füßen.
Überhaupt wird viel zu wenig gesprungen.
Früher sprangen wir in Pfützen oder Bachläufe, wobei ich einsehe, einen Bachlauf mitten in der betonierten Großstadt zu finden ist in etwa gleichbedeutend mit dem Versuch die Welt von Narnia im eigenen Kleiderschrank zu entdecken. Jedoch kein Ding der vollständigen Unmöglichkeit. Wir sprangen von Klettergerüsten und Schaukeln, in ein Abenteuer und das Ungewisse.
Ich stehe an der Ampel und habe wieder diesen Ausdruck im Gesicht. Obwohl weder die von einem Rest Regen und Nebel nass glänzende Straße das Abbild meines Gesichtes nicht zurückwirft, noch an der Ampel Spiegel angebracht sind, weiß ich genau, ich sehe aus verwirrten Augen auf die gegenüberliegende Seite der Straße, wo ein Mops mit ungerührter Selbstverständlichkeit sein Bein hebt und auf die grau-schwarz getünchten Menschen.
Aus dem Augenwinkel nehme ich ein scheinbar ebenfalls anständig verwirrtes Gänseblümchen wahr, das sich in der Jahreszeit geirrt haben muss, entschließe mich dem Impuls, es mir an den Hut zu stecken nicht nachzugeben. Wer weiß, wo der Mops noch vor wenigen Minuten selbstverständlich war.
Aber gleich morgen, am zweiten Tag dieser vierten Woche eines vollständig unverbrauchten Jahres kaufe ich eine pink-gelb karierte Regenjacke, das Symbol wider der Tristesse, springe mit beiden Beinen voran in ein ungewisses Abenteuer und den nächstbesten Bachlauf der Großstadt, auch wenn er sich als nur eine Pfütze tarnt.
Liebe, Sex, Internet und AFD
Finden Sie auch, dass die Welt aus den Fugen gerät? Überall ist von Untergang zu lesen. Selbst Zweckoptimisten beschleicht das Gefühl, der blaue Planet tanzt ein bisschen zu ausgelassen am Rande eines Vulkans. Als hielte sich die Erde für stärker als Pompeji.
Besonders im Internet ist die Auflösung jeglicher Ordnung erstens praktisch schon beschlossene Sache und zweitens nicht mehr aufzuhalten.
Trump, die Afd, Ausnahmezustände in Frankreich und lassen Sie uns bitte nicht über Kinderarbeit oder Primark sprechen. Den Mantel des tiefen wie dumpfen Schweigens möchte ich außerdem über Essgewohnheiten hüllen – leben Sie vegan?
Ich verbringe durchschnittlich viel Zeit im Internet, überdurchschnittlich viel davon in sozialen Netzwerken. Neulich aber bin ich auf der Datenautobahn zwischen dem fünften Twitteraccount und der dritten als Eilmeldung verkleideten Schlagzeile – ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Alles eilt dieser Tage – falsch oder eben genau richtig abgebogen.
Wo ich gelandet bin? Im Internet der Dinge. Kennen Sie? Mir war es neu, neues Land, wenn Sie so wollen. Und ich kann Ihnen versichern, ich bin begeistert.
Das Internet der Dinge ist ein friedlicher Ort. Ein happy place – weil niemand, auch ich nicht ohne naice Anglizismen auskommt.
Dort hören Sie nichts vom Populismus der AfD, deren sächsische Fraktion gerade mal wieder von sich reden macht, weil Vibratoren jetzt auch lautlos können. Das ist ein Problem und zwar deswegen, weil lautlose, also insbesondere lautlose, Vibratoren die Lust am Kinder kriegen zerstören. Die Gesellschaft wird aussterben, weil es lautlose Vibratoren gibt.
Davon aber hört man im Internet der Dinge nichts. Stattdessen findet sich dort ein Vibrator, der – und ich bin nicht sicher wie Sachsens oder überhaupt eine AfD das fände – verschiedenes speichert. Häufigkeit wie Dauer der Nutzung, die verwendeten Vibes und sogar ermöglicht eigene Vibes zu erstellen und die mit anderen Nutzern zu teilen.
Per App und Bluetooth verbindet sich das Gerät mit dem WWW, um den ganzen schönen Datenstrauß hochzuladen.
Warum man, frau, mensch das braucht? Fragen Sie mich nicht, aber ist das nicht toll? Hegten Sie nicht auch schon längst den Wunsch, die Nutzung Ihrer Toys mit anderen teilen zu wollen? Vielleicht sogar eine Competition daraus zu machen?
„Schatz, die Müllers von nebenan haben diesen Monat dreimal häufiger vibriert als wir.“
You’re the King and Queen of Vibration. Kudos. Sex up your life. Das ist Ansporn.
Im Internet der Dinge ist aber auch für Romantik Platz. Reichlich sogar.
Nun ist der Valentinstag noch eine kleine Weile hin und – sofern Sie zu den Zynikern gehören – ohnehin eine Erfindung der Süßwaren-, Blumen- und Kartenindustrie, aber die Geschenkideen aus dem Internet der Dinge lassen selbst den schärfsten Kritiker schmelzen.
Stellen Sie sich vor, es gibt Ringe, die den Herzschlag Ihres Partners übertragen. Stimmungsringe waren gestern; vergessen Sie die hippiesken Farbwechsler.
Stecken Sie Ihrem Lieblingsmenschen – ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Lieblingsmenschen hat dieser Tage fast jeder, ein bisschen als wären Sie Haustiere – einen Ring an den Finger, der per App und Bluetooth, wie denn auch sonst, Ihren Herzschlag überträgt.
Flippen Sie aber nicht gleich aus, wenn Sie auf den Ring patschen, denn das müssen Sie, um den Herzschlag des Anderen, nun romantisch ist anderes, anzufordern und nichts passiert. Voraussetzung für diese Verbindung ist, dass auch der Andere seinen Ring an die App gekoppelt und eine, bestenfalls stabile, Datenverbindung hat.
„I just called to say I love you“ hat ausgedient. Heute heißt es “I just tappt to hear your heart beat.” Und alle so “Awwwww”.
Schnucklige Idee und für Frischverliebte, die sich nicht voneinander trennen wollen, nicht mal für fünfeinhalb Sekunden, ein Must-Have.
Meinen Sie nicht auch? Ein Ring, sie zu knechten, alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden – ach, nun kommen Sie schon, seien Sie mal ein bisschen aufgeschlossen.
Denn das Internet der Dinge bietet noch mehr. Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen, spricht des Volkes Mund so weise.
Das oder etwas ähnliches müssen sich die Macher eines Kissens mit dem Namen „Pillow Talk“ gedacht haben.
Diese Kissen nämlich leuchten auf, wenn sich der Andere ins Bett legt. Doch, ehrlich.
Fernbeziehung mit Nachtlicht. Zu den Kissen gehört auch ein Ring – das zieht sich thematisch durch, merken Sie – der natürlich den Herzschlag des Anderen überträgt. Bluetooth auch hier das Zauberwort. Und schwupps schlafen Sie zu den Herztönen Ihres Long Distance Lovers ein. Schön.
Hier, das muss ich zugeben blieb ich etwas verwirrt an meinem neuen Happy Place zurück.
Pillow Talk kenne ich nur als Film mit Doris Day und Rock Hudson, heißt übersetzt „Bettgeflüster“, was mit Herzschlägen nur am Rande und mehr mit Erregung als Schlafen zu tun haben sollte, wenn Sie mich fragen.
Vielleicht fragen Sie mich besser nicht. Ich schlafe zu den Drei Fragezeichen ein und das sehr gut.
Ungeachtet dessen sah ich mich aber weiter um.
Und fand mein persönliches Muss-ich-haben-will-ich-brauch-ich-Gadget: Eine Weinflasche.
Sie fragen zurecht, was eine Weinflasche im Internet der Dinge zu suchen hat. Ich will es Ihnen gerne erklären. Diese wahnsinnige Gerät sorgt dafür, dass Ihr Wein nie, nie, nie wieder oder wenigstens für die Dauer von 30 Tagen nicht schal oder schlecht wird, auch wenn Sie nur ein Gläschen naschen möchten und die Flasche dann tagelang stehen lassen. Ein Lebenshelfer frei nach Harald Juhnkes Philosophie: Die Vorstellung von Glück – keine Termine und leicht einen sitzen.
Damit Sie auch immer wissen, was Sie trinken oder direkt nachbestellen können, ist dieses Weinflaschen-Gehäuse, in das Sie faktisch mit Wein gefüllte Thermoskannen, die luftdicht abschließen, stecken, mit einem LCD-Bildschirm und Wifi ausgestattet.
Ich hab’s Ihnen gesagt: Ein Knaller!
Vergessen Sie Kühlschränke, die in vorauseilendem Gehorsam Sojamilch ordern, Heizungen, die sich mittels App regulieren lassen und Beleuchtung, die aus der Ferne steuerbar ist. Wein in Thermoskannen – das ist der heiße Shit.
Und wenn Sie schon beim Vergessen sind, machen Sie es wie ich:
Trinken Sie ein Glas auf die Welt, ihre Zustände, tanzen Sie ausgelassen am Rande des Vulkans, vor allem aber heben Sie Ihr Glas mit 30 Tage altem Wein auf die Happy Places und den Nonsense, denn ich glaube, so lange Menschen über lautlose oder App-gesteuerte Vibratoren wie Herz schlagende Kissen und Ringe oder Duschköpfe mit integriertem Radio nachdenken, sterben weder wir noch der Humor aus, ganz gleich, was die sächsische oder irgendeine AfD glaubt, wer am roten Knopf sitzt oder ob der nächste Hobby-Nostradamus uns den baldigen Untergang voraussagt.
Finden Sie einen Ort, links ab von der Datenautobahn, der Sie zum Lachen bringt. Das ist schon die halbe Miete, auch so eine weise Redensart. Und gar nicht mal so falsch.
Besonders im Internet ist die Auflösung jeglicher Ordnung erstens praktisch schon beschlossene Sache und zweitens nicht mehr aufzuhalten.
