In dieser unbestimmten Woche entschied sich der Mond an jedem untergehenden Tag zwischen Stromleitungen zu balancieren. Durchaus möglich, dass ihm daran gelegen war mit dem Raben, der sich zwei Querstraßen weiter nach einem Platz zum Verweilen umsah, einen Wettlauf auszutragen. Den Raben hätten die sichelförmigen Ambitionen des Mondes nicht weniger kümmern können. Zu sehr darum bemüht, ja geradezu versunken, war er in sein Vorhaben unbedingt zu ruhen. Breite Schwingen glänzenden Gefieders schnitten den Luftstrom unterhalb der Federn in handliche, wenn auch nur für ein sehr geschultes Auge sichtbare, Quadrate. In den Fugen des Kopfsteinpflasters derselben Querstraße krabbelten Ameisen geschäftig dem Ende eines Tagewerks entgegen. Und im dritten Stock eines grün getünchten Hauses, das zwischen den geklinkerten Fassaden benachbarten Zwillingsbauten außerordentlich aus der Reihe tanzte, auf halber Treppe aßen bisher von jeglichen Kammerjägern unentdeckt gebliebenen Mäuse friedlich wie spät zu Abend. Es war eine dieser unbestimmten Wochen, deren Tage Wunder bereit halten und sich auf den unverschmutzen Park- und Wiesenflächen zwischen vorwitzig gewachsenen Grashalmen, Lavendel und Schneeglöckchen taktvoll in einer Herbstbrise wiegen. Der Mond inzwischen besieht sich die kleine Szenerie balancierend aus der Höhe. Welch ein Glück, dass der Rabe nicht hätte um die Wette fliegen wollen.
Mittwoch, 2. Februar 2022
Donnerstag, 19. September 2019
Begegnungen
Wir sitzen auf einer Bank, das Holz ist noch ein bisschen klamm, weil es gestern Nacht geregnet hat.
Seit in paar Minuten malt er mit dem linken Fuß Kreise in den Staub. Und schweigt.
Die Haut seiner zittrigen Hände ist rissig, im Gesicht klafft ein fünf Zentimeter langer Riss, nur knapp über dem rechten Auge. Die Fingernägel sind zu lang und sammeln den Schmutz als gäbe es sonst nichts weiter für sie zu tun.
Die Knie sind aufgeschürft, die Hose passt ihm nicht richtig. Doch, doch hatte er gesagt, ich gehe alle zwei Tage ins Krankenhaus, um die Verbände wechseln zu lassen.
Nein, es ginge schon, zum Glück sei er die Krücken los, lehnte er die dargebotene Hand ab, als er sich zu setzen versuchte.
Nicht unweit raufen zwei Jugendliche miteinander, werfen sich erst Beschimpfungen und dann Kieselsteine an den Kopf.
Vorübereilende sehen ihn nicht an und schütteln mit einem Blick auf mich ihr Haupt.
Wir sind ein ungleiches Paar.
Er sei gefallen, daher die Verletzungen. Die Bordsteinkante sei ihm im Weg gewesen.
Das Allein sein bekommt ihm nicht. Jemand stellt ihm wortlos eine leere Pfandflasche vor die Füße.
Eine Flasche für die Flasche tönt es von der anderen Straßenseite. Ich will aufspringen, er aber sagt Lass nur, das lohnt sich nicht. Und schluckt hart.
Dieses Mal bleibe ich also sitzen. Und der Zorn kocht meine Eingeweide.
Es war nicht immer so. sagt er.
Das Leben sei normal gewesen, irgendwann. Arbeit, Wohnung, Frau, Pläne, Träume. Ein ganz normales Leben. Er habe sich nicht viel leisten können, aber darauf sei es ihm nie angekommen.
Das Holz trocknet langsam. Die Feuchtigkeit hat es sich im Gewebe bequem gemacht.
Den Schlafsack habe man ihm geklaut, schon wieder. Auch den Rucksack. Drehst Dich einmal um, gehst nur kurz um die Ecke und schon alles weg. Seine Schultern zucken.
Er hat sich abgefunden. Was bliebe ihm denn auch sonst übrig?
Das Allein sein bekommt ihm nicht. Jemand wirft wortlos ein paar Cent in den Becher zu seiner Linken.
Für einen Gruß reicht es nicht.
Gespräche sind teuer. Sie kosten Zeit und Überwindung. Er weiß das. Ein halbes Jahrzehnt lebt er diese Existenz.
Ich bin der Rand der Gesellschaft sagt er über sich selbst. Die Stimme bricht. Schweigen fällt ihm leichter. Dabei lacht er gerne. Und hat Humor. Nein, getrunken habe er heute noch nichts.
Er trägt zwei Jacken übereinander. 32 Grad und kaum Wind.
Wasser und vielleicht ein Bier? Er habe eine neue Regel sagt er. Morgens keinen Alkohol mehr.
Er ist freundlich. Und demütig. So sehr, dass es schmerzt.
14 Jahre Knast. Alles würde er anders machen, hätte er nur die Gelegenheit. Eine Zeitmaschine.
Im Reflex schlug er zu. Der andere habe ein Messer in der Hand gehalten. Sei auf ihn los gegangen.
Sein Schlag traf den Kehlkopf. Mord. So befand das Gericht.
Er sei auf der Straße seines Lebens falsch abgebogen. Am liebsten liest er Kriminalromane. Die skandinavischen. Deutsche können keine Krimis, guck Dir doch den Tatort an. Sagt er.
Wenn sich das Grinsen in seinem Gesicht breit macht, ziehen sich die Falten um seine Augen zusammen.
Neulich habe er Streit gehabt. Am Pfandautomaten. Die Mitarbeiter des Marktes jagten ihn zur Tür hinaus.
Weil sich normale Menschen belästigt gefühlt hätten. Nicht Kunden, Menschen. So habe es der Mitarbeiter, der ihn an der Schulter zum Ausgang schob, formuliert.
Er sei eigentlich immer im Weg. Ein Störfaktor. Da sei es schwer an der eigenen Menschlichkeit festzuhalten.
Der Zorn kocht meine Eingeweide.
Seit ein paar Minuten malt er mit dem linken Fuß Kreise in den Staub. Und schweigt.
Das Allein sein bekommt ihm nicht.
Bis vor ein paar Monaten waren sie zu zweit. Immerhin. Da kann man aufeinander Acht geben. Und die Stille sei leichter zu ertragen. Sie waren Freunde. Aber die Leber seines Freundes hat den Alkohol nicht mehr vertragen.
Der Freund fehlt ihm. Er möchte niemandem lästigfallen. Mädchen, du musst hier nicht sitzen. Sagt er.
Und doch, ich bleibe noch ein Weilchen.
Er liebt den Hafen. Das Wasser habe so eine beruhigende Wirkung und die weit gereisten Containerschiffe versprächen Abenteuer.
Sein Vater sei Säufer gewesen. Sagt er. Prügel standen auf der Tagesordnung. Er spricht leise. Ohne jede Wut.
Lass den Penner doch. Die Worte prallen an der nächsten Hauswand zurück.
Einfach nur obdachlos sei er, aber kein Penner. Ein Mensch, der keiner sein darf.
Unsere Begegnungen enden stets auf die gleiche Weise.
Gib auf Dich Acht. Sage ich. Und er erwidert schlicht: Danke.
Seit ein paar Minuten malt er mit dem linken Fuß Kreise in den Staub.
Das Allein sein bekommt ihm nicht.
Seit in paar Minuten malt er mit dem linken Fuß Kreise in den Staub. Und schweigt.
Die Haut seiner zittrigen Hände ist rissig, im Gesicht klafft ein fünf Zentimeter langer Riss, nur knapp über dem rechten Auge. Die Fingernägel sind zu lang und sammeln den Schmutz als gäbe es sonst nichts weiter für sie zu tun.
Die Knie sind aufgeschürft, die Hose passt ihm nicht richtig. Doch, doch hatte er gesagt, ich gehe alle zwei Tage ins Krankenhaus, um die Verbände wechseln zu lassen.
Nein, es ginge schon, zum Glück sei er die Krücken los, lehnte er die dargebotene Hand ab, als er sich zu setzen versuchte.
Nicht unweit raufen zwei Jugendliche miteinander, werfen sich erst Beschimpfungen und dann Kieselsteine an den Kopf.
Vorübereilende sehen ihn nicht an und schütteln mit einem Blick auf mich ihr Haupt.
Wir sind ein ungleiches Paar.
Er sei gefallen, daher die Verletzungen. Die Bordsteinkante sei ihm im Weg gewesen.
Das Allein sein bekommt ihm nicht. Jemand stellt ihm wortlos eine leere Pfandflasche vor die Füße.
Eine Flasche für die Flasche tönt es von der anderen Straßenseite. Ich will aufspringen, er aber sagt Lass nur, das lohnt sich nicht. Und schluckt hart.
Dieses Mal bleibe ich also sitzen. Und der Zorn kocht meine Eingeweide.
Es war nicht immer so. sagt er.
Das Leben sei normal gewesen, irgendwann. Arbeit, Wohnung, Frau, Pläne, Träume. Ein ganz normales Leben. Er habe sich nicht viel leisten können, aber darauf sei es ihm nie angekommen.
Das Holz trocknet langsam. Die Feuchtigkeit hat es sich im Gewebe bequem gemacht.
Den Schlafsack habe man ihm geklaut, schon wieder. Auch den Rucksack. Drehst Dich einmal um, gehst nur kurz um die Ecke und schon alles weg. Seine Schultern zucken.
Er hat sich abgefunden. Was bliebe ihm denn auch sonst übrig?
Das Allein sein bekommt ihm nicht. Jemand wirft wortlos ein paar Cent in den Becher zu seiner Linken.
Für einen Gruß reicht es nicht.
Gespräche sind teuer. Sie kosten Zeit und Überwindung. Er weiß das. Ein halbes Jahrzehnt lebt er diese Existenz.
Ich bin der Rand der Gesellschaft sagt er über sich selbst. Die Stimme bricht. Schweigen fällt ihm leichter. Dabei lacht er gerne. Und hat Humor. Nein, getrunken habe er heute noch nichts.
Er trägt zwei Jacken übereinander. 32 Grad und kaum Wind.
Wasser und vielleicht ein Bier? Er habe eine neue Regel sagt er. Morgens keinen Alkohol mehr.
Er ist freundlich. Und demütig. So sehr, dass es schmerzt.
14 Jahre Knast. Alles würde er anders machen, hätte er nur die Gelegenheit. Eine Zeitmaschine.
Im Reflex schlug er zu. Der andere habe ein Messer in der Hand gehalten. Sei auf ihn los gegangen.
Sein Schlag traf den Kehlkopf. Mord. So befand das Gericht.
Er sei auf der Straße seines Lebens falsch abgebogen. Am liebsten liest er Kriminalromane. Die skandinavischen. Deutsche können keine Krimis, guck Dir doch den Tatort an. Sagt er.
Wenn sich das Grinsen in seinem Gesicht breit macht, ziehen sich die Falten um seine Augen zusammen.
Neulich habe er Streit gehabt. Am Pfandautomaten. Die Mitarbeiter des Marktes jagten ihn zur Tür hinaus.
Weil sich normale Menschen belästigt gefühlt hätten. Nicht Kunden, Menschen. So habe es der Mitarbeiter, der ihn an der Schulter zum Ausgang schob, formuliert.
Er sei eigentlich immer im Weg. Ein Störfaktor. Da sei es schwer an der eigenen Menschlichkeit festzuhalten.
Der Zorn kocht meine Eingeweide.
Seit ein paar Minuten malt er mit dem linken Fuß Kreise in den Staub. Und schweigt.
Das Allein sein bekommt ihm nicht.
Bis vor ein paar Monaten waren sie zu zweit. Immerhin. Da kann man aufeinander Acht geben. Und die Stille sei leichter zu ertragen. Sie waren Freunde. Aber die Leber seines Freundes hat den Alkohol nicht mehr vertragen.
Der Freund fehlt ihm. Er möchte niemandem lästigfallen. Mädchen, du musst hier nicht sitzen. Sagt er.
Und doch, ich bleibe noch ein Weilchen.
Er liebt den Hafen. Das Wasser habe so eine beruhigende Wirkung und die weit gereisten Containerschiffe versprächen Abenteuer.
Sein Vater sei Säufer gewesen. Sagt er. Prügel standen auf der Tagesordnung. Er spricht leise. Ohne jede Wut.
Lass den Penner doch. Die Worte prallen an der nächsten Hauswand zurück.
Einfach nur obdachlos sei er, aber kein Penner. Ein Mensch, der keiner sein darf.
Unsere Begegnungen enden stets auf die gleiche Weise.
Gib auf Dich Acht. Sage ich. Und er erwidert schlicht: Danke.
Seit ein paar Minuten malt er mit dem linken Fuß Kreise in den Staub.
Das Allein sein bekommt ihm nicht.
Dienstag, 13. März 2018
Jakobs Ketten
Trotz der klaren Luft, die Herbstsonne und Winterwinde vor sich hertreibt, schmeckt der Weg nach Verwesung. Das Tauwasser spiegelt sich trüb selbst. Eine giftige Brühe, die sehnsüchtig auf den nächsten Frost wartet, der so sicher ausbleiben wird wie das Amen in der Kirche, auf deren Holzbänken klimawandelnde Sünder sitzen. Mitten auf der einzigen Straße, die diesen Namen verdient, blutet ein toter Hase auf den feuchten Asphalt.
Jakob steht seit Stunden am Fenster, starrt durch sein schmutziges Spiegelbild auf die rostroten Flecken da auf dem Asphalt. Den Hasen sieht er schon lange nicht mehr. Die nackten Füße sind taub und durch die häusliche Stille tönen laut seine Gedanken, unterbrochen von dem Klirren der Eisenglieder um seinen linken Knöchel. Unter dem Eisenring hat sich längst Schorf gebildet über der Wunde, die vom zu heftigen Zerren herrührt. Jakobs Erinnerung versagt ihm den Dienst. Seit wann das kalte Eisen um seinen linken Fuß liegt, vermag er nicht zu sagen. Jakob darf nicht am Fenster stehen. Eines der vielen Gebote, denen er Folge zu leisten hat, besagt in strenger Deutlichkeit, niemand darf ihn sehen. Auf der Straße tanzen die rostroten Flecken. Jakob versucht den Blick zu schärfen, kneift das rechte Auge zusammen, die verdreckte Fensterscheibe ist ihm im Weg. Wäre seine Kette nur um ein oder zwei Glieder länger, er könnte sie erreichen, einwerfen wohlmöglich. Und dann? Durch die Scherben würde er steigen, nach draußen. Ob er sich die nackten Füße an dem gebrochenen Glas aufschnitte, würde er nicht merken. Rostrote Flecken würde er zurück lassen auf dem feuchten Asphalt, gleich neben dem toten Hasen.
Aber die Glieder der Kette reichen nicht weit genug. Die Freiheit ist mehr als nur eine Armeslänge entfernt. Jakob weiß das, obwohl er sich den Gedanken an Freiheit nur noch selten erlaubt. Seine Erinnerung versagt ihm den Dienst. Wann er das letzte Mal frei war, vermag er nicht zu sagen. Die häusliche Stille scheint ihn seit einer Ewigkeit zu begleiten, so wie der gekreuzigte Heiland an allen vier Wänden des Raumes seit einer ununterbrochenen Ewigkeit hängt. Manchmal fühlt Jakob die Blicke des holzgeschnitzten Gesichts. Sie folgen ihm von Wand zu Wand, mahnen ihn, sich nicht sehen zu lassen.
Während der Asphalt langsam in der kalten Sonne trocknet, rauscht ein Wagen über den toten Hasen hinweg. Jakob zuckt zusammen, die Kettenglieder spannen sich. Ein stechender Schmerz fährt ihm durch den Knöchel bis unter die Kopfhaut, als die Haustür zufällt.
Schnell rafft Jakob die Kette, so leise wie sich Eisenketten eben raffen lassen, schleicht in gebückter Haltung in die Ecke des Raumes, die am weitesten von der schmutzigen Scheibe entfernt ist. Jakob betet, sie möge seinen Schatten nicht gesehen, die Bewegungen nicht gehört haben, als er auf der modrigen Matratze die Arme um spitze Knie schlingt.
Der Schlüssel dreht sich im Schloss der Haustür. Sie schließt immer ab. Zweieinhalb Umdrehungen lässt sie den Schlüssel machen, um sicherzugehen. Der Junge kann nicht aus seinem Zimmer fliehen. Sie weiß das. Dennoch will sie sichergehen. Auch Eisen kann brechen. Und sie sieht den Augen des Jungen, dass er noch manches Mal an das Fliehen denkt. Sie hat sich vorgenommen, ihn für diese Gedanken zu bestrafen. Er muss lernen zu gehorchen. Kinder müssen gehorchen. Sie hat es gemusst, der Junge muss es lernen. Mit festen Schritten geht sie durch den Flur. Auf der anderen Seite der Wand zuckt Jakob zusammen. Sie wirft ihren Mantel über einen alten Stuhl, der seit sie das Haus bezogen hat, im Weg steht. Sie kann sich nicht davon trennen. Jakob hört wie der Mantel sich unsanft über die Lehne legt. Die Metallknöpfe hinterlassen Kerben in dem weichen Holz. Jakob weiß, sie wird in die Küche gehen, bevor sich die Tür zu seiner Kammer öffnet. Jakob beginnt zu zählen. Es ist ein Ritual. Die Tür eines Küchenschranks klappt; eins, zwei, drei. Das Glas schlägt hart auf der Anrichte auf; vier, fünf, sechs. Der Kühlschrank summt; sieben, acht, neun. Sie schenkt sich ein; zehn, elf, zwölf. Jakobs Handflächen sind feucht, seine Kehle trocken.
Wieder feste Schritte im Flur; dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Der Schlüssel fährt ungeduldig in das Schloss der Tür. Ein dünner Lichtstrahl, der nicht als Hoffnungsschimmer taugen will, fällt in das dunkle Zimmer. Nur für einen kurzen Moment, bevor sich die Tür hinter ihr schließt. Sie mustert Jakob in seiner Haltung. Er weiß, er sollte die Arme von den spitzen Knien lösen. Er sollte sich aufrichten, sie begrüßen. Er weiß, tut er es nicht, wird sie ihn bestrafen, und ist doch unfähig eine einzige Bewegung auszuführen. Sein Körper ist starr, will ihm nicht gehorchen. Sechzehn, siebzehn, achtzehn. Der Stock kracht gegen seine Rippen. Jakob weiß, es werden weitere Schläge folgen, so lange bis er sich mühsam aufrappelt. Es ist ein Ritual, festgeschrieben seit Anbeginn seines Lebens in diesem Haus. Sie betritt sein Zimmer nie ohne den Stock. Jakob spürt den Schmerz der Schläge an manchen Tagen kaum noch. An anderen Tagen treffen sie ihn wuchtig. Sie spricht nicht ein Wort. Aus gefrorenen Augen sieht sie auf das ungehorsame Elend zu ihren Füßen hinab. Würde der Junge nur ein einziges Mal tun, was sie von ihm erwartet. Sie müsste ihn nicht schlagen, denn sie tut es wahrlich nicht gern. Der Junge versteht das nicht. Blickt sie an, mit diesen aufmüpfigen Augen, die nach Freiheit schreien. Heute hat er nicht einmal den Respekt, unter ihren Schlägen zusammen zu zucken. Sie holt erneut aus. Ihre Hand greift den Stock fester. Würde der Junge doch endlich aufstehen, sich rühren. Sie könnte aufhören. Jakob versucht nicht, sich zu schützen. Sie wird irgendwann damit aufhören. Das tut sie immer, irgendwann. Dann geht sie. Stunden später wird sie ihm etwas zu essen und die Bibel bringen. Jakob darf die Bibel nicht behalten. Sie verlangt, dass er darin liest. Genau eine Stunde, während des Essens. Sie wird ihn mit diesen gefrorenen Augen ansehen. Es ist ein Ritual. Wie das Zählen.
Als Jakob sich erhebt, langsam und gebückt, trifft ihn ein letzter Schlag auf den Rücken. Seine Kiefermuskeln verspannen sich, damit der Schrei nicht in die muffige Zimmerluft entweicht. Jakob weiß, dass er nicht schreien darf. Sie wird wütend, wenn er schreit. Endlich. Sie stellt den Stock an die Wand. Sie ist kleiner als Jakob. Hätte er den Mut, er könnte sie überwältigen. Die Glieder seiner Kette reichen. Jakob ist nicht mutig.
Jakob steht seit Stunden am Fenster, starrt durch sein schmutziges Spiegelbild auf die rostroten Flecken da auf dem Asphalt. Den Hasen sieht er schon lange nicht mehr. Die nackten Füße sind taub und durch die häusliche Stille tönen laut seine Gedanken, unterbrochen von dem Klirren der Eisenglieder um seinen linken Knöchel. Unter dem Eisenring hat sich längst Schorf gebildet über der Wunde, die vom zu heftigen Zerren herrührt. Jakobs Erinnerung versagt ihm den Dienst. Seit wann das kalte Eisen um seinen linken Fuß liegt, vermag er nicht zu sagen. Jakob darf nicht am Fenster stehen. Eines der vielen Gebote, denen er Folge zu leisten hat, besagt in strenger Deutlichkeit, niemand darf ihn sehen. Auf der Straße tanzen die rostroten Flecken. Jakob versucht den Blick zu schärfen, kneift das rechte Auge zusammen, die verdreckte Fensterscheibe ist ihm im Weg. Wäre seine Kette nur um ein oder zwei Glieder länger, er könnte sie erreichen, einwerfen wohlmöglich. Und dann? Durch die Scherben würde er steigen, nach draußen. Ob er sich die nackten Füße an dem gebrochenen Glas aufschnitte, würde er nicht merken. Rostrote Flecken würde er zurück lassen auf dem feuchten Asphalt, gleich neben dem toten Hasen.
Aber die Glieder der Kette reichen nicht weit genug. Die Freiheit ist mehr als nur eine Armeslänge entfernt. Jakob weiß das, obwohl er sich den Gedanken an Freiheit nur noch selten erlaubt. Seine Erinnerung versagt ihm den Dienst. Wann er das letzte Mal frei war, vermag er nicht zu sagen. Die häusliche Stille scheint ihn seit einer Ewigkeit zu begleiten, so wie der gekreuzigte Heiland an allen vier Wänden des Raumes seit einer ununterbrochenen Ewigkeit hängt. Manchmal fühlt Jakob die Blicke des holzgeschnitzten Gesichts. Sie folgen ihm von Wand zu Wand, mahnen ihn, sich nicht sehen zu lassen.
Während der Asphalt langsam in der kalten Sonne trocknet, rauscht ein Wagen über den toten Hasen hinweg. Jakob zuckt zusammen, die Kettenglieder spannen sich. Ein stechender Schmerz fährt ihm durch den Knöchel bis unter die Kopfhaut, als die Haustür zufällt.
Schnell rafft Jakob die Kette, so leise wie sich Eisenketten eben raffen lassen, schleicht in gebückter Haltung in die Ecke des Raumes, die am weitesten von der schmutzigen Scheibe entfernt ist. Jakob betet, sie möge seinen Schatten nicht gesehen, die Bewegungen nicht gehört haben, als er auf der modrigen Matratze die Arme um spitze Knie schlingt.
Der Schlüssel dreht sich im Schloss der Haustür. Sie schließt immer ab. Zweieinhalb Umdrehungen lässt sie den Schlüssel machen, um sicherzugehen. Der Junge kann nicht aus seinem Zimmer fliehen. Sie weiß das. Dennoch will sie sichergehen. Auch Eisen kann brechen. Und sie sieht den Augen des Jungen, dass er noch manches Mal an das Fliehen denkt. Sie hat sich vorgenommen, ihn für diese Gedanken zu bestrafen. Er muss lernen zu gehorchen. Kinder müssen gehorchen. Sie hat es gemusst, der Junge muss es lernen. Mit festen Schritten geht sie durch den Flur. Auf der anderen Seite der Wand zuckt Jakob zusammen. Sie wirft ihren Mantel über einen alten Stuhl, der seit sie das Haus bezogen hat, im Weg steht. Sie kann sich nicht davon trennen. Jakob hört wie der Mantel sich unsanft über die Lehne legt. Die Metallknöpfe hinterlassen Kerben in dem weichen Holz. Jakob weiß, sie wird in die Küche gehen, bevor sich die Tür zu seiner Kammer öffnet. Jakob beginnt zu zählen. Es ist ein Ritual. Die Tür eines Küchenschranks klappt; eins, zwei, drei. Das Glas schlägt hart auf der Anrichte auf; vier, fünf, sechs. Der Kühlschrank summt; sieben, acht, neun. Sie schenkt sich ein; zehn, elf, zwölf. Jakobs Handflächen sind feucht, seine Kehle trocken.
Wieder feste Schritte im Flur; dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Der Schlüssel fährt ungeduldig in das Schloss der Tür. Ein dünner Lichtstrahl, der nicht als Hoffnungsschimmer taugen will, fällt in das dunkle Zimmer. Nur für einen kurzen Moment, bevor sich die Tür hinter ihr schließt. Sie mustert Jakob in seiner Haltung. Er weiß, er sollte die Arme von den spitzen Knien lösen. Er sollte sich aufrichten, sie begrüßen. Er weiß, tut er es nicht, wird sie ihn bestrafen, und ist doch unfähig eine einzige Bewegung auszuführen. Sein Körper ist starr, will ihm nicht gehorchen. Sechzehn, siebzehn, achtzehn. Der Stock kracht gegen seine Rippen. Jakob weiß, es werden weitere Schläge folgen, so lange bis er sich mühsam aufrappelt. Es ist ein Ritual, festgeschrieben seit Anbeginn seines Lebens in diesem Haus. Sie betritt sein Zimmer nie ohne den Stock. Jakob spürt den Schmerz der Schläge an manchen Tagen kaum noch. An anderen Tagen treffen sie ihn wuchtig. Sie spricht nicht ein Wort. Aus gefrorenen Augen sieht sie auf das ungehorsame Elend zu ihren Füßen hinab. Würde der Junge nur ein einziges Mal tun, was sie von ihm erwartet. Sie müsste ihn nicht schlagen, denn sie tut es wahrlich nicht gern. Der Junge versteht das nicht. Blickt sie an, mit diesen aufmüpfigen Augen, die nach Freiheit schreien. Heute hat er nicht einmal den Respekt, unter ihren Schlägen zusammen zu zucken. Sie holt erneut aus. Ihre Hand greift den Stock fester. Würde der Junge doch endlich aufstehen, sich rühren. Sie könnte aufhören. Jakob versucht nicht, sich zu schützen. Sie wird irgendwann damit aufhören. Das tut sie immer, irgendwann. Dann geht sie. Stunden später wird sie ihm etwas zu essen und die Bibel bringen. Jakob darf die Bibel nicht behalten. Sie verlangt, dass er darin liest. Genau eine Stunde, während des Essens. Sie wird ihn mit diesen gefrorenen Augen ansehen. Es ist ein Ritual. Wie das Zählen.
Als Jakob sich erhebt, langsam und gebückt, trifft ihn ein letzter Schlag auf den Rücken. Seine Kiefermuskeln verspannen sich, damit der Schrei nicht in die muffige Zimmerluft entweicht. Jakob weiß, dass er nicht schreien darf. Sie wird wütend, wenn er schreit. Endlich. Sie stellt den Stock an die Wand. Sie ist kleiner als Jakob. Hätte er den Mut, er könnte sie überwältigen. Die Glieder seiner Kette reichen. Jakob ist nicht mutig.
Sonntag, 4. März 2018
Carlotta
Sie trägt einen Bassschlüssel hinter dem linken Ohr, der nur dann sichtbar wird, wenn sie die Haare zu einem Zopf bindet oder sich auf den Kopf stellt. Dann aber ist es weniger ein Bassschlüssel als mehr ein Paddel.
"Die Welt ist ein Boot." sagt Carlotta. "Es ist immer gut, ein Paddel dabei zu haben."
Carlotta wäre gerne in einer Kleinstadt aufgewachsen und nicht zwischen den Betonschluchten, in denen der Wind so vorwitzig an Röcken und Mänteln zieht, die einer Großstadt ein beliebiges Gesicht geben.
"Es ist eben ein Hochhaus. Kein Plattenbau. Nur hoch." sagt Carlotta und nickt einem Mann, ausstaffiert mit Sandalen, aber sockenlos, über die Straße hinweg zu.
"Das ist Ede. Der wohnt hier schon mein ganzes Leben lang. Vielleicht sogar länger." sagt Carlotta und Ede hebt die Hand, indem er den Ellenbogen anwinkelt.
Carlotta dreht sich ihre Zigaretten selbst. Dabei sitzt sie im Schneidersitz auf dem Vorsprung einer Mauer, balanciert auf ihren Beinen ein Buch.
"Ich habe immer mindestens ein Buch dabei. Manchmal sogar einen Roman." sagt Carlotta.
"Wenn ich verstecken spielen möchte oder eben gerade nicht auf dem Kopf stehen kann, dann ist so ein Roman genau das Richtige." sagt Carlotta.
Das erste Mal versteckt Carlotta sich, als sie gerade Buchstaben zu Worten verbinden kann. Aus dem Wohnzimmer dringt Lärm. Gläser gehen zu Bruch. Die Stimme ihrer Mutter überschlägt sich. Nachbarn klopfen mit dem Besen gegen die Decke.
Carlotta flieht nach Nimmerland und sieht am folgenden Morgen einem Polizeibeamten in die Augen.
"Es gibt ja immer einen Morgen." sagt Carlotta.
Ihre Mutter sitzt verkatert und heiser zwischen abgewetzten Kissen. Auf dem Boden liegen Scherben.
"Hotte ist dann ausgezogen." sagt Carlotta und zuckt mit den Schultern.
Als sie eingeschult wird, schlägt ihr ein Junge, der später in einem Gleisbett gefunden werden wird, weil ihn ein herannahender Zug erfasste, die Brille von der Nase.
Der Junge hat Sommersprossen und grüne Augen.
"Wie er hieß, weiß ich nicht mehr." sagt Carlotta und streicht über die Seiten der Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges.
Der Junge wurde gerügt und stellt drei Tage später einem anderen Kind ein Bein.
"Kontaktlinsen stehen mir nicht." sagt Carlotta und schiebt ihre Brille den Nasenrücken hinauf. Sie sitzt unmerklich schief, weil Carlotta häufig beim Lesen einschläft. Dann hinterlässt der Bügel auf der linken Seite ihres Kopfes einen Abdruck, verbiegt sich an der Form ihrer Knochen.
"Außerdem kann ich so über den Rand hinaus sehen." sagt Carlotta, als wäre das selbstverständlich.
Das erste Mal über den Rand gesehen hat Carlotta in der fünften Klasse, als drei Mitschüler drohten sie über die Brüstung im 3. Stock des Schulgebäudes hinab fallen zu lassen.
Carlotta blieb stumm, die beiden Jungen und das Mädchen, deren Namen Carlotta sich weigerte dem Direktor zu nennen, kamen davon.
"Verrat liegt mir nicht." sagt Carlotta. Sie hat gelernt zu dulden.
Als sie Max trifft, ist einer ihrer Kniestrümpfe herunter gerutscht.
Max, der es nicht leiden kann, wird er "Mäxchen" gerufen, fragt sie:
"Bist du glücklich?"
Sie stehen auf einem Stück Gehweg zwischen den hohen Häusern und dem bisschen Leben in einer fast vergessenen Siedlung am Rande der Stadt.
Carlotta zieht die Nase kraus.
"Zufrieden bin ich." sagt sie. "Zufriedenheit ist das größte Glück."
Max lacht und stört sich nicht daran, dass sie ihn Mäxchen ruft.
Das erste Mal verirrt sich seine Faust in ihre Magengrube, als sie sich ein Jahr später um eine halbe Stunde verspätet.
Eis essen hatten sie gehen wollen. Mäxchen betrat die Eisdiele zu früh, bestellte für sie beide.
Das Eis schmolz unter der wachsenden Hitze seines Zorns.
Carlotta flieht in das Florenz der Familie Medici.
Sie nennt ihn nicht mehr Mäxchen und verlässt ihn fünf gebrochene Rippen später.
"Es ist nicht einfach, sich aus dem Weg zu gehen. Die Siedlung ist kleiner als ein Dorf." sagt Carlotta und wischt die Tabakkrümel von ihren Beinen.
Im Kellerabteil stapeln sich Kisten. Einmal in der Woche sitzt Carlotta auf einer säuberlich zum Quadrat gefalteten Decke zwischen den Kisten.
Zweieinhalb Stunden sitzt sie dort, studiert die Seiten des Inhaltsverzeichnisses, atmet den Staub voriger Generationen. Das Kellerabteil ist ein Ort der stillen Sicherheit.
"Zu viel Sicherheit ist trügerisch." sagt Carlotta und verschließt die Tür mit der gebotenen Sorgfalt.
Zwischen dem Alltag und den Büchern schleicht sich der Sommer aus der Siedlung. Es regnet als Ede einen Herzinfarkt erleidet. Carlotta weint und legt ihm ein Paar Socken auf den Grabstein.
"Manche Geschichten enden traurig." sagt Carlotta und deckt sich mit Andersens Märchen zu.
"Die Welt ist ein Boot." sagt Carlotta. "Es ist immer gut, ein Paddel dabei zu haben."
Carlotta wäre gerne in einer Kleinstadt aufgewachsen und nicht zwischen den Betonschluchten, in denen der Wind so vorwitzig an Röcken und Mänteln zieht, die einer Großstadt ein beliebiges Gesicht geben.
"Es ist eben ein Hochhaus. Kein Plattenbau. Nur hoch." sagt Carlotta und nickt einem Mann, ausstaffiert mit Sandalen, aber sockenlos, über die Straße hinweg zu.
"Das ist Ede. Der wohnt hier schon mein ganzes Leben lang. Vielleicht sogar länger." sagt Carlotta und Ede hebt die Hand, indem er den Ellenbogen anwinkelt.
Carlotta dreht sich ihre Zigaretten selbst. Dabei sitzt sie im Schneidersitz auf dem Vorsprung einer Mauer, balanciert auf ihren Beinen ein Buch.
"Ich habe immer mindestens ein Buch dabei. Manchmal sogar einen Roman." sagt Carlotta.
"Wenn ich verstecken spielen möchte oder eben gerade nicht auf dem Kopf stehen kann, dann ist so ein Roman genau das Richtige." sagt Carlotta.
Das erste Mal versteckt Carlotta sich, als sie gerade Buchstaben zu Worten verbinden kann. Aus dem Wohnzimmer dringt Lärm. Gläser gehen zu Bruch. Die Stimme ihrer Mutter überschlägt sich. Nachbarn klopfen mit dem Besen gegen die Decke.
Carlotta flieht nach Nimmerland und sieht am folgenden Morgen einem Polizeibeamten in die Augen.
"Es gibt ja immer einen Morgen." sagt Carlotta.
Ihre Mutter sitzt verkatert und heiser zwischen abgewetzten Kissen. Auf dem Boden liegen Scherben.
"Hotte ist dann ausgezogen." sagt Carlotta und zuckt mit den Schultern.
Als sie eingeschult wird, schlägt ihr ein Junge, der später in einem Gleisbett gefunden werden wird, weil ihn ein herannahender Zug erfasste, die Brille von der Nase.
Der Junge hat Sommersprossen und grüne Augen.
"Wie er hieß, weiß ich nicht mehr." sagt Carlotta und streicht über die Seiten der Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges.
Der Junge wurde gerügt und stellt drei Tage später einem anderen Kind ein Bein.
"Kontaktlinsen stehen mir nicht." sagt Carlotta und schiebt ihre Brille den Nasenrücken hinauf. Sie sitzt unmerklich schief, weil Carlotta häufig beim Lesen einschläft. Dann hinterlässt der Bügel auf der linken Seite ihres Kopfes einen Abdruck, verbiegt sich an der Form ihrer Knochen.
"Außerdem kann ich so über den Rand hinaus sehen." sagt Carlotta, als wäre das selbstverständlich.
Das erste Mal über den Rand gesehen hat Carlotta in der fünften Klasse, als drei Mitschüler drohten sie über die Brüstung im 3. Stock des Schulgebäudes hinab fallen zu lassen.
Carlotta blieb stumm, die beiden Jungen und das Mädchen, deren Namen Carlotta sich weigerte dem Direktor zu nennen, kamen davon.
"Verrat liegt mir nicht." sagt Carlotta. Sie hat gelernt zu dulden.