Trump, die Afd, Ausnahmezustände in Frankreich und lassen Sie uns bitte nicht über Kinderarbeit oder Primark sprechen. Den Mantel des tiefen wie dumpfen Schweigens möchte ich außerdem über Essgewohnheiten hüllen – leben Sie vegan?
Ich verbringe durchschnittlich viel Zeit im Internet, überdurchschnittlich viel davon in sozialen Netzwerken. Neulich aber bin ich auf der Datenautobahn zwischen dem fünften Twitteraccount und der dritten als Eilmeldung verkleideten Schlagzeile – ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Alles eilt dieser Tage – falsch oder eben genau richtig abgebogen.
Wo ich gelandet bin? Im Internet der Dinge. Kennen Sie? Mir war es neu, neues Land, wenn Sie so wollen. Und ich kann Ihnen versichern, ich bin begeistert.
Das Internet der Dinge ist ein friedlicher Ort. Ein happy place – weil niemand, auch ich nicht ohne naice Anglizismen auskommt.
Dort hören Sie nichts vom Populismus der AfD, deren sächsische Fraktion gerade mal wieder von sich reden macht, weil Vibratoren jetzt auch lautlos können. Das ist ein Problem und zwar deswegen, weil lautlose, also insbesondere lautlose, Vibratoren die Lust am Kinder kriegen zerstören. Die Gesellschaft wird aussterben, weil es lautlose Vibratoren gibt.
Davon aber hört man im Internet der Dinge nichts. Stattdessen findet sich dort ein Vibrator, der – und ich bin nicht sicher wie Sachsens oder überhaupt eine AfD das fände – verschiedenes speichert. Häufigkeit wie Dauer der Nutzung, die verwendeten Vibes und sogar ermöglicht eigene Vibes zu erstellen und die mit anderen Nutzern zu teilen.
Per App und Bluetooth verbindet sich das Gerät mit dem WWW, um den ganzen schönen Datenstrauß hochzuladen.
Warum man, frau, mensch das braucht? Fragen Sie mich nicht, aber ist das nicht toll? Hegten Sie nicht auch schon längst den Wunsch, die Nutzung Ihrer Toys mit anderen teilen zu wollen? Vielleicht sogar eine Competition daraus zu machen?
„Schatz, die Müllers von nebenan haben diesen Monat dreimal häufiger vibriert als wir.“
You’re the King and Queen of Vibration. Kudos. Sex up your life. Das ist Ansporn.
Im Internet der Dinge ist aber auch für Romantik Platz. Reichlich sogar.
Nun ist der Valentinstag noch eine kleine Weile hin und – sofern Sie zu den Zynikern gehören – ohnehin eine Erfindung der Süßwaren-, Blumen- und Kartenindustrie, aber die Geschenkideen aus dem Internet der Dinge lassen selbst den schärfsten Kritiker schmelzen.
Stellen Sie sich vor, es gibt Ringe, die den Herzschlag Ihres Partners übertragen. Stimmungsringe waren gestern; vergessen Sie die hippiesken Farbwechsler.
Stecken Sie Ihrem Lieblingsmenschen – ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Lieblingsmenschen hat dieser Tage fast jeder, ein bisschen als wären Sie Haustiere – einen Ring an den Finger, der per App und Bluetooth, wie denn auch sonst, Ihren Herzschlag überträgt.
Flippen Sie aber nicht gleich aus, wenn Sie auf den Ring patschen, denn das müssen Sie, um den Herzschlag des Anderen, nun romantisch ist anderes, anzufordern und nichts passiert. Voraussetzung für diese Verbindung ist, dass auch der Andere seinen Ring an die App gekoppelt und eine, bestenfalls stabile, Datenverbindung hat.
„I just called to say I love you“ hat ausgedient. Heute heißt es “I just tappt to hear your heart beat.” Und alle so “Awwwww”.
Schnucklige Idee und für Frischverliebte, die sich nicht voneinander trennen wollen, nicht mal für fünfeinhalb Sekunden, ein Must-Have.
Meinen Sie nicht auch? Ein Ring, sie zu knechten, alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden – ach, nun kommen Sie schon, seien Sie mal ein bisschen aufgeschlossen.
Denn das Internet der Dinge bietet noch mehr. Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen, spricht des Volkes Mund so weise.
Das oder etwas ähnliches müssen sich die Macher eines Kissens mit dem Namen „Pillow Talk“ gedacht haben.
Diese Kissen nämlich leuchten auf, wenn sich der Andere ins Bett legt. Doch, ehrlich.
Fernbeziehung mit Nachtlicht. Zu den Kissen gehört auch ein Ring – das zieht sich thematisch durch, merken Sie – der natürlich den Herzschlag des Anderen überträgt. Bluetooth auch hier das Zauberwort. Und schwupps schlafen Sie zu den Herztönen Ihres Long Distance Lovers ein. Schön.
Hier, das muss ich zugeben blieb ich etwas verwirrt an meinem neuen Happy Place zurück.
Pillow Talk kenne ich nur als Film mit Doris Day und Rock Hudson, heißt übersetzt „Bettgeflüster“, was mit Herzschlägen nur am Rande und mehr mit Erregung als Schlafen zu tun haben sollte, wenn Sie mich fragen.
Vielleicht fragen Sie mich besser nicht. Ich schlafe zu den Drei Fragezeichen ein und das sehr gut.
Ungeachtet dessen sah ich mich aber weiter um.
Und fand mein persönliches Muss-ich-haben-will-ich-brauch-ich-Gadget: Eine Weinflasche.
Sie fragen zurecht, was eine Weinflasche im Internet der Dinge zu suchen hat. Ich will es Ihnen gerne erklären. Diese wahnsinnige Gerät sorgt dafür, dass Ihr Wein nie, nie, nie wieder oder wenigstens für die Dauer von 30 Tagen nicht schal oder schlecht wird, auch wenn Sie nur ein Gläschen naschen möchten und die Flasche dann tagelang stehen lassen. Ein Lebenshelfer frei nach Harald Juhnkes Philosophie: Die Vorstellung von Glück – keine Termine und leicht einen sitzen.
Damit Sie auch immer wissen, was Sie trinken oder direkt nachbestellen können, ist dieses Weinflaschen-Gehäuse, in das Sie faktisch mit Wein gefüllte Thermoskannen, die luftdicht abschließen, stecken, mit einem LCD-Bildschirm und Wifi ausgestattet.
Ich hab’s Ihnen gesagt: Ein Knaller!
Vergessen Sie Kühlschränke, die in vorauseilendem Gehorsam Sojamilch ordern, Heizungen, die sich mittels App regulieren lassen und Beleuchtung, die aus der Ferne steuerbar ist. Wein in Thermoskannen – das ist der heiße Shit.
Und wenn Sie schon beim Vergessen sind, machen Sie es wie ich:
Trinken Sie ein Glas auf die Welt, ihre Zustände, tanzen Sie ausgelassen am Rande des Vulkans, vor allem aber heben Sie Ihr Glas mit 30 Tage altem Wein auf die Happy Places und den Nonsense, denn ich glaube, so lange Menschen über lautlose oder App-gesteuerte Vibratoren wie Herz schlagende Kissen und Ringe oder Duschköpfe mit integriertem Radio nachdenken, sterben weder wir noch der Humor aus, ganz gleich, was die sächsische oder irgendeine AfD glaubt, wer am roten Knopf sitzt oder ob der nächste Hobby-Nostradamus uns den baldigen Untergang voraussagt.
Finden Sie einen Ort, links ab von der Datenautobahn, der Sie zum Lachen bringt. Das ist schon die halbe Miete, auch so eine weise Redensart. Und gar nicht mal so falsch.
Donnerstag, 27. Oktober 2016
Gustavs Katze
Wenn Gustav auf einem Stuhl sitzt, baumelt er mit den Beinen. Erst schwingt er mit dem rechten, dann mit dem linken Bein. Immer im Wechsel und nie andersherum.
Gustav ist Linkshänder, was daran liegt, dass seiner rechten Hand der Daumen fehlt. Der ist im Herbst 1953 versehentlich in den Häcksler seines Onkels Ewald geraten. Gustav blutet und schreit, aber den Daumen ist er los. Endgültig.
"Sei vorsichtig." hat seine Tante gemahnt. "Geh da nicht so dicht heran, Junge." hat sie gerufen. Und später gesagt: "Das hast du jetzt davon."
Als Gustav seinen Daumen verliert, ist er vier Jahre alt und ungefähr 105 Zentimeter groß.
Gustav sitzt auf einem Stuhl, der ein bisschen knarrt und baumelt mit den Beinen.
Es kann vorkommen, dass sein linkes Bein etwas zu vorwitzig schwingt und er die gerade vorbei schleichende Katze erwischt.
Die Katze ist dick, weswegen sie eine ungünstig kurze Flugbahn beschreibt.
Sie landet auch nicht auf ihren Pfoten, obwohl es von Katzen heißt, das würden sie stets. Auf ihren Pfoten landen.
Gustav hält sich weder für einen Tierquäler noch für einen netten Menschen.
Er ist schlicht Gustav, dem der Daumen der rechten Hand fehlt und den seine Klassenkameraden dereinst "Stummel" riefen.
Wirklich bedauert hat Gustav den Verlust seines Daumens nie. Wie es sich anfühlt mit zehn Fingern durchs Leben zu gehen, daran erinnert sich Gustav nicht mehr.
Die dicke Katze sträubt beleidigt ihr Fell.
Manchmal, wenn sie in der Hofeinfahrt liegt und die Sonne in einem bestimmten Winkel steht, glänzt das Fell der Katze als sei es aus Seide gemacht.
Gustav streichelt die Katze nie. Er will nicht so weit gehen, zu sagen, dass er Katzen im Allgemeinen nicht mag. Oder ein Hundemensch ist.
Er ist ein Mensch, der diese eine Katze nicht mag. Deshalb nimmt er den Schwung seiner baumelnden Beine nicht zurück und der Katze übel, dass sie weder weit genug fliegt, noch besonders elegant landet.
Die Katze erfüllt seine Erwartungen nicht.
Er wird sie nicht los. Seine Erwartungen genauso wenig wie das dicke Tier.
Wann die Katze einzog, weiß Gustav nicht mehr. Plötzlich war sie da. An einem Tag, als die Sonne nicht in einem bestimmten Winkel stand oder schien, lag sie in der Hofeinfahrt.
Unelegant und dick. Das nimmt Gustav übel. Von Beginn an. Er stellt ihr eine Schale mit Wasser auf die unterste Stufe der Treppe, die zum Haus führt.
Die Katze soll nicht denken, sie könnte es gut bei ihm haben. Deshalb bekommt sie keine Milch.
Die Katze schert das nicht; eine Schale mit Wasser reicht ihr aus. Sie setzt ihre Pfoten auf der untersten Treppenstufe auf und blickt über den Rand der Schale zu Gustav hinauf.
Gustav sitzt auf einem Stuhl, schwingt mit den Beinen und sieht auf die Katze hinunter.
Die vier Finger seiner rechten Hand trommeln auf der Stuhllehne. Ein arhythmisches Geräusch. Die Katze wuchtet ihren dicken Bauch unbeirrt Stufe um Stufe die Treppe hinauf.
Gustav stößt den Stuhl zurück, richtet sich zu seiner vollen Größe auf.
183 cm werfen einen Schatten über die Veranda, die Treppe hinunter, in den Hof.
Die Katze verharrt auf der dritten Treppenstufe. Gustavs Arme beginnen zu rudern, um das Tier zu verscheuchen. Es bleibt bei dem Versuch.
Der Tag, an dem Gustav rudernd auf der Veranda steht, ist der Tag, an dem die Katze einzieht.
Die Katze hat sich seit dem nicht verändert. Ihr Fell glänzt in der Sonne, als sei es aus Seide gemacht. Sie hat weder an Gewicht gewonnen, noch ist sie schmaler geworden.
Wenn Gustavs schwingende Beine sie in die Luft befördern, beschreibt ihr Körper eine zu kurze Flugbahn und die Landung ist stets unelegant.
Gustav rechnet der Katze das an. Veränderungen kommen Gustav ungelegen.
Als ein Brand zwischen 1973 und heute einen Teil des Hauses zerstört, verändert sich alles.
Der Wandel tritt nicht plötzlich ein. Das Feuer wird gelöscht, das Haus Instand gesetzt. Der Brandgeruch verfliegt, die Teppiche werden erneuert. Nur fünf kurze Wochen nach dem wütenden Feuer fühlt Gustav sich unversehrt und gewöhnlich.
Der Staub legt sich mit der Aufregung. Die Tage vergehen zwischen Feldarbeit und Alltäglichem.
Gustav sitzt auf einem Stuhl und schwingt mit den Beinen.
Onkel Ewald hustet im hinteren Teil des Hauses in einen Suppentopf. Die Tante mahnt: "Sitz grade."
Gustav verkennt den Sinn der Mahnung, stört sich an dem Röcheln seines Onkels.
Onkel Ewald hustet nicht nur tagsüber in den Suppentopf. Auch des Nächtens spuckt seine Lunge rasselnd in die über dem Hof ausgebreitete Stille. Diese Stille, wie sie nur auf dem Land hörbar ist. Weit entfernt von lärmenden Großstädtern, die für nichts weiter Augen haben als ihr Spiegelbild im nächsten Schaufenster einer aufpolierten Einkaufsstraße.
Gustav liegt in seinem Bett, das rechte Bein steht auf den Holzdielen seiner Stube, und sieht nichts in der Dunkelheit. Er lauscht auf das unregelmäßige Keuchen, das über den Flur kriecht.
Mit jedem Husten bohrt sich die Ferse seines rechten Fusses tiefer in die weichen Bodendielen.
Unter dem Bett liegt reglos die Katze. Gustav lässt sie gewähren. Warum hinterfragt er ebenso wenig, wie er eine Antwort darauf zu geben weiß.
Gustav beherrscht sich. Krallt die Finger in die Zudecke und schließt die Augen.
Er befiehlt sich ruhig zu atmen. Fast als würde die Tante ihn mahnen.
Das Keuchen und Husten klingt in seinen Ohren wieder. Es heftet sich an seine Fersen, folgt ihm in seine Träume, breitet sich in seinem Inneren aus, bis er mit den Geräuschen aufgefüllt ist. Als sei er ein Gefäß, ein Schwamm, dem keine andere Wahl bleibt, als das Keuchen und Husten des Onkels aufzunehmen.
Gustav müht sich vergebens, Onkel Ewald keine Beachtung zu schenken. "Wechsel deinem Onkel den Halswickel." trägt die Tante ihm auf.
Gustav gehorcht und sehnt sich danach, das Tuch fester um Onkel Ewalds Hals zu drehen. So lange bis alle Luft aus dem Körper weicht und nichts übrig bleibt als eine geräuschlose Hülle.
In einer Nacht, die nicht überraschend kalt scheint, steht die Tante an Gustavs Bett.
"Lass mich unter deine Decke." raunt sie.
Das Keuchen und Husten übertönt ihre Stimme fast. Gustav verschließt die Augen vor schlaffen Brüsten, dreht seinen Körper der Wand zu.
Stunden türmen sich zu Tagen auf. Der Herbst schüttelt Äpfel von den Bäumen.
Gustav befiehlt sich ruhig zu atmen, spürt die Haut der Tante auf seiner und stemmt die Ferse seines rechten Fußes in die Wand.
Onkel Ewalds Haut färbt sich noch vor dem Einbruch des Winters grau. Die Finger der Tante kriechen Gustavs Nacken herauf, legen sich um seinen Kopf, streicheln sein Haar.
"Halt still." weist ihn die Tante an.
Gustav gehorcht und sehnt sich danach, das Kissen, auf dem der Kopf der Tante ruht auf ihr Gesicht zu drücken, bis ihre langen Finger erschlaffen und er nichts mehr spürt.
Das Gefühl der fremden Finger auf seiner Haut, in seinem Haar, über seinen Körper wandernd heftet sich an seine Fersen, folgt ihm in seine Träume, breitet sich in seinem Inneren aus, legt sich neben das Keuchen und Husten.
Gustav befiehlt sich ruhig zu atmen. Hinter Heuballen in der herunter gekommenen Scheune sitzt er, um der Tante und Onkel Ewald zu entfliehen. Die Katze hält Abstand, streckt sich zwischen den Heuballen aus und sieht Gustav nicht an.
Als Schneeflocken auf dem Feld schmelzen, fällt Gustavs Blick auf die alte Schaufel. Rostig steht sie in einer Ecke der Scheune. Winkt ihn zu sich heran.
Gustav umkreist vorsichtigen Schrittes das Werkzeug. Wiegt die Schaufel prüfend in den Händen.
Sie erscheint ihm leicht.
Auf dem Feld gräbt Gustav tiefe Furchen in den Boden, der sich vom letzten Frost befreit.
Die Tage werden länger; weniger selten scheint die Sonne in einem bestimmten Winkel auf den Hof.
Gustav atmet ruhig. Onkel Ewald hustet in die Glut des Kaminfeuers. Die Tante rückt dichter an Gustav heran. Zu seinen Füßen sitzt beklommen das Versprechen der Freiheit.
Onkel Ewalds Kopf sinkt auf die Brust. Im Haus ist es eigentümlich still.
Langsam dreht Gustav das Tuch um den Hals seines Onkels fester. Durch die Dunkelheit brechende Knochen lassen die Tante aufschrecken.
Einen Moment zu lang sitzt die Tante regungslos zu dicht neben Gustav.
Das Kissen, veredelt mit feiner Stickerei, senkt sich auf ihr Gesicht.
Die Glieder der Tante zucken, lange Finger verfangen sich in Gustavs Haar. Bis sie erschlaffen und das Kissen zu Boden fällt.
Die Stille, wie sie nur auf dem Land hörbar ist breitet sich über dem Hof aus.
Gustav wickelt die leblose Tante und Onkel Ewald in frische Leinentücher.
"Nimm nicht das gute Tuch." hört er die Stimme der Tante und lächelt.
Die rostige Schaufel schüttet die Furchen fast selbstverständlich mit Erde auf. Gustavs Bewegungen fließen ineinander. Die Anstrengung bemerkt er nicht.
Als er nach getaner Arbeit auf dem Stuhl auf der Veranda mit den Beinen baumelt, fällt sein Blick auf die Katze. Gustav lächelt.
Die Katze ist stille Gesellschaft, die ihn nicht berührt. Deshalb jagt er sie nicht davon.
Gustav ist Linkshänder, was daran liegt, dass seiner rechten Hand der Daumen fehlt. Der ist im Herbst 1953 versehentlich in den Häcksler seines Onkels Ewald geraten. Gustav blutet und schreit, aber den Daumen ist er los. Endgültig.
"Sei vorsichtig." hat seine Tante gemahnt. "Geh da nicht so dicht heran, Junge." hat sie gerufen. Und später gesagt: "Das hast du jetzt davon."
Als Gustav seinen Daumen verliert, ist er vier Jahre alt und ungefähr 105 Zentimeter groß.
Gustav sitzt auf einem Stuhl, der ein bisschen knarrt und baumelt mit den Beinen.
Es kann vorkommen, dass sein linkes Bein etwas zu vorwitzig schwingt und er die gerade vorbei schleichende Katze erwischt.
Die Katze ist dick, weswegen sie eine ungünstig kurze Flugbahn beschreibt.
Sie landet auch nicht auf ihren Pfoten, obwohl es von Katzen heißt, das würden sie stets. Auf ihren Pfoten landen.
Gustav hält sich weder für einen Tierquäler noch für einen netten Menschen.
Er ist schlicht Gustav, dem der Daumen der rechten Hand fehlt und den seine Klassenkameraden dereinst "Stummel" riefen.
Wirklich bedauert hat Gustav den Verlust seines Daumens nie. Wie es sich anfühlt mit zehn Fingern durchs Leben zu gehen, daran erinnert sich Gustav nicht mehr.
Die dicke Katze sträubt beleidigt ihr Fell.