Als sie Max trifft, ist einer ihrer Kniestrümpfe herunter gerutscht.
Max, der es nicht leiden kann, wird er "Mäxchen" gerufen, fragt sie:
"Bist du glücklich?"
Sie stehen auf einem Stück Gehweg zwischen den hohen Häusern und dem bisschen Leben in einer fast vergessenen Siedlung am Rande der Stadt.
Carlotta zieht die Nase kraus.
"Zufrieden bin ich." sagt sie. "Zufriedenheit ist das größte Glück."
Max lacht und stört sich nicht daran, dass sie ihn Mäxchen ruft.
Das erste Mal verirrt sich seine Faust in ihre Magengrube, als sie sich ein Jahr später um eine halbe Stunde verspätet.
Eis essen hatten sie gehen wollen. Mäxchen betrat die Eisdiele zu früh, bestellte für sie beide.
Das Eis schmolz unter der wachsenden Hitze seines Zorns.
Carlotta flieht in das Florenz der Familie Medici.
Sie nennt ihn nicht mehr Mäxchen und verlässt ihn fünf gebrochene Rippen später.
"Es ist nicht einfach, sich aus dem Weg zu gehen. Die Siedlung ist kleiner als ein Dorf." sagt Carlotta und wischt die Tabakkrümel von ihren Beinen.
Im Kellerabteil stapeln sich Kisten. Einmal in der Woche sitzt Carlotta auf einer säuberlich zum Quadrat gefalteten Decke zwischen den Kisten.
Zweieinhalb Stunden sitzt sie dort, studiert die Seiten des Inhaltsverzeichnisses, atmet den Staub voriger Generationen. Das Kellerabteil ist ein Ort der stillen Sicherheit.
"Zu viel Sicherheit ist trügerisch." sagt Carlotta und verschließt die Tür mit der gebotenen Sorgfalt.
Zwischen dem Alltag und den Büchern schleicht sich der Sommer aus der Siedlung. Es regnet als Ede einen Herzinfarkt erleidet. Carlotta weint und legt ihm ein Paar Socken auf den Grabstein.
"Manche Geschichten enden traurig." sagt Carlotta und deckt sich mit Andersens Märchen zu.
Dienstag, 30. Januar 2018
Aus einem anderen Leben
Meldeadresse: Galaria Kaufhof, erstes Schaufenster links. sagt er und lacht. Ohne Humor hast Du verloren. sagt er und reibt sich die kalten Finger.
Er stammt ursprünglich aus der Gegend um Ingolstadt, lebte 15 Jahre im Nürnburger Raum auf der Straße und nun in Hamburg.
Wenn er von den Landungsbrücken und den freundlichen Menschen der Hansestadt spricht, werden seine Augen feucht. Das sympathische Gesicht durchzogen von feinen und groben Linien, die ein bewegtes Leben nachzeichnen.
Aus Nürnberg ist er ganz anderes gewöhnt. Aber hier, in Hamburg, da kümmern sich die Menschen. Ich nehm nur, was ich brauch. sagt er und streicht die Decke über seinen Beinen glatt.
Die Umstände, die zu seinem Leben auf der Straße führten, reißt er nur kurz an. Es ist die Geschichte einer verlorenen Liebe und von Alkohol. Ob er sich heute noch in das gutbürgerliche System einfügen kann – das weiß er nicht genau.
Sehnsucht hat er. Das klingt leise durch. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt er, aber sie stirbt.
Ganz ruhig beschreibt er nächtliche Situationen. Manchmal kommen sie und urinieren auf deinen Schlafsack, wenn du da liegst und schläfst.
Zusammenhalt auf der Straße, den gibt es. Einen Penner zu beklauen ist das Letzte. sagt er.
*****
Sie sitzt mit gekrümmtem Rücken an eine Hauswand gelehnt. Zum Schutz vor Regen und Wind hat sie kleine Schirme um sich herum aufgespannt.
In sich zurückgezogen spricht sie nicht viel oder gern.
Ihre Gesichtszüge wirken nicht unfreundlich oder verhärmt, sie tragen die Verletzung nach außen.
Die meisten Menschen hasten an ihr vorbei.
In ihren Händen hält sie einen Wintermantel.
Ist der geklaut? fragt sie und neigt den Kopf zur Seite. Nein, bestimmt nicht.
Noch mal prüft sie das Material. Und entscheidet, den Mantel zu behalten.
Vielleicht deutet sich ein Lächeln um die Mundwinkel an, als sie sehr leise Danke murmelt.
****
An einer Kette trägt er das A für Anarchie um den Hals. Seinen Kaffee trinkt er schwarz.
Willst du mir was schenken? fragt er und nickt den Passanten zu. Er ist guter Laune.
Freiwillige Entscheidung. sagt er. Er passt nicht ins System. Lieber sitzt er auf den Gehwegplatten am Bahnhof Sternschanze als in einem bürgerlichen Leben.
Er kommt zurecht. Ist hilfsbereit und freundlich. Plaudert gerne. Die rechte Hand steckt in einer bunten selbstgestrickten Stulpe.
Die andere habe ich leider verloren. sagt er.
Samstag, 18. November 2017
Internet, Sex und Redewendungen
Ich habe neulich über das Internet, Sex und Redewendungen nachgedacht.
"Eine gewischt bekommen" hat früher nichts anderes gehießen, als dass von irgendwoher, meist aus der Syntetikfaser eines billigen Teppichs, ein vorwitziger Stromschlag unter die Haut fuhr.
Heute bedeutet es außerdem ein Tinderdate erwischt zu haben.
Ich finde das toll:
Alles können wir uns im Internet bestellen. Die Liebe für's Leben oder einen Kühlschrank, der technisch dazu befähigt ist, selbständig zu erkennen, wann die Mandelmilch für den ChaiLatte versiegt und vorauseilend gehorsam eine ganze Stiege ordert.
Ich stelle mir vor der Kühlschrank geht einkaufen wie Papa ante Portas:
Mein Name ist Kühlschrank. Ich kaufe hier ein.
Bald besitzen wir alle Geräte, die unser Zuhause in eine Art riesiges Gehirn oder etwas Vergleichbares verwandeln; Geräte, die die eigenen vier Wände noch schlauer machen als es unsere Telefone und eine Brockhaus-Enzyklopädie gemeinsam je seien könnten.
Die Vorstellung von Technik, die uns das letzte bisschen Eigenverantwortung abnimmt, macht uns derart an, dass wir ohne Nachzudenken Vibratoren erfinden und kaufen, deren Spitzen mit Licht und Kamera ausgestattet sind und die eine WLAN-Schnittstelle haben.
Über Sicherheitslücken machen wir uns keine Gedanken.
Dass jeder in Funkreichweite die Bilder abgreifen kann, spart uns bei strategischer Nähe zu einer gynäkologischen Praxis den Arztbesuch.
Das ist effizient und wir sind faul und haben nichts zu verbergen.
Unsere Lebensmittel wollen wir nicht eigenhändig einholen, wenn es der Kühlschrank nicht für uns tut, ordern wir vom Bett aus die nächstbeste Frischebox und liefern den Unternehmen unsere Gewohnheiten frei Datenkabel gleich mit.
Licht wird nicht mehr gedimmt, sondern von Echo-Alexa abgeschaltet.
Dass die Geräte manchmal ohne unsere Aufforderung handeln, stört uns nicht. Der Heizungsregler, der Mozart abspielt oder die Sparcherkennung in Partylaune treffen unser Komikzentrum.
Empört haben wir uns, darunter macht es der Social-Media-trainierte Mensch ja nicht mehr, als die Zwangsfotografien für Krankenkassenkarten eingeführt wurden. Gläsern haben wir und genannt und gefühlt, als biometrische Fotografien auf Personalausweise geklebt wurden, aber unsere Telefone mit einem Lächeln und dem eigenen Fingerabdruck entsperrt.
Neuerdings erlauben wir den vor uns auf dem Tisch liegenden Apparaten, unser Gesicht zu scannen. Der Sicherheit wegen.
Wir tindern und verbinden uns quer über den Globus, fragen Suchmaschinen um Rat - nur beim Stuhlgang, da sind wir eigen und ziehen die Tür hinter uns zu.
Das Handy darf mit, weil wir auf dem Lokus nicht wie die 1980er-Generation altbacken in einem Uli Stein Buch schmökern möchten lieber tacken.
Ja, ich musste googlen und fand heraus: tacken ist die unheilige Allianz zwischen texten und kacken.
Seit diesem Erkenntnisgewinn denke ich über eine Wortverbindung von "Pinkeln" und "Selfie" nach.
Während wir unser Innerstes nach Außen kehren, tatsächlich wie virtuell, belächeln wir Merkels Neulandgedanken.
Dabei und in vibrierendem Licht betrachtet genau das: Neuland.
Wenig Regeln, viel Information und noch mehr Macht - denn Wissen ist Macht.
Das Internet ist sich nicht einig, wer diesen Satz geprägt haben soll: Liebknecht oder Bacon.
Wer die Namen nicht kennt, fragt am Ende dieses Textes die Suchmaschine seines Vertrauens, denn nichts wissen macht nichts.
Zusammen ergibt das eine Kneipenweisheit, aus einer Zeit, in der Zapfhähne ausschließlich den Zweck erfüllten, Schaumkronen auf ein Hopfen-Gerste-Malz-Gemisch zu applizieren. Gott erhalt's.
Versteht mich richtig:
Ich mag das Internet. Dort verbringe ich durchschnittlich viel Zeit, überdurchschnittlich viel davon in sozialen Netzwerken oder in der bisweilen verstörenden Welt des Internets der Dinge, wo ein Buttplug (musste ich auch googlen) mit Bluetooth so normal ist wie das morgendliche Zähne putzen.
Kissen, die in pronösem Schmuserot leuchten, wenn eine stabile Internet- und Appverbindung besteht, der / die Liebste das Haupt zur Ruhe bettet, muten auf eine seltsame Art neuzeitlich romantisch an.
Aber ein Vibrator mit Licht, Kamera und WLAN? Warum? Und wie darf ich mir das Tischgespräch zwischen Wein und Käseplatte dazu vorstellen?
"Wir waren im Urlaub an der Ostsee."
"Ach, wie schön. Habt ihr denn auch Bilder mitgebracht?"
"Schlechtes Wetter, du weißt ja wie das ist. Aber bei der Übertragung der Bilder vom Vibrator auf den Laptop, stellten Wir fest, dass Marianne einen nach hinten geneigten Uterus hat."
"Nein?"
"Doch."
"Oh!"
Die Moderne in allen Ehren, aber was - abgesehen von Elefanten - war das noch, das nichts vergisst?
Ach ja, das Internet.
Ich weiß, haben ist immer besser als brauchen. Ich habe beispielsweise zwei Katzen. Deshalb brauche ich aber noch lange keinen Apparat, der die Tiere in meiner Abwesenheit unter Trockenfutter begräbt, weil die zur Steuerung der Fütterungsvorrichtung vorgesehene App Amok läuft.
Ich habe auch ein Smartphone und einen Faible für Anglizismen. Deshalb brauche ich aber keine unsichere Messenger- oder andere App, welche die mit meiner Mutter geführten Gespräche aufzeichnet.
Schließlich ist das ein Privatanschluss und keine Servicehotline.
Und wo ich schon bei "privat" bin:
Es gibt etwas, das ich nur noch eingeschränkt habe, aber unbedingt und dringend brauche. Nicht nur beim tacken. Sondern immer.
Privatsphäre nämlich.
Die Vorstellung, dass ein Konzern den Schlüssel zu meinen Phantasien, Ängsten und Träumen und meiner Wohnung hat, gruselt mich mehr als Pennywise es je können wird - und ich weiß, niemand mag Clowns.
Der DHL-Mann, der erst nie und dann zu spät kommt, betritt ausgerechnet dann die Wohnung als die Spracherkennung meiner Wahl das Badewasser wohl temperiert hat oder meine Vibratorkamera Bilder für die Nachwelt schafft?
So ein Bild sagt schließlich mehr als tausend Worte.
Klingt nach Zukunftsdystophie? Von wegen.
Das Tool heißt Amazon Key und erlaubt sehr praktisch, dass der Paketbote die Schwelle zum Privaten übertritt.
Wir verkaufen uns aus Bequemlichkeit aus. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Während wir fluchen, dass uns die Konzerne maßgeschneiderte Werbung in die Postfächer und Briefkästen spülen, ziehen wir die Paybackkarte durch den dafür vorgesehenen Schlitz, storen unserer Erinnerungen in Clouds und lassen uns bei jedem Schritt zählen, vermessen, evaluieren.
Und die Moral? Wird sich jetzt vielleicht manch einer fragen.
Es gibt keine.
Nur ein Bewusstsein. Das sollten wir haben.
"Eine gewischt bekommen" hat früher nichts anderes gehießen, als dass von irgendwoher, meist aus der Syntetikfaser eines billigen Teppichs, ein vorwitziger Stromschlag unter die Haut fuhr.
Heute bedeutet es außerdem ein Tinderdate erwischt zu haben.
Ich finde das toll:
Alles können wir uns im Internet bestellen. Die Liebe für's Leben oder einen Kühlschrank, der technisch dazu befähigt ist, selbständig zu erkennen, wann die Mandelmilch für den ChaiLatte versiegt und vorauseilend gehorsam eine ganze Stiege ordert.
Ich stelle mir vor der Kühlschrank geht einkaufen wie Papa ante Portas:
Mein Name ist Kühlschrank. Ich kaufe hier ein.
Bald besitzen wir alle Geräte, die unser Zuhause in eine Art riesiges Gehirn oder etwas Vergleichbares verwandeln; Geräte, die die eigenen vier Wände noch schlauer machen als es unsere Telefone und eine Brockhaus-Enzyklopädie gemeinsam je seien könnten.
Die Vorstellung von Technik, die uns das letzte bisschen Eigenverantwortung abnimmt, macht uns derart an, dass wir ohne Nachzudenken Vibratoren erfinden und kaufen, deren Spitzen mit Licht und Kamera ausgestattet sind und die eine WLAN-Schnittstelle haben.
Über Sicherheitslücken machen wir uns keine Gedanken.
Dass jeder in Funkreichweite die Bilder abgreifen kann, spart uns bei strategischer Nähe zu einer gynäkologischen Praxis den Arztbesuch.
Das ist effizient und wir sind faul und haben nichts zu verbergen.
Unsere Lebensmittel wollen wir nicht eigenhändig einholen, wenn es der Kühlschrank nicht für uns tut, ordern wir vom Bett aus die nächstbeste Frischebox und liefern den Unternehmen unsere Gewohnheiten frei Datenkabel gleich mit.
Licht wird nicht mehr gedimmt, sondern von Echo-Alexa abgeschaltet.
Dass die Geräte manchmal ohne unsere Aufforderung handeln, stört uns nicht. Der Heizungsregler, der Mozart abspielt oder die Sparcherkennung in Partylaune treffen unser Komikzentrum.
Empört haben wir uns, darunter macht es der Social-Media-trainierte Mensch ja nicht mehr, als die Zwangsfotografien für Krankenkassenkarten eingeführt wurden. Gläsern haben wir und genannt und gefühlt, als biometrische Fotografien auf Personalausweise geklebt wurden, aber unsere Telefone mit einem Lächeln und dem eigenen Fingerabdruck entsperrt.
Neuerdings erlauben wir den vor uns auf dem Tisch liegenden Apparaten, unser Gesicht zu scannen. Der Sicherheit wegen.
Wir tindern und verbinden uns quer über den Globus, fragen Suchmaschinen um Rat - nur beim Stuhlgang, da sind wir eigen und ziehen die Tür hinter uns zu.
Das Handy darf mit, weil wir auf dem Lokus nicht wie die 1980er-Generation altbacken in einem Uli Stein Buch schmökern möchten lieber tacken.
Ja, ich musste googlen und fand heraus: tacken ist die unheilige Allianz zwischen texten und kacken.
Seit diesem Erkenntnisgewinn denke ich über eine Wortverbindung von "Pinkeln" und "Selfie" nach.
Während wir unser Innerstes nach Außen kehren, tatsächlich wie virtuell, belächeln wir Merkels Neulandgedanken.
Dabei und in vibrierendem Licht betrachtet genau das: Neuland.
Wenig Regeln, viel Information und noch mehr Macht - denn Wissen ist Macht.
Das Internet ist sich nicht einig, wer diesen Satz geprägt haben soll: Liebknecht oder Bacon.
Wer die Namen nicht kennt, fragt am Ende dieses Textes die Suchmaschine seines Vertrauens, denn nichts wissen macht nichts.
Zusammen ergibt das eine Kneipenweisheit, aus einer Zeit, in der Zapfhähne ausschließlich den Zweck erfüllten, Schaumkronen auf ein Hopfen-Gerste-Malz-Gemisch zu applizieren. Gott erhalt's.
Versteht mich richtig:
Ich mag das Internet. Dort verbringe ich durchschnittlich viel Zeit, überdurchschnittlich viel davon in sozialen Netzwerken oder in der bisweilen verstörenden Welt des Internets der Dinge, wo ein Buttplug (musste ich auch googlen) mit Bluetooth so normal ist wie das morgendliche Zähne putzen.
Kissen, die in pronösem Schmuserot leuchten, wenn eine stabile Internet- und Appverbindung besteht, der / die Liebste das Haupt zur Ruhe bettet, muten auf eine seltsame Art neuzeitlich romantisch an.
Aber ein Vibrator mit Licht, Kamera und WLAN? Warum? Und wie darf ich mir das Tischgespräch zwischen Wein und Käseplatte dazu vorstellen?
"Wir waren im Urlaub an der Ostsee."
"Ach, wie schön. Habt ihr denn auch Bilder mitgebracht?"
"Schlechtes Wetter, du weißt ja wie das ist. Aber bei der Übertragung der Bilder vom Vibrator auf den Laptop, stellten Wir fest, dass Marianne einen nach hinten geneigten Uterus hat."
"Nein?"
"Doch."
"Oh!"
Die Moderne in allen Ehren, aber was - abgesehen von Elefanten - war das noch, das nichts vergisst?
Ach ja, das Internet.
Ich weiß, haben ist immer besser als brauchen. Ich habe beispielsweise zwei Katzen. Deshalb brauche ich aber noch lange keinen Apparat, der die Tiere in meiner Abwesenheit unter Trockenfutter begräbt, weil die zur Steuerung der Fütterungsvorrichtung vorgesehene App Amok läuft.