Manchmal, wenn sie in der Hofeinfahrt liegt und die Sonne in einem bestimmten Winkel steht, glänzt das Fell der Katze als sei es aus Seide gemacht.
Gustav streichelt die Katze nie. Er will nicht so weit gehen, zu sagen, dass er Katzen im Allgemeinen nicht mag. Oder ein Hundemensch ist.
Er ist ein Mensch, der diese eine Katze nicht mag. Deshalb nimmt er den Schwung seiner baumelnden Beine nicht zurück und der Katze übel, dass sie weder weit genug fliegt, noch besonders elegant landet.
Die Katze erfüllt seine Erwartungen nicht.
Er wird sie nicht los. Seine Erwartungen genauso wenig wie das dicke Tier.
Wann die Katze einzog, weiß Gustav nicht mehr. Plötzlich war sie da. An einem Tag, als die Sonne nicht in einem bestimmten Winkel stand oder schien, lag sie in der Hofeinfahrt.
Unelegant und dick. Das nimmt Gustav übel. Von Beginn an. Er stellt ihr eine Schale mit Wasser auf die unterste Stufe der Treppe, die zum Haus führt.
Die Katze soll nicht denken, sie könnte es gut bei ihm haben. Deshalb bekommt sie keine Milch.
Die Katze schert das nicht; eine Schale mit Wasser reicht ihr aus. Sie setzt ihre Pfoten auf der untersten Treppenstufe auf und blickt über den Rand der Schale zu Gustav hinauf.
Gustav sitzt auf einem Stuhl, schwingt mit den Beinen und sieht auf die Katze hinunter.
Die vier Finger seiner rechten Hand trommeln auf der Stuhllehne. Ein arhythmisches Geräusch. Die Katze wuchtet ihren dicken Bauch unbeirrt Stufe um Stufe die Treppe hinauf.
Gustav stößt den Stuhl zurück, richtet sich zu seiner vollen Größe auf.
183 cm werfen einen Schatten über die Veranda, die Treppe hinunter, in den Hof.
Die Katze verharrt auf der dritten Treppenstufe. Gustavs Arme beginnen zu rudern, um das Tier zu verscheuchen. Es bleibt bei dem Versuch.
Der Tag, an dem Gustav rudernd auf der Veranda steht, ist der Tag, an dem die Katze einzieht.
Die Katze hat sich seit dem nicht verändert. Ihr Fell glänzt in der Sonne, als sei es aus Seide gemacht. Sie hat weder an Gewicht gewonnen, noch ist sie schmaler geworden.
Wenn Gustavs schwingende Beine sie in die Luft befördern, beschreibt ihr Körper eine zu kurze Flugbahn und die Landung ist stets unelegant.
Gustav rechnet der Katze das an. Veränderungen kommen Gustav ungelegen.
Als ein Brand zwischen 1973 und heute einen Teil des Hauses zerstört, verändert sich alles.
Der Wandel tritt nicht plötzlich ein. Das Feuer wird gelöscht, das Haus Instand gesetzt. Der Brandgeruch verfliegt, die Teppiche werden erneuert. Nur fünf kurze Wochen nach dem wütenden Feuer fühlt Gustav sich unversehrt und gewöhnlich.
Der Staub legt sich mit der Aufregung. Die Tage vergehen zwischen Feldarbeit und Alltäglichem.
Gustav sitzt auf einem Stuhl und schwingt mit den Beinen.
Onkel Ewald hustet im hinteren Teil des Hauses in einen Suppentopf. Die Tante mahnt: "Sitz grade."
Gustav verkennt den Sinn der Mahnung, stört sich an dem Röcheln seines Onkels.
Onkel Ewald hustet nicht nur tagsüber in den Suppentopf. Auch des Nächtens spuckt seine Lunge rasselnd in die über dem Hof ausgebreitete Stille. Diese Stille, wie sie nur auf dem Land hörbar ist. Weit entfernt von lärmenden Großstädtern, die für nichts weiter Augen haben als ihr Spiegelbild im nächsten Schaufenster einer aufpolierten Einkaufsstraße.
Gustav liegt in seinem Bett, das rechte Bein steht auf den Holzdielen seiner Stube, und sieht nichts in der Dunkelheit. Er lauscht auf das unregelmäßige Keuchen, das über den Flur kriecht.
Mit jedem Husten bohrt sich die Ferse seines rechten Fusses tiefer in die weichen Bodendielen.
Unter dem Bett liegt reglos die Katze. Gustav lässt sie gewähren. Warum hinterfragt er ebenso wenig, wie er eine Antwort darauf zu geben weiß.
Gustav beherrscht sich. Krallt die Finger in die Zudecke und schließt die Augen.
Er befiehlt sich ruhig zu atmen. Fast als würde die Tante ihn mahnen.
Das Keuchen und Husten klingt in seinen Ohren wieder. Es heftet sich an seine Fersen, folgt ihm in seine Träume, breitet sich in seinem Inneren aus, bis er mit den Geräuschen aufgefüllt ist. Als sei er ein Gefäß, ein Schwamm, dem keine andere Wahl bleibt, als das Keuchen und Husten des Onkels aufzunehmen.
Gustav müht sich vergebens, Onkel Ewald keine Beachtung zu schenken. "Wechsel deinem Onkel den Halswickel." trägt die Tante ihm auf.
Gustav gehorcht und sehnt sich danach, das Tuch fester um Onkel Ewalds Hals zu drehen. So lange bis alle Luft aus dem Körper weicht und nichts übrig bleibt als eine geräuschlose Hülle.
In einer Nacht, die nicht überraschend kalt scheint, steht die Tante an Gustavs Bett.
"Lass mich unter deine Decke." raunt sie.
Das Keuchen und Husten übertönt ihre Stimme fast. Gustav verschließt die Augen vor schlaffen Brüsten, dreht seinen Körper der Wand zu.
Stunden türmen sich zu Tagen auf. Der Herbst schüttelt Äpfel von den Bäumen.
Gustav befiehlt sich ruhig zu atmen, spürt die Haut der Tante auf seiner und stemmt die Ferse seines rechten Fußes in die Wand.
Onkel Ewalds Haut färbt sich noch vor dem Einbruch des Winters grau. Die Finger der Tante kriechen Gustavs Nacken herauf, legen sich um seinen Kopf, streicheln sein Haar.
"Halt still." weist ihn die Tante an.
Gustav gehorcht und sehnt sich danach, das Kissen, auf dem der Kopf der Tante ruht auf ihr Gesicht zu drücken, bis ihre langen Finger erschlaffen und er nichts mehr spürt.
Das Gefühl der fremden Finger auf seiner Haut, in seinem Haar, über seinen Körper wandernd heftet sich an seine Fersen, folgt ihm in seine Träume, breitet sich in seinem Inneren aus, legt sich neben das Keuchen und Husten.
Gustav befiehlt sich ruhig zu atmen. Hinter Heuballen in der herunter gekommenen Scheune sitzt er, um der Tante und Onkel Ewald zu entfliehen. Die Katze hält Abstand, streckt sich zwischen den Heuballen aus und sieht Gustav nicht an.
Als Schneeflocken auf dem Feld schmelzen, fällt Gustavs Blick auf die alte Schaufel. Rostig steht sie in einer Ecke der Scheune. Winkt ihn zu sich heran.
Gustav umkreist vorsichtigen Schrittes das Werkzeug. Wiegt die Schaufel prüfend in den Händen.
Sie erscheint ihm leicht.
Auf dem Feld gräbt Gustav tiefe Furchen in den Boden, der sich vom letzten Frost befreit.
Die Tage werden länger; weniger selten scheint die Sonne in einem bestimmten Winkel auf den Hof.
Gustav atmet ruhig. Onkel Ewald hustet in die Glut des Kaminfeuers. Die Tante rückt dichter an Gustav heran. Zu seinen Füßen sitzt beklommen das Versprechen der Freiheit.
Onkel Ewalds Kopf sinkt auf die Brust. Im Haus ist es eigentümlich still.
Langsam dreht Gustav das Tuch um den Hals seines Onkels fester. Durch die Dunkelheit brechende Knochen lassen die Tante aufschrecken.
Einen Moment zu lang sitzt die Tante regungslos zu dicht neben Gustav.
Das Kissen, veredelt mit feiner Stickerei, senkt sich auf ihr Gesicht.
Die Glieder der Tante zucken, lange Finger verfangen sich in Gustavs Haar. Bis sie erschlaffen und das Kissen zu Boden fällt.
Die Stille, wie sie nur auf dem Land hörbar ist breitet sich über dem Hof aus.
Gustav wickelt die leblose Tante und Onkel Ewald in frische Leinentücher.
"Nimm nicht das gute Tuch." hört er die Stimme der Tante und lächelt.
Die rostige Schaufel schüttet die Furchen fast selbstverständlich mit Erde auf. Gustavs Bewegungen fließen ineinander. Die Anstrengung bemerkt er nicht.
Als er nach getaner Arbeit auf dem Stuhl auf der Veranda mit den Beinen baumelt, fällt sein Blick auf die Katze. Gustav lächelt.
Die Katze ist stille Gesellschaft, die ihn nicht berührt. Deshalb jagt er sie nicht davon.
Mittwoch, 19. Oktober 2016
Die Tischgesellschaft
"Ich wüsste gern..." beginnt Mara einen Satz. Bertram aber hebt ohne Umschweife den Zeigefinger der rechten Hand in einer Mischung aus Drohgebärde und Warnung.
Zur Gelegenheit einer abendlichen Einladung, wo sich ihre engsten Bekannten, denn für die Verbindlichkeit von Freundschaften fehlt ihnen die Zeit, in Anzügen und Cocktailkleidern um einen antik wirkenden, großflächigen Esstisch versammeln, sich der angenehmen Plauderei verschreiben, ist nicht die Zeit, etwas wissen zu wollen.
Gewohnt den Gesten ihres Mannes Folge zu leisten, verschließt Mara gehorsam die überschminkten Lippen, bemüht das Glas mit längst schal gewordenem Champagner just dort anzusetzen, wo die Farbe ihres Lippenstiftes einen vorwitzigen Abdruck hinterlassen hat. Zur Seite blickend muss Mara feststellen, dass ihr Glas das einzige ist, welches sich weder hatte leeren lassen wollen und gleichsam von verschmierter Farbe gezeichnet ist.