Ich habe auch ein Smartphone und einen Faible für Anglizismen. Deshalb brauche ich aber keine unsichere Messenger- oder andere App, welche die mit meiner Mutter geführten Gespräche aufzeichnet.
Schließlich ist das ein Privatanschluss und keine Servicehotline.
Und wo ich schon bei "privat" bin:
Es gibt etwas, das ich nur noch eingeschränkt habe, aber unbedingt und dringend brauche. Nicht nur beim tacken. Sondern immer.
Privatsphäre nämlich.
Die Vorstellung, dass ein Konzern den Schlüssel zu meinen Phantasien, Ängsten und Träumen und meiner Wohnung hat, gruselt mich mehr als Pennywise es je können wird - und ich weiß, niemand mag Clowns.
Der DHL-Mann, der erst nie und dann zu spät kommt, betritt ausgerechnet dann die Wohnung als die Spracherkennung meiner Wahl das Badewasser wohl temperiert hat oder meine Vibratorkamera Bilder für die Nachwelt schafft?
So ein Bild sagt schließlich mehr als tausend Worte.
Klingt nach Zukunftsdystophie? Von wegen.
Das Tool heißt Amazon Key und erlaubt sehr praktisch, dass der Paketbote die Schwelle zum Privaten übertritt.
Wir verkaufen uns aus Bequemlichkeit aus. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Während wir fluchen, dass uns die Konzerne maßgeschneiderte Werbung in die Postfächer und Briefkästen spülen, ziehen wir die Paybackkarte durch den dafür vorgesehenen Schlitz, storen unserer Erinnerungen in Clouds und lassen uns bei jedem Schritt zählen, vermessen, evaluieren.
Und die Moral? Wird sich jetzt vielleicht manch einer fragen.
Es gibt keine.
Nur ein Bewusstsein. Das sollten wir haben.
Donnerstag, 3. August 2017
Der Rahmen
"Mal mir ein Bild." sagt Marianne, gerade noch bevor der Wind den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Oswald kennt Marianne schon sein ganzes Leben. Deshalb sagt er nicht, sie wisse doch, er sei kein Maler. Sie widerspräche ihm ohnehin, dessen ist sich Oswald gewiss.
Als Marianne ihr Augenlicht verliert, sind sie noch Kinder.
Oswald flicht aus den Schilffhalmen, die sich über den schmalen Bachlauf neigen, als seien sie nicht sicher, ob sie den richtigen Platz zum wachsen erwählt hätten, einen Rahmen.
Die Form ist nicht kompliziert. Der Rahmen eines Bildes, so denkt Oswald, hat unverschnörkelt zu sein. Andernfalls lenkte er den Betrachter zu sehr vom Wesentlichen ab, dem Bild nämlich.
Oswald ist ohnehin der Ansicht, dass zu viele Ablenkungen vom Wesentlichen den Lauf der Welt bestimmen.
Während er also ein einfaches, aber keinesfalls schmuckloses Quadrat flicht, schweigt Marianne.
Marianne schweigt in regelmäßigen Abständen. Oswald ist das Schweigen gewöhnt. Obgleich er es anfangs als irritierend empfand, ist es ihm mit der Zeit angenehm geworden.
In Mariannes Schweigen ertrinken die Geräusche der Welt. Was dann übrig bleibt ist der Wind, der über die Haut streicht und den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Oswald mag die Stille. Er füllt sie mit Gedanken, die er manchmal für sich behält und manchmal bei einer passenden Gelegenheit mit Marianne teilt.
"Weißt du noch, neulich als wir am Bachlauf saßen, da hast du so schön geschwiegen und ich habe mir gedacht..." sagt er dann, während er den Käse, dessen Namen er sich nicht merken kann, aber den Marianne am liebsten ganz ohne die Zugabe von Brot isst, in eine Schale hobelt und Marianne hebt den Kopf, der ein leichtes Nicken andeutet.
Bei manchen solcher Gelegenheiten stellt sich heraus, dass Oswald versehentlich eine Geschichte erfunden oder zumindest gedacht hat. Von Fröschen, die sich ein Wettspringen über die Seerosenblätter auf einem Teich liefern. Sie heißen Fridolin und Ferdinand. Wobei Ferdinand stets den Kürzeren zieht, weil er einst knapp dem Storch entrann und ihm ob dieser glücklichen Fügung im Unglück eine Verletzung im rechten Schenkel geblieben ist, die seine Sprungweite in erheblichem Maße beeinträchtigt.
Oder von Clara und Motte, was selbstverständlich ein Spitzname ist, den sich Detlef, denn so lautet Mottes tatsächlicher Name, den ihm seine einfalts- aber nicht lieblose Mutter gegeben hat, ausgesucht hat, die sich unter den Brücken einer Großstadt herumtreiben und ihrem Leben den Anstrich des rebellischen zu geben versuchen, so lange sie jung und noch keine Bänker sind. Motte ist sich übrigens sicher, dass er seinen Spitznamen, den er deshalb als passend empfand, weil er die freie Wahl hatte und weil er den Lichtschein des Feuers an Oktobertagen so sehr liebt, dass er sich hin und wieder vorstellte, hineinzufliegen, würde abgeben müssen, machte er die Ausbildung in einem großen Bankhaus, wie sein Vater es sich für sich selbst wünschte.
Marianne stellte vor einigen Jahren die Frage, woher diese Geschichten kämen. Oswald, der keine Antwort darauf zu geben gewusst hatte und sich selbst niemals als phantasievoll bezeichnen würde, hatte mit den Schultern gezuckt. Sie seien einfach plötzlich da, wenn die Stille so unüberhörbar laut klänge.
Oswald legt den geflochtenen Rahmen auf das an wenigen Stellen durcheinander geratene Gras. Mit vorsichtigen Bewegungen richtet er die platt gedrückten Halme auf, streicht hin und her, bis die Ordnung in dem kleinen von Schilffhalmen umrandeten Raum wieder hergestellt ist.
"Siehst du", sagt er und nimmt Mariannes Hand, führt ihren Finger sachte über den Rahmen, "das sind die Grenzen eines Königreiches. Dort leben vor allem Fischer, die sich selbst keinen Herrscher gegeben haben und den Frieden untereinander für ein wertvolles Gut halten. Sie streiten nicht, sondern flicken ihre Netze im Schatten der Bäume. Viele von ihnen leben schon seit dem Tag ihrer Geburt in den kleinen Dörfern, die nicht mehr Einwohner zählen, als du Finger an beiden Händen hast."
Oswald lässt Mariannes Finger durch die Grashalme streifen. Als sie mit der Kuppe des Zeigefingers einen Löwenzahn berührt, sagt Oswald:
"Vorsicht, unter eben diesem Baum hat sich der alte Pappadello niedergelassen, um seinem Enkel das Flicken der Netze beizubringen. Pappadello fehlen die Eck- und verschiedene Backenzähne im Oberkiefer. Er findet das praktisch, denn so hält die Pfeife, trotzdem er spricht. Seinem Enkel, den er nur "Enkel" nennt, zum einen weil der Junge der einzige Enkel ist, den Pappadello hat und zum anderen, weil er sich den Namen des Jungen nicht oder überhaupt einen Namen merken kann, gefällt nicht, dass Pappadello Pfeife raucht, aber er mag den Geruch des Tabaks. Also bittet er seinen Großvater fast nie darum, aufzuhören. Wollen wir sie nicht weiter stören."
Mariannes Hand wandert behutsam das Quadrat ab.
"Einmal im Jahr treffen sie sich und begehen ein ausgelassenes Fest. Drei Tage und drei Nächte versiegt das Bier in ihren Krügen nicht und selbst den Kleinsten ist es gestattet, bis zum Morgen um die Feuer zu tanzen."
Oswald beschreibt mit Mariannes Fingern einen Kreis in der Mitte des Rahmens.
"Sie feiern in diesen drei Tagen und Nächten nicht weniger als ihre Freiheit und ihr Glück. Die Feuer halten sie warm und an langen Tischen tauschen sie Geschichten wie Neuigkeiten aus. Manches Mal kommt es sogar vor, dass sie Pläne schmieden. So sind im vergangenen Jahr die Schwestern Berta und Elvira aus dem Dorf im obersten Winkel des Königreiches auf die Idee gekommen, sie könnten umziehen. Berta ist von jeher pragmatischer Natur und setzt gemachte Pläne flugs in die Tat um. Am Abend des dritten Tages war es beschlossene Sache. Sie und Elvira würden ihr Dorf gegen ein anderes eintauschen. Da aber so ein Dorf zwei Einwohner zu viel und eines zwei zu wenig haben, wodurch das Gleichgewicht empfindlich gestört würde, entschieden sich zwei Freunde aus dem am südlichsten gelegenen Dorf, die Plätze mit den beiden Schwestern zu tauschen. Von ihren Reisen werden sie in diesem Jahr beim großen Fest berichten. Und wer weiß, vielleicht sind wir beide ja dabei, um zu erfahren wie es ihnen ergangen ist" sagt Oswald und Marianne lächelt, als der Wind den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Oswald kennt Marianne schon sein ganzes Leben. Deshalb sagt er nicht, sie wisse doch, er sei kein Maler. Sie widerspräche ihm ohnehin, dessen ist sich Oswald gewiss.
Als Marianne ihr Augenlicht verliert, sind sie noch Kinder.
Oswald flicht aus den Schilffhalmen, die sich über den schmalen Bachlauf neigen, als seien sie nicht sicher, ob sie den richtigen Platz zum wachsen erwählt hätten, einen Rahmen.
Die Form ist nicht kompliziert. Der Rahmen eines Bildes, so denkt Oswald, hat unverschnörkelt zu sein. Andernfalls lenkte er den Betrachter zu sehr vom Wesentlichen ab, dem Bild nämlich.
Oswald ist ohnehin der Ansicht, dass zu viele Ablenkungen vom Wesentlichen den Lauf der Welt bestimmen.
Während er also ein einfaches, aber keinesfalls schmuckloses Quadrat flicht, schweigt Marianne.
Marianne schweigt in regelmäßigen Abständen. Oswald ist das Schweigen gewöhnt. Obgleich er es anfangs als irritierend empfand, ist es ihm mit der Zeit angenehm geworden.
In Mariannes Schweigen ertrinken die Geräusche der Welt. Was dann übrig bleibt ist der Wind, der über die Haut streicht und den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Oswald mag die Stille. Er füllt sie mit Gedanken, die er manchmal für sich behält und manchmal bei einer passenden Gelegenheit mit Marianne teilt.
"Weißt du noch, neulich als wir am Bachlauf saßen, da hast du so schön geschwiegen und ich habe mir gedacht..." sagt er dann, während er den Käse, dessen Namen er sich nicht merken kann, aber den Marianne am liebsten ganz ohne die Zugabe von Brot isst, in eine Schale hobelt und Marianne hebt den Kopf, der ein leichtes Nicken andeutet.
Bei manchen solcher Gelegenheiten stellt sich heraus, dass Oswald versehentlich eine Geschichte erfunden oder zumindest gedacht hat. Von Fröschen, die sich ein Wettspringen über die Seerosenblätter auf einem Teich liefern. Sie heißen Fridolin und Ferdinand. Wobei Ferdinand stets den Kürzeren zieht, weil er einst knapp dem Storch entrann und ihm ob dieser glücklichen Fügung im Unglück eine Verletzung im rechten Schenkel geblieben ist, die seine Sprungweite in erheblichem Maße beeinträchtigt.
Oder von Clara und Motte, was selbstverständlich ein Spitzname ist, den sich Detlef, denn so lautet Mottes tatsächlicher Name, den ihm seine einfalts- aber nicht lieblose Mutter gegeben hat, ausgesucht hat, die sich unter den Brücken einer Großstadt herumtreiben und ihrem Leben den Anstrich des rebellischen zu geben versuchen, so lange sie jung und noch keine Bänker sind. Motte ist sich übrigens sicher, dass er seinen Spitznamen, den er deshalb als passend empfand, weil er die freie Wahl hatte und weil er den Lichtschein des Feuers an Oktobertagen so sehr liebt, dass er sich hin und wieder vorstellte, hineinzufliegen, würde abgeben müssen, machte er die Ausbildung in einem großen Bankhaus, wie sein Vater es sich für sich selbst wünschte.
Marianne stellte vor einigen Jahren die Frage, woher diese Geschichten kämen. Oswald, der keine Antwort darauf zu geben gewusst hatte und sich selbst niemals als phantasievoll bezeichnen würde, hatte mit den Schultern gezuckt. Sie seien einfach plötzlich da, wenn die Stille so unüberhörbar laut klänge.
Oswald legt den geflochtenen Rahmen auf das an wenigen Stellen durcheinander geratene Gras. Mit vorsichtigen Bewegungen richtet er die platt gedrückten Halme auf, streicht hin und her, bis die Ordnung in dem kleinen von Schilffhalmen umrandeten Raum wieder hergestellt ist.
"Siehst du", sagt er und nimmt Mariannes Hand, führt ihren Finger sachte über den Rahmen, "das sind die Grenzen eines Königreiches. Dort leben vor allem Fischer, die sich selbst keinen Herrscher gegeben haben und den Frieden untereinander für ein wertvolles Gut halten. Sie streiten nicht, sondern flicken ihre Netze im Schatten der Bäume. Viele von ihnen leben schon seit dem Tag ihrer Geburt in den kleinen Dörfern, die nicht mehr Einwohner zählen, als du Finger an beiden Händen hast."
Oswald lässt Mariannes Finger durch die Grashalme streifen. Als sie mit der Kuppe des Zeigefingers einen Löwenzahn berührt, sagt Oswald:
"Vorsicht, unter eben diesem Baum hat sich der alte Pappadello niedergelassen, um seinem Enkel das Flicken der Netze beizubringen. Pappadello fehlen die Eck- und verschiedene Backenzähne im Oberkiefer. Er findet das praktisch, denn so hält die Pfeife, trotzdem er spricht. Seinem Enkel, den er nur "Enkel" nennt, zum einen weil der Junge der einzige Enkel ist, den Pappadello hat und zum anderen, weil er sich den Namen des Jungen nicht oder überhaupt einen Namen merken kann, gefällt nicht, dass Pappadello Pfeife raucht, aber er mag den Geruch des Tabaks. Also bittet er seinen Großvater fast nie darum, aufzuhören. Wollen wir sie nicht weiter stören."
Mariannes Hand wandert behutsam das Quadrat ab.
"Einmal im Jahr treffen sie sich und begehen ein ausgelassenes Fest. Drei Tage und drei Nächte versiegt das Bier in ihren Krügen nicht und selbst den Kleinsten ist es gestattet, bis zum Morgen um die Feuer zu tanzen."
Oswald beschreibt mit Mariannes Fingern einen Kreis in der Mitte des Rahmens.
"Sie feiern in diesen drei Tagen und Nächten nicht weniger als ihre Freiheit und ihr Glück. Die Feuer halten sie warm und an langen Tischen tauschen sie Geschichten wie Neuigkeiten aus. Manches Mal kommt es sogar vor, dass sie Pläne schmieden. So sind im vergangenen Jahr die Schwestern Berta und Elvira aus dem Dorf im obersten Winkel des Königreiches auf die Idee gekommen, sie könnten umziehen. Berta ist von jeher pragmatischer Natur und setzt gemachte Pläne flugs in die Tat um. Am Abend des dritten Tages war es beschlossene Sache. Sie und Elvira würden ihr Dorf gegen ein anderes eintauschen. Da aber so ein Dorf zwei Einwohner zu viel und eines zwei zu wenig haben, wodurch das Gleichgewicht empfindlich gestört würde, entschieden sich zwei Freunde aus dem am südlichsten gelegenen Dorf, die Plätze mit den beiden Schwestern zu tauschen. Von ihren Reisen werden sie in diesem Jahr beim großen Fest berichten. Und wer weiß, vielleicht sind wir beide ja dabei, um zu erfahren wie es ihnen ergangen ist" sagt Oswald und Marianne lächelt, als der Wind den Wetterhahn auf dem Kirchturm dreht.
Dienstag, 23. Mai 2017
Das Glück sitzt im Einkaufswagen
Leopold sieht aus grünen Augen auf die Welt. Ihr Farbe wechselt je nach Richtung des Windes. Heute schimmern sie in diesem Ton, welchen eingelegte Oliven annehmen.
"Da ist Pfand drauf!" sagt Leopold und schiebt den Einkaufswagen an dem behäbigen Parkplatzwächter vorbei.
Niemand hält ihn auf. Nicht einmal Anstalten machen sie.
"Das liegt daran, dass in meinem Namen das Wort "Löwe" steckt", hat Leopold Hannah einmal erklärt, als sie auf einer Wiese Gänseblümchen mit den Zehen ausreißen.
Hannahs linke Augenbraue hebt sich damals bis unter den Pony, aber Leopold wischt ihr den Zweifel aus dem Gesicht, wie er den Tau von einem Blatt streifen würde.
Der Einkaufswagen knattert über den warmen Asphalt.
"Und jetzt?" fragt Hannah. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie den ganzen Tag den Einkaufswagen durch die Straßen schieben.
"Wir gehen ins Museum." sagt Leopold und klingt dabei, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es keine andere Möglichkeit, als verstünde er die Frage nicht.
Er hat immer einen Plan. Hannah kennt ihn seit fünf Jahren; sie sollte wissen, dass er immer einen Plan hat.
Das sonore Grundrauschen der Welt sei über ihrem Kopf zusammengeschlagen und es habe ihr Lachen verschluckt, hatte Hannah vor wenigen Stunden gesagt.
Also nimmt Leopold seinen olivegrünen Blick auf die Welt, einen Euro in die linke und Hannah an die rechte Hand, um einen Einkaufswagen zu leihen. Er wird ihn zurück bringen, wenn der Tag vorüber ist.
"Steig ein." sagt er.
Hannah schüttelt ihr kurzes Haar. "Kommt ja gar nicht in die Tüte!"
Leopold ist heute nicht in der Stimmung zu verhandeln.
"Steig ein." sagt er.
Hannah verzieht das Gesicht. Sie kennt diesen Nachdruck. "In deinem Namen steckt das Wort "Löwe", ich weiß schon." murmelt sie und steigt in den Einkaufswagen.
Durch ihr Gewicht bewegt sich der Wagen weniger geräuschvoll über die Gehwege und Kreuzungen.
"Wir haben die Stille verlernt." sagt Hannah und durchsucht ihre Tasche, als erwarte sie dort Schweigen zu finden.
"Stille ist das letzte, was du jetzt brauchst."
Leopold schiebt den Wagen mit gleichmäßigen Schritten durch die Stadt, an den Sirenen und Gesprächen, den tickenden Ampeln und bellenden Hunden vorbei.
Er stört sich nicht an den Gesichtern der Menschen. Er bemerkt nicht, dass sie ihre Telefone zücken, ihn und Hannah unter die Schutzfolien der Displays bannen.
Leopold schiebt den Einkaufswagen über den warmen Asphalt und summt.
"Jetzt fang nicht auch noch an zu singen." quengelt Hannah, ohne sich umzudrehen.
"Ich summe." stellt Leopold fest, ohne sich nachhaltig stören zu lassen.
Zum Eingang des Museums führt eine imposante Treppe, die zu besonderen Gelegenheiten ein Teppich von schlichtem Grau ziert. Die Stadtväter legen Wert auf elegante Bescheidenheit.
"Wir nehmen die Rampe." sagt Leopold, um Hannahs nicht gestellte Frage zu beantworten.
"Die lassen uns doch da nie rein." Hannah fehlt es an grundsätzlichem Vertrauen.
Leopold stemmt seinen schmalen Körper gegen den Einkaufswagen. Langsam nähern sie sich dem Ende der Rampe.
"Ehrlich, du willst doch da jetzt nicht wirklich rein?!" Die Nervosität sitzt auf Hannahs Schultern und gackert.
"Doch." Mehr sagt er nicht. Stattdessen atmet er tief ein. Er nimmt Anlauf. Die Schiebetüren des Museums gleiten auseinander. Der Einkaufswagen rauscht an dem Pförtner und seinem tonlos geöffneten Mund vorbei.
Leopold schließt seine Hände fester um den Griff, als Hannah die Arme in den Sog der aufgewirbelten Museumsluft wirft.
Er steuert den Wagen um die Säulen herum, an der aufdringlichen Kunst des venzianischen Barock vorbei.
Das Lachen jagt durch Hannahs Herzkreislaufsystem.
Der Pförtner schlittert über den glatten Boden und Leopold weiß, er muss an dem Versuch scheitern, ihn am Kragen zu packen.
Hannahs Lachen füllt die Halle, als sie die letzte scharfe Kurve nehmen.
Fast fliegt der Einkaufswagen durch die auseinander gleitenden Schiebetüren, die Rampe hinunter. Der Pförtner bleibt schnaufend auf der obersten Stufe der Treppe stehen, unwillkürlich lächelt er.
"Noch mal!" schreit Hannah in den Vorabend, die Arme in die Luft gereckt, als wollte sie sich daran festhalten.
Das sonore Grundrauschen weicht, als Leopold den Einkaufswagen zurück über die Gehwege und Kreuzungen und den warmen Asphalt schiebt.
Und in seinem olivgrünen Blick auf die Welt schimmert Hannahs Gesicht glücklich.
"Da ist Pfand drauf!" sagt Leopold und schiebt den Einkaufswagen an dem behäbigen Parkplatzwächter vorbei.
Niemand hält ihn auf. Nicht einmal Anstalten machen sie.
"Das liegt daran, dass in meinem Namen das Wort "Löwe" steckt", hat Leopold Hannah einmal erklärt, als sie auf einer Wiese Gänseblümchen mit den Zehen ausreißen.
Hannahs linke Augenbraue hebt sich damals bis unter den Pony, aber Leopold wischt ihr den Zweifel aus dem Gesicht, wie er den Tau von einem Blatt streifen würde.
Der Einkaufswagen knattert über den warmen Asphalt.
"Und jetzt?" fragt Hannah. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie den ganzen Tag den Einkaufswagen durch die Straßen schieben.
"Wir gehen ins Museum." sagt Leopold und klingt dabei, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es keine andere Möglichkeit, als verstünde er die Frage nicht.
Er hat immer einen Plan. Hannah kennt ihn seit fünf Jahren; sie sollte wissen, dass er immer einen Plan hat.
Das sonore Grundrauschen der Welt sei über ihrem Kopf zusammengeschlagen und es habe ihr Lachen verschluckt, hatte Hannah vor wenigen Stunden gesagt.
Also nimmt Leopold seinen olivegrünen Blick auf die Welt, einen Euro in die linke und Hannah an die rechte Hand, um einen Einkaufswagen zu leihen. Er wird ihn zurück bringen, wenn der Tag vorüber ist.
"Steig ein." sagt er.
Hannah schüttelt ihr kurzes Haar. "Kommt ja gar nicht in die Tüte!"
Leopold ist heute nicht in der Stimmung zu verhandeln.
"Steig ein." sagt er.
Hannah verzieht das Gesicht. Sie kennt diesen Nachdruck. "In deinem Namen steckt das Wort "Löwe", ich weiß schon." murmelt sie und steigt in den Einkaufswagen.
Durch ihr Gewicht bewegt sich der Wagen weniger geräuschvoll über die Gehwege und Kreuzungen.
"Wir haben die Stille verlernt." sagt Hannah und durchsucht ihre Tasche, als erwarte sie dort Schweigen zu finden.
"Stille ist das letzte, was du jetzt brauchst."
Leopold schiebt den Wagen mit gleichmäßigen Schritten durch die Stadt, an den Sirenen und Gesprächen, den tickenden Ampeln und bellenden Hunden vorbei.
Er stört sich nicht an den Gesichtern der Menschen. Er bemerkt nicht, dass sie ihre Telefone zücken, ihn und Hannah unter die Schutzfolien der Displays bannen.
Leopold schiebt den Einkaufswagen über den warmen Asphalt und summt.
"Jetzt fang nicht auch noch an zu singen." quengelt Hannah, ohne sich umzudrehen.
"Ich summe." stellt Leopold fest, ohne sich nachhaltig stören zu lassen.
Zum Eingang des Museums führt eine imposante Treppe, die zu besonderen Gelegenheiten ein Teppich von schlichtem Grau ziert. Die Stadtväter legen Wert auf elegante Bescheidenheit.
"Wir nehmen die Rampe." sagt Leopold, um Hannahs nicht gestellte Frage zu beantworten.
"Die lassen uns doch da nie rein." Hannah fehlt es an grundsätzlichem Vertrauen.
Leopold stemmt seinen schmalen Körper gegen den Einkaufswagen. Langsam nähern sie sich dem Ende der Rampe.
"Ehrlich, du willst doch da jetzt nicht wirklich rein?!" Die Nervosität sitzt auf Hannahs Schultern und gackert.
"Doch." Mehr sagt er nicht. Stattdessen atmet er tief ein. Er nimmt Anlauf. Die Schiebetüren des Museums gleiten auseinander. Der Einkaufswagen rauscht an dem Pförtner und seinem tonlos geöffneten Mund vorbei.
Leopold schließt seine Hände fester um den Griff, als Hannah die Arme in den Sog der aufgewirbelten Museumsluft wirft.
Er steuert den Wagen um die Säulen herum, an der aufdringlichen Kunst des venzianischen Barock vorbei.
Das Lachen jagt durch Hannahs Herzkreislaufsystem.
Der Pförtner schlittert über den glatten Boden und Leopold weiß, er muss an dem Versuch scheitern, ihn am Kragen zu packen.
Hannahs Lachen füllt die Halle, als sie die letzte scharfe Kurve nehmen.
Fast fliegt der Einkaufswagen durch die auseinander gleitenden Schiebetüren, die Rampe hinunter. Der Pförtner bleibt schnaufend auf der obersten Stufe der Treppe stehen, unwillkürlich lächelt er.
"Noch mal!" schreit Hannah in den Vorabend, die Arme in die Luft gereckt, als wollte sie sich daran festhalten.
Das sonore Grundrauschen weicht, als Leopold den Einkaufswagen zurück über die Gehwege und Kreuzungen und den warmen Asphalt schiebt.
Und in seinem olivgrünen Blick auf die Welt schimmert Hannahs Gesicht glücklich.
Mittwoch, 23. November 2016
Ihr Kinderlein kommet - mir nicht zu nah
Halten Sie mich nicht für einen Menschenfeind. Ich buche meinen Urlaub wirklich nicht in den Misantropen.
Ich bin Stadtmensch. Das luftige Leben auf dem Lande, in einem Holzhäuschen mit Reetdach hat so viel Schöner-Wohnen-Romantik, dass ich kaum zu atmen wage, geschweige denn mich auch nur in Gedanken traue, ohne farblich abgestimmten Untersetzer, ein Glas auf dem Wohnzimmertisch abzustellen.
Jedoch und das gebe ich ungern, aber unumwunden zu, gibt es eine Zeit im Jahr zu der ich mich aus dem Jahrmarkt-heiteren Trubel der kapitalistischen Großstädte fort sehne.
Gerade reckt sich mein vorwitziger Zeigefinger in den Himmel, nach Hause telefonieren, und zeitgleich suchen meine Augen denselben nach fremden Galaxien, links hinter der Milchstraße oder am Ende des Universums ab, wo es bestimmt ein tolles Restaurant gibt, ein ruhiges vielleicht ebenfalls.
Stattdessen aber sehe ich nichts weiter als ein in orange-rosé getünchtes Himmelszelt, was angeblich ein Zeichen dafür sein soll, dass irgendwo Engel Kekse backen.
Haben Sie mal versucht dem großstädtischen Weihnachtswahnsinn zu entkommen? Mission Impossible, glauben Sie mir.
Es ist November und ich bin auf der Flucht. Call me Dr. Kimble.
Ich fliehe vor Wham und vor "All I want for Christmas is you".
Vor lauter Angst, die Carey könnte mir eine rote Schleife, aus Satin womöglich, um den Hals binden, hetze ich durch die Vorweihnachtszeit.
Die schönste des Jahres, soll es sein. Um die Straßenlaternen, von denen bevorzugt in besonders dunklen Gegenden nur jede fünfte funktionsfähig ist, winden sich lebensechte Plastiknadeln. Oh, Straßenlaterne, oh Tannenbaum. Es grünt so grün - halt, stop! Falsche Jahreszeit.
Zwischen den golden schimmernden Leuchtmitteln, die inzwischen ganze Hausfassaden bedecken, fast als wären sie Efeu, klettert ein lustiger Weihnachtsmann - hohoho - vom vierten in den fünften Stock.
Vor meinem inneren Auge sehe ich automatisch Bruce Willis bei dem Versuch auf dem Rücken des Weihnachtsmannes einen weltvernichtenden Schurken zur Strecke zu bringen, langsam sterben und Danny Glover rappt dazu "Ich bin zu alt für diesen Scheiß."
Mein inneres Auge ist per se nicht sehr weihnachtlich gestimmt.
Das mag daran liegen, that I'm not driving home for Christmas either, obwohl es damals, als die Kinderaugen noch leuchteten und ich jedes Jahr aufs Neue hätte schwören können, Santa Clause - bevor ein politisch nicht korrekter Getränke-Magnat eine absurdere Kunstfigur aus dem Mann vom Nordpol machte, als Tim Allen es je gekonnt haben würde - sei an unserem Haus vorbeigerauscht, ein schöne Bescherung war.
Die Aussicht allerdings zwischen Weihnachtshektikern und Weihnachtsphobikern, deren jährliches Zusammentreffen etwas von flirting with disaster hat, deren Jagd nach dem letzten und überteuerten Tannenbaum von Erfolg gekrönt war, aber nur um das Prachtstück nicht fest genug auf das Autodach zu binden, so dass die A7 spätestens um 12 Uhr 30 am 23. Dezember für mehrere Stunden voll gesperrt werden muss, auch nur in derselben Zeitzone zu verweilen, beschert mir schlimmere Alpträume als sie sich Rosemaries Baby ausdenken könnte.
Während die Stadt sich also schmückt, Außentemperaturen zwischen 10 und 15 Grad mehr von Herbst und Erntedank künden als von Schneemännern und Glühwein, eröffnen unerschrocken allerorten Weihnachtsmärkte. Zwischen den den Buden und der Glühwein-geschwängerten Luft sammeln sich Menschentrauben, diesen verzückt-entrückt-glasierten Ausdruck im Gesicht, als wären sie kandierte Äpfel.
Derweil ducke ich mich im Supermarkt gerade noch rechtzeitig hinter eine Wand aus Spekulatius, um kampflustigen Zimtsternen zu entgehen. Zimtsterne sind die wahren Namensgeber für George Lukas Todesstern.
Ich widerstehe der Versuchung, einen Panic Room aus Adventskalendern zu bauen und weiche in letzter Sekunde den lockenden Christbaumkugeln aus. Wie schön sich alles darin spiegel -lein, Spieglein an der Wand - sieh da nicht hin!
Ein Spießrutenlauf um rotnasige Rentiere und Mistelzweige herum - hohoho, catch me if you can.
So unauffällig wie möglich schlängele ich mich durch Lametta-Tentakel, an der Armee der Finsternis aus Geschenkpapierrollen vorbei.
Aus den hell erleuchteten Geschäften strömen Menschen, bepackt mit Tüten und Tand.
Gerade erst hat mir eine aufdringliche Werbung einreden wollen, ein Wassersprudler sei das (!) perfekte Weihnachtsgeschenk. Natürlich. Für Mutti ein Sprudelgerät und Vati bekommt dieses Jahr etwas Ausgefallens statt der üblichen Socken: Weihnachtsbier. Gleich einen ganzen Kasten.
Kling, Glöckchen, Klinge-linge-beutel. Für die Bedürftigen ist in der beginnenden schönsten Zeit des Jahres nichts übrig; wir haben längst vergessen oder nie wirklich gewusst, worum es in der Weihnachtszeit geht.
Besinnlich und langsam zerbröselt mein zartbitteres Lebkuchenherz in der Vorweihnachtszeit.
Ich bin Stadtmensch. Das luftige Leben auf dem Lande, in einem Holzhäuschen mit Reetdach hat so viel Schöner-Wohnen-Romantik, dass ich kaum zu atmen wage, geschweige denn mich auch nur in Gedanken traue, ohne farblich abgestimmten Untersetzer, ein Glas auf dem Wohnzimmertisch abzustellen.
Jedoch und das gebe ich ungern, aber unumwunden zu, gibt es eine Zeit im Jahr zu der ich mich aus dem Jahrmarkt-heiteren Trubel der kapitalistischen Großstädte fort sehne.
Gerade reckt sich mein vorwitziger Zeigefinger in den Himmel, nach Hause telefonieren, und zeitgleich suchen meine Augen denselben nach fremden Galaxien, links hinter der Milchstraße oder am Ende des Universums ab, wo es bestimmt ein tolles Restaurant gibt, ein ruhiges vielleicht ebenfalls.
Stattdessen aber sehe ich nichts weiter als ein in orange-rosé getünchtes Himmelszelt, was angeblich ein Zeichen dafür sein soll, dass irgendwo Engel Kekse backen.
Haben Sie mal versucht dem großstädtischen Weihnachtswahnsinn zu entkommen? Mission Impossible, glauben Sie mir.
Es ist November und ich bin auf der Flucht. Call me Dr. Kimble.
Ich fliehe vor Wham und vor "All I want for Christmas is you".
Vor lauter Angst, die Carey könnte mir eine rote Schleife, aus Satin womöglich, um den Hals binden, hetze ich durch die Vorweihnachtszeit.
Die schönste des Jahres, soll es sein. Um die Straßenlaternen, von denen bevorzugt in besonders dunklen Gegenden nur jede fünfte funktionsfähig ist, winden sich lebensechte Plastiknadeln. Oh, Straßenlaterne, oh Tannenbaum. Es grünt so grün - halt, stop! Falsche Jahreszeit.
Zwischen den golden schimmernden Leuchtmitteln, die inzwischen ganze Hausfassaden bedecken, fast als wären sie Efeu, klettert ein lustiger Weihnachtsmann - hohoho - vom vierten in den fünften Stock.
Vor meinem inneren Auge sehe ich automatisch Bruce Willis bei dem Versuch auf dem Rücken des Weihnachtsmannes einen weltvernichtenden Schurken zur Strecke zu bringen, langsam sterben und Danny Glover rappt dazu "Ich bin zu alt für diesen Scheiß."
Mein inneres Auge ist per se nicht sehr weihnachtlich gestimmt.
Das mag daran liegen, that I'm not driving home for Christmas either, obwohl es damals, als die Kinderaugen noch leuchteten und ich jedes Jahr aufs Neue hätte schwören können, Santa Clause - bevor ein politisch nicht korrekter Getränke-Magnat eine absurdere Kunstfigur aus dem Mann vom Nordpol machte, als Tim Allen es je gekonnt haben würde - sei an unserem Haus vorbeigerauscht, ein schöne Bescherung war.
Die Aussicht allerdings zwischen Weihnachtshektikern und Weihnachtsphobikern, deren jährliches Zusammentreffen etwas von flirting with disaster hat, deren Jagd nach dem letzten und überteuerten Tannenbaum von Erfolg gekrönt war, aber nur um das Prachtstück nicht fest genug auf das Autodach zu binden, so dass die A7 spätestens um 12 Uhr 30 am 23. Dezember für mehrere Stunden voll gesperrt werden muss, auch nur in derselben Zeitzone zu verweilen, beschert mir schlimmere Alpträume als sie sich Rosemaries Baby ausdenken könnte.
Während die Stadt sich also schmückt, Außentemperaturen zwischen 10 und 15 Grad mehr von Herbst und Erntedank künden als von Schneemännern und Glühwein, eröffnen unerschrocken allerorten Weihnachtsmärkte. Zwischen den den Buden und der Glühwein-geschwängerten Luft sammeln sich Menschentrauben, diesen verzückt-entrückt-glasierten Ausdruck im Gesicht, als wären sie kandierte Äpfel.
Derweil ducke ich mich im Supermarkt gerade noch rechtzeitig hinter eine Wand aus Spekulatius, um kampflustigen Zimtsternen zu entgehen. Zimtsterne sind die wahren Namensgeber für George Lukas Todesstern.
Ich widerstehe der Versuchung, einen Panic Room aus Adventskalendern zu bauen und weiche in letzter Sekunde den lockenden Christbaumkugeln aus. Wie schön sich alles darin spiegel -lein, Spieglein an der Wand - sieh da nicht hin!