"Komm, Liebes, ich nehme dir das ab." sagt Corinna eine Spur zu sanft, während sie dem eigens für diesen einen Abend angestellten Personal ein Wink gibt.
Eilig löst sich eine weiß-behemdete Gestalt aus dem Schatten, tauscht Maras Glas gegen ein vollständig jungfräuliches aus, in dem der Champagner Perlenfäden zieht. Mara erlaubt sich einen leisen Seufzer, während Corinna zufrieden ihre Glaceehandschuhe zurecht zupft. Unter dem glanzvollen Satin verbergen sich Narben, die Corinna sich sorgfältig selbst beibringt.
"Trink, Liebes, bevor der Champagner wieder schal wird." sagt Corinna, während ihre behandschuten Finger sich zu fest in Maras Schulter graben; lacht ein glockenhelles Lachen als sie sich abwendet.
Über die abgenagten Knochen für den Verzehr gezüchteter Wachteln, breitet sich eine seichte Unterhaltung.
Mara sieht den Perlen in ihrem Glas dabei zu, wie sie rhythmisch an die gold-kupfer schimmernde Oberfläche gleiten, bemüht nicht auf Bertrams Vortrag zur kommenden Kaltfront, die untypisch für diese Zeit des Jahres sei, zu achten und zugleich den stechenden Blick vom Kopfende des Tisches abzuwehren.
Oliver reckt den Hals.
"Was wüsstest du gern, Mara?" unterbricht seine Stimme Bertrams Vortrag über das Wetter.
Die Knochen der Wachteln ragen in die plötzliche Stille.
Olivers schmächtige Gestalt verschwimmt hinter einer Kerzenflamme, die über flüssiges Wachs tanzt. Bertrams Hände legen sich um die Kante des Tisches. Als wollten sie der ruhig ausgeführten Geste widersprechen, treten die Knöchel weiß hervor.
Bertram schätzt es nicht, wird er unterbrochen.
Sie kennen einander seit Jahren und verabscheuten sich auf Anhieb. Zwei Jungen, aus denen Männer wurden, die sich einen ausgewachsenen Faustkampf hätten liefern sollen. In aufgeschürften Knien und blutigen Lippen, geprellten Rippen und einer Platzwunde über dem linken Auge, wäre er geendet und mit ihm die Abscheu.
Jedoch waren sie keine Straßenkämpfer, sondern vermeintliche Schöngeister, die sich über abgenagten Knochen gezüchteter Wachteln, zwischen Kerzen und Champagner nicht einmal hassten, sondern schlicht bis in die letzte Zelle verachteten.
Sie hatten versucht voreinander zu fliehen, denn sich nur aus dem Wege zu gehen schien ihnen nicht angemessen. Bertram hatte über die zurückliegenden Jahre hinweg nicht selten mit dem Gedanken geliebäugelt, Olivers schmächtige Gestalt, die ein unproportionaler Kopf beinahe ins Lächerliche zog, zwischen jenen Händen zu zermalen, die sich jetzt in der Tischkante nahezu fest beißen.
Das Weiß der Knöchel spiegelt das Kerzenlicht. Maras Schultern wollen in sich zusammenfallen wie gerade aufgekehrtes Laub.
Das feine Satin reibt an den Narben, schickt sich an zu knistern. Mit der Übung jahrelanger Unauffälligkeit schiebt Corinna ihren Stuhl auf einem Parkett zurück, das die Bewegung auffallend geräuschlos geschehen lässt.
Fast eilig lenkt Corinna ihre Schritte um den Tisch, streift Bertrams Schulter mit einer beruhigenden Geste.
"Es lohnt nicht." murmelt sie im Vorübergehen. Bertrams Hände geben einen Moment nach, scheinen alle Anspannung fahren zu lassen. Olivers Hals reckt sich noch immer verschwommen in dem Schein der Kerze.
Corinna schenkt selbst Champagner nach. Ihre Augen ruhen unter halb geschlossenen Lidern auf einem Messer. Danach zu greifen wäre einfach. Den Handschuh müsste sie nur einige unbedeutende Zentimeter zurückschieben. Nur ein Schnitt. Einige Tropfen Blut, die sich leise auf dem Weiß des Tischtuchs niederlassen könnten.
Statt ihres Blutes läuft Champagner über den Tisch.
Maras Schultern straffen sich.
"Ich wüsste gern", setzt sie erneut an, "warum wir unsere Zeit miteinander verschwenden."
In die andauernde Stille ragen die Knochen der Wachteln.
Ein Glas geht zu Bruch.
Mara gleitet von ihrem Stuhl. Den Blick auf die Scherben gerichtet.
"Glück." sagt sie. "Scherben bringen Glück."
Mit größter Sorgfalt legt sie eines der Glasstücke auf Corinnas Teller.
"Ihr solltet euch endlich prügeln." Ihre Finger wandern über Olivers gespannte Sehnen.
Niemand sieht ihr nach, als sie den Raum verlässt.
"Ich bin es leid, Bertram." wirft sie über die Schulter zurück in die Stille einer Tischgesellschaft.
Zur Gelegenheit einer abendlichen Einladung, wo sich ihre engsten Bekannten, denn für die Verbindlichkeit von Freundschaften fehlt ihnen die Zeit, in Anzügen und Cocktailkleidern um einen antik wirkenden, großflächigen Esstisch versammeln, sich der angenehmen Plauderei verschreiben, ist nicht die Zeit, etwas wissen zu wollen.
Gewohnt den Gesten ihres Mannes Folge zu leisten, verschließt Mara gehorsam die überschminkten Lippen, bemüht das Glas mit längst schal gewordenem Champagner just dort anzusetzen, wo die Farbe ihres Lippenstiftes einen vorwitzigen Abdruck hinterlassen hat. Zur Seite blickend muss Mara feststellen, dass ihr Glas das einzige ist, welches sich weder hatte leeren lassen wollen und gleichsam von verschmierter Farbe gezeichnet ist.
"Komm, Liebes, ich nehme dir das ab." sagt Corinna eine Spur zu sanft, während sie dem eigens für diesen einen Abend angestellten Personal ein Wink gibt.
Eilig löst sich eine weiß-behemdete Gestalt aus dem Schatten, tauscht Maras Glas gegen ein vollständig jungfräuliches aus, in dem der Champagner Perlenfäden zieht. Mara erlaubt sich einen leisen Seufzer, während Corinna zufrieden ihre Glaceehandschuhe zurecht zupft. Unter dem glanzvollen Satin verbergen sich Narben, die Corinna sich sorgfältig selbst beibringt.
"Trink, Liebes, bevor der Champagner wieder schal wird." sagt Corinna, während ihre behandschuten Finger sich zu fest in Maras Schulter graben; lacht ein glockenhelles Lachen als sie sich abwendet.
Über die abgenagten Knochen für den Verzehr gezüchteter Wachteln, breitet sich eine seichte Unterhaltung.
Mara sieht den Perlen in ihrem Glas dabei zu, wie sie rhythmisch an die gold-kupfer schimmernde Oberfläche gleiten, bemüht nicht auf Bertrams Vortrag zur kommenden Kaltfront, die untypisch für diese Zeit des Jahres sei, zu achten und zugleich den stechenden Blick vom Kopfende des Tisches abzuwehren.
Oliver reckt den Hals.
"Was wüsstest du gern, Mara?" unterbricht seine Stimme Bertrams Vortrag über das Wetter.
Die Knochen der Wachteln ragen in die plötzliche Stille.
Olivers schmächtige Gestalt verschwimmt hinter einer Kerzenflamme, die über flüssiges Wachs tanzt. Bertrams Hände legen sich um die Kante des Tisches. Als wollten sie der ruhig ausgeführten Geste widersprechen, treten die Knöchel weiß hervor.
Bertram schätzt es nicht, wird er unterbrochen.
Sie kennen einander seit Jahren und verabscheuten sich auf Anhieb. Zwei Jungen, aus denen Männer wurden, die sich einen ausgewachsenen Faustkampf hätten liefern sollen. In aufgeschürften Knien und blutigen Lippen, geprellten Rippen und einer Platzwunde über dem linken Auge, wäre er geendet und mit ihm die Abscheu.
Jedoch waren sie keine Straßenkämpfer, sondern vermeintliche Schöngeister, die sich über abgenagten Knochen gezüchteter Wachteln, zwischen Kerzen und Champagner nicht einmal hassten, sondern schlicht bis in die letzte Zelle verachteten.
Sie hatten versucht voreinander zu fliehen, denn sich nur aus dem Wege zu gehen schien ihnen nicht angemessen. Bertram hatte über die zurückliegenden Jahre hinweg nicht selten mit dem Gedanken geliebäugelt, Olivers schmächtige Gestalt, die ein unproportionaler Kopf beinahe ins Lächerliche zog, zwischen jenen Händen zu zermalen, die sich jetzt in der Tischkante nahezu fest beißen.
Das Weiß der Knöchel spiegelt das Kerzenlicht. Maras Schultern wollen in sich zusammenfallen wie gerade aufgekehrtes Laub.
Das feine Satin reibt an den Narben, schickt sich an zu knistern. Mit der Übung jahrelanger Unauffälligkeit schiebt Corinna ihren Stuhl auf einem Parkett zurück, das die Bewegung auffallend geräuschlos geschehen lässt.
Fast eilig lenkt Corinna ihre Schritte um den Tisch, streift Bertrams Schulter mit einer beruhigenden Geste.
"Es lohnt nicht." murmelt sie im Vorübergehen. Bertrams Hände geben einen Moment nach, scheinen alle Anspannung fahren zu lassen. Olivers Hals reckt sich noch immer verschwommen in dem Schein der Kerze.
Corinna schenkt selbst Champagner nach. Ihre Augen ruhen unter halb geschlossenen Lidern auf einem Messer. Danach zu greifen wäre einfach. Den Handschuh müsste sie nur einige unbedeutende Zentimeter zurückschieben. Nur ein Schnitt. Einige Tropfen Blut, die sich leise auf dem Weiß des Tischtuchs niederlassen könnten.