Ein Spießrutenlauf um rotnasige Rentiere und Mistelzweige herum - hohoho, catch me if you can.
So unauffällig wie möglich schlängele ich mich durch Lametta-Tentakel, an der Armee der Finsternis aus Geschenkpapierrollen vorbei.
Aus den hell erleuchteten Geschäften strömen Menschen, bepackt mit Tüten und Tand.
Gerade erst hat mir eine aufdringliche Werbung einreden wollen, ein Wassersprudler sei das (!) perfekte Weihnachtsgeschenk. Natürlich. Für Mutti ein Sprudelgerät und Vati bekommt dieses Jahr etwas Ausgefallens statt der üblichen Socken: Weihnachtsbier. Gleich einen ganzen Kasten.
Kling, Glöckchen, Klinge-linge-beutel. Für die Bedürftigen ist in der beginnenden schönsten Zeit des Jahres nichts übrig; wir haben längst vergessen oder nie wirklich gewusst, worum es in der Weihnachtszeit geht.
Besinnlich und langsam zerbröselt mein zartbitteres Lebkuchenherz in der Vorweihnachtszeit.
Montag, 21. November 2016
Paulas Protokoll
Donnerstag
Zwei Uhr sechsunddreißig
Dein Schnarchen klingt fremd. Es gehört nicht zu mir. Gedankenstriche malen ein Bild an die Wand. Schmatzend ziehst du die Luft ein. Meine Finger werden ein Ballungsgebiet.
Acht Uhr einundzwanzig
Paula, sagst du und versuchst sanft zu klingen. Du bist so unendlich bemüht. Manchmal. Deine Stimme ist wie Schleifpapier Stärke vier. Bearbeitet mich wie ein rohes Stück Holz.
Aufstehen. Du rüttelst an meiner Schulter. Seegang in mir.
Ja, sage ich durch geschlossene Lippen.
Neun Uhr fünfundvierzig
Was für ein Tag ist heute, frage ich.
Donnerstag, antwortest du. Die Buchstaben der Morgenzeitung kleben zwischen deinen Zähnen.
Gedruckte Schwärze.
Fühlt sich an wie Freitag. Es ist eine Feststellung.
Heute ist Donnerstag.
Du bist so randvoll mit besser gewusstem. Milchkaffee läuft über den Tisch.
Zehn Uhr siebzehn
Ich gehe dann jetzt, sagst du.
Die Morgenzeitung nimmt deinen Platz ein. Du küsst meine Stirn.
Zement in mir.
Zehn Uhr neunzehn
Du stehst an der Tür.
Paula, sagst du.
Ich höre nichts. Gedruckte Schwärze verschließt meine Ohren.
Schmatzend ziehst du die Luft ein. Gewitter in mir.
Das Türschloss fällt.
Dreizehn Uhr drei
Das Telefon klingelt.
Ich versuche zu denken, schreie ich den Apparat an und hebe nicht ab.
Dreizehn Uhr vier
Die rote Lampe brennt ein Loch in die Mittagsruhe. Ich stehe auf einem Bein und bin müde.
Ich bin's, schnarrst du mir entgegen. Wo bist du denn?
Die Frage ist unverschämt und geht ins Leere.
Ich springe auf dem linken Bein auf und ab. Gleichgewichtsstörung in mir.
Ich bringe was vom Chinesen mit, sagst du und legst auf.
Siebzehn Uhr elf
In ca. siebenundvierzig Minuten wirst du zurück sein. In deiner Hand eine Tüte mit lauwarmen Frühlingsrollen, die ich nicht will.
Draußen ist Winter. Brennnesseln in mir.
Samstag
Zwölf Uhr
Ich habe einen Tag verloren. Unter dem Bett ist er nicht. Ich habe nachgesehen. Außer einer Burg aus Staub ist da Nichts.
Kommst du, willst du rhetorisch wissen.
Ich brauche ein zweites Leben, ein anderes Ich, denke ich schweigend und folge dir zum Auto.
Zwölf Uhr einundfünfzig
Du stehst im Vorgarten. Hinter einem knochigen Buchsbaum lugt ein Gartenzwerg hervor. Er raucht Pfeife, du eine Zigarette.
Das Haus ist inbegriffene Spießigkeit. Der Zaun ist weiß. Deine Eltern wohnen hier.
Würgereiz in mir.
Dreizehn Uhr neun
Wollt ihr nicht endlich reinkommen, ruft deine Mutter durch den Türspalt.
Du nimmst meine Hand. Der Braten liegt in einer schweren Soße auf dem Tisch.
Den Kartoffeln fallen verkochte Augen zu.
Vorsichtig platziere ich die mintgrüne Serviette auf meinem Teller.
Stell dich nicht so an, sagst du und legst das mintgrüne Stück Stoff auf meinen Schoss.
Sturm in mir.
Dreizehn Uhr zweiunddreißig
Schmeckt dir der Braten nicht, Kind, fragt deine Mutter. Der Blick dringt durch die goldumrandete Brille.
Deine Mutter kennt meinen Namen nicht. Nach fünf Jahren nennt sie mich immer noch Kind, schreie ich dich stumm an.
Ich bin Vegetarierin, Hilde, sage ich laut.
Bist du nicht. Stell dich nicht so an, schnaubst du und ziehst schmatzend fasriges Fleisch durch deinen Kiefer.
Steinschläge in mir.
Vierundzwanzig Uhr fünf
Deine Hand liegt abstrakt auf meiner Hüfte. Ich atme nicht.
Schläfst du, flüstert dein Mund. Ich denke an die Burg aus Staub unter dem Bett.
Die abstrakte Hand bewegt sich. Ich friere ein.
Ich verstehe dich nicht, seufzt du schmatzend.
Ja, denke ich.
Schwere Bratensoße in mir.
Mittwoch
Sieben Uhr
Das Geschirr vom Vortag ist ein Berg. Wasser spült meine Unterarme.
Paula, fragst du. Angst zuckt in deinen Hausschuhen.
Drahtseilakt in mir.
Vierzehn Uhr acht
Auf dem Bildschirm tanzt ein Muster.
Du stehst in der Tür. Die Krawatte hast du zu eng gebunden.
Mein Kopf lehnt am Fenster. Draußen verweht Schnee.
Wo bist du, fragst du.
Ich ziehe am Vorhang.
Weg, sage ich.
Zwei Uhr sechsunddreißig
Dein Schnarchen klingt fremd. Es gehört nicht zu mir. Gedankenstriche malen ein Bild an die Wand. Schmatzend ziehst du die Luft ein. Meine Finger werden ein Ballungsgebiet.
Acht Uhr einundzwanzig
Paula, sagst du und versuchst sanft zu klingen. Du bist so unendlich bemüht. Manchmal. Deine Stimme ist wie Schleifpapier Stärke vier. Bearbeitet mich wie ein rohes Stück Holz.
Aufstehen. Du rüttelst an meiner Schulter. Seegang in mir.
Ja, sage ich durch geschlossene Lippen.
Neun Uhr fünfundvierzig
Was für ein Tag ist heute, frage ich.
Donnerstag, antwortest du. Die Buchstaben der Morgenzeitung kleben zwischen deinen Zähnen.
Gedruckte Schwärze.
Fühlt sich an wie Freitag. Es ist eine Feststellung.
Heute ist Donnerstag.
Du bist so randvoll mit besser gewusstem. Milchkaffee läuft über den Tisch.
Zehn Uhr siebzehn
Ich gehe dann jetzt, sagst du.
Die Morgenzeitung nimmt deinen Platz ein. Du küsst meine Stirn.
Zement in mir.
Zehn Uhr neunzehn
Du stehst an der Tür.
Paula, sagst du.
Ich höre nichts. Gedruckte Schwärze verschließt meine Ohren.
Schmatzend ziehst du die Luft ein. Gewitter in mir.
Das Türschloss fällt.
Dreizehn Uhr drei
Das Telefon klingelt.
Ich versuche zu denken, schreie ich den Apparat an und hebe nicht ab.
Dreizehn Uhr vier
Die rote Lampe brennt ein Loch in die Mittagsruhe. Ich stehe auf einem Bein und bin müde.
Ich bin's, schnarrst du mir entgegen. Wo bist du denn?
Die Frage ist unverschämt und geht ins Leere.
Ich springe auf dem linken Bein auf und ab. Gleichgewichtsstörung in mir.
Ich bringe was vom Chinesen mit, sagst du und legst auf.
Siebzehn Uhr elf
In ca. siebenundvierzig Minuten wirst du zurück sein. In deiner Hand eine Tüte mit lauwarmen Frühlingsrollen, die ich nicht will.
Draußen ist Winter. Brennnesseln in mir.
Samstag
Zwölf Uhr
Ich habe einen Tag verloren. Unter dem Bett ist er nicht. Ich habe nachgesehen. Außer einer Burg aus Staub ist da Nichts.
Kommst du, willst du rhetorisch wissen.
Ich brauche ein zweites Leben, ein anderes Ich, denke ich schweigend und folge dir zum Auto.
Zwölf Uhr einundfünfzig
Du stehst im Vorgarten. Hinter einem knochigen Buchsbaum lugt ein Gartenzwerg hervor. Er raucht Pfeife, du eine Zigarette.
Das Haus ist inbegriffene Spießigkeit. Der Zaun ist weiß. Deine Eltern wohnen hier.
Würgereiz in mir.
Dreizehn Uhr neun
Wollt ihr nicht endlich reinkommen, ruft deine Mutter durch den Türspalt.
Du nimmst meine Hand. Der Braten liegt in einer schweren Soße auf dem Tisch.
Den Kartoffeln fallen verkochte Augen zu.
Vorsichtig platziere ich die mintgrüne Serviette auf meinem Teller.
Stell dich nicht so an, sagst du und legst das mintgrüne Stück Stoff auf meinen Schoss.
Sturm in mir.
Dreizehn Uhr zweiunddreißig
Schmeckt dir der Braten nicht, Kind, fragt deine Mutter. Der Blick dringt durch die goldumrandete Brille.
Deine Mutter kennt meinen Namen nicht. Nach fünf Jahren nennt sie mich immer noch Kind, schreie ich dich stumm an.
Ich bin Vegetarierin, Hilde, sage ich laut.
Bist du nicht. Stell dich nicht so an, schnaubst du und ziehst schmatzend fasriges Fleisch durch deinen Kiefer.
Steinschläge in mir.
Vierundzwanzig Uhr fünf
Deine Hand liegt abstrakt auf meiner Hüfte. Ich atme nicht.
Schläfst du, flüstert dein Mund. Ich denke an die Burg aus Staub unter dem Bett.
Die abstrakte Hand bewegt sich. Ich friere ein.
Ich verstehe dich nicht, seufzt du schmatzend.
Ja, denke ich.
Schwere Bratensoße in mir.
Mittwoch
Sieben Uhr
Das Geschirr vom Vortag ist ein Berg. Wasser spült meine Unterarme.
Paula, fragst du. Angst zuckt in deinen Hausschuhen.
Drahtseilakt in mir.
Vierzehn Uhr acht
Auf dem Bildschirm tanzt ein Muster.
Du stehst in der Tür. Die Krawatte hast du zu eng gebunden.
Mein Kopf lehnt am Fenster. Draußen verweht Schnee.
Wo bist du, fragst du.
Ich ziehe am Vorhang.
Weg, sage ich.
Der Tag an dem Fred Astaire starb
Einleitung
“Wenn alles jetzt ist, ist jetzt für immer."
Baltasar kehrt den Satz über den Küchentisch, lässt ihn wie einen Seitenwinder zwischen den schweren Rotweingläsern und über stagniertes Kerzenwachs zucken.
Der Abend verhält sich gewöhnlich, vor der geöffneten Balkontür ist kalter Sommer.
Das plötzliche Schweigen legt einen Teppich für die Erwartung auf eine kluge Antwort aus.
“Pseudo-intellektuelle Scheiße.”
Rabea lässt ihren Ausbruch auf den Tisch fallen. Messerscharf trennt er den Seitenwinder in unregelmäßige Teile.
“Wie sind wir so geworden?” Baltasar hebt das schwere Rotweinglas nicht ohne Bitterkeit.
Am selben Abend, auf der anderen Seite der Stadt schließt Uta, alle Sorgfalt vorausgesetzt, den kleinen Kiosk zu. Zweimal dreht sich der alte Bart des Schlüssels knirschend in das passende Schloss. Die Müdigkeit liegt wie eine Stola um Utas elegant geschwungenen Hals. Aus der Ferne, im diffusen Licht einer Straßenlaterne, muss es einem zufälligen Passanten erscheinen, als wollte Uta zu einem Opernbesuch aufbrechen. Das bodenlange Cape, welches sie statt eines Mantels und zu jeder Jahreszeit zu tragen pflegt, hebt sich in nüchternem Grau von schräg liegendem Kopfsteinpflaster ab. Einen verstreichenden Moment steht Uta vor der verschlossenen Tür. Die geraden Schultern trotzig gestrafft, wendet sie sich dann beinahe plötzlich, so dass der zufällige Passant auf der gegenüberliegenden Straßenseite unversehens zusammen zuckt, seitwärts. Die flachen Absätze ausgetretener Schuhe hinterlassen eine geräuschlose Spur unter dem Laternenlicht. Uta sehnt sich unbestimmt.
“Widerlich hat er mich genannt.” murmelt Hanno in die Leere eines kahlen Lofts. Außer dem Sieb, das eine kleinteilige Kräutermischung in kochendem Wasser gefangen hält, hört ihn niemand. Abwesend streicht Hanno die hemdsärmligen Karos glatt. Die Kräutermischung dampft.
“Widerlich.” Er will über das Gespräch mit August nicht nachdenken. Der Versuchsaufbau war von vorneherein fehlerhaft, will sich seine gekränkte Eitelkeit einreden. Ein strategisch geplanter Rückzug hatte vor ihm gelegen. Und war ihm doch verwehrt geblieben.
Ein wütender Sturm war über ihn herein gebrochen, vor nicht ganz einer Stunde, zwischen zwei Parkbänken und einem Abendspaziergang. Hanno gießt sich das von Kräutern durchzogene Wasser in eine mit Ankern bemalte Tasse. Der Henkel fehlt.
“August ist auch nur einer von vielen, die zu sehr auf ihr Äußeres achten.” sagt er sich.
Hauptteil
Das Leben vor dem Baulärm scheint Baltasar zu weit entfernt, als dass er sich erinnern könnte. Der Abriss sanierungsbedürftiger Altbauten findet nur eine Staubwolke entfernt statt. Sechs Uhr neunundzwanzig setzt ihn eine rote Digitalanzeige, lieblos von einem flimmernden Doppelpunkt getrennte Ziffern, ungerührt in Kenntnis. Baltasar drückt sich das daunengefüllte Kissen auf die linke Gesichtshälfte. Seine zugekniffenen Augen mustern Rabeas Silhouette. Unscheinbare Speichelfäden weben ein Muster über ihr Kissen. Die Gummibänder der Schlafmaske ziehen an Rabeas Ohren.
Unwirsch schlägt er die Decke zurück.
"Wie kannst du nur bei diesem Krach schlafen?" zischt er über die Schulter. Rabeas REM-Phase verweigert jede Reaktion.
Baltasar schüttelt das Pochen in seinem Kopf, erdrückt den Hass in sich für den Augenblick.
Auf der Suche nach seiner Anzughose stolpert er über sorglos abgestreifte Stiefel. Acht Zentimeter hohe Absätze, die ihn am Boden liegend verhöhnen. Der Presslufthammer unterbricht seine Arbeit bei sechs Uhr zweiundvierzig.
Eine Erinnerung durchzuckt das Pochen oberhalb der Augenbrauen. An staubfreie, wolkenlose Tage, an denen acht Zentimeter nichts und sicher nicht die Welt bedeuteten.
Er schubst einen der Stiefel unter das Bett. Sie wird mindestens eine halbe Stunde darauf verwenden, danach zu suchen.
Die kleinen Hässlichkeiten gehören in den Alltag. Lautlos unter Türschwellen hindurch gekrochen, haben sie sich ausgebreitet und täglich an Deutlichkeit gewonnen.
Baltasar streift den Gedanken an die morgendliche Boshaftigkeit mit den Boxershorts ab.
Wässrige Nadelköpfe treffen seine Schultern und den Rücken, der längst keine leidenschaftlichen Kratzspuren mehr trägt.
Über die gemeinsamen Jahre ist aus Gewohnheit Gewöhnlichkeit geworden. Rabeas verschlafene Ohren hören das Wasser in den Siphon rinnen. Auf die Ellenbogen gestützt taxiert sie die Tür und sucht in dem dahinter liegenden Flur nach einem Streitgrund. Sie ist nicht wählerisch; der kleinste Anlass wäre ihr genug.
Baltasar entzieht sich dem ritualisierten Tobsuchtsanfall. Er verlässt die Wohnung grußlos, bewegt sich mit ausfallenden Schritten auf den Baulärm zu. Der Presslufthammer nimmt seine Arbeit gewissenhaft bei acht Uhr siebzehn wieder auf.
Verlassen schüttelt Rabea das kurzgeschnittene Haar. In der gähnenden Stille der Räume setzt sich die Einsamkeit wütend neben sie. Mit den Jahren wurden sie zu untrennbaren Verbündeten. Um daran etwas zu ändern, hätte sie weit vor diesem Morgen aufwachen müssen. Rabeas Blick fällt auf das eingerahmte Bild einer Hochzeit, die sie nur vage als ihre eigene erinnert.
“Bist du noch da?“ ruft ihre raue Stimme in den Flur. Auf der anderen Seite der angelehnten Tür antwortet ihr Stille. Digitale Ziffern zeigen, von einem nervösen Doppelpunkt getrennt, acht Uhr neunundfünfzig an. Rabea verschließt ihre Ohren vor dem Baulärm. Ihr staubiges Herz trägt sie vor den Badezimmerspiegel. Einstudierte Bewegungen sichern ihr Überleben in der trostlosen Monotonie zwischen handgefertigter Lavendelseife und einer Küche im Landhausstil.