Statt ihres Blutes läuft Champagner über den Tisch.
Maras Schultern straffen sich.
"Ich wüsste gern", setzt sie erneut an, "warum wir unsere Zeit miteinander verschwenden."
In die andauernde Stille ragen die Knochen der Wachteln.
Ein Glas geht zu Bruch.
Mara gleitet von ihrem Stuhl. Den Blick auf die Scherben gerichtet.
"Glück." sagt sie. "Scherben bringen Glück."
Mit größter Sorgfalt legt sie eines der Glasstücke auf Corinnas Teller.
"Ihr solltet euch endlich prügeln." Ihre Finger wandern über Olivers gespannte Sehnen.
Niemand sieht ihr nach, als sie den Raum verlässt.
"Ich bin es leid, Bertram." wirft sie über die Schulter zurück in die Stille einer Tischgesellschaft.
Dienstag, 20. September 2016
Edgar und Elena
Wir sitzen. Viel unspektakulärer als sonst. Nicht am Meer, wo sich der Spülsaum über den Sand ausdehnt, unsere Zehen erschreckt und sich dann schüchtern zurück zieht.
Nicht im Baumhaus, das wir in einem Sommer zwischen den Ästen einer Birke errichteten und das uns als Versteck diente, wenn die Welt sich zu turbulent um ihre Achse drehte, sich Süd- und Nordpol miteinander stritten und aus dem Osten plötzlich der Westwind wehte.
Wir sitzen. Seit Stunden. An einem Küchentisch, den wir an einer Straßenecke fanden und mitnahmen, weil jemand ein Schild darauf geklebt hatte. "Zu verschenken" stand in fleckigen Buchstaben darauf geschrieben.
Wir mochten Geschenke, der Tisch war aus altem Holz und wir stellten uns vor, er hatte einer dieser Damen gehört, die ihre Haare in einem zarten Flieder färbten, unabsichtlich, und an jedem zweiten Sonntag im Monat zu Canasta und Portwein luden.
Wir wussten nicht, ob es irgendwo in der Nachbarschaft oder auf der Welt solche Damen gab, aber uns gefiel das Klischee.
Wir sitzen. Zwischen uns ein Kartenhaus. Du hast immer gefunden, Mikado sei ein langweiliges Spiel.
"Hölzchen, die nicht wackeln dürfen und dabei aussehen, als wären sie bestimmt gewesen Bäume zu sein." hast du gesagt und die Missbilligung schüttelte deinen Kopf bis in die Schultern.
Wir haben statt Hölzchen zu ziehen Kartenhäuser gebaut, die wir vor dem Einsturz bewahren wollten. Sachte hast du immer erst die Spitze abgenommen, eine Karte nach der anderen, bis nur noch das Fundament stand.
Denn das sei das Wichtigste, hast du gesagt. Das Fundament. Auf dem etwas steht.
Tage haben wir damit verbracht, die Karten zu Häusern zu stapeln und abzutragen.
In den Nächten tranken wir Rotwein und sprachen über Nichts wie gleichzeitig Alles, denn du wolltest nicht zu behaupten aufhören, dass Wissenschaft dich ermüde und du von den schönen Künsten nichts verstündest.
Zwischen der abgelaufenen Zeit von damals und dem unbeschriebenen Heute kamst du mit einem Hund nach Hause.
Er hieße Kopernikus und lege den Kopf stets linksseitig schief, kraulte man seine Ohren, sagtest du.
Ich wollte erwidern, dass wir keinen Hund halten könnten, inmitten von Bücherstapeln und Kartenhäusern. Aber du hast nur lächelnd da gestanden und die Ohren des Tieres gekrault.
"Schau doch." hast du gesagt und gelächelt. Kopernikus blieb.
Wir sitzen. Ohne aufzusehen. Das letzte Wort springt auf der Suche nach seinem eigenen Widerhall von über die Fugen der Kacheln, von denen du sagtest, sie seien der Grund, weswegen sich das Leben in unserer Wohnung lohnte.
Kopernikus legt den Kopf linksseitig schief, währen deine schmalen Finger seine Ohren Kraulen. Du spielst schon lange keine Sinfonien mehr mit diesen Fingern, weil sie zu sehr zittern und sich zwischen den schwarzen wie weißen Tasten des Klaviers verlaufen.
"Heillos." pflegtest du zu sagen, wurdest du gefragt, warum du das Spielen aufgabst.
"Heillos verlaufen sich meine Finger zwischen den schwarzen und weißen Tasten des Klaviers."
Den meisten Fragenden entgeht die Doppeldeutigkeit. Dich erschütterte das weit weniger, als ich es je verstand.
Du kamst mit bunten Cocktail-Schirmchen nach Hause und ließt sie sich über den Flur verteilen.
Wenn du selbst nicht mehr tanzen könntest, fandest du, sollten es doch zumindest die Schirmchen in den Gläsern. Falls wir eines Tages eine Cocktail-Party geben wollten, seien wir nun vorbereitet, fügtest du an. Und ich sammelte die Schirmchen ein, dreht das bunte Papier in meinen Händen und erinnerte mich.
Die Springbrunnen in den Gärten der Stadt spielten eine Melodie. Dein Kleid schwang in der Sommerluft als deine Schritte sich durch den Park bewegten. Man hatte uns eingeladen, neben vielen anderen Fremden, wir kannten uns nicht und waren keine Partygänger. Jemand warf ein Glas Gin um und die Eisskulptur begann zu schmelzen. Abseits stand ich in einer Gruppe, der schlecht sitzende Anzug ließ mich blass wirken.
Man winkte dich heran.
Die Vorstellung war knapp, begleitet von einer wenig aussagenden Geste, die eine zwischen unseren Oberkörpern schaukelnde Hand ausführte, die zu einem unserer gemeinsamen Freunde gehören mochte.
"Elena."
"Edgar."
Die Schwingung stellte sich ein und ich unternahm einen kläglichen Versuch, charmant sein zu wollen.
Eine schlechte Angewohnheit, die du mich bald abzulegen lehrtest.
Mit einem Lächeln, was du mir nicht anrechnen wolltest, brachte ich heraus: "Fast wie Leonce und Lena." Ohne dabei auch nur halbwegs gebildet zu klingen.
Dein Haar stellte sich im Nacken auf und das leuchtende gelb deines Kleides schluckte für einen Moment die applizierten blauen Punkte.
"Büchner gähnt mich an wie ein leerer Bogen Papier." gabst du mir zur Antwort und ohne Zweifel wusste ich, ich würde dich nie wieder verlassen.
Du aber drehtest dich herum, als wäre es unmöglich, dieses Gespräch zu einem höflichen Ende zu führen und schicktest mir zwei Tage später einen Gedichtband von Ringelnatz.
Wir sitzen. Spektakulärer als sonst. Am Ende einer Flasche Rotwein beginnt die Nacht. Der Tag im Park liegt ein halbes Leben zurück. Deine Finger verlaufen sich zwischen Kopernikus' Ohren.
Und das letzte Wort setzt sich sachte auf das Fundament eines Kartenhauses.
"Elena." hatte ich gesagt und deine heillos verlaufenen Finger gehalten. Kopernikus hält den Kopf linksseitig schief. Und du lächelst, weil in deinem Glas ein buntes Cocktail-Schirmchen für dich tanzt.
Nicht im Baumhaus, das wir in einem Sommer zwischen den Ästen einer Birke errichteten und das uns als Versteck diente, wenn die Welt sich zu turbulent um ihre Achse drehte, sich Süd- und Nordpol miteinander stritten und aus dem Osten plötzlich der Westwind wehte.
Wir sitzen. Seit Stunden. An einem Küchentisch, den wir an einer Straßenecke fanden und mitnahmen, weil jemand ein Schild darauf geklebt hatte. "Zu verschenken" stand in fleckigen Buchstaben darauf geschrieben.
Wir mochten Geschenke, der Tisch war aus altem Holz und wir stellten uns vor, er hatte einer dieser Damen gehört, die ihre Haare in einem zarten Flieder färbten, unabsichtlich, und an jedem zweiten Sonntag im Monat zu Canasta und Portwein luden.
Wir wussten nicht, ob es irgendwo in der Nachbarschaft oder auf der Welt solche Damen gab, aber uns gefiel das Klischee.
Wir sitzen. Zwischen uns ein Kartenhaus. Du hast immer gefunden, Mikado sei ein langweiliges Spiel.
"Hölzchen, die nicht wackeln dürfen und dabei aussehen, als wären sie bestimmt gewesen Bäume zu sein." hast du gesagt und die Missbilligung schüttelte deinen Kopf bis in die Schultern.
Wir haben statt Hölzchen zu ziehen Kartenhäuser gebaut, die wir vor dem Einsturz bewahren wollten. Sachte hast du immer erst die Spitze abgenommen, eine Karte nach der anderen, bis nur noch das Fundament stand.
Denn das sei das Wichtigste, hast du gesagt. Das Fundament. Auf dem etwas steht.
Tage haben wir damit verbracht, die Karten zu Häusern zu stapeln und abzutragen.
In den Nächten tranken wir Rotwein und sprachen über Nichts wie gleichzeitig Alles, denn du wolltest nicht zu behaupten aufhören, dass Wissenschaft dich ermüde und du von den schönen Künsten nichts verstündest.
Zwischen der abgelaufenen Zeit von damals und dem unbeschriebenen Heute kamst du mit einem Hund nach Hause.
Er hieße Kopernikus und lege den Kopf stets linksseitig schief, kraulte man seine Ohren, sagtest du.
Ich wollte erwidern, dass wir keinen Hund halten könnten, inmitten von Bücherstapeln und Kartenhäusern. Aber du hast nur lächelnd da gestanden und die Ohren des Tieres gekrault.
"Schau doch." hast du gesagt und gelächelt. Kopernikus blieb.
Wir sitzen. Ohne aufzusehen. Das letzte Wort springt auf der Suche nach seinem eigenen Widerhall von über die Fugen der Kacheln, von denen du sagtest, sie seien der Grund, weswegen sich das Leben in unserer Wohnung lohnte.
Kopernikus legt den Kopf linksseitig schief, währen deine schmalen Finger seine Ohren Kraulen. Du spielst schon lange keine Sinfonien mehr mit diesen Fingern, weil sie zu sehr zittern und sich zwischen den schwarzen wie weißen Tasten des Klaviers verlaufen.
"Heillos." pflegtest du zu sagen, wurdest du gefragt, warum du das Spielen aufgabst.
"Heillos verlaufen sich meine Finger zwischen den schwarzen und weißen Tasten des Klaviers."
Den meisten Fragenden entgeht die Doppeldeutigkeit. Dich erschütterte das weit weniger, als ich es je verstand.
Du kamst mit bunten Cocktail-Schirmchen nach Hause und ließt sie sich über den Flur verteilen.
Wenn du selbst nicht mehr tanzen könntest, fandest du, sollten es doch zumindest die Schirmchen in den Gläsern. Falls wir eines Tages eine Cocktail-Party geben wollten, seien wir nun vorbereitet, fügtest du an. Und ich sammelte die Schirmchen ein, dreht das bunte Papier in meinen Händen und erinnerte mich.
Die Springbrunnen in den Gärten der Stadt spielten eine Melodie. Dein Kleid schwang in der Sommerluft als deine Schritte sich durch den Park bewegten. Man hatte uns eingeladen, neben vielen anderen Fremden, wir kannten uns nicht und waren keine Partygänger. Jemand warf ein Glas Gin um und die Eisskulptur begann zu schmelzen. Abseits stand ich in einer Gruppe, der schlecht sitzende Anzug ließ mich blass wirken.
Man winkte dich heran.
Die Vorstellung war knapp, begleitet von einer wenig aussagenden Geste, die eine zwischen unseren Oberkörpern schaukelnde Hand ausführte, die zu einem unserer gemeinsamen Freunde gehören mochte.
"Elena."
"Edgar."
Die Schwingung stellte sich ein und ich unternahm einen kläglichen Versuch, charmant sein zu wollen.
Eine schlechte Angewohnheit, die du mich bald abzulegen lehrtest.
Mit einem Lächeln, was du mir nicht anrechnen wolltest, brachte ich heraus: "Fast wie Leonce und Lena." Ohne dabei auch nur halbwegs gebildet zu klingen.
Dein Haar stellte sich im Nacken auf und das leuchtende gelb deines Kleides schluckte für einen Moment die applizierten blauen Punkte.
"Büchner gähnt mich an wie ein leerer Bogen Papier." gabst du mir zur Antwort und ohne Zweifel wusste ich, ich würde dich nie wieder verlassen.
Du aber drehtest dich herum, als wäre es unmöglich, dieses Gespräch zu einem höflichen Ende zu führen und schicktest mir zwei Tage später einen Gedichtband von Ringelnatz.
Wir sitzen. Spektakulärer als sonst. Am Ende einer Flasche Rotwein beginnt die Nacht. Der Tag im Park liegt ein halbes Leben zurück. Deine Finger verlaufen sich zwischen Kopernikus' Ohren.
Und das letzte Wort setzt sich sachte auf das Fundament eines Kartenhauses.
"Elena." hatte ich gesagt und deine heillos verlaufenen Finger gehalten. Kopernikus hält den Kopf linksseitig schief. Und du lächelst, weil in deinem Glas ein buntes Cocktail-Schirmchen für dich tanzt.
Montag, 15. August 2016
Alfred und Mats
"Stell dir mal vor, du sitzt auf einer Parkbank und plötzlich kommt ein Mann oder eine Frau, das ist im Grunde nicht wichtig, mit einer Waffe in der Tasche auf dich zu. Und stell dir vor, dieser Mensch - ich sag jetzt einfach mal Mensch, weil das Geschlecht ja egal ist - setzt sich neben dich, zieht die Mütze noch ein bisschen tiefer in die Stirn und bevor du dich fragen kannst, warum dieser Mensch eine Waffe in der Tasche hat, die würdest du nämlich zumindest erahnen, weil die Tasche eben waffenförmig ausgebeult wäre, und dann auch noch eine Mütze trägt, obwohl es mitten im Sommer ist und es überhaupt keinen vernünftigen Grund gibt, bei Temperaturen um 25 Grad eine Mütze zu tragen und sie dann auch noch ein bisschen tiefer in die Stirn zu ziehen. Stell dir das mal vor", sagt Alfred, den sie früher in der Schule "das Ekel" nannten, weil es diese Fernsehserie aus den siebziger Jahren in das kollektive Bewusstsein geschafft hatte.
Dabei ist Alfred gar kein Ekel, sondern einer dieser Menschen, die eine gewisse Gewöhnungszeit bei ihrem Gegenüber voraussetzen und sich als durchaus liebenswert herausstellen.
So ein Mensch ist Alfred, der jetzt mit seinem linken Zeh, dem großen, ein Loch in den Sand bohrt und ich hoffe, dass er nicht auf eine Glasscherbe stößt.
Denn dann würde Alfred zu bluten anfangen und Alfred kann kein Blut sehen, am allerwenigsten sein eigenes.
Er bohrt weiter im Sand und sagt: "Und dann stell dir vor, dieser Mensch mit der Waffe würde sagen, er will sterben, aber nicht alleine und deshalb sitzt er hier neben dir auf der Bank im Park und du stirbst jetzt eben mit ihm, weil Dinge zu zweit leichter gehen, selbst wenn man sich völlig fremd ist, auch das Sterben. Was machst du dann?"
Alfred stellt das im Sand bohren ein. Gerade noch rechtzeitig, denn zwischen den feinen Körnchen blitzt es gefährlich grün und wenig abgeschliffen.
Alfred sieht mich an.
"Du hast schon wieder diesen Blick." stellt er fest. "Diesen Blick, der sagt, du würdest mich am liebsten einweisen lassen."
Ich schüttle den Kopf.
Bestimmt käme ich nicht auf die Idee, Alfred einweisen zu lassen, nur weil ich mir nicht vorstellen will, wie mir ein Fremder mit zu tief ins Gesicht gezogener Mütze den eindringlichen Vorschlag macht, gemeinsam zu sterben.
Alfred formt mit der rechten Hand ein "L", stützt das Kinn auf, den Zeigefinger ordnet er parallel zu seinem Ohr an.
Das tut er stets, wenn es ihm schwer fällt, etwas zu glauben.
"Doch." sagt er.
Warum Alfred mein Freund wurde, weiß ich nicht mehr. Plötzlich war er da. Mit seinem rot-braun karierten Flanellhemd, über das er Hosenträger gespannt hatte. Mit seiner Art auf die Welt zu sehen und sich durch sie hindurch zu bewegen. Alfred war nie laut. Er wurde herum geschubst, unsere Klassenkameraden nahmen ihm seine Federtasche weg, rissen Seiten aus seinen Schulheften und stopften seine altbackene Jacke in den Mülleimer, in dem immer der Rest einer Bananenschale klebte. Aber Alfred hakte seine Daumen unter den Hosenträgern, die seinem Großvater - väterlicherseits, darauf bestand er - gehörten, ein und sagte sehr leise: "Ihr Wichte."
Ohne Ausrufezeichen, jedoch mit Nachdruck.
Er schrie nie und weinte auch nicht.
Irgendwann gaben die Anderen, die sich nicht zu schade waren, einen vermeintlich Schwächeren zu piesacken, auf.
"Also? Was würdest du dann machen?" fragt Alfred, als wäre der Gesprächsfaden nicht vor einer Viertelstunde abgerissen.
Das rot-braune Flanellhemd trägt er heute noch, allerdings nur zu besonderen Gelegenheiten. So wie jetzt.
Zwischen einem Glas Gewürzgurken, dreilagigem Toilettenpapier und dem seltsam angestrengten Blick des Kassieres, sagte Alfred gestern:
"Lass uns morgen ans Meer fahren. Mein großer Zeh möchte sich in den Sand bohren."
Alfred sagte nicht einfach "Lass uns dieses oder jenes tun." Nicht einmal, wenn wir alleine waren. Alfred hatte Gründe, dieses oder jenes zu tun und verstand es als selbstverständliches Gebot der Fairness, sein Gegenüber über eben diese Gründe aufzuklären.
Ich nickte. Als wir Hand in Hand den Supermarkt verließen, hörte ich den Kassierer in Gelächter ausbrechen.
"Du Wicht." dachte ich.
Alfred sah sich weder um, noch verstärkte sich der Druck seiner Hand. Das dreilagige Toilettenpapier schwang im Rhythmus seiner Schritte mit.
Nun saßen wir außerhalb der Saison an einem leer gefegten Nordseestrand und im Grunde war es viel zu kalt, als dass dort zu sitzen, mit den nackten Füßen im Sand zu bohren als eine gute Idee erscheinen wollte.
Wir machten Abitur, Alfred schnitt besser ab als ich, und gingen zum studieren nach Göttingen.
"Warum heißt es "man geht zum studieren in eine Stadt"? fragte Alfred, als wir den letzten Umzugskarton, der zur Hälfte mit den gesammelten Werken von Erich Kästner und zur Hälfte mit Superhelden-Bettwäsche gefüllt war, in den Sprinter stopften.
Ich zuckte die Schultern, weil ich keine plausible Antwort parat hatte und mich nach einem Moment der Ruhe sehnte.
Wir zogen in eine zweieinhalb Zimmer Wohnung, vor der Tür Kopfsteinpflaster und kauften einen Kanarienvogel.
Etwa ein halbes Jahr nach unserem Einzug, war der Vogel verschwunden.
"Eingesperrt sein ist nicht lebenswert." begründete Alfred die offene Käfigtür und ich lächelte.
"Beantwortest du mir jetzt meine Frage?" will Alfred am Strand sitzend wissen.
"Weißt du noch, der Kanarienvogel?" frage ich zurück.
Alfred streckt die Arme mit einer für ihn untypisch ausladenden Geste in Richtung Meer.