Rabea stürzt einen Kaffee, wenig Zucker, viel Milch, hinunter und verwendet einunddreißig Minuten drauf, ihren zweiten Stiefel zu suchen. Während Baltasar am anderen Ende der Stadt markige Werbesprüche zu einem Produkt von kapitaler Belanglosigkeit auf ein Storyboard fließen lässt. Er sieht auf den Stift in seiner Hand und stellt sich die drängende Frage, was geschehen könnte, würde er den Mut besitzen, zum Telefon zu greifen, sie anzurufen. Brächte ein einziger Anruf das Lot zurück und könnte er morgen oder am Tag danach, darauf verzichten, ihren Schuh unter das Bett zu schubsen. Die schreckhafte Sekunde vergeht. Der Stift ist nichts weiter als ein Stift und das nächste Telefon steht außerhalb des Raumes unerreichbar weit entfernt.
Die nächstgelegene Turmuhr weist auf die beginnende Mittagszeit hin. Aufgesetzten Prioritäten folgt Baltasar hinunter in den Park, ausfallenden Schritte führen ihn an dem kleinen Kiosk vorbei, hinter dessen Scheiben die stets gleiche Frau sitzt.
“Wie üblich?“ Uta greift hinter sich, zieht mit blinder Sicherheit ein Paket Tabak aus dem Regal, noch bevor Baltasar sich zu einem Nicken entschließt.
Uta sieht ihm nach, wie ihn seine ausfallenden Schritte zurück zu dem Bürogebäude tragen, das eine sich entwickelnde Stadt wenige Jahre zuvor aus dem Boden in die freiflächige Aussicht stampfte. Er erinnert sie.
Der Mittag lässt Uta Zeit.
Der junge Mann ist mit seinen Kaugummis und den bubenhaften Zügen längst außer Sichtweite geschritten. Uta will der Erinnerung nicht erlauben, sich auszubreiten. Sie rückt Zeitschriften gerade, zählt Sekunden. Ihre vorgeschobene Gelassenheit ist ein Täuschungsmanöver der Umwelt zu liebe. Ihre größte Schwäche, die sie aufrecht hält, die Rücksichtnahme. Die Erinnerung schert sich nicht um Rücksicht, übernimmt stattdessen Utas Bewusstsein. Aus dem schattigen Damals tritt die Begebenheit zurück auf die sommerliche Bühne des Heute.
Hector lehnt an einem Laternenmast, den linken Fuß vor den rechten gestellt. In ausgebeulten Manteltaschen graben seine Fäuste nach Wärme. Das Frühjahr hält sich für Herbst. Uta sieht ihn dort lehnen, den jungen Mann mit den bubenhaften Zügen. Die Szene mutet in ihrer tatsächlichen Unwirklichkeit schwarz-weiß an.
Ihre Schritte verlangsamen sich in der Betrachtung.
Hector sieht auf, als sie längst vor ihm steht.
Die Begrüßung passt sich den regenabweisenden Jacken vorbeihastender Passanten an.
„Komm.“ sagt Hector mühsam beherrscht und greift nicht nach ihrer Hand, wie in den verflogenen Monaten. Die Klarheit darüber, dass sie nicht erfahren will, sich nicht das Geringste verändern soll, erschlägt ihre Gegenwehr. Sie folgt.
Hectors Schritte lenken sie in eine mögliche Richtung. Trockene Worte stolpern in den zwischen ihnen gehaltenen Abstand.
„In einer anderen Zeit. Oder vielleicht nur unter anderen Umständen. Du weißt, ich bin ungeschickt mit Worten. Es war schön. Aber.“
Utas Hand will sich auf Hectors Arm legen. Ihr Verständnis möchte sie ausbreiten, ihn darin einhüllen, würde er dann nur aufhören zu sprechen. Ihr Wollen erstickt.
„Zu einer anderen Zeit. Du wärst die Liebe meines Lebens gewesen. Ich bin sicher. Es ist nur. Wie soll ich. Meine Einfälle werden dir nicht gerecht. Ich stehe am Spielfeldrand und sehe dir zu.“
Seine Schritte halten ein. Uta zieht das Cape, welches sie stets, zu jeder Jahreszeit und anstatt einer Jacke zu tragen pflegt, enger um den schmalen Körper. Ihre Hände wissen sonst nichts mit sich anzufangen.
„Es ist vorbei.“ murmelt Hectors trockene Stimme. Uta nickt und ist dankbar, als der junge Mann seine bubenhaften Züge abwendet.
Zwischen der Erinnerung und den überbelegten Regalen ist der Nachmittag leise fortgeschritten. Uta scheucht den Klang des Damals zurück in den Schatten, fährt mit einem Microfasertuch den Verkaufstresen entlang. Schrill macht sich die geöffnete Tür bemerkbar. Als Utas Schultern sichtbar zusammenzucken, lassen ihre Hände das Microfasertuch verschwinden.
Auf der anderen Seite der Stadt entscheidet Rabea sich für einen weinverhangenen Abend. Zu der Kühle des Sommers will Weißwein ebenso wenig passend erscheinen wie zu der Kälte der Küche im Landhausstil. Baltasar bevorzugt Weißwein. In seiner Abwesenheit stellt Rabea demonstrative Rotweingläser auf den Tisch vor der Balkontür. Für einen unscheinbaren Moment schleicht sich die Vermutung an sie heran, es könnte ein schöner Abend werden, würde sie Weißweingläser auf den Küchentisch stellen, dazu ein leichtes Essen. Die Vermutung verscheucht Rabea mit einem rauen Lachen, als sie die Straße betritt.
Das Kostüm der liebenden Ehefrau will ihr nicht stehen. Ungeduldig bahnen sich ihre Stiefel den Weg zwischen den heimkehrenden Büroangestellten hindurch. So sehr ist sie auf den eigenen Vorteil bedacht, dass ihr nicht einfällt, dem Kompromiss Platz zu schaffen. Der Abend klopft an die Pforten der Stadt. Wolkenbänder färben sich orange-rosa.
Hanno bemerkt die schnellen Schritte der blonden Frau zu spät. Schulter an Schulter stoßen sie auf dem belebten Bordstein zusammen. Rotwein kriecht in den Rinnstein. Die raue Stimme bricht fassungslos über Hanno herein.
„Hast du keine Augen im Kopf?“
Eisern halten Rabeas Hände an zwei unversehrten Weinflaschen fest. Die Wut über den zerflossenen Wein verzerrt ihre Gesichtszüge. Hanno sammelt neben dem Inhalt seiner Tasche seine Gedanken vom Boden auf.
„Es – entschuldigen - “
„Vergiss es!“ Rabea steigt fauchend über einen Taschenkalender hinweg.
Einen Augenblick sieht Hanno ihr nach, wehrt die helfende Hand eines Fremden dankend ab. Eilig setzt er seine Schritte fort. Ein unbemerkter Fleck spannt sich über die hemdsärmligen Karos.
Im Verborgenen ficht die Unsicherheit einen längst verlorenen Kampf. Eine Ahnung krallt sich in den Hemdkragen, nicht bereit ihren Griff zu lockern.
Wenige Wochen liegt der Tag zurück, an dem Hanno der verzweifelten Versuchung nachgibt. In einem vor unsichtbarem Schmutz starrenden Raum greift er nach der nächsten Hand. Einen letzten Versuch, sich aus dem eingemauerten Leben, das er sich unabsichtlich geschaffen hat, zu befreien, will er an diesem Tag unternehmen. Die Hand begegnet seiner Berührung freundlich, hält sich an ihm fest. Ein warmes Gefühl der Hoffnung durchflutet seinen kleinen Finger, breitet sich gänzlich über den Körper aus. Einige Stunden später, unter dem diffusen Licht einer Straßenlaterne, hält sich die Hand noch immer an Hanno fest. Er sieht in Augusts Gesicht und die Ahnung, die jetzt feste Krallen in seinen Hemdkragen schlägt, kriecht leise an seinem Bein empor. Die wenigen Wochen füllen sich mit sprachlosen Verabredungen. Auf ungezwungene Kinobesuche folgen Spaziergänge, die sich in Abende ausdehnen. Eine menschgewordene Phantasie, die Glück verheißt und Hoffnungen auslöscht.
August steht abweisend an verabredeter Stelle. Heute werden sich die Hände nicht halten. Der kalte Sommer legt unausweichliche Stille auf den vergehenden Tag. Hanno sucht nach einem Zeichen, das den Rest von Vertrauen rechtfertigt und findet nichts. Die Ahnung packt ihn fester. Ungleich setzen sie sich nebeneinander in Bewegung. Vor ihnen liegt die schweigende Wahrheit zwischen Kieselsteinen und Zigarettenkippen.
„Ich empfinde. Du bist widerlich.“ Die Tonlage duldet keinerlei Widerspruch und setzt den vergangenen Wochen ein unausgewogenes Ende. Die Gründe lässt August neben Hanno in der Dunkelheit stehen.
Schluss
Die Zeit verläuft sich, während die Erde sich behäbig dreht. Es ist der 22. Juni 1987. Der Tag, an dem Fred Astaire starb.
“Wenn alles jetzt ist, ist jetzt für immer."
Baltasar kehrt den Satz über den Küchentisch, lässt ihn wie einen Seitenwinder zwischen den schweren Rotweingläsern und über stagniertes Kerzenwachs zucken.
Der Abend verhält sich gewöhnlich, vor der geöffneten Balkontür ist kalter Sommer.
Das plötzliche Schweigen legt einen Teppich für die Erwartung auf eine kluge Antwort aus.
“Pseudo-intellektuelle Scheiße.”
Rabea lässt ihren Ausbruch auf den Tisch fallen. Messerscharf trennt er den Seitenwinder in unregelmäßige Teile.
“Wie sind wir so geworden?” Baltasar hebt das schwere Rotweinglas nicht ohne Bitterkeit.
Am selben Abend, auf der anderen Seite der Stadt schließt Uta, alle Sorgfalt vorausgesetzt, den kleinen Kiosk zu. Zweimal dreht sich der alte Bart des Schlüssels knirschend in das passende Schloss. Die Müdigkeit liegt wie eine Stola um Utas elegant geschwungenen Hals. Aus der Ferne, im diffusen Licht einer Straßenlaterne, muss es einem zufälligen Passanten erscheinen, als wollte Uta zu einem Opernbesuch aufbrechen. Das bodenlange Cape, welches sie statt eines Mantels und zu jeder Jahreszeit zu tragen pflegt, hebt sich in nüchternem Grau von schräg liegendem Kopfsteinpflaster ab. Einen verstreichenden Moment steht Uta vor der verschlossenen Tür. Die geraden Schultern trotzig gestrafft, wendet sie sich dann beinahe plötzlich, so dass der zufällige Passant auf der gegenüberliegenden Straßenseite unversehens zusammen zuckt, seitwärts. Die flachen Absätze ausgetretener Schuhe hinterlassen eine geräuschlose Spur unter dem Laternenlicht. Uta sehnt sich unbestimmt.
“Widerlich hat er mich genannt.” murmelt Hanno in die Leere eines kahlen Lofts. Außer dem Sieb, das eine kleinteilige Kräutermischung in kochendem Wasser gefangen hält, hört ihn niemand. Abwesend streicht Hanno die hemdsärmligen Karos glatt. Die Kräutermischung dampft.
“Widerlich.” Er will über das Gespräch mit August nicht nachdenken. Der Versuchsaufbau war von vorneherein fehlerhaft, will sich seine gekränkte Eitelkeit einreden. Ein strategisch geplanter Rückzug hatte vor ihm gelegen. Und war ihm doch verwehrt geblieben.
Ein wütender Sturm war über ihn herein gebrochen, vor nicht ganz einer Stunde, zwischen zwei Parkbänken und einem Abendspaziergang. Hanno gießt sich das von Kräutern durchzogene Wasser in eine mit Ankern bemalte Tasse. Der Henkel fehlt.
“August ist auch nur einer von vielen, die zu sehr auf ihr Äußeres achten.” sagt er sich.
Hauptteil
Das Leben vor dem Baulärm scheint Baltasar zu weit entfernt, als dass er sich erinnern könnte. Der Abriss sanierungsbedürftiger Altbauten findet nur eine Staubwolke entfernt statt. Sechs Uhr neunundzwanzig setzt ihn eine rote Digitalanzeige, lieblos von einem flimmernden Doppelpunkt getrennte Ziffern, ungerührt in Kenntnis. Baltasar drückt sich das daunengefüllte Kissen auf die linke Gesichtshälfte. Seine zugekniffenen Augen mustern Rabeas Silhouette. Unscheinbare Speichelfäden weben ein Muster über ihr Kissen. Die Gummibänder der Schlafmaske ziehen an Rabeas Ohren.
Unwirsch schlägt er die Decke zurück.
"Wie kannst du nur bei diesem Krach schlafen?" zischt er über die Schulter. Rabeas REM-Phase verweigert jede Reaktion.
Baltasar schüttelt das Pochen in seinem Kopf, erdrückt den Hass in sich für den Augenblick.
Auf der Suche nach seiner Anzughose stolpert er über sorglos abgestreifte Stiefel. Acht Zentimeter hohe Absätze, die ihn am Boden liegend verhöhnen. Der Presslufthammer unterbricht seine Arbeit bei sechs Uhr zweiundvierzig.
Eine Erinnerung durchzuckt das Pochen oberhalb der Augenbrauen. An staubfreie, wolkenlose Tage, an denen acht Zentimeter nichts und sicher nicht die Welt bedeuteten.
Er schubst einen der Stiefel unter das Bett. Sie wird mindestens eine halbe Stunde darauf verwenden, danach zu suchen.
Die kleinen Hässlichkeiten gehören in den Alltag. Lautlos unter Türschwellen hindurch gekrochen, haben sie sich ausgebreitet und täglich an Deutlichkeit gewonnen.
Baltasar streift den Gedanken an die morgendliche Boshaftigkeit mit den Boxershorts ab.
Wässrige Nadelköpfe treffen seine Schultern und den Rücken, der längst keine leidenschaftlichen Kratzspuren mehr trägt.
Über die gemeinsamen Jahre ist aus Gewohnheit Gewöhnlichkeit geworden. Rabeas verschlafene Ohren hören das Wasser in den Siphon rinnen. Auf die Ellenbogen gestützt taxiert sie die Tür und sucht in dem dahinter liegenden Flur nach einem Streitgrund. Sie ist nicht wählerisch; der kleinste Anlass wäre ihr genug.
Baltasar entzieht sich dem ritualisierten Tobsuchtsanfall. Er verlässt die Wohnung grußlos, bewegt sich mit ausfallenden Schritten auf den Baulärm zu. Der Presslufthammer nimmt seine Arbeit gewissenhaft bei acht Uhr siebzehn wieder auf.
Verlassen schüttelt Rabea das kurzgeschnittene Haar. In der gähnenden Stille der Räume setzt sich die Einsamkeit wütend neben sie. Mit den Jahren wurden sie zu untrennbaren Verbündeten. Um daran etwas zu ändern, hätte sie weit vor diesem Morgen aufwachen müssen. Rabeas Blick fällt auf das eingerahmte Bild einer Hochzeit, die sie nur vage als ihre eigene erinnert.
“Bist du noch da?“ ruft ihre raue Stimme in den Flur. Auf der anderen Seite der angelehnten Tür antwortet ihr Stille. Digitale Ziffern zeigen, von einem nervösen Doppelpunkt getrennt, acht Uhr neunundfünfzig an. Rabea verschließt ihre Ohren vor dem Baulärm. Ihr staubiges Herz trägt sie vor den Badezimmerspiegel. Einstudierte Bewegungen sichern ihr Überleben in der trostlosen Monotonie zwischen handgefertigter Lavendelseife und einer Küche im Landhausstil.
Rabea stürzt einen Kaffee, wenig Zucker, viel Milch, hinunter und verwendet einunddreißig Minuten drauf, ihren zweiten Stiefel zu suchen. Während Baltasar am anderen Ende der Stadt markige Werbesprüche zu einem Produkt von kapitaler Belanglosigkeit auf ein Storyboard fließen lässt. Er sieht auf den Stift in seiner Hand und stellt sich die drängende Frage, was geschehen könnte, würde er den Mut besitzen, zum Telefon zu greifen, sie anzurufen. Brächte ein einziger Anruf das Lot zurück und könnte er morgen oder am Tag danach, darauf verzichten, ihren Schuh unter das Bett zu schubsen. Die schreckhafte Sekunde vergeht. Der Stift ist nichts weiter als ein Stift und das nächste Telefon steht außerhalb des Raumes unerreichbar weit entfernt.
Die nächstgelegene Turmuhr weist auf die beginnende Mittagszeit hin. Aufgesetzten Prioritäten folgt Baltasar hinunter in den Park, ausfallenden Schritte führen ihn an dem kleinen Kiosk vorbei, hinter dessen Scheiben die stets gleiche Frau sitzt.
“Wie üblich?“ Uta greift hinter sich, zieht mit blinder Sicherheit ein Paket Tabak aus dem Regal, noch bevor Baltasar sich zu einem Nicken entschließt.
Uta sieht ihm nach, wie ihn seine ausfallenden Schritte zurück zu dem Bürogebäude tragen, das eine sich entwickelnde Stadt wenige Jahre zuvor aus dem Boden in die freiflächige Aussicht stampfte. Er erinnert sie.
Der Mittag lässt Uta Zeit.
Der junge Mann ist mit seinen Kaugummis und den bubenhaften Zügen längst außer Sichtweite geschritten. Uta will der Erinnerung nicht erlauben, sich auszubreiten. Sie rückt Zeitschriften gerade, zählt Sekunden. Ihre vorgeschobene Gelassenheit ist ein Täuschungsmanöver der Umwelt zu liebe. Ihre größte Schwäche, die sie aufrecht hält, die Rücksichtnahme. Die Erinnerung schert sich nicht um Rücksicht, übernimmt stattdessen Utas Bewusstsein. Aus dem schattigen Damals tritt die Begebenheit zurück auf die sommerliche Bühne des Heute.
Hector lehnt an einem Laternenmast, den linken Fuß vor den rechten gestellt. In ausgebeulten Manteltaschen graben seine Fäuste nach Wärme. Das Frühjahr hält sich für Herbst. Uta sieht ihn dort lehnen, den jungen Mann mit den bubenhaften Zügen. Die Szene mutet in ihrer tatsächlichen Unwirklichkeit schwarz-weiß an.
Ihre Schritte verlangsamen sich in der Betrachtung.
Hector sieht auf, als sie längst vor ihm steht.
Die Begrüßung passt sich den regenabweisenden Jacken vorbeihastender Passanten an.
„Komm.“ sagt Hector mühsam beherrscht und greift nicht nach ihrer Hand, wie in den verflogenen Monaten. Die Klarheit darüber, dass sie nicht erfahren will, sich nicht das Geringste verändern soll, erschlägt ihre Gegenwehr. Sie folgt.
Hectors Schritte lenken sie in eine mögliche Richtung. Trockene Worte stolpern in den zwischen ihnen gehaltenen Abstand.
„In einer anderen Zeit. Oder vielleicht nur unter anderen Umständen. Du weißt, ich bin ungeschickt mit Worten. Es war schön. Aber.“
Utas Hand will sich auf Hectors Arm legen. Ihr Verständnis möchte sie ausbreiten, ihn darin einhüllen, würde er dann nur aufhören zu sprechen. Ihr Wollen erstickt.
„Zu einer anderen Zeit. Du wärst die Liebe meines Lebens gewesen. Ich bin sicher. Es ist nur. Wie soll ich. Meine Einfälle werden dir nicht gerecht. Ich stehe am Spielfeldrand und sehe dir zu.“
Seine Schritte halten ein. Uta zieht das Cape, welches sie stets, zu jeder Jahreszeit und anstatt einer Jacke zu tragen pflegt, enger um den schmalen Körper. Ihre Hände wissen sonst nichts mit sich anzufangen.
„Es ist vorbei.“ murmelt Hectors trockene Stimme. Uta nickt und ist dankbar, als der junge Mann seine bubenhaften Züge abwendet.
Zwischen der Erinnerung und den überbelegten Regalen ist der Nachmittag leise fortgeschritten. Uta scheucht den Klang des Damals zurück in den Schatten, fährt mit einem Microfasertuch den Verkaufstresen entlang. Schrill macht sich die geöffnete Tür bemerkbar. Als Utas Schultern sichtbar zusammenzucken, lassen ihre Hände das Microfasertuch verschwinden.
Auf der anderen Seite der Stadt entscheidet Rabea sich für einen weinverhangenen Abend. Zu der Kühle des Sommers will Weißwein ebenso wenig passend erscheinen wie zu der Kälte der Küche im Landhausstil. Baltasar bevorzugt Weißwein. In seiner Abwesenheit stellt Rabea demonstrative Rotweingläser auf den Tisch vor der Balkontür. Für einen unscheinbaren Moment schleicht sich die Vermutung an sie heran, es könnte ein schöner Abend werden, würde sie Weißweingläser auf den Küchentisch stellen, dazu ein leichtes Essen. Die Vermutung verscheucht Rabea mit einem rauen Lachen, als sie die Straße betritt.
Das Kostüm der liebenden Ehefrau will ihr nicht stehen. Ungeduldig bahnen sich ihre Stiefel den Weg zwischen den heimkehrenden Büroangestellten hindurch. So sehr ist sie auf den eigenen Vorteil bedacht, dass ihr nicht einfällt, dem Kompromiss Platz zu schaffen. Der Abend klopft an die Pforten der Stadt. Wolkenbänder färben sich orange-rosa.
Hanno bemerkt die schnellen Schritte der blonden Frau zu spät. Schulter an Schulter stoßen sie auf dem belebten Bordstein zusammen. Rotwein kriecht in den Rinnstein. Die raue Stimme bricht fassungslos über Hanno herein.
„Hast du keine Augen im Kopf?“
Eisern halten Rabeas Hände an zwei unversehrten Weinflaschen fest. Die Wut über den zerflossenen Wein verzerrt ihre Gesichtszüge. Hanno sammelt neben dem Inhalt seiner Tasche seine Gedanken vom Boden auf.
„Es – entschuldigen - “
„Vergiss es!“ Rabea steigt fauchend über einen Taschenkalender hinweg.
Einen Augenblick sieht Hanno ihr nach, wehrt die helfende Hand eines Fremden dankend ab. Eilig setzt er seine Schritte fort. Ein unbemerkter Fleck spannt sich über die hemdsärmligen Karos.
Im Verborgenen ficht die Unsicherheit einen längst verlorenen Kampf. Eine Ahnung krallt sich in den Hemdkragen, nicht bereit ihren Griff zu lockern.
Wenige Wochen liegt der Tag zurück, an dem Hanno der verzweifelten Versuchung nachgibt. In einem vor unsichtbarem Schmutz starrenden Raum greift er nach der nächsten Hand. Einen letzten Versuch, sich aus dem eingemauerten Leben, das er sich unabsichtlich geschaffen hat, zu befreien, will er an diesem Tag unternehmen. Die Hand begegnet seiner Berührung freundlich, hält sich an ihm fest. Ein warmes Gefühl der Hoffnung durchflutet seinen kleinen Finger, breitet sich gänzlich über den Körper aus. Einige Stunden später, unter dem diffusen Licht einer Straßenlaterne, hält sich die Hand noch immer an Hanno fest. Er sieht in Augusts Gesicht und die Ahnung, die jetzt feste Krallen in seinen Hemdkragen schlägt, kriecht leise an seinem Bein empor. Die wenigen Wochen füllen sich mit sprachlosen Verabredungen. Auf ungezwungene Kinobesuche folgen Spaziergänge, die sich in Abende ausdehnen. Eine menschgewordene Phantasie, die Glück verheißt und Hoffnungen auslöscht.
August steht abweisend an verabredeter Stelle. Heute werden sich die Hände nicht halten. Der kalte Sommer legt unausweichliche Stille auf den vergehenden Tag. Hanno sucht nach einem Zeichen, das den Rest von Vertrauen rechtfertigt und findet nichts. Die Ahnung packt ihn fester. Ungleich setzen sie sich nebeneinander in Bewegung. Vor ihnen liegt die schweigende Wahrheit zwischen Kieselsteinen und Zigarettenkippen.
„Ich empfinde. Du bist widerlich.“ Die Tonlage duldet keinerlei Widerspruch und setzt den vergangenen Wochen ein unausgewogenes Ende. Die Gründe lässt August neben Hanno in der Dunkelheit stehen.
Schluss
Die Zeit verläuft sich, während die Erde sich behäbig dreht. Es ist der 22. Juni 1987. Der Tag, an dem Fred Astaire starb.
Davids Dachboden
Als ich das erste Mal neben deinem Bett stehe, kenne ich dich gemessen an einem Leben dreieinhalb Sekunden. Der Stapel Bücher auf der Heizung sticht mir die Augen aus.
Ich mag Menschen, die lesen. Denke ich. Und setze ein schiefes Lächeln auf.
Das mache ich immer so, wenn mir etwas gefällt. Ich habe das Lächeln studiert, könnte eine Akademie leiten.
Du liest gerne. Frage ich.
Dein Kopf schüttelt sich selbst.
In den Büchern liegen eingestaubte Lesezeichen. Das sehe ich jetzt. Wenigstens knickst du die Seiten nicht um.
Ich kaufe gern Bücher. Sagst du. Ein stiller Moment hängt zwischen Dielen und Decke. Du erklärst dich.
Im folgenden Jahr wirst du mir erzählen, dass du musstest, weil sich mein Lächeln gerade gerückt hat. Du mochtest es schief lieber.
Im Jetzt, als ich neben deinem Bett stehe, sagst du:
Buchhandlungen beruhigen mich. Nicht die großen, die zu einer Kette gehören. Die Kleinen, wo die Regale bis unter die Decke reichen. Einmal im Monat, durchschnittlich, suche ich nach einer kleinen Buchhandlung und verbringe den Tag dort. Am Ende des Tages kaufe ich ein Buch, manchmal zwei. Auf dem Weg nach Hause beginne ich zu lesen. Wenn die Geschichte mir gefällt, lege ich ein Lesezeichen hinein und das Buch auf den Stapel da drüben. Sobald das Jahr zu Ende ist, am 31. Dezember also, packe ich die Bücher in eine Kiste, schreibe die Jahreszahl darauf und bringe sie auf den Dachboden. Am 2. Januar kaufe ich neue Lesezeichen.
Meine Augen halten eng zusammen, als sie dich nach dem Warum fragen.
Ich ertrage das Ende einer Geschichte nicht. Sagst du.
In deiner Wohnung, das sehe ich am nächsten Morgen, stehen keine Regale. Im Flur hängt ein Schlüsselbord aus dem Baumarkt, an dem nur ein einziger Schlüssel baumelt. Dachboden steht über dem Haken.
Zeigst du ihn mir. Frage ich, als du Kaffee kochst.
Du sagst nicht Ja, nicht nein. Warum bist du geblieben. Fragst du stattdessen.
Darauf weiß ich nichts zu sagen als, weil ich es wollte.
Ich bin nicht daran gewöhnt, dass jemand bei mir bleibt und koche Kaffee stets nur für eine Person. Sagst du.
Dann nimmst du den Schlüssel vom Haken und winkst mir, dir zu folgen. Das Haus, indem du im zweiten Stock, Südseite, wohnst, ist alt. Die Treppenstufen erzählen knarrend Geschichten, als wir auf Zehenspitzen durch den Mietshausgeruch zum Dachboden schleichen und mit unseren Schritten Holzwürmer wecken.
Es ist Sonntag und es ist früh. Wir wollen die Nachbarn nicht stören und haben die Rücksichtnahme erfunden.
Auf der obersten Stufe drehst du dich zu mir um, als wolltest du dich vergewissern, dass meine Schritte Wirklichkeit und nicht das einsame Echo deiner eigenen waren. Du legst den Finger an die Lippen. Ich nicke und mache ein selbstverständliches Gesicht, obwohl ich dich laut küssen möchte.
Zwischen deinen Augenbrauen steht eine Falte, als du die Tür aufschließt, so als müsstest du dich überwinden.
Ich stehe zwischen zwanzig Kisten, 1989 lese ich auf derjenigen direkt zu meinen Füßen.
Das Jahr, in dem die Mauer fiel und mein Leben einstürzte. Sage ich zu den Wänden deines Dachbodens.
Du machst einen Schritt und die Kiste auf.
Welches Buch gleich oben auf lag, erinnere ich nicht mehr. Du nimmst meine Hand, als gäbe es nichts anderes zu tun, fest gehalten hast du mich. Du wüsstest, welches Buch uns an diesem Morgen aus 1989 angestarrt hat. Aber du bist nicht hier.
Stunden verbringen wir auf deinem Dachboden. Im Staub der Vormieter sitzen wir mit einer Gartenlaterne zwischen deinen Kisten. Ich lese dir vor. Solange bis die Wörter meine Stimme brechen und du schlafen kannst.
Wir leben Selbstverständlichkeiten in einem Rhythmus, den nur wir kennen. Die Zeit fließt, weil es das ist, wofür Zeit bestimmt ist.
Wann weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, es war ein Tag im Frühling, weil ich dein Niesen noch hören kann. Du hast Heuschnupfen und auf einer Wiese blüht ein Meer aus Löwenzahn. Wir bauen Regale in einer größeren Wohnung auf, jagen uns Holzsplitter in die linken Hände. Deine Bücher befreien wir aus ihren Kisten und kleben auf Folie gedruckte Jahreszahlen auf die Böden der Regale.
Die Gartenlaterne stellen wir auf den Balkon.
Ich lese dir vor, bis die Wörter in zur Hälfte gefüllten Weingläsern schwimmen und du schlafen kannst.
Der Dachboden bleibt staubig und unbesessen.
Die Küchenwand streichen wir eisblau und streiten über den Pinselstrich bis die Farbe trocknet.
An der Wand neben der Tür hängst du konserviert mit deinem Winterlächeln und erinnerst mich an Liebe.
Ich besuche dich nicht mehr oft.
Deine Bücher sind zurück in die Kisten verpackt. Unsere Freunde tragen sie schwitzend auf den Dachboden und mich fragen, ob ich sicher bin.
Ja. Lüge ich mit roten Wangen.
Die Regale baue ich ab und liege auf dem Küchenboden, während das eisblau schmilzt und du den Winter hinter Glas einfach davon lächelst.
Ich werfe Bücherweise Wörter nach dir und ertränke meine Stimme in Wein, lange bevor sie bricht. Erst mit schreiender Zurückhaltung, bald schon mit leiser Wut.
Dein Lächeln bleibt starr. Das Eisblau tropft und es wird Sommer.
Ich mag den Sommer nicht. Höre ich dich sagen. Er ist mir zu leicht.
Als ich dich finde, reitet die Hitze durch die Stadt.
2009 ist das Jahr, in dem ich einstürze und du das Ende der Geschichte nicht erträgst.
Ich mag Menschen, die lesen. Denke ich. Und setze ein schiefes Lächeln auf.
Das mache ich immer so, wenn mir etwas gefällt. Ich habe das Lächeln studiert, könnte eine Akademie leiten.
Du liest gerne. Frage ich.
Dein Kopf schüttelt sich selbst.
In den Büchern liegen eingestaubte Lesezeichen. Das sehe ich jetzt. Wenigstens knickst du die Seiten nicht um.
Ich kaufe gern Bücher. Sagst du. Ein stiller Moment hängt zwischen Dielen und Decke. Du erklärst dich.
Im folgenden Jahr wirst du mir erzählen, dass du musstest, weil sich mein Lächeln gerade gerückt hat. Du mochtest es schief lieber.
Im Jetzt, als ich neben deinem Bett stehe, sagst du:
Buchhandlungen beruhigen mich. Nicht die großen, die zu einer Kette gehören. Die Kleinen, wo die Regale bis unter die Decke reichen. Einmal im Monat, durchschnittlich, suche ich nach einer kleinen Buchhandlung und verbringe den Tag dort. Am Ende des Tages kaufe ich ein Buch, manchmal zwei. Auf dem Weg nach Hause beginne ich zu lesen. Wenn die Geschichte mir gefällt, lege ich ein Lesezeichen hinein und das Buch auf den Stapel da drüben. Sobald das Jahr zu Ende ist, am 31. Dezember also, packe ich die Bücher in eine Kiste, schreibe die Jahreszahl darauf und bringe sie auf den Dachboden. Am 2. Januar kaufe ich neue Lesezeichen.
Meine Augen halten eng zusammen, als sie dich nach dem Warum fragen.
Ich ertrage das Ende einer Geschichte nicht. Sagst du.
In deiner Wohnung, das sehe ich am nächsten Morgen, stehen keine Regale. Im Flur hängt ein Schlüsselbord aus dem Baumarkt, an dem nur ein einziger Schlüssel baumelt. Dachboden steht über dem Haken.
Zeigst du ihn mir. Frage ich, als du Kaffee kochst.
Du sagst nicht Ja, nicht nein. Warum bist du geblieben. Fragst du stattdessen.
Darauf weiß ich nichts zu sagen als, weil ich es wollte.
Ich bin nicht daran gewöhnt, dass jemand bei mir bleibt und koche Kaffee stets nur für eine Person. Sagst du.
Dann nimmst du den Schlüssel vom Haken und winkst mir, dir zu folgen. Das Haus, indem du im zweiten Stock, Südseite, wohnst, ist alt. Die Treppenstufen erzählen knarrend Geschichten, als wir auf Zehenspitzen durch den Mietshausgeruch zum Dachboden schleichen und mit unseren Schritten Holzwürmer wecken.
Es ist Sonntag und es ist früh. Wir wollen die Nachbarn nicht stören und haben die Rücksichtnahme erfunden.
Auf der obersten Stufe drehst du dich zu mir um, als wolltest du dich vergewissern, dass meine Schritte Wirklichkeit und nicht das einsame Echo deiner eigenen waren. Du legst den Finger an die Lippen. Ich nicke und mache ein selbstverständliches Gesicht, obwohl ich dich laut küssen möchte.
Zwischen deinen Augenbrauen steht eine Falte, als du die Tür aufschließt, so als müsstest du dich überwinden.
Ich stehe zwischen zwanzig Kisten, 1989 lese ich auf derjenigen direkt zu meinen Füßen.
Das Jahr, in dem die Mauer fiel und mein Leben einstürzte. Sage ich zu den Wänden deines Dachbodens.
Du machst einen Schritt und die Kiste auf.
Welches Buch gleich oben auf lag, erinnere ich nicht mehr. Du nimmst meine Hand, als gäbe es nichts anderes zu tun, fest gehalten hast du mich. Du wüsstest, welches Buch uns an diesem Morgen aus 1989 angestarrt hat. Aber du bist nicht hier.
Stunden verbringen wir auf deinem Dachboden. Im Staub der Vormieter sitzen wir mit einer Gartenlaterne zwischen deinen Kisten. Ich lese dir vor. Solange bis die Wörter meine Stimme brechen und du schlafen kannst.
Wir leben Selbstverständlichkeiten in einem Rhythmus, den nur wir kennen. Die Zeit fließt, weil es das ist, wofür Zeit bestimmt ist.
Wann weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, es war ein Tag im Frühling, weil ich dein Niesen noch hören kann. Du hast Heuschnupfen und auf einer Wiese blüht ein Meer aus Löwenzahn. Wir bauen Regale in einer größeren Wohnung auf, jagen uns Holzsplitter in die linken Hände. Deine Bücher befreien wir aus ihren Kisten und kleben auf Folie gedruckte Jahreszahlen auf die Böden der Regale.
Die Gartenlaterne stellen wir auf den Balkon.
Ich lese dir vor, bis die Wörter in zur Hälfte gefüllten Weingläsern schwimmen und du schlafen kannst.
Der Dachboden bleibt staubig und unbesessen.
Die Küchenwand streichen wir eisblau und streiten über den Pinselstrich bis die Farbe trocknet.
An der Wand neben der Tür hängst du konserviert mit deinem Winterlächeln und erinnerst mich an Liebe.
Ich besuche dich nicht mehr oft.
Deine Bücher sind zurück in die Kisten verpackt. Unsere Freunde tragen sie schwitzend auf den Dachboden und mich fragen, ob ich sicher bin.
Ja. Lüge ich mit roten Wangen.
Die Regale baue ich ab und liege auf dem Küchenboden, während das eisblau schmilzt und du den Winter hinter Glas einfach davon lächelst.
Ich werfe Bücherweise Wörter nach dir und ertränke meine Stimme in Wein, lange bevor sie bricht. Erst mit schreiender Zurückhaltung, bald schon mit leiser Wut.
Dein Lächeln bleibt starr. Das Eisblau tropft und es wird Sommer.
Ich mag den Sommer nicht. Höre ich dich sagen. Er ist mir zu leicht.
Als ich dich finde, reitet die Hitze durch die Stadt.
2009 ist das Jahr, in dem ich einstürze und du das Ende der Geschichte nicht erträgst.
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