"Ja. Göttingen. Das Kopfsteinpflaster. Und natürlich erinnere ich mich an den Balduin."
Er sieht mich an.
"Du weichst mir aus." sagt er. Es klingt sachlich. Alfred ist nicht emotionslos. Nur Bekümmert sein hat er sich abgewöhnt.
Wir schlossen die Universität ab, Alfred hielt eine Rede im Büro des Dekans.
"Ich habe mich zu bedanken." hatte er sein Vorhaben begründet. Die Universität reagierte auf sein Ansinnen, eine Rede halten zu wollen, mit dem Hinweis, man sei in Deutschland und in Deutschland gelten andere Regeln als in den U.S.A. oder andernorts, wo nach dem Abschluss der Universität eben Reden gehalten würden.
"Zum Glück gelten in Deutschland andere Regeln, denn sonst müsste ich jeden Morgen die Nationalhymne pfeifen, obwohl ich Haydns Werk nicht ertrage." hatte Alfred geantwortet und sich einen Termin beim Dekan geben lassen.
Ein paar Jahre blieben wir in Göttingen, aber schließlich verluden wir die Umzugskartons erneut in einen Sprinter, verkauften den leeren Vogelkäfig und fuhren über ein Netz aus Asphalt nach Otterndorf.
"Diesmal kaufst du aber nicht wieder einen Vogel." sagte Alfred, als sei der Kanarienvogel allein meine Idee gewesen und als hätte ich das Tier 'Balduin' getauft.
Unser Haus steht ein wenig windschief und die Laterne auf der gegenüberliegenden Seite wirft einen warmen Schein in das Wohnzimmer, wenn es im Herbst früher dunkel zu werden beginnt.
"Lass die Vorhänge doch offen. Ich mag das Licht." sagte Alfred als ich die gerade angebrachten Gardinen hatte zuziehen wollen. Vor dreißig Jahren waren Vorhänge noch weiß und Alfreds Haar schwarz.
Am Strand wird es kalt.
"Mats?" fragt Alfred.
Er nennt mich selten beim Namen.
"Ich weiß nicht, was ich dann täte." sage ich.
"Und wenn ich das wäre, der dich fragt, weil zu zweit alles leichter geht?"
Alfred sieht aufs Meer, das da im Halbdunkel vor uns liegt und ich verstärke den Druck meiner Hand, die seine umschlossen hält.
Dabei ist Alfred gar kein Ekel, sondern einer dieser Menschen, die eine gewisse Gewöhnungszeit bei ihrem Gegenüber voraussetzen und sich als durchaus liebenswert herausstellen.
So ein Mensch ist Alfred, der jetzt mit seinem linken Zeh, dem großen, ein Loch in den Sand bohrt und ich hoffe, dass er nicht auf eine Glasscherbe stößt.
Denn dann würde Alfred zu bluten anfangen und Alfred kann kein Blut sehen, am allerwenigsten sein eigenes.
Er bohrt weiter im Sand und sagt: "Und dann stell dir vor, dieser Mensch mit der Waffe würde sagen, er will sterben, aber nicht alleine und deshalb sitzt er hier neben dir auf der Bank im Park und du stirbst jetzt eben mit ihm, weil Dinge zu zweit leichter gehen, selbst wenn man sich völlig fremd ist, auch das Sterben. Was machst du dann?"
Alfred stellt das im Sand bohren ein. Gerade noch rechtzeitig, denn zwischen den feinen Körnchen blitzt es gefährlich grün und wenig abgeschliffen.
Alfred sieht mich an.
"Du hast schon wieder diesen Blick." stellt er fest. "Diesen Blick, der sagt, du würdest mich am liebsten einweisen lassen."
Ich schüttle den Kopf.
Bestimmt käme ich nicht auf die Idee, Alfred einweisen zu lassen, nur weil ich mir nicht vorstellen will, wie mir ein Fremder mit zu tief ins Gesicht gezogener Mütze den eindringlichen Vorschlag macht, gemeinsam zu sterben.
Alfred formt mit der rechten Hand ein "L", stützt das Kinn auf, den Zeigefinger ordnet er parallel zu seinem Ohr an.
Das tut er stets, wenn es ihm schwer fällt, etwas zu glauben.
"Doch." sagt er.
Warum Alfred mein Freund wurde, weiß ich nicht mehr. Plötzlich war er da. Mit seinem rot-braun karierten Flanellhemd, über das er Hosenträger gespannt hatte. Mit seiner Art auf die Welt zu sehen und sich durch sie hindurch zu bewegen. Alfred war nie laut. Er wurde herum geschubst, unsere Klassenkameraden nahmen ihm seine Federtasche weg, rissen Seiten aus seinen Schulheften und stopften seine altbackene Jacke in den Mülleimer, in dem immer der Rest einer Bananenschale klebte. Aber Alfred hakte seine Daumen unter den Hosenträgern, die seinem Großvater - väterlicherseits, darauf bestand er - gehörten, ein und sagte sehr leise: "Ihr Wichte."
Ohne Ausrufezeichen, jedoch mit Nachdruck.
Er schrie nie und weinte auch nicht.
Irgendwann gaben die Anderen, die sich nicht zu schade waren, einen vermeintlich Schwächeren zu piesacken, auf.
"Also? Was würdest du dann machen?" fragt Alfred, als wäre der Gesprächsfaden nicht vor einer Viertelstunde abgerissen.
Das rot-braune Flanellhemd trägt er heute noch, allerdings nur zu besonderen Gelegenheiten. So wie jetzt.
Zwischen einem Glas Gewürzgurken, dreilagigem Toilettenpapier und dem seltsam angestrengten Blick des Kassieres, sagte Alfred gestern:
"Lass uns morgen ans Meer fahren. Mein großer Zeh möchte sich in den Sand bohren."
Alfred sagte nicht einfach "Lass uns dieses oder jenes tun." Nicht einmal, wenn wir alleine waren. Alfred hatte Gründe, dieses oder jenes zu tun und verstand es als selbstverständliches Gebot der Fairness, sein Gegenüber über eben diese Gründe aufzuklären.
Ich nickte. Als wir Hand in Hand den Supermarkt verließen, hörte ich den Kassierer in Gelächter ausbrechen.
"Du Wicht." dachte ich.
Alfred sah sich weder um, noch verstärkte sich der Druck seiner Hand. Das dreilagige Toilettenpapier schwang im Rhythmus seiner Schritte mit.
Nun saßen wir außerhalb der Saison an einem leer gefegten Nordseestrand und im Grunde war es viel zu kalt, als dass dort zu sitzen, mit den nackten Füßen im Sand zu bohren als eine gute Idee erscheinen wollte.
Wir machten Abitur, Alfred schnitt besser ab als ich, und gingen zum studieren nach Göttingen.
"Warum heißt es "man geht zum studieren in eine Stadt"? fragte Alfred, als wir den letzten Umzugskarton, der zur Hälfte mit den gesammelten Werken von Erich Kästner und zur Hälfte mit Superhelden-Bettwäsche gefüllt war, in den Sprinter stopften.
Ich zuckte die Schultern, weil ich keine plausible Antwort parat hatte und mich nach einem Moment der Ruhe sehnte.
Wir zogen in eine zweieinhalb Zimmer Wohnung, vor der Tür Kopfsteinpflaster und kauften einen Kanarienvogel.
Etwa ein halbes Jahr nach unserem Einzug, war der Vogel verschwunden.
"Eingesperrt sein ist nicht lebenswert." begründete Alfred die offene Käfigtür und ich lächelte.
"Beantwortest du mir jetzt meine Frage?" will Alfred am Strand sitzend wissen.
"Weißt du noch, der Kanarienvogel?" frage ich zurück.
Alfred streckt die Arme mit einer für ihn untypisch ausladenden Geste in Richtung Meer.
"Ja. Göttingen. Das Kopfsteinpflaster. Und natürlich erinnere ich mich an den Balduin."
Er sieht mich an.
"Du weichst mir aus." sagt er. Es klingt sachlich. Alfred ist nicht emotionslos. Nur Bekümmert sein hat er sich abgewöhnt.
Wir schlossen die Universität ab, Alfred hielt eine Rede im Büro des Dekans.
"Ich habe mich zu bedanken." hatte er sein Vorhaben begründet. Die Universität reagierte auf sein Ansinnen, eine Rede halten zu wollen, mit dem Hinweis, man sei in Deutschland und in Deutschland gelten andere Regeln als in den U.S.A. oder andernorts, wo nach dem Abschluss der Universität eben Reden gehalten würden.
"Zum Glück gelten in Deutschland andere Regeln, denn sonst müsste ich jeden Morgen die Nationalhymne pfeifen, obwohl ich Haydns Werk nicht ertrage." hatte Alfred geantwortet und sich einen Termin beim Dekan geben lassen.
Ein paar Jahre blieben wir in Göttingen, aber schließlich verluden wir die Umzugskartons erneut in einen Sprinter, verkauften den leeren Vogelkäfig und fuhren über ein Netz aus Asphalt nach Otterndorf.
"Diesmal kaufst du aber nicht wieder einen Vogel." sagte Alfred, als sei der Kanarienvogel allein meine Idee gewesen und als hätte ich das Tier 'Balduin' getauft.
Unser Haus steht ein wenig windschief und die Laterne auf der gegenüberliegenden Seite wirft einen warmen Schein in das Wohnzimmer, wenn es im Herbst früher dunkel zu werden beginnt.
"Lass die Vorhänge doch offen. Ich mag das Licht." sagte Alfred als ich die gerade angebrachten Gardinen hatte zuziehen wollen. Vor dreißig Jahren waren Vorhänge noch weiß und Alfreds Haar schwarz.
Am Strand wird es kalt.
"Mats?" fragt Alfred.
Er nennt mich selten beim Namen.
"Ich weiß nicht, was ich dann täte." sage ich.
"Und wenn ich das wäre, der dich fragt, weil zu zweit alles leichter geht?"
Alfred sieht aufs Meer, das da im Halbdunkel vor uns liegt und ich verstärke den Druck meiner Hand, die seine umschlossen hält.
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